Greta merkte es sofort, als sie an dem Stoffzipfel zog, der aus dem Busch ragte. Der Lappen war eine alte, bunte Windel, und sie zog noch einmal kräftiger. Dann erstarrte sie: In der Ecke der Windel lag ein winziges Baby.
In der Frühe hatte Greta einen seltsamen Traum: Ihr Sohn, Alex, stand auf der Veranda und klopfte an die Tür. Sie fuhr hoch, riss sich aus dem Schlaf und lief barfuß zur Tür.
Stille. Niemand. Solche Träume hatte sie oft, und sie täuschten sie immer wieder, doch jedes Mal rannte sie zur Tür und riss sie weit auf. Auch diesmal öffnete sie und starrte in die nächtliche Leere.
Die Stille und die Dämmerung der Nacht umfingen sie. Sie setzte sich auf die Treppe der Veranda und versuchte, ihr unruhiges Herz zu beruhigen. Doch dann hörte sie plötzlich ein Geräusch ein leises Fiepen oder Rascheln.
Wieder hat sich die Nachbarskatze verheddert, dachte Greta und ging los, um das Tier aus den Johannisbeersträuchern zu befreien, wie sie es schon oft getan hatte.
Doch es war keine Katze. Greta wusste es sofort, als sie an dem Stoffzipfel zog. Es war eine alte, bunte Windel, und sie zog noch fester.
Und dann sah sie es: In der Ecke lag ein winziges, nacktes Baby ein Junge. Sein Nabel war noch nicht abgeheilt, er musste erst vor Kurzem geboren worden sein.
Das Baby konnte nicht einmal mehr schreien, es war völlig erschöpft, nass und wahrscheinlich hungrig. Als Greta es aufnahm, gab es nur ein schwaches Wimmern von sich.
Ohne nachzudenken, drückte sie es an sich und rannte ins Haus. Sie holte ein sauberes Laken, wickelte das Kind ein, deckte es mit einer warmen Decke zu und wärmte Milch.
Sie fand eine Flasche und einen Schnuller, der noch vom letzten Frühling übrig war, als sie ein kleines Zicklein aufgezogen hatte. Der Junge trank gierig, verschluckte sich, und dann, satt und warm, schlief er ein.
Der Morgen kam, doch Greta bemerkte nichts. Sie dachte nur über ihr Fundstück nach. Sie war schon über vierzig, und im Dorf nannten sie sie längst Tante Greta.
Ihren Mann und ihren Sohn hatte sie im Krieg verloren, nicht einmal im selben Jahr, und seitdem war sie allein auf der Welt. Sie hatte sich nie an die Einsamkeit gewöhnt, aber das Leben erinnerte sie ständig daran.
Jetzt war sie unsicher. Sie sah das Baby an es schlief friedlich, wie alle kleinen Kinder schlafen.
Da kam ihr der Gedanke, mit der Nachbarin zu sprechen. Noch einmal betrachtete sie das Kind und ging zu Helene. Helenes Leben verlief ruhig und geordnet: Sie hatte nie Mann oder Kinder verloren, nie eine Todesnachricht erhalten. Sie lebte in den Tag hinein.
Ihre Männer kamen und gingen, sie hielt nie lange an ihnen fest. Jetzt stand Helene, schön und stolz, auf ihrer Veranda, eine Schal über die Schultern geworfen, und streckte sich in der Sonne. Als Greta ihr von der Nacht erzählte, sagte sie nur:
Warum willst du das überhaupt? und ging ins Haus. Greta sah noch, wie der Vorhang am Fenster zuckte wieder einmal hatte Helene Besuch.
Warum? Ja, warum eigentlich? flüsterte Greta.
Sie ging nach Hause, packte ein paar Sachen zusammen, wickelte das Baby warm ein und wartete an der Bushaltestelle. Ein LKW hielt bald.
Zum Krankenhaus? fragte der Fahrer und nickte zum Bündel in ihren Armen.
Zum Krankenhaus, antwortete Greta ruhig.
Im Waisenhaus, während die Papiere für das Findelkind ausgefüllt wurden, konnte sie das Gefühl nicht abschütteln, etwas Falsches zu tun. Etwas in ihr wehrte sich.
Wie soll der Junge heißen? fragte die Leiterin.
Sein Name? Greta zögerte einen Moment, dann sagte sie unerwartet: Er heißt Alex.
Ein schöner Name, meinte die Leiterin. Wir haben hier viele Alexanders und Katharinas. Manche haben Eltern, die gefallen sind, aber so einen wie deinen wer wirft so etwas weg? Männer gibt es kaum, und dann so etwas! Eine Rabenmutter!
Die Worte trafen Greta tief. Als sie am Abend nach Hause kam, zündete sie die Lampe an.
Dann fiel ihr Blick auf die alte Windel. Sie hatte sie nicht weggeworfen, nur zur Seite gelegt. Jetzt nahm sie sie in die Hand und setzte sich aufs Bett.
Mechanisch strich sie über den alten Stoff, als spürte sie plötzlich einen Knoten in der Ecke.
Darin steckten ein kleiner, grauer Zettel und ein einfaches Zinnkreuz an einer Schnur. Sie faltete den Zettel auf und las:
Liebe, gute Frau, vergib mir. Ich brauche dieses Kind nicht, mein Leben ist ein Chaos. Morgen bin ich nicht mehr auf dieser Welt. Lass meinen Sohn nicht allein, gib ihm, was ich ihm nicht geben kann Liebe, Fürsorge und Schutz.
Dazu stand das Geburtsdatum. Da brach es aus Greta heraus: Sie weinte und schrie, als trauere sie um einen Toten. Die Tränen flossen wie ein Strom, obwohl sie dachte, sie hätte keine mehr.
Sie erinnerte sich an ihre Hochzeit, an das Glück mit ihrem Mann. Dann kam Alex und wieder war sie glücklich. Im Dorf beneideten sie die Frauen um ihr strahlendes Lächeln.
Warum auch nicht? Ihr Mann liebte sie, ihr Sohn liebte sie. Doch dann kam der Krieg. Im August 42 erhielt sie die Todesnachricht für ihren Mann, im Oktober desselben Jahres für ihren Sohn.
Und damit war Gretas Glück vorbei.
Jetzt konnte sie nachts nicht schlafen, lief zur Tür, starrte in die Dunkelheit.
Am nächsten Morgen fuhr sie zurück ins Waisenhaus.
Die Leiterin erkannte sie sofort und war nicht überrascht, als Greta sagte, sie wolle den Jungen zurücknehmen so, wie es ihr verstorbener Sohn gewollt hätte.
Gut, sagte die Leiterin, nimm ihn mit. Mit den Papieren helfen wir dir.
Greta verließ das Heim mit einem anderen Herzen die schwere Leere darin war verschwunden. Stattdessen füllten es neue Gefühle: Glück und Liebe.
Als sie nach Hause kam, begrüßten sie nur die Fotos an der Wand. Doch diesmal sahen die Gesichter anders aus nicht traurig, sondern warm, ermutigend.
Greta drückte den kleinen Alex an sich und fühlte sich stark er würde sie noch lange brauchen.
Ihr werdet mir helfen, sagte sie zu den Fotos.
Zwanzig Jahre vergingen. Alex wurde ein guter Mann. Jedes Mädchen träumte von ihm, doch er wählte die, die sein Herz erwärmte nach seiner Mutter natürlich. Sie hieß Lina.
Eines Tages brachte Alex sie mit nach Hause, und Greta wusste: Ihr Sohn war ein Mann geworden. Sie segnete die beiden.
Hochzeit, Kinder, ein eigenes Nest und der jüngste Sohn hieß wieder Alex. Greta war nicht mehr allein.
Eines Nachts wachte sie von einem Geräusch auf und ging zur Tür. Draußen zog ein Gewitter auf.
Danke, mein Sohn, flüsterte Greta in die Dunkelheit. Jetzt habe ich drei Alexe und ich liebe euch alle.
Der große Baum vor dem Haus, den ihr Mann gepflanzt hatte, als Alex geboren wurde, rauschte im Wind. Dann zuckte ein Blitz wie das strahlende Lächeln ihres Sohnes.





