Verstehst du überhaupt, dass sie in zwei Stunden kommen, und dein Herd immer noch nicht funktioniert? Hannelore stand am Herd und hielt den Kochlöffel so fest umklammert, dass ihre Fingerknöchel ganz weiß wurden.
Er funktioniert schon, du musst bloß den Knopf ordentlich drehen, antwortete Bernd aus dem Wohnzimmer. Seine Stimme klang so, wie Menschen sprechen, wenn sie ein Gespräch beenden wollen, bevor es überhaupt richtig angefangen hat.
Ich drehe seit zehn Minuten. Drehe und drehe, Bernd.
Jetzt nicht, Hanne.
Wann dann? Wenn Annette reinkommt und gleich wieder meint, dass es bei uns nach Gas riecht?
Stille. Dann knackte das Sofa, Schritte wurden hörbar, und Bernd erschien in der Küchentür. Er trug seinen alten Strickpullover mit durchgescheuerten Ellbogen, Jogginghosen, ein Mann in der Wohnung, der seine Frau ansah, wie man das Wetter betrachtet nicht zu ändern, aber auch nicht zu ignorieren.
Annette sagt nichts, meinte er, nicht sehr überzeugt.
Annette sagt immer was. Hannelore drehte noch einmal am Knopf, endlich sprang die Flamme als blauer Kreis an. Siehst du? Hab ich doch gesagt.
Na also.
Na also. Hannelore schwieg und sah ins Feuer. Sag mal, könntest du heute nicht vielleicht wenigstens einmal falls sie wieder wegen dem Salat oder dem Geschirr anfängt?
Hanne.
Ich frag ja nur.
Sie fängt schon nicht an.
Hannelore antwortete nicht. Sie nahm einen Topf, stellte ihn auf den Herd, und allein daran, wie sie das etwas zu laut tat, sah man, dass das Gespräch für sie beendet war nicht, weil sie zugestimmt hätte, sondern weil sie wusste: Es bringt nichts, weiterzumachen.
Sie war 43, mit Bernd seit 21 Jahren verheiratet. Sie kannte inzwischen jede seiner Pausen, jedes Zögern, jede Art, wie er es vermied, auf Fragen einzugehen. Annette sagt nichts hieß: Ich hoffe einfach, dass Annette nichts sagt, aber wenn, dann schweige ich vermutlich; und du weißt das.
Sie lebten zu dritt in einer Zweizimmerwohnung in der Otto-Braun-Straße, im sogenannten Werkviertel von Dortmund. Der Name stammte noch aus den 70ern, als hier die Maschinenfabrik Braun & Sohn stand; die Fabrik war längst dicht, aber der Name blieb. Die typischen Plattenbauten, gebaut in den späten Achtzigern, mit engen Treppenhäusern und Aufzügen, die immer so quietschten, als ob sie sich über das Leben selbst beklagen müssten. Hannelore hielt den Hof immer ordentlich. Sie kehrte im Winter sogar den Schnee, wenn der Hausmeister nicht hinterherkam.
Die Wohnung hatten sie von Bernds Vater geerbt, Manfred Schuster. Eigentlich hatte Manfred sie ihnen überschrien, als er vor drei Jahren zu ihnen zog allein ging nicht mehr. Vorher hatte er hier nach dem Tod seiner Frau selbst gelebt, klein, drahtig, Hände, wie sie nur ein Maurer bekommt, Staub und Mörtel in den Falten. Sein Leben lang hatte er gebaut: erst als Bauarbeiter, dann als Vorarbeiter, später Bauleiter, dann ein bescheidenes eigenes Baugeschäft. Kein Vermögen nach heutigen Maßstäben, aber doch etwas für einen, der von unten kam.
Manfred hatte zwei Kinder, Bernd und Annette. Annette war acht Jahre älter, hatte gut geheiratet, ihr Mann Olaf betrieb einen Großhandel für Baustoffe, sie wohnten im neuen Teil von Essen, groß, Flussblick, schickes Auto, Urlaub in Spanien, und alles unterstrichen sie immer auf feine, nicht wirklich verletzende, aber sehr spürbare Art.
Hannelore spürte das jedes Mal.
Sie überlegte währenddessen, ob sie an alles gedacht hatte: Kartoffelsalat. Rollmops. Sülze. Ofenhähnchen mit Kartoffeln. Krautkuchen. Sie hatte alles selbst gemacht, war um halb sieben aufgestanden, als Bernd noch schlief. Die Hände rot vom heißen Wasser, ein Nagel abgebrochen beim Dosenöffnen. Keine Zeit für Maniküre seit drei Wochen. Nicht wegen Geldmangel, sondern weil sie als Klavierlehrerin an der städtischen Musikschule arbeitete, abends bis sieben, danach noch einkaufen, kochen, zu Manfred mit den Tabletten und die Bettwäsche wechseln.
Manfred lag jetzt im kleinen Zimmer. Sie hatten es ihm überlassen, selbst schliefen sie auf dem Klappsofa im Wohnzimmer. War ihr Entschluss gewesen, Hannelore sprach nie darüber, es war klar: Wer Hilfe braucht, soll sie bekommen.
Manfred ging es die letzten Monate schlechter. Die Lunge, sagte der Arzt. Hannelore fuhr mit ihm zu den Terminen Bernd arbeitete im Schichtdienst im Werk, Annette schickte manchmal Geld für Medikamente und rief einmal monatlich an, das war ihrer Ansicht nach genug. Also fuhr Hannelore. Sie nahm sich frei, setzte Manfred sanft auf den Rücksitz ihres alten VWs, fuhr los. Meist schwieg er, manchmal sagte er: Heute wenig Schnee, oder: Früher stand hier ein Markt.
Hannelore antwortete; nicht aus Pflichtgefühl, sondern, weil sie ihm einfach gern zuhörte.
Jetzt schnitt sie gerade Karotten für den Salat und dachte daran, noch die Tischdecke zu bügeln. Ein alter Leinenläufer, bestickt am Rand, von ihrer Mutter selbst gestickt, noch zu DDR-Zeiten. Es war das einzige Stück, das Hannelore mitgenommen hatte aus dem kleinen Ort vier Stunden südlich, wo ihre Mutter noch lebte und sonntags anrief. Hannelore sagte immer: Alles gut, und ließ es dabei.
Hanne, rief es leise aus dem kleinen Zimmer.
Sie trocknete sich die Hände, ging nachsehen.
Manfred lag zugedeckt auf dem Bett, 72 inzwischen, und sah aus, als würde ihn irgendetwas langsam in das Matratzeninnere ziehen. Graues Gesicht, aber wache, dunkle Augen wie Leute, die viel erlebt haben und wenig davon reden.
Was gibts, Manfred?
Bringst du mir ein Glas Wasser? Irgendwas kratzt im Hals.
Kommt sofort. Warm?
Ja, bitte. Er schwieg. Sie kommen heute?
Sie kommen. Annette und Olaf. Zu Silvester.
Er nickte. Sagte nichts. Hannelore sah trotzdem das leichte Stirnrunzeln. Sie brachte warmes Wasser, half ihm auf, stützte ihn sanft mit Kissen.
Möchtest du was essen? Ich hab Brühe gemacht. Hühnchen mit Nudeln.
Später. Gerade nicht.
Ich lass es stehen.
Hanne, sagte er, als sie schon zur Tür ging.
Ja?
Er sah sie lange an. Irgendwie anders. Sie verstand erst nach einer Weile, dass er eigentlich etwas sagen wollte.
Ist schon gut, sagte er dann. Du musst weiterkochen.
Sie kehrte zurück in die Küche.
Im Flur klingelte das Telefon. Bernd meldete sich, in einer Stimme, die er nur mit Annette zeigte, ein bisschen angespannt, irgendwie vorauseilend entschuldigend.
Ja, Annette. Alles ist bereit. Hannelore war den ganzen Tag dran. Ja, wir warten. Natürlich.
Hannelore rollte den Teig aus und dachte, wie sehr alles ist bereit danach klang, als hätte Bernd den ganzen Tag am Herd gestanden.
Sie sagte kein Wort.
Draußen war es inzwischen dunkel. Silvester in Dortmunds Werkviertel war wie in jedem Wohngebiet. Lampen in den Fenstern, Leute mit Tüten, Kinder an den Händen ihrer Eltern, Schneematsch auf dem Asphalt.
Hannelore schaute aus dem Fenster, als ein großer, schwarzer SUV auf den Hof fuhr, im Licht der Laternen blitzend. Sie erkannte ihn sofort.
Bernd, sie sind da.
Bernd kam aus dem Zimmer, hatte sich umgezogen, Hemd, Haare frisch gekämmt. Hannelore sah ihn an und fühlte wieder diesen stillen, traurigen Anflug, den sie immer in solchen Momenten hatte. Nicht Zorn, eher resigniertes Bedauern.
Mach du auf, ich wasche mir nur die Hände, sagte sie.
Sie nahm die Schürze ab, richtete ihr dunkelbraunes, an den Schläfen erstes graues Haar, das sie noch nie gefärbt hatte nicht aus Prinzip, sondern aus Zeitmangel im kleinen Flurspiegel.
Die Haustür knallte. Der Aufzug ächzte. Dann Annettes Stimme, noch jenseits der Tür.
Oh Gott, hier riechts ja wieder Olaf, riechst du das?
Bernd öffnete.
Annette war eine große, kräftige Frau von einundfünfzig, perfekter Kurzhaarschnitt, teure Ohrringe. Sie konnte einen Raum betreten und sofort das Zentrum sein, nie plump, aber souverän. Sie war immer schon die Ältere, Erfolgreiche, bei der scheinbar alles gelang und bemerkte nie, wie andere sich dadurch kleiner fühlten.
Olaf folgte, etwas jünger als sie, kräftig gebaut, das Gesicht eines Mannes, der immer alles im Griff hat, mit zwei schweren Einkaufstüten.
Bernd! Annette umarmte ihren Bruder, klopfte ihm auf den Rücken. Wie gehts euch? Wir sind prima durchgekommen, kaum Stau!
Schön, dass ihr da seid, sagte Bernd.
Annette trat in den Flur, sah Hannelore.
Ach, Hannelore. Sie bewegte sich zum angedeuteten Wangenkuss, ihre Lippen berührten aber nichts. Du hast dich ins Zeug gelegt, das riecht man!
Ich war in der Küche, ja, antwortete Hannelore neutral.
Wir haben ein paar Sachen mitgebracht, Annette nickte zu den Tüten. Frischer Lachs, nicht so ein Dosenzeug. Und guten Käse. Olaf, ab damit in den Kühlschrank.
Olaf ging in die Küche, ohne zu fragen. Hannelore folgte aber Annette hielt sie kurz am Arm.
Moment, ich wollte noch fragen, wie gehts Vater?
Wie immer, sagte Hannelore. Heute ist ein besserer Tag.
Wir denken darüber nach, ihn mal privat irgendwo vorzustellen. Olaf hat recherchiert, da gibts Spezialisten.
Er ist in Behandlung. Wir fahren in die Klinik.
Klinik, jaja, Annette sagte das so, als sei es naiv. Naja, wie auch immer.
Sie betrat das Wohnzimmer, schaute sich um. Hannelore beobachtete sie von der Schwelle aus.
Ihr habt immer noch das alte Sideboard? fragte Annette und meinte das massive Möbelstück, in dem hinter Glas das gute Geschirr stand.
Immer noch, entgegnete Hannelore.
Wir wollten euch den italienischen Schrank geben, wisst ihr noch? Wir tauschten den ja gerade aus.
Ist notiert, sagte Bernd, der im Flur dazugekommen war. Danke, Annette.
Hättet ihn ruhig direkt nehmen können. Annette strich sich etwas Fussel von ihrer Pelzjacke, die sie an den Haken hängte. Teuer, tiefdunkel, offensichtlich edel. Und, wie sieht euer Tisch aus?
Sie gingen in die Küche.
Hannelore hatte den Tisch gedeckt, besticktes Leinentuch von ihrer Mutter, ihr und Bernds Geschirr von der ersten Hochzeitstag, schlichte weiße Teller mit blauem Rand, Gläser, Salate in hübschen Schüsseln, alles fein säuberlich.
Annette ließ den Blick wandern. Erst über den Tisch, die Stühle, das Geschirr.
Ganz nett, sagte sie. Ein Wort, das alles meinte.
Olaf nahm Platz, Hände auf den Tisch. Bernd setzte sich gegenüber. Hannelore kontrollierte das Ofenhähnchen.
Hannelore, du arbeitest noch immer in der Musikschule? fragte Annette und schenkte sich Wasser ein.
Immer noch, ja.
Lehrerin?
Ja, Klavierklasse.
Ja, Lehrer heutzutage Annette ließ eine Pause. Immerhin besser als nichts.
Sicher besser als nichts, entgegnete Hannelore ebenso ruhig.
Ich meine nur, in städtischen Schulen wird ja wenig bezahlt?
Es ist eine städtische Schule.
Wir haben geschaut, Olaf wollte seinen Neffen privat unterbringen. Ganz anderes Niveau, alles Konservatoriumsabsolventen.
Ich bin auch von der Musikhochschule, erwiderte Hannelore.
Pause.
Klar, natürlich, sagte Annette. Hab ich auch nicht anders gemeint.
Doch, hatte sie.
Hannelore nahm das goldene Hähnchen aus dem Ofen und stellte es auf den Tisch, nahm die Folie von den Salaten.
Ah, Kartoffelsalat, meinte Annette. Klassiker.
Magst du doch, erinnerte Bernd.
Mochte ich. Früher. Annette nahm einen Löffel, stocherte im Salat. Hanne, Erbsen aus der Dose oder tiefgekühlt?
Dose.
Naja, wir nehmen jetzt immer die frischen. Schmeckt komplett anders, lebendig.
Lebendig ist hier genug, murmelte Hannelore.
Olaf schenkte Wein ein, den sie selbst mitgebracht hatten. Auch für Bernd, dann Hannelore, ihr Glas war dabei etwas kleiner gefüllt.
Aufs neue Jahr, prostete Olaf.
Sie stießen an.
Annette probierte.
Kann man essen, sagte sie. Nur mit Mayonnaise übertrieben. Unsere Lena macht es mit griechischem Joghurt. Ganz anderes Gefühl.
Wer ist Lena? fragte Hannelore.
Unsere Haushaltshilfe. Eine Syrerin, kocht super. Wir bezahlen sie gut, deswegen gibt sie sich Mühe.
Hannelore nickte. Nicht, weil sie interessiert war, einfach, weil es leichter war, als nicht zu nicken.
Aus dem kleinen Zimmer klang Husten. Manfreds langer, dumpfer Husten. Annette machte einen Moment Pause, dann sprach sie leise weiter mit Olaf.
Hannelore stand auf.
Ich schaue nach ihm.
Manfred saß am Bettrand, hielt sich fest, das Gesicht angespannt.
Wasser?
Ja, ein Glas bitte.
Sie reichte es ihm, er trank, der Husten ließ nach.
Sind sie da draußen? fragte er.
Ja. Beim Abendessen.
Er sah sie an. Wollte etwas sagen. Sie sah es an seiner Bewegung, dann verstummte er.
Kommst du raus? Ich helf dir.
Später. Lass sie erstmal essen.
Gut.
Hanne. Er hielt sie auf, wich ihrem Blick diesmal nicht aus. Du weißt, dass du gut bist.
Sie lächelte. Nicht, weil sie darauf gewartet hatte. Sondern, weil er es aus vollem Herzen sagte.
Essen Sie ruhig, Manfred. Es gibt noch warme Suppe.
Sie kehrte in die Küche zurück.
Wie gehts ihm? fragte Bernd.
Der Husten ist abgeklungen.
Husten, wiederholte Annette. Er sollte mal zu einem guten Lungenarzt. Nicht zu so einem Hausarzt.
Er ist in Behandlung.
Bei welchem?
Beim Onkologen.
Stille.
Was meinst du mit Onkologen? fragte Annette langsam.
Dem Facharzt für Krebs.
Ich dachte, es ist was mit der Lunge?
Ich habe gesagt, die Lunge ist betroffen.
Annette sah Bernd an, der mied ihren Blick.
Bernd, wusstest du das?
Es gibt noch Untersuchungen murmelte er.
Wie meinst du das?
Die Ärzte tun, was sie können, warf Hannelore ein. Jetzt bitte nicht. Es ist Silvester.
Annette lehnte sich zurück. Sie musterte Hannelore, als müsse sie erst entscheiden, wie sie darauf reagieren wolle.
Gut, sagte sie dann. Feiertag ist Feiertag.
Das Gespräch drehte sich zu Olaf und seinem neuen Auto, Annette erzählte vom Umbau im Wochenendhaus. Hannelore trug auf, räumte Teller ab, reichte Brot, alles so, dass sie den Gesprächsfluss nicht störte.
Bernd hörte zu, nickte ab und an, froh, dass keine Spannungen aufkamen, Annette nicht stichelte, und Olaf entspannt war. Hannelore sah ihm dabei zu und fragte sich, ob er je verstanden hatte, wie viel Mühe für dieses Gleichgewicht nötig war.
Hannelore, hattest du eigentlich eine Schwiegermutter? fragte Annette plötzlich.
Ja, aber die ist lange tot.
Hast du dich gut mit ihr verstanden?
Es ging gut.
Meine Mutter sagte immer, dass du sehr gewissenhaft bist.
Sie sprach das Wort so aus, dass es wie ein Vorwurf klang.
Ich gebe mein Bestes, sagte Hannelore.
Das merkt man, erwiderte Annette und schaute auf die Schale mit Heringssalat. Mit Rote Bete?
Ja.
Ich mag keine Rote Bete. Das weißt du doch?
Dachte, du hättest letztes Mal davon gegessen.
Da wollte ich dich nicht kränken.
Aha.
Hanne, nimms nicht übel. Beim nächsten Mal vielleicht einfach ohne.
Ich merke es mir, sagte Hannelore, bediente weiter.
Bernd starrte ins Glas.
Der Fisch ist gut, bemerkte Olaf plötzlich gestockter?
Ja, selbstgemacht.
Großartig, sagte Olaf, und Hannelore konnte fast glauben, dass er es ehrlich meinte.
Gegen zehn bat Annette:
Hanne, noch eine Schüssel Kartoffelsalat für Olaf.
Kein bitte, kein könntest du. Nur bring.
Hannelore brachte es.
Und einen sauberen Löffel, fügte Annette hinzu.
Hannelore holte einen Löffel.
Das Brot ist fast alle, brummte Olaf.
Hannelore stand auf.
Bernd erhob sich nicht.
Kurz vor halb elf wieder Husten aus dem kleinen Zimmer, schlimmer diesmal. Hannelore stand rasch auf.
Musst du schon wieder?! Wir sitzen doch gerade!
Ihm gehts nicht gut.
Dann schick doch Bernd! Immerhin ist es sein Vater.
Bernd zuckte, als wollte er aufstehen.
Sitz, Bernd, sagte Hannelore ruhig, aber bestimmt. Ich geh.
Sie fand Manfred hustend, blass. Gab ihm Wasser, legte ihre Hand auf seine Schulter, wartete, bis es besser wurde.
Ich möchte raus, sagte er nach einer Weile. An den Tisch.
Ist gut, ich helfe Ihnen.
Sie suchte seinen warmen Pullunder, half ihm hinein, gab ihm den Stock.
Gehen wir.
Sie traten gemeinsam in die Küche.
Annette stand auf, als sie ihn sah.
Papa. Sie umarmte ihn vorsichtig, als ob sie nicht wusste, wie viel Nähe richtig ist. Wie gehts dir?
Es geht, meinte er. Setzt euch nur.
Er nahm Platz, Hannelore servierte seine Suppe und schenkte ihm Tee ein.
Papa, wir wollten noch mit dir sprechen es gibt so eine private Klinik, wir haben da was recherchiert
Später, Annette, unterbrach er. Lass uns erst essen.
Er griff nach Brot. Hannelore bemerkte, wie seine Hände zitterten, aber er hielt das Brot fest.
Du siehst schlecht aus, sagte Annette.
Ich bin eben krank, Annette.
Deshalb erwähne ich ja die Klinik.
Ich habs verstanden.
Kurze Pause.
Da sind Schaumküsse, bemerkte Olaf, zeigte auf eine Dose.
Ich hab sie gekauft, sagte Hannelore.
Die rosa, sagte Olaf. Die gabs bei Oma immer früher zu Silvester.
Nostalgie, Annette schnaubte. Hätte ich nie gedacht, dass du so sentimental bist.
Bin ich manchmal.
Die Stimmung wurde wärmer. Manfred aß langsam, aber er aß. Hannelore beobachtete ihn dabei.
Annette wollte nochmal zum Kartoffelsalat greifen und stieß scheinbar unabsichtlich die Schale mit Heringssalat an, die über das Leinentischdeckchen glitt, kippte, und Teile direkt auf das bestickte Tuch fielen.
Stille.
Na toll, bemerkte Annette. Es klang nicht entschuldigend. Kann man nichts machen.
Ist nicht schlimm, wir machen sauber, begann Bernd.
Moment, Hannelore blieb ruhig. Sie sah Annette direkt an. Du hast den Salat, den ich gemacht habe, fallen gelassen.
Aus Versehen.
Schon gut. Das Tuch ist von meiner Mutter. Ich behandle es mit Sorgfalt.
Hanne, jetzt hör auf. War wirklich keine Absicht.
Ich höre das. Ich bitte dich nur, Entschuldige zu sagen.
Pause.
Annette sah verwundert.
Wie bitte?
Entschuldige dich bitte.
Wofür? Es war ein Missgeschick.
Weil ich dich darum bitte, und es mein einziges, sorgsam gepflegtes Stück ist.
Bernd? begann er.
Bitte, lass sie, erwiderte Hannelore ruhig.
Annette richtete sich auf.
Du meinst das ernst?
Ja.
Du willst, dass ich mich für einen gefallenen Salat entschuldige?
Ich bitte dich nur darum.
Annette schaute zu Olaf, der spielte mit seinem Glas, zu Bernd, der auf den Tisch starrte, und dann zu ihrem Vater.
Manfred sah sie ruhig und unvoreingenommen an.
Sag einfach Entschuldige, bat er. Sie fragt höflich.
Mehrere Sekunden Stille.
Entschuldige, sagte Annette schließlich, scharf, wie eine Münze im Automaten.
Danke, sagte Hannelore, ging zum Putzen.
Drei Minuten sprach niemand.
Dann einschenkte Olaf nach, Annette griff nach dem Schaumkuss. Das Gespräch nahm langsam Fahrt auf, aber mit einer anderen Stimmung als hätte sich im Raum etwas verschoben.
Hannelore räumte das Deckchen ab, legte eine einfache Decke auf. Den Fleck bekam sie nicht mehr heraus. Sie faltete das Tuch, würde es später einweichen.
Übrigens, meinte Annette, habt ihr wegen der Wohnung schon mal überlegt, was ihr damit anstellen wollt?
Inwiefern? fragte Bernd.
Naja, wenn… Es ist ja Papas Wohnung. Er hat sie euch überlassen, schon klar, aber er meinte immer, er möchte Gerechtigkeit.
Annette versuchte Olaf sie zu stoppen.
Ich meins ernst. Wir haben nie wirklich drüber gesprochen. Vater, du weißt doch, man muss Dinge ordentlich regeln. Mit Notar, Urkunden. Solange alles ruhig ist.
Annette, sagte Manfred fest.
Was? Es ist nur praktisch gedacht. Die Firmenanteile und das Bankkonto das Ganze liegt ja nicht einfach rum.
Annette, wiederholte er nachdrücklich.
Sie schwieg.
Ich höre alles, sagte Manfred. Und ich verstehe, worauf du hinauswillst. Deshalb wollte ich genau heute etwas dazu sagen.
Annette sah Olaf an.
Warum heute?
Weil Silvester ist. Weil ihr alle hier seid. Weil ich zu alt bin, auf einen besseren Moment zu warten. Es gibt nur diesen hier.
Die Uhr im Flur tickte hörbar. Hannelore hatte sie mal auf dem Flohmarkt gefunden und mühevoll in Gang gebracht.
Ihr wisst, dass ich krank bin. Und dass Hannelore mich zu allen Terminen fährt seit es ernst wurde.
Annette wollte einhaken.
Nein, hör zu, sagte er.
Sie schwieg.
Seit über einem Jahr bin ich krank. Ich habe viel nachgedacht. Nicht über die Krankheit, sondern über Menschen. Er sah Hannelore an. Sie fuhr bei jedem Wetter mit mir, nahm frei, wartete stundenlang, kochte für mich, war nachts wach, wenns mir schlecht ging Hat nie etwas gefordert. Niemals gefragt, was für sie dabei rausspringt.
Papa, wir haben finanziell geholfen, mischte sich Annette ein.
Das weiß ich, sagte er. Das Geld half bei den Medikamenten. Aber kein Geld bringt sie zu den Arztterminen, das macht ein Mensch. Dieser Mensch hier. Er blickte erneut Hannelore an. Sie hat nie geklagt, nie einen Gefallen verlangt, einfach gemacht.
Draußen knallte eine Rakete.
Wo willst du dahin, Papa? fragte Bernd leise, als wüsste er, was kommt und hätte Angst davor.
Manfred holte langsam einen Umschlag aus seiner Strickjacke. Verschlossen. Legte ihn auf den Tisch.
Da sind die Papiere. Ich war beim Notar, vor drei Monaten schon. Die Firmenanteile, das Konto, und mein Anteil vom Haus alles geht an Hannelore.
Der Raum war plötzlich schwer.
Was? hauchte Annette.
Sie sprach anders, als hätte der Boden unter ihren Füßen Nachgegeben.
Du hast richtig gehört, sagte Manfred.
Papa Du weißt, dass wir deine Kinder sind. Ich bin deine Tochter. Bernd ist dein Sohn.
Ich weiß, wer ihr seid.
Und du gibst alles deiner Schwiegertochter? Sie ist doch erst durch Bernd in die Familie.
Dem Menschen, der immer da war. Er sprach es aus, ohne Groll. Ich liebe euch beide, das wisst ihr. Aber manchmal sind Liebe und Gerechtigkeit zwei verschiedene Dinge.
Gerechtigkeit! Annette sprang auf. Das ist also Gerechtigkeit?
Setz dich, Annette, bat Olaf.
Nein! Ihre Stimme bebte. Wir haben geholfen, Geld geschickt, Kliniken recherchiert
Hast du, nickte er. Aber nie besucht, nie mit zum Arzt. Kein einziges Mal hier geblieben, alss mir schlecht ging. Nie Hannelore gefragt, ob ihr geholfen werden kann.
Annette stand unsicher da, ihr Gesicht war blass.
Es ist nicht fair sagte sie leise, fast kindlich.
Mag sein, erwiderte Manfred. Aber ich hab so entschieden.
Olaf stand auf. Griff still zur Jacke.
Olaf?
Wir gehen, sagte er, ohne an einen zu wenden. Annette, komm.
Wir gehen nirgends hin! zischte sie.
Annette, er blieb ruhig. Lass uns gehen.
Sie sah den Vater, dann Hannelore, wieder den Vater.
Du wirst es bereuen, sagte sie. Ohne Drohung, einfach ehrlich.
Vielleicht, antwortete er. Aber ich bin zu alt und krank, aus Angst etwas zu tun, das ich falsch finde.
Annette nahm den Mantel, Olaf stand bereits im Flur. Bernd bewegte sich nicht.
Bernd! rief Annette.
Ich Er stockte.
Kommst du?
Bernd schaute von Schwester zu Frau. Das Gesicht eines Mannes, dem man zwei falsche Wege anbietet.
Ich bleib zu Hause, Annette, entschied er schließlich.
Sie ging. Der Türschlag war leise, schlimmer, als ein Knallen.
Drei Minuten vor Mitternacht.
Bernd saß am Tisch, starrte auf den Umschlag.
Hanne begann er.
Nicht jetzt, sagte sie.
Ich wollte nur
Bernd. Nicht jetzt.
Sie stand mit dem Sektglas auf, trat zu Manfred. Er sah sie an, ganz ruhig als hätte er alles Wichtige erledigt.
Noch fünf Sekunden, sagte er.
Im Nebenraum schlug die Fernsehuhr. Eins, zwei, drei
Hannelore hob ihr Glas.
Er hob seins, die Hand zitterte leicht.
Prost Neujahr, Hanne.
Ein gutes neues Jahr, Manfred.
Sie stießen an. Leise, klirrte kaum.
Draußen explodierten Raketen, bunt und laut und froher, als sie sich fühlten.
Bernd blieb still, bis er langsam einen Scherben am Boden fand von dem Teller, den Annette umgestoßen hatte. Er hob ihn auf, sah Hannelore an.
Hanne Verzeihst du mir?
Sie blickte ihn lange und ruhig an.
Räum die Scherben weg, Bernd, sagte sie, und iss noch was. Es ist noch genug Salat da.
Er nickte, holte Besen und Schaufel.
Manfred blickte aus dem Fenster ins dunkle, feuchte Himml über Dortmund, über alten Hochhäusern und schmutzigem Schnee, und sah die Raketen, die ihre Farben warfen, jede einzelne besonders, und dann kam schon die nächste.
Hannelore stellte ihr Glas ab.
Setzte sich neben ihren Schwiegervater.
Und so saßen sie da, zwei Menschen, die wussten: Man kann geben, ohne zu erwarten, und manchmal ist das die größte Form der Gerechtigkeit.





