Mama, du bist jetzt 65. Es wird Zeit, zum Notar zu gehen und das Haus auf das Erbe übertragen zu lassen, meinte meine Schwester neulich bei unserem Besuch.
Vor einer Woche hatte meine Mutter Geburtstag, sie ist 65 geworden. Sie wollte nicht groß feiern. Sie hat uns einfach eingeladen, um gemütlich zu Hause zusammenzusitzen. Ich habe ihr einen schönen Rosenstrauß gekauft, dazu einen warmen Hausmantel und passende Hausschuhe. Außerdem habe ich einen Umschlag mit 400 Euro dazugelegt, falls sie es noch braucht.
Leider konnten meine Frau und die Kinder nicht mitkommen. Unser Sohn war krank, unsere Tochter hatte ein wichtiges Turnier, und Rita musste ganz plötzlich beruflich nach Berlin. Aber die Kinder haben für Oma ein großes Bild gemalt, auf dem wir alle gemeinsam vor ihrem Haus stehen.
An dem Tag kam noch meine jüngere Schwester, Klara, ins Dorf:
Sag mal, ich habs total verpennt, Mama auch was zu kaufen. Sag ihr einfach, dass der Mantel von uns beiden ist.
Ist in Ordnung. Aber hattest du nicht dran gedacht, dass Mama Geburtstag hat? Ist ja nicht gerade irgendein Datum.
Ach, Martin, du hast ja keine Ahnung, was bei mir gerade los ist auf Arbeit!
Klara ist immer ein bisschen unselbstständig gewesen. Mit 19 hat sie ein Kind von irgendeinem Jungen aus dem Wohnheim bekommen. Doch der hat sie sofort sitzen lassen, zahlt nicht mal Unterhalt. Damals habe ich auf dem Bau gearbeitet und Klara regelmäßig Geld geschickt, damit sie wenigstens Lebensmittel, Babynahrung oder Anziehsachen für meine Nichte Elsa kaufen konnte.
Ich habe sogar einen Platz im Kindergarten für Elsa organisiert und Klara einen Job besorgt mein Kumpel suchte eine Verkäuferin im Laden. Aber Klara hat da bloß drei Monate durchgehalten und dann hingeschmissen.
Seitdem hangelt sie sich von einem Minijob zum nächsten. Mal macht sie Fingernägel im Studio, mal Wimpernverlängerung. Letzten Sommer ist sie zum Arbeiten nach Österreich gefahren und hat Elsa bei Mama gelassen. Nach drei Monaten kam sie gerade mal mit 2.900 Euro zurück, und das hat sie gleich für irgendeinen Blödsinn ausgegeben, für ein neues Smartphone und für Elsa einen Laptop. Ich verdiene auf der Baustelle in einem Monat schon mehr arbeite aber auch wirklich viel.
Mama hat sich riesig gefreut, dass wir da waren sie hat lecker gekocht und viele Kuchen gebacken. Es kamen noch ihre Nachbarin und unsere Tante Ursula zu Besuch.
Doch der schöne Tag endete leider wieder im Streit. Mitten beim Kaffee fing Klara an, über das Erbe zu reden:
Mama, auf wen willst du das Haus eigentlich überschreiben?
Ach, Klarchen, was stellst du für Fragen! Das wird später gleichmäßig auf euch beide verteilt.
Gleichmäßig? Martin hat doch längst eine eigene Wohnung und seine Firma. Ich miete immer noch und kann mir kaum was leisten. Was soll er denn auch noch mit dem Haus?
Klara redete, als ob Mama morgen schon tot wäre. Sie hatte auch keine Scham, das vor allen Gästen zu diskutieren.
Klara, jetzt ist nicht der richtige Moment. Lass das doch fürs Erste.
Wann denn sonst? Mama, du bist 65, das ist schon ein beachtliches Alter. Lass das nicht schleifen, geh lieber zum Notar und überschreib mir das Haus schon jetzt.
Unsere Tante Ursula verschluckte sich fast am Tee, so peinlich war ihr das. Ich konnte diese Frechheit nicht mehr ertragen, nahm meine Schwester an die Hand und zog sie in die Küche:
Sag mal, bist du verrückt geworden? Was plapperst du da vor allen Leuten? Willst du Mama schon beerdigen, oder was?
Misch du dich lieber nicht ein. Ich hab Elsa schließlich allein großgezogen und ihr …
Allein? Hast du etwa vergessen, wie ich dir immer wieder Geld gebracht habe? Und wie Mama sich um Elsa gekümmert hat, wenn du unterwegs warst? Ich schwör dir, wenn du jetzt nicht aufhörst …
Klara war so beleidigt, dass sie Elsa packte und wortlos ging. Sie hat sich nicht mal von Mama verabschiedet. Und dann fing sie auch noch an, mir zu drohen, sie würde vor Gericht gehen und irgendwas gegen mich unternehmen. Das ist mir echt egal.
Aber Mama leidet nun sehr darunter. Klara hat ihr verboten, Elsa zu sehen, und lässt sie nicht mal ans Telefon. Nur wegen dieses blöden Hauses. Mama ist nur noch traurig und klagt über Herzschmerzen.
Ich weiß echt nicht mehr, was ich noch mit meiner Schwester machen soll. Sie ist erwachsen, benimmt sich aber wie ein trotziges Kind.
Am Ende dieses Tages habe ich gelernt: Egal wie sehr man für die Familie da ist manchmal zerstören Eifersucht und Missgunst das Schönste. Aber ich werde meine Mutter nicht allein lassen. Und wer weiß, vielleicht versöhnt sich Klara ja doch noch einmal mit uns.





