Nach Hause
Hans Annemarie Pirschner setzte sich gegenüber von ihrem Ehemann an den Tisch, der gerade Die Abenteuer eines Anglers las, und trommelte nervös mit den Fingern. Hans schob die Zeitung etwas herunter, sah ihr über den Brillenrand hinweg ins Gesicht, dann verschanzte er sich wieder hinter den nach Druckerschwärze riechenden Seiten, von denen ihn ein buschiger Kerl in Lodenjacke anstarrte. Hans! rief sie nun lauter.
Hmm? Was? Hans hob die Augenbrauen. Essen? Gleich, ich lese noch kurz zu Ende. Unglaublich amüsant, wie sie hier über den Zander schreiben! Unfassbar, wie die Bayern tricksen! Und
Hanns! Das Essen ist noch nicht fertig, das ist doch gar nicht der Punkt! Annemarie zuckte die Schultern und schlug die Hände zusammen.
Was dann? Jetzt wäre genau die richtige Zeit zum Essen, er schwenkte die Zeitung und deutete mit dem Kinn auf die schmucke Wanduhr aus dunklem Holz, die sie, als sie ins neue Apartment am Schillerplatz eingezogen waren, im Gebrauchtmöbelladen ergattert hatten. Ok, Altbau, aber großzügige Räume, hoher Deckenputz, Balkon und zivile Nachbarn. Dazu eine monsterhafte Palme, von der Annemarie regelmäßig behauptete, sie spende Sauerstoff für das halbe Haus. Riesige Fenster, so viel Platz, dass man sich fast auf Skiern fortbewegen wollte. Nur: Möbel Fehlanzeige, die Vorbesitzer hatten alles mitgenommen. Annemarie richtete alles selbst neu ein, fuhr durch die halbe Stadt, suchte, plante, erfand Interieur-Ideen für ihr Nest.
Endlich leben wir ordentlich! So hell, so weitläufig! lobte sie immer wieder die Wohnung. Das haben wir uns verdient! Hans, jetzt aber wirklich!
Als es um Möbel ging, lag Hans gerade mit gebrochenen Armen im Krankenhaus und konnte nur den Berichten lauschen, dass nun wieder ein neuer Sessel, Tisch oder Schrank erschienen war. Stets brachte Annemarie ihm Skizzen mit, schickte Fotos aus Möbelhäusern.
Und wer ist dieser Kerl auf dem Foto da neben dir?! brüllte Hans ins Telefon, als Annemarie über ihren Plan für das Ehebett samt Bild nachdachte: Ein riesiges Doppelbett, mit Plüschdecke in Sahnefarben, Kissen mit goldenen Quasten, prächtig drapierten Handtüchern wie Schwäne und Kerzen die den Eindruck machen sollten, sie wohnten direkt im Museum. Am Rand des königlichen Betts saß Annemarie schüchtern, Kleider sauber über dem Knie, und neben ihr lachte ein Typ, der so aussieht, als hätte man ihn direkt vom Oktoberfest gecastet kantig, charmant, mit einem Grinsen, das dem kränkelnden Hans im Gipsbett sofort eifersüchtig die Ohren rotfärbte.
Wieso war Hans im Krankenhaus? Klar, er musste natürlich auf das Dach des Gartenhauses kraxeln, um dem armen kleinen Kätzchen zu helfen, das Annemarie ohnehin schon adoptiert hatte: flauschiges graues Fell, blaue Augen wie der Himmel über dem Tegernsee Dach gebrochen, Hans fliegt Galavorführung, Katze springt aufs Nachbargebüsch, Ende vom Lied: offener Bruch, hundert Komplikationen, Kätzchen schmeißt sich bei Annemarie auf den Stuhl, als gäbe es kein Morgen. Das arme Kleine war so verängstigt!, schnurrt Annemarie, während sie das Tierchen krault.
Das Tier geht dir doch über mich! schmollt Hans. Ich werde chirurgisch zusammengebaut und die bleibt Prinzessin!
Die Katze ist ein hilfloses Wesen, Hans. Sie braucht Liebe. Du auch, aber ein bisschen weniger. Mund auf! kommandiert Annemarie resolut und bindet ihm das Lätzchen um. Die Suppe muss rein!
Jetzt huschte nicht nur die Katze durch Annemaries Wohnung, sondern auch noch der Typ vom Betten-Testbild, der dreist grinste.
Wer ist das?! Finger weg von meiner Frau! wetterte Hans frontal ins Telefon, das Krankenhaus lachte unterm Dach. Annemarie, das ist unerträglich!
Ach Hans, der ist nur zum Maßnehmen da. Stell dir einfach vor, das bist du, nicht er, und ich bin immer noch ich… Findest du nicht, das Bett taugt was? Soll ich probeliegen per Videoschalte? Nein? Ach, Hans Sie schaut treuherzig wie ein Dackel in die Kamera, wie gehts dir denn? Heute Abend komm ich vorbei, bring Frikadellen!…
Pah, deine Frikadellen! grummelt Hans, zerrt sich das Bein zurecht und knirscht vor Schmerz. Nimm das Bett, aber den Kerl zahl ich nicht!
Bett, Tische, Badewanne auf glitzernden Füßen, Sessel, Sofa die Wohnung wuchs wie Hans Dreitagebart. Zuletzt, als Hans wieder tapfer mit Krückstock unterwegs war, kauften sie dann feierlich die Uhr.
Die soll unsere Zeit zusammen zählen hauchte Annemarie und suchte nach Romantik in Hans Augen.
Hans nickte, ließ die Uhr einpacken, bezahlte bar. Annemarie küsste den Helden herzinbrünstig, als sie hinausgingen.
Was ist jetzt? Gibts Essen oder nicht? legte Hans die Zeitung zusammen.
Ach, Schatz! Noch nicht Irgendwas ist passiert Ich spüre es Unsere Enkelin hat angerufen, so seltsam geredet Ich mach mir Sorgen
Die Schultern sanken, es folgte ein theatralischer Seufzer.
Was denn nun? Was ist mit Greta? wurde Hans unruhig, doch Annemarie wedelte nur ab.
Ich weiß doch selbst nichts! Sie hat nur angerufen und gesagt: Ich, Oma, komm vorbei
Na und? Besuch von der Enkelin, na sowas!
Nein, du kapierst gar nichts, Hans! Das ist nicht einfach so dahingesagt Du bist sonst wie ein Holzstuhl: Hauptsache, du quietschst sonst nichts
Das muss mir reichen! beleidigt Hans. Rheuma und Bandscheibenvorfall sind kein Grund, mich zu beleidigen! Rede Klartext! Die Zeitung wurde zur Kugel, das Gesicht des Anglerhelden knautschte sich zusammen.
Klartext bringt Annemarie jetzt nicht fertig. Sie, wie Hans immer sagte, geht in die Rolle: die ewig Besorgte, voller Vorahnungen, wie eine deutsche Märchentante mit Herz für einen Enkel, dem sie gerade die Socken für den abendlichen Waldspaziergang gestrickt hat.
Mit einem kleinen Unterschied: beim Enkel handelt es sich um Greta, 26 Jahre jung, ein Springinkerl par excellence, drei Sprachen, stickt in Pausen Punkrock-Stars auf Kissenbezüge, Juristin in einer Anwaltskanzlei.
Greta war schon als Kind unermüdlich, musste immer überall dabei sein, tauchte immer in jedem Puddingtopf auf.
Setz dich, Kind! Atme durch! Bring Ordnung in dein Chaos! riefen stets Eltern, Lehrerinnen, Großeltern, doch Greta zischte weiter durchs Leben.
Sie hats eilig zu leben und eilig zu fühlen!, schmunzelte Opa Hans, während er die nächste Beschwerde der Klassenlehrerin anhörte.
Ihre Tochter ist auffällig! Untersuchen Sie die mal! schimpfte die Lehrerin, Und dabei ist Sitzfleisch für Mädchen doch das A und O!
Greta hatte Sitzfleisch sie blieb ewig am Buch, nur immer Piraten, Goldgräber und Seebären, aber nie Gedichte von Goethe. Irgendwie hatte die Schule sie einfach nicht so recht im Griff.
Annemarie kämpfte, litt, betete, hatte beim Elternabend das Gefühl, sie stünde schon am Schafott zur Ablassung bereit. Aber ab der achten Klasse, urplötzlich, gewann Greta die Englisch-Olympiade, dann noch sächsische Debattierpreise. Die Schule sonnte sich im Glanz, und Greta wurde als Wirbelwind mit Engagement fester Bestandteil im Leseclub für die Erstklässler Greta & Friends.
Nach’m Abi Jurastudium. Sprachen, Klub, ehrenamtliche Coachings, Annemarie bekam nichts mehr richtig mit, zumal ihr Englisch reicht noch fürs Reisebüro.
Plötzlich, am Ende des Studiums, verkündete Greta, sie heirate. Annemarie ließ das Handtuch samt Teller fallen, sackte auf den Stuhl und war sich sicher: Der Schwiegersohn ist Ausländer und Greta wandert für immer aus.
Ach, Kind Annemarie rang die Hände und drückte den Kopf an Hans knochige Flanke, Wer ist er nur? Alles so schnell!
Gar nicht schnell, Oma! Wir haben’s nur geheim gehalten. Es ist Konstantin aus dem Masterkurs. Der ist super!
Konstantin stand zwei Tage später mit Fiorentinern im Arm und schicker Herbstjacke vor der Tür. Annemarie schlug die Türe auf und sah einen feinen Mann, lächelnd, neben ihm Greta.
Während Annemarie noch darüber jammerte, wie sie jetzt bloß ohne Enkelkind leben solle, führte Hans den Schwiegersohn in die Wohnstube, schüttelte ihm kräftig die Hand.
Konstantin, wie stehts mit Angeln? prüfte Hans. Positiv, nickte der Bräutigam.
Mit der Spinnrute oder Grundangel? wollte der Schwiegervater wissen.
Spinnrute. Aber meine Mutter macht einen Karpfen im Ofen der ist göttlich! lächelte Konstantin.
Ja, das passt! Hans lachte zufrieden.
Alles gut. Hochzeit und dann Abschied in die alte Wohnung. Annemarie und Hans zogen in die neue Butze. Keine Flitterwochen Greta schrieb Examensarbeiten, bald kamen Karriereschritte, keine Zeit für Paartanz oder Urlaub.
Schatz, du musst dich ausruhen, Annemarie flüsterte ihrer Enkelin laufend zu. Die dunklen Ringe unter den Augen das ist nicht gut für eine Frau
Und immer wieder dieses Gefühl, als würde das nächste Weltunglück lauern.
Jetzt hör auf, Annemarie! Lass die Jungen mal machen, wie sie wollen! stöhnte Hans.
Greta ruft nicht an etwas passiert. Ruft an und stottert? Auch schlimm. Konstantin ruft und fragt nach dem Schrebergarten verdächtig! Ruft NICHT an? Erst recht misslich! Das ist Annemaries Lebensgefühl.
Hans, ich hab so ein Gefühl, bei Greta stimmt was nicht begann Annemarie wieder, stand auf und ging in die Küche, wissend, dass Hans schweigend folgen würde. Sie hat so komisch gesagt Ich komm vorbei
Ach komm, Annemarie. Die will doch nur ihren Opa besuchen! kramte Hans schon die Löffel und deckte den Tisch.
Opa wieder! Alles dreht sich nur um dich, Hans Männer!
Da fuhr Annemarie zusammen, als würde ihr Herz einen Hopser machen, und flüsterte mit weit aufgerissenen Augen:
Ich weiß es! Konstantin hat sie verlassen. Sie hat es mir noch nicht gesagt, will mich nicht beunruhigen, aber er ist weg. Ich habs gleich geahnt, dass er nicht zu ihr passt Die Augen, Hans! Solche Augen…
Hans schob ihr ein Brotmesser zu und bat, das Graubrot zu schneiden.
Seine Augen waren ganz normal. Der Typ ist okay! Denk weniger, Annemarie. Essen wir! ordnete Hans an.
Du bist so kalt, Hans! So herzlos seufzte Annemarie und schöpfte Suppe.
Sie schwiegen, selbst der Fernseher blieb aus. Annemarie mochte das nicht, wenn das Unglück ins Haus kommt.
Hach, das Zimmer müssen wir räumen für sie, Hans. Ist zwar eng im Wohnzimmer, aber die soll nicht allein bleiben Mädchen müssen weinen dürfen, ich kümmer mich drum. Und für so was braucht man Wein! krächzte sie plötzlich und musste sofort husten, Hans erschrak, ließ gleich die Löffel fallen.
Nie aus Kummer trinken, Anna! Sonst wirst du so wie na du weißt schon! rief er.
Hör auf zu brüllen! Die Familie in Tränen und du brüllst! schimpfte sie im schönsten Ton der deutschen Vorstadtmütter, dann stockte sie, als hätte sie einen Geistesfunken:
Nein. Sie weiß von einer Affäre, will mich um Rat fragen, ob Vergeben oder Schlussmachen? Ach, mein armes Mädel
Im Radio jammerte gerade ein Schlagersänger. Annemarie nickte zustimmend zum Takt.
Gibts was zum Hauptgericht? brummte Hans. Hey, Frau gibts jetzt endlich was?
Da steht auf dem Herd Ich krieg keinen Bissen runter, so viel Aufregung… klagte Annemarie, löffelte jedoch den Erbseneintopf mit Speck weg und linste auf die Bratpfanne.
Umso besser, bleiben mehr Frikadellen für Greta und mich, rief Hans, griff die dickste vom Teller. Na komm, gib deinen Teller her.
Ach, gib noch einen Löffel dazu Danke. Nimmst du ‘ne Gurke? Annemarie hielt ihm die Schüssel mit Gewürzgurken hin. Sie kommt selten, ich hab mich schon dran gewöhnt. Vielleicht bilde ich mir nur was ein, oder?
Hans schmatzte genüsslich den Salzgurken. Annemarie zuckte. Sie hasste es, wie er die Gurken wie ein Pferd einen Apfel kaute.
Ich denke, sagte Hans vollmundig, du hast einfach zu viel Zeit. Lies lieber über Zander! Die Jungs im Angelverein sind auch so erfinderisch Da gibts Sachen
Seine Augen leuchteten, die Wangen glühten, Annemarie winkte ab.
Hör endlich auf! Das passt nicht jetzt, Hans Oh, jetzt kapier ich’s! Konstantin ist in schlechte Kreise geraten, war mir eh immer zu clever. Jetzt steht er unter Verdacht, und Greta weiß nicht, ob sie sofort die Scheidung einreichen soll oder noch wartet. Und du? Wärst du mit mir verheiratet geblieben, wenn ich Spionin wäre? fragte sie sehr ernst.
Hans verschluckte sich, hustete, trank Wasser.
Du und Spionin! Mademoiselle Mata Hari! Lass mich mit deinen Fantasien in Ruh!
Siehst du Alles nur Worte, nie hält was. Sagst immer, in Krankheit und Gesundheit Männer eben!
Genau, in Krankheit! Hans drehte demonstrativ den Finger an der Schläfe.
Unsere Greta wird jetzt die Frau eines politischen Gefangenen Warum trifft sie bloß immer so ein kompliziertes Schicksal! Es klingelt Bin ich mal gespannt!
Sie sprang auf, marschierte in den Flur und riss die Wohnungstür auf.
Annemarie! Grüß dich, hab Kuchen mitgebracht! jauchzte die rundliche, aber bestens gelaunte Nachbarin Julia Vogt. Na los, iss! Vorsicht, noch warm! Ist der Hans da? Frag ihn, ob er schon die Rente geholt hat ich hab meine gestern komplett beim Lidl gelassen. Mann, Annemarie plötzlich hemmte Julia, was ist mit dir?! Bist ja ganz blass!
Alles in Ordnung! Komm rein! kam auch schon Hans hinterher. Von Julia kann man naschen, richtig so. Aber, Julia
Ja? beugte sich Julia verschwörerisch an Hans.
Denk dran, bei uns ists jetzt heikel! flüsterte er, deutete auf Annemarie. Unsere Chefin Spionin! Will Scheidung androhen!
Ach bleib mit deinen Scherzen, Hans! lachte Julia. Na, was ist nun? Ich hab noch Kartoffeln aufm Herd
Greta kommt, seufzte Annemarie.
Und?
Sie kommt einfach so, mitten in der Woche Seit Monaten nicht hier gewesen, sonst ruft sie nur kurz wegen Gesundheit an Wenn ihre Eltern noch lebten, ach Annemarie schluchzte. Hab unser Mädchen nicht genug beschützt
Hm, können ja bei mir hocken, mach Hähnchenspieße Hans, kommst du? Ist Greta allein oder bringt sie den Mann mit? Und ich hab noch was Feines ausm Keller!
Julia brannte für selbstgebrannte Liköre, ihr Imbissbuffet war legendär im Viertel.
Kommt ihr? klopfte sie Hans auf die Schulter.
Er schüttelte zweifelnd den Kopf.
Wohl kaum. Bei uns ist heute große Tragödie angesagt. Danke für alles, Julia, aber jetzt zupfen wir uns gegenseitig die Haare aus und jammern dem Schicksal die Ohren voll. Greta kommt bestimmt nicht aus Spaß.
Na dann Grüße ausrichten! Julia verschwand, Annemarie landete gleich auf ihrem Hocker mit dem Stück Kuchen.
Die paniert den Krautkuchen immer zu sehr, verzog sie das Gesicht.
Ist lecker. Du bist nur neidisch. Mach den Tee, ich wasch ab, und du pack deine Siebensachen, Hans räumte bereits Jacken von der Garderobe.
Warum? fragte Annemarie kraftlos.
Du ziehst mal wieder zur Enkelin ins Gästezimmer, wie sich das für ne deutsche Oma gehört. Nimmst du die Skier mit?
Hans!..
Er kicherte, pfiff eine Operettenmelodie und dampfte in die Küche fürs Teewasser. Greta kommt! Kleine Hummel-Greta, die Enkelin Hans hatte sie so vermisst! Selber Schuld, dass ers so vermisst hatte
Greta kam gegen sieben, klingelte.
Oma! Ich bins! Bereit für das Chaos? sie drückte Annemarie Einkaufstüten in die Hand. Muss mich nur schnell frisch machen, dann zauber ich Salat. Und, Opa Hans?
Annemarie nickte in Richtung Wohnzimmer.
Dort. Greta hob sie an, aber Greta war schon weg, begrüßte Hans mit einem lauten Hallo, Opi!.
In der Küche schnitt sie direkt eine Gurke, schnatterte über die Arbeit.
Und, wie gehts euch? Habt ihr schon gehört, dass der Supermarkt hier zu ist? Musste ewig zum nächsten latschen, und dabei
Woher denn? Annemarie platzte. Du bist ja unsere vergriffene Persönlichkeit, weißt ja kaum noch, wo du wohnst!
Ach Oma, Unsinn. Ich hab nur so viel um die Ohren. Bin jetzt auf Kursen abends, da komm ich erst um zehn heim winkte Greta ab.
Hans klopfte mit den Fingerknöcheln, Annemarie fuchtelte wild.
Worum gehts in den Kursen, Kind?
Querbeet. Nicht wichtig. Gib noch eine Scheibe Wurst, bitte! sie griff zu. Ihr seid so komisch heute?
Nee, alles gut, Annemarie packte den Lappen. Greif zu! Julia Vogt hat Kuchen gebracht. Und dein Konstantin?
Na wo wohl, grinste Greta. Der hat Hausarrest!
Was?! Annemarie ließ den Kuchen fallen, sackte halb auf Hans.
Ach, Grippe! Krankgeschrieben. Ihm fehlt Zitrone. Und Honig? Ach, warum stehen die Skier im Flur? Fahrt ihr in den Wintersport?
Nee, Oma räumt mal durch, lass sie. Und auf Arbeit?
Alles gut. Soll ich Tee machen?
Sie füllte den Blechkessel, summte, dann verschwand sie ins Wohnzimmer zu Dunya dem berühmten grauen Kätzchen.
Annemarie schaute Hans an, zuckte mit den Schultern. Das Mädel trickst uns aus. Sagt, es sei alles ok, aber schaut weg
Im Radio las jemand pathetisch den Schluss von Effi Briest. Annemarie hielt den Atem an.
Ach Hans, warum sagt sie nichts? Will sie mich quälen?
Ach komm, ich geh mal nachsehen, was los ist, murmelte Hans, ließ Annemarie mit Theodor Fontane allein.
Greta! Hans klopfte ans Sofa. Komm her.
Sie hörte auf, mit der Katze zu spielen, rückte die Ohrringe zurecht, setzte sich brav.
Was los, Opa? Hast du den Angelartikel gelesen? War doch echt stark, oder? Umschlang ihn. Ich hock mich mal dazu.
Klar. Gehen wir mal wieder angeln, Greta? Hab extra für dich eine neue Rute!
Oh ja, Opa, nur noch fix was erledigen sie deckte sich mit Annemaries Strickjacke zu.
Greta
Hm?
Ist was mit Konstantin? Kind, mach dir keinen Kopf, Eheleben halt da rappelt’s Mal. Oder bist du krank? Sag an, reden hilft. Und falls ihr irgendwas verbockt habt, schaffen wir das schon. Weißt ja, dafür ist die Familie. Glaubst du mir?
Glaub ich, Opa. Ich schlafn bisschen. Ihr seid die Besten Auf euch duftets nach Marmelade Nach dem Aufwachen gehen wir angeln Ich bin einfach so gekommen, vermisst hab ich euch. Wirklich.
Greta sprach immer leiser, döste beim Opa mit dem Kopf auf dem Bauch ein
Na was?! zischte Annemarie, Hat sies gebeichtet? Scheidung? Rauswurf? Konstantin krumme Sachen? Red endlich!
Geh weg, du wandelndes Nachrichtenblatt! Greta ist einfach nur nach Hause gekommen, hat uns vermisst, fertig! Du willst immer gleich die Tragödie! Mein Herz steht schon still! Mach Platz, spritz dir deine Bachblüten!
Da klingelte Julia Vogt, reichte Annemarie eine Karaffe mit zartrosa Selbstgebranntem.
Und? flüsterte sie bedeutungsvoll und funkelte Richtung Gretas Sneaker. Großes Drama? Na los, erzähl!
Annemarie richtete sich auf, zupfte das graue Duttchen, zerrte die Strickjacke in Form, stieß das bein im löchrigen Pantoffel vor und blinzelte stolz.
Bei uns ist alles in Butter, hören Sie?! Was ihr euch immer einbildet! Kind kommt einfach Heim, besucht die Großeltern, Punkt! Und nimm du dein Gesöff, Julia, ab dafür!
Sie drückte der Nachbarin den Krug in die Hand samt leerem Kuchenteller, türschte sie hinaus.
Julia verschwand, und im kleinen Küchenradio endete Effis tragische Geschichte.
Annemarie zog beherzt den Stecker.
Heute ist Feiertag, unsere Enkelin ist bei uns! Wer hört schon Dramen, wenn die Familie feiert?!
Leute!, dachte sie kopfschüttelnd. Die machen aus allem ein Drama! Habt ihr nichts Besseres zu tun?!
Hans, Greta, Kuchen! Und Pralinen! rief sie, während sie triumphal den Tee servierte. Ach, wozu Bescheidenheit ist doch schließlich Feiertag!





