Unerwartete Begegnung
Was ist denn das? murmelte ich stirnrunzelnd und beugte mich nach vorne.
Im nächsten Moment sprang ich regelrecht aus meinem Sitz, starrte konzentriert durch die Frontscheibe.
Nein, ich hatte mich nicht getäuscht.
Im Scheinwerferlicht konnte ich tatsächlich eine Gestalt erkennen, die sich etwa dreihundert Meter vor der fahrenden Lokomotive mitten auf den Gleisen befand.
Der Regionalzug näherte sich gerade einer Zwischenstation, ich hatte das Tempo schon auf vierzig Kilometer pro Stunde verringert, aber wenn ich nicht rechtzeitig bremste, konnte das böse ausgehen. Und das wollte ich vermeiden.
Nur, bevor ich auf die Bremse haue, sollte ich wissen, wer oder was sich da auf den Gleisen herumtreibt.
Eine Notbremsung ist kein Spaß. Wenn ich jedes Mal, wenn mir etwas komisch vorkommt, den Zug zum Halten bringe
…wird das ganz bestimmt Konsequenzen haben.
Darauf wurde ich schon von meinem Chef wie auch vom Sicherheitsbeauftragten hingewiesen.
Eine Sache ist es, wenn ein Mensch auf den Gleisen steht da gibt’s keine Diskussion, aber ein Tier? Normalerweise reicht dann ein Hupen, und die Viecher hauen ab.
Kurz gesagt, man braucht einen triftigen Grund für eine Notbremsung.
Sonst wird es sehr unangenehm, das ist so sicher wie das Amen in der Kirche.
Wenn ich Glück habe, komme ich mit einer mündlichen Verwarnung davon, aber vielleicht gibt’s auch einen Verweis oder die Prämie wird gestrichen. Angenehm ist das jedenfalls nicht.
Deshalb versuchte ich die Situation so klar wie möglich einzuschätzen, überlegte fieberhaft, wie viel Zeit mir blieb und ob ich vielleicht doch hätte bremsen müssen.
Sieht nicht nach Mensch aus, murmelte Sven, mein Lokomotivführerhelfer, der ebenfalls am Fenster klebte, bemüht, das Objekt auf den Schienen zu erkennen.
Die Entfernung war noch recht groß und wir konnten beide nicht ausmachen, wer da direkt vor uns auf den Gleisen stand.
Und dann, plötzlich:
Das ist doch ein Hund! rief ich überrascht. Ja, sicher, ein Hund! Was macht der mitten auf den Schienen? Gibt es keinen besseren Platz?
Ich gab sofort Signal.
In der Stille der Nacht, nur unterbrochen vom Klackern der Räder, schallte das tiefe, laute Horn durch die Dunkelheit.
Einmal, zweimal, dreimal
Je länger ich hupte, desto angespannter wurde ich.
Normalerweise verschwinden Hunde oder auch Wildtiere sofort nach ein paar Hupsignalen. Ihr Überlebenstrieb ist meistens stärker als bei Menschen niemand will freiwillig unter die Räder geraten.
Aber dieses Mal lief etwas anders.
Der Hund auf den Gleisen reagierte überhaupt nicht auf das langgezogene Hupen.
Er machte keine Anstalten wegzugehen.
Er stand einfach wie angewurzelt vor dem heranrollenden Zug und fixierte mich aus der Dunkelheit heraus ich konnte zwar nur zwei leuchtende Punkte sehen, aber mir war klar: Der Hund rührte sich nicht weg.
Verdammt nochmal schimpfte ich ungewöhnlich laut sonst verliere ich nur selten die Kontrolle.
Was machen wir jetzt? fragte Sven. Am besten wäre es, nicht zu bremsen. Wir sind schon spät dran.
Ich weiß!
Die nächste Verspätung, da wird keiner glücklich sein Wollen Sie’s noch mal mit Hupen probieren?
Wir waren wirklich spät dran wegen einer ärgerlichen technischen Störung unterwegs. Und jetzt auch noch der Hund
Woher kommt der bloß?, fragte ich mich.
Während mein Zug immer näher kam, entschloss ich mich:
Wollen Sie wirklich anhalten? fragte Sven entsetzt. Aber
Was schlägst du vor? knurrte ich zurück. Einfach wegsehen und hoffen, dass nichts passiert? Das ist doch nicht richtig.
Aber Sie wissen schon, dass wir Ärger kriegen können? Und wenn ein Passagier aus dem Bett fällt? Die schlafen jetzt ja alle.
Mach dir keinen Kopf, ich mache das vorsichtig.
Ich atmete tief durch, bekreuzigte mich das tue ich nur, wenns eng wird und begann die Notbremsung.
War ich mir sicher, das Richtige zu tun?
Wahrscheinlich ja. Ich hatte lange Jahre Güterzüge gefahren, bevor ich zu den Personenzügen kam. In meiner Laufbahn hatte ich immer wieder blitzschnell Entscheidungen fällen müssen und in brenzligen Situationen gehandelt.
Auch wenn Güterzüge noch einen viel längeren Bremsweg haben ich habe immer einen kühlen Kopf behalten.
Das kann mir keiner vorwerfen, wie man so schön sagt.
Ich bin nicht umsonst Ehrenlokführer geworden.
Für schöne Augen gibt es diese Auszeichnung jedenfalls nicht sondern für Erfahrung und Konsequenz.
Mit Nervenflattern (meine Hände zitterten, der Schweiß stand auf der Stirn) blieb ich ruhig und tat, was jetzt zu tun war.
Durch die geringe Geschwindigkeit bestand für die Reisenden keine Gefahr.
Schließlich kam der Zug mit quietschenden Bremsen zum Stehen.
Und zwar nur einen Meter vor dem Hund auf den Gleisen.
Wäre ich ein paar Sekunden zu spät gewesen oder hätte ich den Hund nicht gesehen es wäre eine Katastrophe geworden.
So aber ist, Gott sei Dank, nichts passiert. Den Menschen geht es gut, dem Hund auch hoffe ich zumindest.
Alles okay? fragte Sven unsicher und drückte sich die Nase an der Scheibe platt.
Der Hund war direkt vor der Lok, wir konnten ihn jetzt natürlich nicht sehen.
Lass uns nachschauen.
Keine Minute später standen wir am Gleis und blickten uns um.
Sven sah etwas hilflos aus, ich war nachdenklicher. Kein Hund weit und breit.
Wäre ich allein gewesen, hätte ich geglaubt, ich habe mir nur eingebildet, dass da ein Hund war.
Aber Sven hatte ihn genauso gesehen.
Zwei Leute können sich nicht gleichzeitig irren, oder?
Ich kapiere es nicht murmelte ich. Wo ist der Hund hin?
Vielleicht ist er in den Wald gelaufen, schlug Sven vor und zeigte auf die Bäume. Hat sich erschreckt.
Kaum. Der hatte den Zug direkt vor sich und ist stehen geblieben. Und jetzt läuft er weg, kaum dass wir anhalten? Komisch.
Ja, seltsam, stimmte Sven zu.
Wir standen noch ein paar Minuten unsicher neben der Lok, dachten beide an den Hund irgendwie wollten wir wissen, ob alles gut war.
Da rief Sven auf einmal:
Da, schau! Dort vorne!
Wir blickten beide nach vorne.
Tatsächlich: Ein Hund humpelte, deutlich sichtbar, aber abseits der Schienen am Gleisrand entlang.
Das Hinken konnte jedenfalls nicht vom Zug stammen. Der hatte wohl schon früher mal eine Verletzung abbekommen.
Wir atmeten beide erleichtert durch.
Und in diesem Moment dachten wir beide: Das war nicht umsonst. Jedes Leben egal ob Mensch, Hund oder Katze verdient es, gerettet zu werden.
Genau das hatten Sven und ich getan.
Als der Hund um die Biegung verschwand, hinter der der Bahnhof lag, schauten wir uns an, lächelten uns an und stiegen zurück in den Führerstand.
Wie vorgeschrieben, meldete ich den Vorfall der Leitstelle.
Moment! rief Frau Krüger ins Funkgerät, unsere Disponentin in dieser Nachtschicht. Sie haben wegen eines Hundes gestoppt? Habe ich das richtig verstanden? Hätten Sie sie nicht einfach verscheuchen können?
Genau, Frau Krüger, antwortete ich bestimmt. Der Hund hat auf keine meiner Hupsignale reagiert, wich nicht von den Gleisen. Ich fand es richtig anzuhalten. Ich möchte betonen: Kein Passagier wurde verletzt, und auch der Hund ist wohlauf. Er ist wohl in Richtung Bahnhof weitergelaufen.
Eine ehrenhafte Tat, keine Frage. Trotzdem… Ich muss das an Herrn Schäfer weiterleiten. Und ich fürchte, dem wird das nicht gefallen.
Versteh ich schon
Sie werden zum Gespräch gebeten, das steht fest. Besonders Sie, Herr Baumann Sie haben die Entscheidung getroffen zu stoppen, obwohl Sie schon fast zwei Stunden hinterm Fahrplan waren.
Ist mir klar, wiederholte ich ruhig. Aber ich stehe zu meiner Entscheidung. Und, wie gesagt: Es gab keine Verletzten. Die Zugbegleiter sind mehrfach durch die Wagen gegangen. Insgesamt hat die unvorhergesehene Pause nur zehn Minuten gedauert.
In Ordnung, fahren Sie weiter. Hoffentlich bleibt der Rest der Nacht ruhig. Heute reichts an Aufregung.
Und wirklich, die Fahrt verlief danach ruhig, auch wenn sich so mancher Passagier laut über die Verspätung beklagte.
Zwei besonders energische Damen mit riesigen Einkaufstaschen wollten sogar zum Lokführer, um mich zu fragen, wo ich meinen Lokführerschein gekauft hätte erst eine Panne mitten auf der Strecke, dann stoppe ich mitten in der Nacht für einen Hund, den angeblich niemand sonst gesehen hat.
Aber wie das Leben eben ist: Es gibt immer Unzufriedene.
Das Wichtigste aber war: Alles kam, wenn auch mit erheblicher Verspätung, heil am Zielbahnhof an.
Am nächsten Tag, kaum war ich wieder im Depot, wurde ich sofort zu Herrn Schäfer zitiert.
Wie soll ich das bitte verstehen, Klaus? begann er streng.
Was genau meinen Sie, Herr Schäfer? fragte ich sachlich zurück.
Warum um alles in der Welt haben Sie mitten in der Nacht eine Notbremsung hingelegt? Was war los? Wissen Sie, dass sich Passagiere über sie beschwert haben? Manch einer ist fast aus dem Bett gefallen!
Die Zugbegleiter haben alle Wagen kontrolliert, niemand wurde verletzt.
Keine Verletzten Aber dass Menschen zu spät kamen, das stört Sie nicht? Und nicht nur Ihre Fahrgäste, auch andere Züge mussten warten!
Und was kann ich dafür? Erst eine Panne, dann der Hund auf den Schienen. Ich habe nach Vorschrift gehandelt, und auch auf mein Herz gehört.
Über die Panne sage ich nichts. Aber ein Hund? Das ist kein Reh, kein Hirsch. Wegen eines Hundes muss man nicht bremsen! Wer leben will, läuft weg.
Da bin ich anderer Meinung! Ein Lebewesen ist ein Lebewesen. Und ein Hund ist ein Freund des Menschen manchmal menschlicher als so mancher Mensch, gab ich zurück.
Was soll das heißen?
Nichts, reiner Zufall.
Und Sie sind sicher, dass da überhaupt ein Hund war? Kein Fahrgast hat einen gesehen. Nicht dass Sie sich etwas eingebildet haben?
Wie denn? Der Hund war vorne auf den Schienen, nicht vor den Fenstern der Passagiere. Außerdem ist alles auf der Videokamera aufgezeichnet. Sie können es sehen, wenn Sie möchten.
Ich habe kein Bedürfnis dazu. Und ich würde an Ihrer Stelle jetzt nicht so leichtfertig sprechen, knurrte Schäfer. Sie und ihr Gehilfe schreiben mir einen Bericht. Dann entscheide ich, was passiert. Auf Ihre bisherigen Verdienste werde ich dann wenig Rücksicht nehmen. Sie könnten schneller in Rente sein, als Ihnen lieb ist.
Ich schrieb also meinen Bericht, fuhr anschließend nach Hause in eine kleine Mietwohnung.
Ein eigenes Zuhause in der Stadt hatte ich nicht.
Geduld war gefragt.
Dafür besitze ich ein Elternhaus auf dem Land, das ich liebevoll pflege.
Ganz aufgeben will ich das jedenfalls nicht.
Dorthin wollte ich eines Tages ziehen, wenn ich in Rente gehe.
Aber noch war es nicht so weit. Ich wusste: Auf dem Dorf wäre ich allein, und irgendwann würde ich mich zu Tode langweilen.
Eine Frau hatte ich nicht, Kinder auch nicht.
Ich habe meine Arbeit so sehr geliebt, dass
…Beziehungen zu Frauen für mich nie einen hohen Stellenwert hatten.
Irgendwann war es dann zu spät. Der sprichwörtliche Zug war abgefahren.
Von meinen Verwandten war niemand mehr da.
So würde ich in der ländlichen Einsamkeit und ohne meinen Job sicher schnell verkümmern.
Ich war ja noch keine sechzig. Zu früh, um mich aufs Abstellgleis zu schieben.
*****
Nach einem Tag Pause stand ich frisch gestärkt wieder am Führerstand.
An derselben Station, an der ich damals für den Hund gebremst hatte, saß ich mit einer Tasse Kaffee am Pult und entdeckte plötzlich eine Deutsche Schäferhündin mit traurigem Blick am Bahnsteig.
Sie wartete auf niemanden, verabschiedete niemanden.
Sie lag einfach nur da und starrte vor sich hin.
Die Menschen, die vorbeiliefen, schauten misstrauisch, gingen ihr aus dem Weg.
Wer weiß, was so ein Tier im Kopf hat.
Moment mal murmelte ich. Ist das etwa genau die Hündin, für die ich den Ärger kassiert habe?
Was? Wo? Sven wurde aufmerksam.
Da drüben am Bahnsteig.
Ja, jetzt seh ich sie auch. Sieht genauso aus. Und wenn sie hinkt
Da schüttelte sich die Schäferhündin, befreite ihr Fell vom Schnee, humpelte in eine andere Richtung.
Kein Zweifel mehr! grinste Sven. Sie hats also bis hier geschafft und bleibt jetzt am Bahnhof. Gut so, auf den Schienen hat sie nichts verloren. Viel zu gefährlich.
Hast du noch ein paar Brote übrig?
Ja, wieso?
Gib her.
Sven reichte mir seinen Pausenbeutel, ich warf einen Blick auf die Uhr und lief schnell aus der Lok.
Wegen dieses Hundes kommen wir am Ende noch einmal zu spät, dachte Sven und schaute ein wenig resigniert.
Nur noch ein paar Minuten bis zur Abfahrt.
Als ich bei der Hündin ankam, die bei meiner Annäherung nicht mal das Ohr zuckte, stand ich einen Moment ruhig da und fragte schließlich:
Na, meine Gute, hast du tatsächlich keine Angst vor Zügen?
Sie zuckte, schaute mich verwirrt an, dann wedelte ihr Schwänzchen ganz sacht.
Du erkennst mich also! Dann stellen wir uns mal vor. Ich heiße Klaus Baumann. Und du? Heidi? Oder doch Frieda?
Wuff! bellte die Hündin heiser.
Sie freute sich so sehr über die Begegnung, dass sie sich vom kalten Beton erhob.
Ich glaube, Frieda passt besser zu dir. Hier, iss ein bisschen, ich legte ihr zwei Brote hin. Aber bitte, Frieda, bleib in Zukunft von den Schienen weg, ja? Ich kann nicht immer alles riskieren. Was machst du überhaupt hier? Wo ist dein Mensch? Du hast doch bestimmt einen!
Beim Stichwort Mensch senkte Frieda die Augen ich hätte schwören können, sie seufzte.
Ich will dir nicht zu nahe treten. Aber ich muss los. Pass auf dich auf, Frieda. Es gibt nur ein Leben.
Ich strich ihr über den Kopf und rannte zurück zur Lok, wo Sven schon winkte.
Und die nächsten zwei Wochen, jedes Mal wenn ich an der Station hielt, hatte ich Brote dabei und freute mich, wenn Frieda freudig angetrabt kam.
Beim Losfahren rannte sie immer ein Stück neben dem Zug her bis ans Ende des Bahnsteigs.
Aufs Gleis ging sie nie wieder.
Die Nacht damals
das war nur ein Moment der Verzweiflung. Frieda hatte einfach keinen Lebensmut mehr. Denn sie war von Zuhause verstoßen worden.
Ihr ehemaliger Besitzer hatte sie ausgesetzt.
Wisst ihr warum?
Weil ein Bekannter seiner Frau zu nahe getreten war, während er betrunken schlief. Frieda hatte ihn angegriffen, aber der Bekannte stellte es so dar, als hätte der Hund aus heiterem Himmel gebissen.
Und die Frau schwieg, anstatt ihren Mann aufzuklären.
So wurde Frieda im Wald an einen Baum gebunden. Der Mann drohte: Kommst du zurück, bring ich dich um!
Frieda biss die Leine durch, aber dann wusste sie nicht mehr weiter.
Ohne Zuhause, ohne Menschen
Wie weiterleben? Wofür?
Verrat schmerzt mehr als der Tod.
Darum stand sie damals auf den Schienen und wich nicht vor der Lok zurück.
Aber jetzt weiß Frieda:
Es war kein Zufall, dass ich ihr begegnet bin.
Ich habe ihr nicht nur das Leben gerettet ich habe ihr ihre Lebensfreude zurückgegeben. Ihr wieder Vertrauen in Menschen geschenkt.
Und manchmal bringe ich ihr sogar etwas zu essen.
Ich streichel sie oft. Behutsam und mit Liebe …
Das bedeutet, ich empfinde etwas für sie.
Vielleicht wird sich daraus irgendwann mehr ergeben.
Ja, Frieda wünscht sich, dass ich sie mitnehme egal wohin.
Nur weg von der Einsamkeit und schlechten Erinnerungen.
Und dafür, muss ich gestehen, wird mir die Hündin auch immer sympathischer.
Aber holen konnte ich sie nicht. Erstens bin ich selten zu Hause. Zweitens ist meine Wohnung gemietet. Den Hund mit in die Lok nehmen unmöglich.
Herr Schäfer der würde sofort eine Geldstrafe verhängen. Das kann er gut.
Doch…
…der Jahreswechsel rückte näher, und je näher Silvester kam, desto mehr grübelte ich.
Alles in Ordnung? fragte Sven besorgt. Sie wirken in letzter Zeit irgendwie anders.
Ja, alles gut. Ich denke nur viel nach.
Worüber denn?
Ach, über Gott und die Welt … Sag mal, hast du vor, immer mein Assistent zu bleiben, oder möchtest du auch mal eine eigene Lok führen?
Natürlich will ich das, grinste Sven. Aber Sie sind nun mal Lokführer. Es gibt momentan keine freie Stelle. Außer es geschieht ein Wunder. Aber das ist wohl eher unwahrscheinlich
Unterschätz das nicht, Sven, erwiderte ich. Man darf nie aufhören, an Wunder zu glauben. Sie passieren, wenn man daran glaubt und sonst nie.
Nach meiner letzten Tour ging ich sofort zu Herrn Schäfer und reichte meine Kündigung ein.
Ich liebe meinen Job aber irgendwann ist der Tag gekommen.
Und außerdem
…wollte ich Frieda mit aufs Land nehmen. In mein eigenes Haus.
Mit dieser Gefährtin wäre ich dort bestimmt nicht einsam.
Und Frieda sollte nicht am Bahnhof leben müssen.
Ich hatte mich informiert: Auch im Dorf wusste man inzwischen von ihrem Schicksal.
Ihr Ex-Besitzer aus dem Nachbardorf hatte sich seiner Schäferhündin entledigt.
Also
…habe ich jedes Recht, sie zu mir zu nehmen.
Es lief letztlich alles wie erhofft.
Den Jahreswechsel verbrachte ich in meinem Haus mit Frieda an meiner Seite. Und ich habe es keine Sekunde bereut.
Ich habe wieder alles richtig gemacht.
Sven war traurig, dass ich den Bahnberuf an den Nagel hing, freute sich aber für sich selbst umso mehr, weil nun endlich eine Lokführerstelle frei wurde.
Er hörte auf meinen Rat, wandte sich an Herrn Schäfer und schon bald bestand er die Lokführerausbildung. Sein Traum wurde wahr.
Nicht wahr, Frieda, sagte ich zu meiner Hündin, während ich sie kraulte. Schön, dass wir uns getroffen haben. Das sollte wohl so sein, oder?
Wuff! bestätigte Frieda.
Siehst du, deshalb wollte ich nie aufhören oder wegziehen, denn ich hatte einfach Angst vor dem Alleinsein. Doch dann passierte das WUNDER und du bist in mein Leben getreten. Und weißt du, was das bedeutet?
Wuff-wuff!
Genau, Frieda! Das bedeutet: Das Leben geht weiter. Immer Frieda kuschelte sich an mein Bein, während das Kaminfeuer leise knisterte und draußen die ersten Silvesterraketen den Nachthimmel in flüchtige Farben tauchten. Ich wusste, dass ich in diesen Augen voller Vertrauen und Dankbarkeit mehr gefunden hatte als jede Prämie, jede Auszeichnung und jeden Applaus der vergangenen Jahre.
Im nächsten Moment sprang Frieda auf, bellte freudig und rannte zur alten Haustüre. Draußen knirschte Schnee. Ich öffnete und dort, im Lichtschein der Veranda, stand Sven mit einem verschmitzten Lächeln, einen Rucksack in der einen und einen Futternapf in der anderen Hand.
Na, Lokführer Baumann oder soll ich sagen: Hundebesitzer Baumann? Ich dachte, ich schau mal vorbei und feiere mit euch den Neuanfang.
Ich lachte herzlich, spürte das wohlige Ziehen der Freude im Bauch. Frieda sprang um Sven herum wie eine junge Hündin.
Drinnen war es warm, draußen leuchteten die Sterne. Ich wusste: Das hier war mein Zuhause endlich. Und diesmal war ich nicht mehr allein am Bahnhof des Lebens stehengeblieben, sondern in die richtige Richtung aufgebrochen.
Manchmal braucht es nur einen einzigen, unerwarteten Halt, damit ein neuer Weg beginnt.
Und so saßen wir zusammen, Frieda und ich und unser aller Freund Sven und wussten tief im Herzen: Das Beste kommt manchmal erst, wenn man am wenigsten damit rechnet.





