Unwiderstehlich

Unwiderstehlich

Helene stand auf der knarrenden Veranda eines alten, aber gepflegten Fachwerkhauses im Odenwald und musterte von oben bis unten den Jungen, der sich vor ihr in Szene setzte. Eigentlich hatte er nicht viel zu bieten: Er war ein Stück zu klein geraten, seine Beine waren etwas o-beinig, das Gesicht kantig und die Zähne standen schief. Und doch war er der Held des Dorfs alle Mädchen schmachteten, sobald Matthias auftauchte und nur darauf warteten, dass er sie zum Tanz aufforderte.

Helene grinste in sich hinein. Matthias tanzte miserabel, na eigentlich zum Davonlaufen. Er trampelte wie ein Bär auf die Füße seiner Partnerinnen, wackelte mit dem Kopf wie die Gans von Tante Erika und wenns richtig wild wurde, zuckten sogar seine Ohren im Takt. Was fanden bloß alle an ihm? Er hielt sich selbst auch immer für was ganz Großes König von Nieder-Odenheim mindestens!

Gerade jetzt kaute Matthias genüsslich auf einem Grashalm herum und schaute zu ihr auf, als würde er erwarten, dass Helene sogleich die Stufen hinunterstürzte, ihn umarmte, und er dann mit breitem Grinsen und einem leichten Seemanns-Gang mit ihr Richtung Bürgerhaus spazierte.

Schön wärs.

Helene, na, wie schauts aus? Kommst mit? krächzte Matthias, spuckte lässig aus und trat von einem Fuß auf den anderen, ein bisschen überrascht, dass sie noch zögerte. Gerade, als er sich leicht verlegen am Hinterkopf kratzte er hatte durch das Fenster Oma Traudel gesehen meldete sich auch schon die Grande Dame des Hauses:

Ach du lieber Himmel, was knabbert der Bursche denn da an Gras? Helene, zurück! Es gibt gleich Regen, ihr seid doch vor der Disco schon nass bis auf die Knochen! Und den Buben hier lass ich eh nicht rein! Geh heim, Matthias, unser Leni hilft mir dann beim Gurken einmachen. Oma Traudel winkte heftig und verscheuchte den Möchtegern-Schwiegermutterliebling energisch.

Helene hob ihr Näschen in die Luft, schlug die Tür zu und beobachtete aus dem Fenster, wie Matthias langsam über den Dorfweg schlenderte, die Beine so ulkig verschränkend, als wäre das besonders cool.

So viel Aufschneiderei und Gockelei das hat er ganz vom Vater! Pah, beide sind sie nicht viel wert! schnaubte Oma Traudel hinter Helenes Rücken, formte mit den Fingern ein winziges Maß und murmelte. Kleine Käfer, nicht mehr! Oder, Helene?

Das Mädchen zuckte mit den Schultern und verschwand im Zimmer. Sie warf sich aufs Bett, stützte den Kopf auf die Hand und betrachtete die Maserung der Holzwand. So viele Brauntöne, honigfarben, ocker, hier fast orange, dort schokoladig und mitten drin glänzte ein harziger Tropfen. Schön, dachte sie. Und irgendwie auch Matthias. Aber für sie wirkte seine Schönheit naja, sagen wir: eher abschreckend. Er hielt sich immer für die Sahne auf dem Apfelstrudel, da hatte Oma Traudel recht.

Matthias marschierte inzwischen langsam Richtung Dorfgemeinschaftshaus, wo die gesamte Dorfjugend auf die kühle, frische Abendluft der Veranda geflohen war. Die Sonne malte lange, buttrig-rote Streifen auf die Holzdielen, darauf die zarten Schritte der Mädchen, daneben stampften die Jungs in staubigen Sneakern. Die Schatten kletterten an den Wänden empor und alle schienen noch größer, dünner und schöner.

Lässig gesellte sich Matthias zu seinen Kumpels, zündete sich eine Zigarette an und überlegte, wen er mal zum Tanzen auffordern sollte. Eigentlich war es mit einem Fingerschnippen erledigt. Jede käme. JEDE! Aber er wollte Helene. Wenn nur diese Oma Traudel nicht wäre! Vielleicht sollte er der Alten beim nächsten Mal einen Gutschein für die Gärtnerei oder einen Strauß Sonnenblumen mitbringen dann würde sie schon weich werden!

Wo hastn deine Prinzessin abgestellt? Hat wohl nicht geklappt?, sprang Jonas, sein bester Freund, von der Balustrade. Ach, was soll’s genug Auswahl gibts trotzdem. Gut, dass wir dieses Jahr in Odenheim sind, sag ich da nur!

Klaro. Matthias fuhr sich mit der Hand durch die dichte Mähne, schleckte über die Lippen und wippte schon im Takt zur Musik, Kopf und Schultern zuckten, als ob er gleich Strom kriegt. Lässig schob er sich zu den Mädchen, lachte, posierte. Er war König. König von Nieder-Odenheim. Mit oder ohne Helene.

Die Clique kam jedes Jahr auf die Dörfer zurück, sie kannten sich alle die Sommer waren fast immer gleich. Helene wurde von ihrer Mutter den ganzen Sommer lang zu Oma geschickt, so was wie Zeltlager gabs für sie nicht die Tochter solle lieber unter Aufsicht sein, so die Devise. Matthias wiederum half zwei Monate beim elterlichen Bauernhof seine Eltern hatten sich in ein renovierbedürftiges Gehöft samt verwildertem Garten verbissen, Arsch und Ohren schufteten sie hintendran. Er musste Ernte schleppen, Anzündholz stapeln, eimerweise Gurken und Marmelade ins Auto, bis ihm die Arme wie Schimpansenarme lang vorkamen. Wenigstens bekam sein Körper dabei einen knackigen Sommerteint; im Schwimmbad war er deswegen stets der Hit. Oben auf dem Sprungturm posierte Matthias, spannte Brust und Bizeps an, damit unten am Becken alle seine übermenschliche Schönheit bewundern konnten. Auch Helene bekam regelmäßig ein Foto davon.

Diesen Sommer jedoch Helene zog plötzlich zurück in die Stadt, irgendwas war zu Hause passiert, keiner wusste so recht, warum so plötzlich. Oma Traudel verscheuchte sogar den neugierigen Matthias vom Hof sie hatte endgültig genug von seinem Charme.

Die anderen verschwanden auch bald Richtung Studium oder WG nach Frankfurt, Heidelberg und wieder zurück nach Mannheim.

Helene war für Matthias immer die Eine. Schon als Kinder teilten sie die gleiche Sandkiste, Benutzung nur mit einem einzigen Schaufelchen das Matthias ständig verbummelte, während Helene es nach Gebrauch ordentlich im Eimer verstaute, brav das Kleid entstaubte und heimwärts marschierte. Matthias trottete hinterher, kickte Kiesel mit der Fußspitze durch die Gegend, erzählte die Kalauer, die sein Vater beim Frühschoppen aufgeschnappt hatte. Helene lächelte ab und zu, aber immer etwas gönnerhaft, als täte sie ihm zuliebe Sie gingen zusammen zum Fluss, sprangen gemeinsam auf ihren dicken Luftmatratzen ins kalte Nass, einmal kenterte Helene, die Matratze drückte sie unter Wasser Matthias, der Held, zog sie raus und brüstete sich danach tage- und wochenlang.

Sie wuchsen miteinander auf, beobachteten, wie sich die anderen in schön oder mittelmäßig einteilten, aßen kiloweise Himbeeren und Walderdbeeren aus den Händen, wurden gemeinsam von hungrigen Sommermücken aufgefressen. Manchmal lud Helene Matthias auf ein Glas Milch mit Erdbeeren ein, während Matthias sich am Tisch wie ein Fürst fläzte, von Diplomatenträumen und der Zukunft an der Uni München fantasierte.

Helene hörte weg und aß amüsiert die Erdbeeren weiter; Oma Traudel aber spuckte drei Kreuze, wenn der Junge so einen Wind um sich machte. So viel Einbildung auf einmal!

Seine Gefühle gestand er ihr nie, immer wartete er auf DEN besonderen Moment und darauf, dass sie ihm mal hinterherrennen würde. Tat sie aber nicht. Und plötzlich war sie ganz verschwunden.

Vier Jahre später lief man sich wieder über den Weg. Oma Traudel begrüßte die zurückgekehrte Enkelin zu lautstark, dass ganz Nieder-Odenheim hätte mithören können; auf dem Tisch stand bereits so viel Essen, als käme Helene aus einer Hungersnot nach Hause. Als die Gartentür knarrte und die ersten Schritte den Kiesweg hinaufpolterten, spähten die neugierigen Nachbarn durchs Fenster.

Matthias lungerte inzwischen am Gartenzaun. Drüben, auf dem Nachbargrundstück, stöckelte Helene in einem Badeanzug, schleppte Gießkannen für die Salatköpfe, verspeiste zwischendurch eine Gurke und steckte wieder die Nase in ein Buch. Oma Traudel war ins Dorf geflitzt zum Bäcker oder Milch holen.

Matthias warf noch rasch einen Blick auf sein Styling ein Griff durch die Frisur, dann schlich er zum Zaun. Einst hatte er und seine Freunde sich schon seit Kindertagen einen Geheimgang gebaut, eine bewegliche Zaunlatte. Heute war aber ein neuer, dicker Nagel drin Oma Traudel hats zugemacht.

Na toll, Oma, schimpfte Matthias. Also ging er halt durch die offizielle Gartentür. In seinen Händen ein kleines Körbchen voll Beeren.

Hey, flüsterte er, als er sich zu Helene setzte. Sie roch nach Sommer, nach Parfüm und frischen Beeren. Als er wie zufällig ihr nacktes Knie streifte und beobachtete, wie eine Ader auf ihrem Hals schlug, seufzte er. Gut, dass du wieder da bist. Hab Himbeeren im Wald gesucht. Komm, iss!

Er hielt ihr eine Hand voll Beeren hin.

Helene wich aus, sprang auf.

Matthias, was soll das? Im Wald schmeckt die ganz anders! Und von deiner Hand ess ich nicht! Du bist zu komisch! Sie lachte, klappte das Buch zu.

Früher hast du aber immer, murmelte er mit Hundeblick und musterte sie von unten nach oben.

Helene lachte noch lauter, verschwand auf die Veranda.

Matthias, hau ab. Ich muss für die Prüfung lernen.

Helene! Matthias folgte ihr ins Haus, griff plötzlich nach ihren Schultern, drehte sie zu sich, drückte sie gegen die uralte Kaminjacke, die gefühlt schon seit Kaiserzeiten dort hing, und machte sich an einem Kussversuch sie zappelte, griff zur nächstbesten Bürste, scheuchte ihn hinaus, knallte die Tür zu. Die Himbeeren kullerten über die Stufen, und Matthias trat sie vor Frust mit dem Korb zu Klump, pfefferte das Ding fast durchs Blumenbeet, brummte vor sich hin.

Das war lange her. Seit mehreren Wintern verbrachte Oma Traudel ihre Tage nun allein im Häuschen, wartete auf seltene Besuche der Enkelin. Zuletzt kam Helene zur Beerdigung mit der Familie. Das Häuschen wurde zugenagelt, die Fensterläden zugezogen.

Leni, was machen wir jetzt mit dem Haus? fragte die verzweifelte Mutter an Helene gewandt und brach in Tränen aus.

Wir behaltens. Ich lass nicht zu, dass es verkauft wird, entschied Helene und streichelte die Mama. Und, als niemand schaute, weinte sie auch ein bisschen.

Der Nachbarhund ein rüstiger, immer hungriger Mischling beobachtete alles misstrauisch. Matthias, so hörte man, kam mit seinen Eltern seit drei Jahren nicht mehr. Zu viel zu tun, angeblich. Irgendwer raunte gar, Matthias mache jetzt Work & Travel im Ausland.

Viele Jahre später rollte ein riesiger schwarzer SUV auf den Hof der alten Schmiede ein. Die getönten Scheiben sanken langsam. Zwei Köpfe erschienen: Einer, eindeutig Matthias, mit supermoderner Frisur, glänzend von was weiß ich was für Gel, machte einen Rundum-Check und verschwand wieder. Der zweite Kopf: blond, frische Sommersprossen, hochgebundener Pferdeschwanz, süßes Stupsnäschen, Lächeln.

Oh Matthias! Was für eine Idylle und diese Luft!, hauchte die Frau atemlos, sog die Landluft durch das Knopfnäschen ein und kicherte Wie toll, dass wir noch gekommen sind! Moritz, Luise aufwachen, wir sind da!

Im Rücksitz rumorten die Kinder, lösten die Gurte, schnatterten aufgeregt. Dann kreischte Luise.

Ihr versteht ja gar nix!, rief die Frau und schwang sich in einem weiten Baumwollkleid mit Spaghettiträgern aus dem Auto perfekt zu ihrem Lächeln, da fehlte nur noch ein Strohhut. Was solls ist doch eh bloß ne Biene. Seht doch, wie flauschig die ist, diese Beinchen. Zucker!

Iris, jetzt reichts aber. Bienen sind keine Haustiere, verzog Matthias das Gesicht, als er sich eine Heckenranke aus dem italienischen Luxusschuh puhlte. Wir bleiben heut Nacht, das ist übrigens meine Heimat hier bin ich zum Mann geworden, verkündete er voller Stolz.

Was? Bier und Kippen gabs bei euch zuhause doch auch reichlich!, feixte Iris. Ach komm, Matthias, ich mag dich ja trotzdem. Luise, komm, wir holen schon mal das Gepäck, Picknick machen wir am besten gleich auf der Wiese, viel gemütlicher! Hilfst du mir?

Er schüttelte nur den Kopf.

Sorry, ich muss erst mal rumlaufen, Erinnerungen auffrischen. Hier sind die Schlüssel für Haus, Scheune und Sauna. Er drückte Iris riesige Schlüsselbunde in die Hand. Moritz, pack mit an.

Och nö, Papa können wir nicht gleich wieder heim?, maulte Moritz. Doch Matthias hörte ihn schon gar nicht mehr, schnappte den Flexi-Leine-Hund (oder was davon übrig war) und seufzte melancholisch durch die Landschaft.

Iris zog seufzend in den alten Flur. Sie war einmal vor Jahren hier gewesen, noch vor den Kindern drei Nächte Landluft, Sauna, Grillen, Matschen am Bach. Dann nie wieder. Jetzt waren Matthias Eltern gestorben, das Haus musste verkauft werden. Matthias war drauf und dran, alles an einen windigen Makler abzugeben und heute stand halt erst Picknick auf dem Plan. Also, hilfreich wie eh und je, hatte Iris vorgearbeitet: Brotaufstriche, eingelegte Braten, Extra-Bier aus der Kühlbox beim Discounter bestellt, um sich keine Gedanken machen zu müssen.

Luise, Moritz, guckt, Himbeeren! Iris zeigte auf die wild wuchernden Sträucher, während sie ratlos am Schlüsselbund nestelte. Was für ein Quatsch der Schlüssel klemmt! Matthias! Komm mal bitte

Widerwillig trottete Matthias zurück.

Der hier ists doch, sag mal, kannst du das nicht erkennen? Mit dir redet man scheinbar gegen die Wand, meckerte er. Na gut, Iris, du machst das ja schon. Ich geh, Nostalgie tanken

Und schon stolzierte er, diesmal wie ein Börsenhai, die Dorfstraße entlang. Stolz auf seinen Leinen-Luxusanzug, das zerknitterte, aber sauteure Leinenhemd. und vor allem die protzige Uhr am Arm.

Ja schau doch an, unser Matthias der Fliegenfänger!, tönte es plötzlich hinterm Lattenzaun. So rausgeputzt, als gehst du zum Standesamt! Grüß dich, Matthias! Hab doch immer gesagt, dein Herz hängt am alten Odenheim!

Matthias grinste schief, betete, Iris könne den Spitznamen nicht hören.

Tag, Frau Gertrud. Ach, von Heimat kann keine Rede sein das Schrotthaus muss verkauft werden. Und Ihnen geht’s?

Frau Gertrud musterte seine Goldkette, pfiff anerkennend.

Starkes Teil… Aber warum das Kreuz? Du bist doch kein großer Kirchgänger? warf sie schnippisch nach und verschwand mit einem prustenden Lachen. Und was führst du denn da an der Leine? Ein Ferkel?!

Genervt trollte Matthias weiter, hörte, wie Iris sich gerade mit einer Fremden unterhielt.

Lena? Angenehm, ich bin Iris. Wir sind ganz neu wieder hier, total durch den Wind, müssen uns erst zurechtfinden. Wir bleiben nur eine Nacht. Ach, ist das ihr Hund? Ein Spaniel? Süß! Kommen Sie doch heute Abend rüber wir haben genug Essen.

Lena, erwachsene Helene, etwas runder, in einem leichten Sommerkleid, wollte erst höflich ablehnen, doch als Iris so unsicher auf das wuchernde Grundstück schaute, bot sie schnell an:

Wissen Sie was, kommen Sie gleich zu uns rüber Sie sind doch von der Fahrt erledigt. Gibt eh gleich Mittagessen, und nachher helf ich Ihnen drüben. Sonst treten sich Ihre Kinder noch einen Zeckenstich!

Iris zierte sich, aber dann nahm sie dankbar an. Sie fühlte sich seltsam unwohl, das Herz wummerte sowieso schon die ganze Woche. Hätte fast abgesagt aber Matthias bestand darauf.

Wir haben was zu trinken dabei, alles aus der Kühlbox, keine Sorge, plauderte Iris, Matthias schwört auf diese Technik. Darf ich mich setzen? Mir ist etwas schwindlig

Lena nickte, reichte einen selbstgemachten Heidelbeer-Saft.

Alles okay? Sie sind etwas blass. Mein Mann ist übrigens Hausarzt, soll ich ihn holen? Jakob! Komm doch mal eben! Der ist im Garten, macht Schaschlik. In der Hitze wollte ich es nicht, aber er LIEBT den Kram

Jakob kam, fühlte den Puls, brummte.

Na, alles ruhig?

Kommt vor, nickte Iris. Lena sah sie besorgt an.

Sie haben doch ihre Tabletten dabei? Sonst haben wir auch was. Wir sind die Dorf-Sanitätsstation!

Doch, alles da, in der Handtasche vorne an der Tür

Lena, magst du sie holen? Macht Ihnen nichts aus, dass meine Frau sie anschleppt?, fragte Jakob leise. Iris nickte.

Und, Matthias, wo ist er?, fragte Lena, bereits am Gartentor.

Mit Sherlock unterwegs unser naja Haustier. Bewegung braucht das!

Sherlock? Interessanter Name!, lachte Jakob. Na, machen Sie es sich bequem. Ich hol noch einen Stuhl. Ach, schon wieder der Schaschlik!

Durch den Garten zog der Duft gebackener Würstchen und provenzalischem Kräuter-Marinade.

Iris lächelte, lehnte sich zurück und genoss das Vogelzwitschern im Schatten alter Apfelbäume, während irgendwo die Kinder mit Lenes Hund tollten. Der Wind trug die feinen Klänge eines Windspiels vom Fenster herüber wie ein Orchester aus Glaskristallen. Sommer in Deutschland, wie er sein soll.

Helene?, knarrte plötzlich das Gartentor und eine heisere Männerstimme, ganz eindeutig mit der Attitüde eines Seebären, erklang. Na, das ist ja der Hammer!

Helene Lena kam mit Iris Handtasche die Treppe herunter. Auf dem Weg zur Aktion kreuzte ihr beinahe Sherlock den Weg, wickelte die Leine um ihre Füße. Matthias kniete sich, befreite sie heldenhaft, und ließ die Hand ganz aus Versehen an Lenes Knöchel entlangstreifen. Himbeeren, Parfüm und irgendwie Frau. Ein unschlagbarer Duftmix. Ja, Lena war eben doch schwer zu vergessen.

Lena, ich hab dich vermisst, hauchte er und zog an der Leine. Sherlock an dieser Stelle: keine Hund, sondern ein properes Ferkel mit schwarzen Ringeln auf grauem Grund, also eher ein Designerstück grunzte wichtig.

Du verstehst halt nix!, grinste Matthias. Spießerhund ist out. Bei uns wohnt auch ne Echse und ne Vogelspinne! Hallo übrigens!

Servus. Na wie die Zeit vergeht, lächelte Lena schräg. Deine Frau und Kinder sind bei uns. Iris geht’s nicht so gut. Setz die Krone ab und bring die Tasche, sie braucht ihre Tabletten.

Matthias schob stolz die Brust raus, warf das Haar nach hinten und stapfte los. Kaum war Lena aber an ihm vorbei, drehte er sich nochmal um und seufzte tragisch.

Das Mittagessen fand in einem lauschigen Pavillon statt, der dort gebaut war, wo Lena und Matthias früher Sandburgen gebuddelt hatten. Dicker Holztisch, Stühle aus Weinreben-Zweigen, Deckenlichter aus kupfernen Lampenschirmen, die im Wind funkeln.

Moritz und Luise futterten still, Jakob brachte Fleisch, Lena stellte Schüsseln mit Salaten hin. Iris schnitt von irischem Sauerteigbrot dicke Scheiben und goss eiskalten Apfelsaft ein.

Und, was macht ihr dann mit dem Grundstück? Alles abreißen und ne Villa bauen?, fragte Jakob.

Nee, was für’n Quatsch! Das ist doch ‘ne Bruchbude! Und alles Diebe hier meine Rasenmäher, Flexmaschine alles weg! Vielleicht waren das ja eure Bauarbeiter? So ne flotte Villa habt ihr da gezogen, hä?, stichelte Matthias, der vom Whisky auf dem Tisch schon leicht weich geworden war.

Iris wurde knallrot. Matthias!, zischte sie peinlich berührt.

Jakob blieb gelassen, nahm Lenas Hand. Ich hab das Haus mit Freunden gebaut. Und für jeden bürge ich. Noch Fragen, Kollege?

Vom Rasen kam ein freudiges Grunzen: Sherlock war längst mit Lenas Hundesfreund bestbuddy, wälzte sich, schrie wie ein Schwein und ließ die Hufe wedeln.

Eigentlich wollte ich das Grundstück gerne dazu nehmen. Was willst du haben?, warf Jakob schnell ein, als würde er einen Wandertag vorschlagen.

Von dir? Sagen wir mal 400.000 Euro. Mindestens!, blinzelte Matthias Lena zu. Dein Jakob hält soviel nie in einer Hand, oder? Sieh mal seine Shorts an. Und du hast den genommen du hättest mich haben können.

Während er breit grinsend die Luftgitarre schwang und in einer Pose zu singen begann, dass es allen fast zu peinlich war (Schenk mir nach, mein schönes Mädchen, schenk mir das letzte Glas), biss Lena sich auf die Lippen, Iris kicherte, Jakob rollte mit den Augen.

Ich schlag vor, wir beenden die Aufführung für heute ich stell mal den Samowar an. Kinder, ab in den Garten, gleich gibts Tee mit Kiefernzapfenaroma das ist Wellness-Infusion!

Iris und Lena zogen ab in die Küche.

Komm, Helene, setz dich mal ich schaff das alles. Iris lächelte schüchtern. Eigentlich wollte ich meine Tochter mal Helene nennen das ist so ein schönes, starkes Name, findest nicht? Darf ich dich so nennen?

Wie du willst Ich finds witzig, dass wir einfach bei euch eingefallen sind, stöhnte Iris. Du hast selbst so viel um die Ohren

Lena wurde rot, umklammerte leicht den Bauch: Sechster Versuch. Ich weiß nicht, was ich mach, wenns wieder schiefgeht ich kann nicht mehr. Kein Mensch weiß davon, nur Jakob und meine Ärztin. Tut mir leid, dass ich so direkt bin

Tränen stiegen auf, Iris zog sie in den Arm. Lena, Schatz du packst das. Und weißt was du hast so ein tolles Team, euer Jakob ist so eine Bank mehr als ein Mann, eine Burg!, sie kicherten beide, leider war Lena wirklich auch an der Brust gut gebaut. Du bist gut betreut. Und ich verspreche dir, es wird alles gut. Glaubs einfach. Und falls nicht, bin ich trotzdem da.

Als Jakob mit dem alten russischen Samowar Ideenkauf auf dem Flohmarkt aus dem Schuppen kam und der Duft von Tee, Zucker und Hefezopf in der Luft lag, war es fast wie früher bei Oma. Irgendwie tröstlich.

Beim zweiten Gang wollte Matthias noch einmal imponieren diesmal, als er auf wackeligem Stuhl umfiel, landete Sherlock auf ihm drauf und kitzelte ihn am Kinn. Zum Glück hatte Jakob ein Herz und reichte Matthias die Hand. Lena grinste in ihren Tee.

Gierig schaute Matthias immer wieder auf Lena, wartete, dass sie ihm endlich um den Hals fiele. Ganz wie im Büro oder beim Stammtisch die eine oder andere konnte nie widerstehen. Gut, Iris hatte keine Ahnung von seinen Eskapaden, aber schaden tuts sicher nicht.

Irgendwann stand Matthias auf, will zum Fluss.

Ein Fluss? Hier gibts einen Fluss? Können wir baden?, quietschten die Kinder. Gibts ein Boot?

Hättest du mal die Gummiboote eingepackt, seufzte Iris. Machen wir lieber abends.

Lena schüttelte den Kopf: Lasst uns lieber noch hier bleiben, heute Abend habt ihr genug erlebt. Matthias, du solltest dich besser hinlegen.

Dann geh ich halt allein. Matthias verschwand, während Iris nur die Augen verdrehte. Lena nahm sie am Arm: Du ruhst jetzt erst mal dich aus.

Stimm ich zu. Kein Mensch braucht Herzkasper in der Pampa. Lena, du bist ein Schatz, meinte Jakob grinsend und schickte die Kinder zum Eis holen.

Später, als die Sonne schon tief stand, wurde Iris von Lena geweckt.

Iris, aufwachen! Sorry, aber Jakob sagt, Matthias ist seit einer Ewigkeit beim Fluss. Und er hatte doch ordentlich einen sitzen

Iris war sofort auf den Beinen, flitzte los: Wo ist denn das Ding?

Dort entlang Keine Angst, er schwimmt gut!, japste Lena hinterher, bekam sie aber kaum ein.

Am Fluss suchte Jakob in der Strömung. Das kann nicht sein, dass er so lange braucht Liegt da das Handtuch? Schnell, ich spring ins Wasser!

Lena bat die Kinder um das Handy, das in der Gartenlaube lag. Die beiden sprinteten los. Lena humpelte, der Bauch krampfte. Sie atmete ruhig.

Jakob tauchte, tauchte, Lena drehte sich zu Iris.

Setz dich her, du bist weiß wie die Wand. Jakob macht das schon den muss ich nicht retten. Und Matthias na, ehrlich, er hat den Trouble nicht verdient. Aber Iris, um dich ist es schade. Du bist zu dünn. Der sollte dich mal besser füttern.

Ich halt das nicht aus! Klar ist Matthias schwierig: ein Selbstdarsteller, aber er hat viel Herz. Er ist für die Kinder der perfekte Papa schwört, alles für sie zu tun und will immer der Beste sein. Für DICH, für alle.

Die beiden Frauen umarmten sich, Lena wiegte Iris im Arm.

Da, aus den Büschen völlig trocken, die Haare glatt, das Hemd sauber Grinsematthias! Na, erschrocken? Ich hab mich nur versteckt! Mein Gott, was ein Drama beruhigt euch!

In dem Moment wurde Iris kalkweiß, fiel wie in Zeitlupe um, Lena und Jakob schnappten sie, die Kinder heulten.

Gertrud, die Nachbarin, schlug ein Kreuz. Das Mädel fällt dir noch tot um, so wie du einen Scherz machst, du Idiot!, fauchte sie.

Matthias kniete sich zu Iris, bettelte um Vergebung, wollte trösten da holte Iris aus und verpasste ihm mitten ins Gesicht eine schallende Ohrfeige.

Die Dorfmänner hätten jetzt auch gerne zugelangt der Rettungsdienst, angespannt, wartete auf Zeichen, ob was Ernstes passiert war.

Iris holte tief Luft, richtete sich auf, die Augen blitzten:

Wie kannst du es wagen, so einen Dreck zu machen? Denkst du, wir drehen hier alle durch, nur weil du fehlst? Deine ganze Eitelkeit: Was ein armes Schwein! Glaubst du, damit reißt du hier was? Lena hat mir erzählt, dass du sie als Kind vergöttert hast. Seitdem sitzt dir die Kränkung im Magen, dass sie dich abblitzen ließ!

Matthias lief knallrot an.

Ganz ehrlich, mir bist du völlig egal, ergänzte Lena sachlich. Hättest du dich ertränkt, hätte ich nicht geweint. Wegen der Kinder ein bisschen schade, aber du? Nee.

Jakob beendete abrupt das Drama. Lasst uns alle zurück, es gibt noch Eis und Schaschlik, und ich finde, dass keiner ins Wasser gefallen ist, sollten wir feiern.

Gertrud marschierte voraus, Marmeladengläser unterm Arm, brummend: So einer wie der Matthias, typisch Odenheim, so sind sie hier!

Matthias blieb allein am Flussufer zurück und starrte den anderen hinterher. Jonas winkte ab, als Matthias ihm Whisky anbot. Nicht mit dir, rief er.

Später, zurück in der Wohnung, verkaufte Matthias Swag alles Tierische, bis auf Sherlock. Spiegel, Parfüm und Haargel wurden plötzlich uninteressant die Frage, ob Iris sich nun wirklich trennen würde, nagte im Kopf. Sie sprach den ganzen Heimweg kein Wort, setzte nur durch, dass das alte Bauernhaus nicht verkauft wird.

Und was sagen die in der Firma, wenn sie von der Scheidung hören?, grübelte er. Oder lieber erstmal neu frisieren lassen?

Matthias! Was machst du da?, rief Iris aus der Küche. Starrst du wieder dein Spiegelbild an?

Ich? Nee Iris, kann ich dir irgendwie helfen?

Geh einkaufen, Liste liegt im Handy. Beeil dich und versuch bloß nicht, dich im Main zu ertränken, diesmal glaub ichs dir nicht. Und Sherlock bewacht dich!

Das Ferkel grunzte, stemmte sich vor die Haustür.

Na gut, dann also Supermarkt, dachte Matthias. Aber nur in den Delikatessen-Tempel. Nebenbanausen wie ich kaufen nicht bei Netto!

Iris indes hatte sich noch nichts endgültig überlegt. Sie gönnte sich eine Pause. Mal sehen, wie es weitergeht…

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Homy
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