— Entschuldigen Sie bitte, — begann einer der Beamten. — Aber diese Dame behauptet, dass Ihre Katze auf ihren Balkon gesprungen ist, sie angegriffen und anschließend ihr Kätzchen entführt hat…

Entschuldigen Sie, begann einer der Beamten, aber diese Dame behauptet, Ihre Katze sei auf ihren Balkon gesprungen, habe sie angegriffen und dann ihr Kätzchen gestohlen

Es gibt ja diese typischen Altbauten, die auf der Straßenecke stehen. Zwei Flügel treffen sich im rechten Winkel und bilden so das Eckhaus. Wenn auf den Innenseiten Balkone sind, liegen sie im Eck ganz dicht beieinander, manchmal gerade mal anderthalb Meter auseinander.

Aber nun zum Wesentlichen

Ein Mann und seine Frau, beide wohnhaft im fünften Stock eines solchen Gebäudes in München, kamen eines Abends gemeinsam von der Arbeit. Sie waren Kollegen in derselben Firma und fuhren immer zusammen im eigenen Wagen hin und zurück.

Beim Betreten des Hinterhofs sahen sie, wie ein Rudel Straßenhunde über einen Streuner herfiel einen Kater, den viele Nachbarn fütterten, sie eingeschlossen.

Der Mann scheuchte die Hunde davon, doch der Kater hatte Pech gehabt wenn auch glimpflich. Sie hoben das Tier auf und gingen zurück zum Auto.

In der Tierarztpraxis in Schwabing wurden die Wunden vernäht, mit Kochsalz und Vitaminen versorgt, ein Antibiotikum gespritzt. Der Arzt bat, sie mögen den armen Kerl die Woche über täglich zum Kontrolltermin und für Injektionen vorbeibringen.

So kam Franz in ihre Wohnung.

Warum Franz? Das fragen Sie sich vielleicht. Wegen seines raubeinigen Aussehens tauften sie ihn auf diesen kernigen Namen. Aber wie sich herausstellte

Der grimmig aussehende Franz gewöhnte sich schneller an Wärme und Fürsorge als erwartet. Nach zwei Tagen schnurrte er bereits vergnügt auf dem Sofa und rollte die Augen, wenn die Frau ihn kraulte.

Schau mal, was für ein Genießer, lachte sie und kraulte ihm den Bauch.

Franz verzog das Gesicht die Wunden schmerzten noch ein bisschen aber er schnurrte. Die Zuwendung tat ihm sichtlich wohl.

Bald war er genesen, sauber, wohlgenährt, das Fell glänzte wieder und er schlief zufrieden auf ihren Knien.

Sein früheres Leben Kälte, Hunger, Kämpfe, Angst trat langsam in den Hintergrund. Es fühlte sich an wie ein böser Traum.

Jetzt setzte er sich gerne auf den Balkon, beobachtete das Geschehen im Innenhof und genoss die frische Luft. Nach draußen zog es ihn nicht mehr er kannte den Preis der Freiheit nur zu gut.

Die anderen Balkone interessierten ihn kaum bis

Bis auf dem fast angrenzenden Balkon des Nachbaraufgangs plötzlich ein kleines, flauschiges, offensichtlich verwöhntes Kätzchen auftauchte.

Typisches Schoßkätzchen Keine Ahnung vom Leben, dachte Franz und fauchte verächtlich, den Schwanz erhoben, während er demonstrativ wegsah.

Am nächsten Tag vernahm Franz ein seltsames Geräusch. Er horchte auf es kam vom Luxusbalcony.

Er tappte näher.

Das Kätzchen kauerte in einer Ecke und wimmerte leise.

Hey, du! rief Franz. Was heulst’n so? Falsches Futter gekriegt, oder was?

Das Kleine zuckte zusammen, kroch noch weiter zurück, schwieg und blickte mit großen, ängstlichen Augen zu dem massigen, furchteinflößenden Kater hinüber.

Warum heulst du? fragte Franz noch einmal.

Da flüsterte das Kätzchen, immer noch in seiner Ecke:

Sie hat mit dem Pantoffel nach mir geschlagen Und das tut richtig weh, weißt du?

Franz hatte noch nie so etwas erlebt. Seitdem er hier wohnte, wurde er geliebt, verhätschelt, alles wurde ihm verziehen. Schmerzen kannte eraber keine Schläge mit dem Hausschuh.

Mit dem Pantoffel? wiederholte er ungläubig. Wieso das denn?

Ich hab morgens zu miauen angefangen. Hatte Hunger

Und weiter? fragte Franz erstaunt.

Da hat sie geschrien und mich dafür geschlagen.

Franz schwieg. Das kleine graue Bündel zitterte und traute sich nicht, noch einen Laut von sich zu geben.

Plötzlich dachte er an seine eigene Straßenzeit zurück Kälte, Hunger, allgegenwärtige Angst.

Schlägt sie dich oft? fragte Franz leise.

Fast immer wimmerte das Kätzchen. Bei jedem Lärm, jedem kleinen Streich. Sie liebt mich nicht

Dafür telefoniert sie ständig mit ihren Freundinnen und prahlt, wie viel Geld sie für mich ausgegeben hat. Aber ich weiß gar nicht, was teuer bedeutet

Franz wusste es. Seine Besitzerin sagte oft:

Du bist mein Teurer.

Aber hier klang dieses Wort ganz anders.

Er runzelte die Stirn. Das war eine seltsame Situation. Das Kätzchen tat ihm leid. Früher, draußen, hätte er gewusst, was zu tun ist. Aber jetzt?

Jetzt war er ein geliebter Hauskater. Was macht man in so einem Fall?

Das Kätzchen wurde wieder in die Wohnung gerufen. Es zog Ohren und Schwanz ein, eine kleine Pfütze bildete sich vor Angst unter seinen Pfoten. Dann flitzte es durch die offene Tür.

Franz starrte auf den nassen Fleck. Er erinnerte sich, wie er selbst als Winzling aus Furcht vor einem riesigen Hund einmal das Gleiche getan hatte

Seitdem verbrachte er fast jede freie Minute auf dem Balkon. Sein neuer Freund hatte einen schicken Namen bekommen: Euro.

Franz fand, Winzling hätte besser gepasst.

Winzling gewöhnte sich an ihn und lief nun oft zum Balkon, um zu klagen:

Sie hat heute wieder gesagt, schniefte er, wenn ich nicht aufhöre, Krach zu machen, wirft sie mich vom Balkon. Sie hat keine Lust mehr, hinter mir her zu putzen

Bei Franz stellten sich die Haare auf, und die Zähne schoben sich unwillkürlich hervor.

Oft hörte er die lauten Schimpftiraden der Nachbarin und manchmal

Manchmal zuckte Franz zusammen, wenn der Pantoffel auf den kleinen Körper knallte.

Längst hatte er eine Entscheidung getroffen. Doch Angst hielt ihn zurück.

Die werfen mich raus, dachte er. Für so etwas landet man wieder auf der Straße.

Zurück zu Kälte, Hunger, Einsamkeit mochte er nicht. Er wollte seine Retter nicht verlieren.

Aber der Gedanke, das Kätzchen könnte getötet werden, ließ ihn nicht los.

Dann, ein paar Tage später, passierte alles auf einmal.

Franz saß auf seinem Balkon und hörte, wie die Nachbarin in der anderen Wohnung wieder zu schimpfen begann. Im Spiegel der Balkontür konnte er das Geschehen sehen.

Die Frau beugte sich hinunter, griff nach ihrem Pantoffel, hielt auf das duckende Kätzchen zu und brüllte:

Ich mach dich fertig, du Biest!

Er weiß selbst nicht, wie er auf dem Nachbarbalkon landete. Er sprang einfach über die anderthalb Meter.

Die Frau konnte den Pantoffel nicht mehr werfen. Direkt vor ihr stand auf dem Bett

Nein. Es stand nicht einfach dort.

Eine Kreatur, wie aus einem Albtraum.

Ein riesiger Kater mit breitem Kopf, fauchend, sabbernd, heulend. In ihren Augen spuckte er Feuer, aus seinen Augen sprühten Funken.

So stellte sie es sich vor.

Sie schrie auf, ließ den Pantoffel fallen und ihre Schlafanzughose wurde plötzlich warm

Sie glaubte, den Teufel selbst gesehen zu haben.

Der Teufel hob seine Pranke, Krallen ausgefahren. Sie kreischte, schützte das Gesicht und kippte ohnmächtig um.

Zehn Minuten später klingelte es bei Franz’ Familie. Vor der Tür stand die zerzauste Nachbarin mit wahnsinnigem Blick.

Ihre Katze hat mich angegriffen!!! schrie sie. Sie hat mich zerkratzt und mein teures Kätzchen gestohlen! Ich rufe die Polizei!

Gnädige Frau, entgegnete die Besitzerin ruhig, unsere Katze ist immer zu Hause. Sie verlässt nie die Wohnung. Und von Ihrem Kätzchen fehlt bei uns jede Spur.

Das Gesicht der Nachbarin verzog sich, sie wollte noch etwas sagen, aber es kam nur ein böser Faucher. Dann drehte sie sich um und knallte ihre eigene Tür zu.

Zehn Minuten später erschien die Polizei. Die Nachbarin folgte ihnen, lallte wirres Zeug.

Verzeihen Sie, sprach einer der Beamten, diese Frau behauptet, Ihre Katze sei auf ihren Balkon gesprungen, habe sie angegriffen und ihr Kätzchen entführt

Wie bitte? riefen Mann und Frau unisono.

Die aufrichtige Verblüffung stand ihnen ins Gesicht geschrieben.

Bitte, meine Herren, treten Sie doch ein, sagte der Mann höflich. Überzeugen Sie sich: unsere Katze liegt auf dem Sofa und schläft. Ein Kätzchen gibt es bei uns nicht.

Die Polizisten und die Beteiligten gingen in die Wohnung. Da lag Franz tatsächlich, ausgestreckt und im Tiefschlaf.

Das ist er! Der war’s! kreischte die Nachbarin. Er hat mich angegriffen und meinen Euro gestohlen!

Entschuldigung, was genau hat er gestohlen? fragten die Polizisten irritiert. Ihre Katze hat Ihre Euros geklaut?

Sind Sie denn verrückt?! herrschte sie die Beamten an. Mein Kater heißt Euro!

Die Polizisten blickten sich an, gingen zum Balkon.

Fast zwei Meter, bemerkte einer.

Und Sie wollen sagen, die Katze ist mit einem Kätzchen im Maul über diese Distanz gesprungen? hakte ein anderer nach.

Glauben Sie mir etwa nicht?! schrie die Frau. Sie stürmte herum, rief immer wieder: Euro! Euro! Euro!

Sie riss Schränke auf, zog Schubladen heraus, warf Wäsche vom Bett und fegte den Schrankinhalt auf den Boden.

Schließlich mussten die Polizisten sie festsetzen.

Gnädige Frau, sagte einer streng, Sie richten hier Verwüstung an. Die Eheleute könnten Anzeige gegen Sie erstatten.

Was?! Ich? Nachdem ihre Katze mich attackierte und meinen Kater gestohlen hat?!

Im Übrigen, meinte der andere, könnten Sie zeigen, wo genau die Katze Sie gekratzt oder gebissen hat?

Die Nachbarin stammelte, wurde immer wütender und schrie schließlich:

Ich kriege euch noch, euch alle!

Entschuldigung, sagte die Hausherrin höflich, aber Sie riechen sehr stark nach Urin Würden Sie wohl von meinem Stuhl aufstehen?

Die Augen der Nachbarin wurden groß, sie errötete, dann wurde sie grün und schließlich kalkweiß.

Sie rannte raus aus der Wohnung und schlug die Tür zu.

Möchten Sie Anzeige erstatten? fragte einer der Polizisten.

Nein, sagten die Eheleute wie aus einem Mund.

Es scheint, sie steht nicht ganz bei sich, meinte die Frau milde.

Entschuldigen Sie die Störung, nickten die Männer und gingen.

Der Mann und seine Frau blickten zu Franz, der mittlerweile wach und wieder auf dem Sofa saß.

Na, was nun? sagte der Mann.

Ja, was jetzt? wiederholte die Frau.

Franz blickte sie schuldbewusst an, sprang vom Sofa, ging zielstrebig zum Schrank, hakte mit der Kralle die Tür auf, sprang aufs Regalbrett und zog vorsichtig unter den Handtüchern hervor das Kätzchen.

Ach du meine Güte hauchten beide gleichzeitig.

Sie ließen sich aufs Sofa sinken.

Franz legte stolz das zitternde graue Bündel zu ihren Füßen.

Und was jetzt? fragte die Frau und nahm das Kleine auf den Schoß.

Winzling verkroch sich noch fester.

Keine Angst, sprach der Mann warm.

Wir tun unseren Katzen nichts, sagte die Frau und streichelte sanft das kleine Rückchen. Und du, mein Lieber bist jetzt aber erst mal bestraft, wandte sie sich an Franz. So darfst du das nicht machen. Das geht einfach nicht. Es hätte auch anders gehen können

Wie denn anders? fragte der Mann verblüfft. Er hat das Kätzchen doch aus den Klauen einer Hexe befreit. Da verdient er eine Belohnung.

Und außerdem haben wir doch gar kein Kätzchen, hast du selbst die Polizei gehört.

Typisch, seufzte die Frau und wandte sich an Winzling. Typische Männer-Solidarität. Vielleicht willst du ihm auch noch ein Leckerli geben?

Unbedingt! Belohnen! lachte der Mann. Komm, Franz, es gibt Hühnchen.

Du bist mir einer schüttelte die Frau den Kopf, als hoffe sie, Winzling unterstütze sie.

Doch das Kätzchen schmiegte sich zaghaft an ihre Hand.

Die Frau lächelte und sagte versöhnlich:

Na gut dieses Mal verzeihe ich dir.

Der Mann und Franz gingen in die Küche, und Winzling blieb auf ihrem Schoß und fing leise an zu schnurren. Nun wusste er, wie schön es ist, gestreichelt zu werden.

Und er dachte lange über das Wort teuer nach.

Denn irgendwie klang es bei dieser gütigen Frau ganz, ganz andersEine ganze Weile lag Winzling still auf dem Schoß der Frau und sog die neuartige Zärtlichkeit auf. Dann, vorsichtig und kaum hörbar, begann er zu schnurren leise zuerst, doch mit jedem sanften Streicheln mutiger, bis das kleine Motorengeräusch schließlich selbst Franz aus der Küche herüberlockte.

Franz blieb in der Tür stehen, schüttelte aufsässig den Kopf und blinzelte zufrieden. Der Mann lachte, hielt zwei Schälchen hin: Eines für Franz, eines für den Neuzugang.

“Willkommen daheim, Kleiner,” sagte er leise.

Die Frau lächelte und tätschelte Franz Wange: “Und du bist unser Retter. Wer hätte das gedacht?”

Die Katzen genossen ihr Festmahl, und als es draußen dunkel wurde, kroch Winzling vorsichtig zu Franz auf das Sofa und rollte sich eng an ihn. Für einen Augenblick zuckte Franz erschrocken zurück doch dann ließ er es zu, legte sogar eine beschützende Pranke um das kleine, zitternde Bündel.

Der Mann und die Frau schauten sich an, ein stilles Einverständnis und Glück in ihren Blicken. Zwei Katzen lagen nun auf ihrem Sofa, zwei Herzen schlugen ruhig und zufrieden.

Und in einer Stadt, in einem alten Eckhaus, begann ein neues Kapitel: Mit Mut, Vertrauen und einer Prise Glück, die zwar keine Probleme löste, aber das Wichtigste schenkte, was zwei Katzen je bekommen konnten: Ein echtes Zuhause.

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Homy
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— Entschuldigen Sie bitte, — begann einer der Beamten. — Aber diese Dame behauptet, dass Ihre Katze auf ihren Balkon gesprungen ist, sie angegriffen und anschließend ihr Kätzchen entführt hat…
Sie wollten den Namen des kleinen Mädchens bereits auf die Liste der Vermissten setzen. Doch ein alter Schäferhund humpelte aufs Eis und belehrte alle Experten eines Besseren.