Menschen entdeckten ein völlig entkräftetes Pferd: Es hatte nicht einmal mehr die Kraft aufzustehen
Ein junges Liebespaar schlenderte langsam durch das hohe, dichte Gras einer Sommerwiese am Rande der Lüneburger Heide. Hand in Hand gingen sie, verloren in ihrem Gespräch und Blick, der nur Verliebte mit Wärme und Innigkeit austauschen. Die Sorglosigkeit des Augenblicks ließ sie alles um sich herum vergessen bis sie unvermittelt auf eine Erscheinung stießen, wie aus einem schlechten Traum.
Mit einem plötzlichen Schrei fuhr Elisa zurück. Ihr Freund Thomas, der keine Sekunde zögerte, machte instinktiv einen Schritt nach vorne, als wollte er sie vor einer unsichtbaren Gefahr beschützen obwohl niemand sie wirklich bedrohte.
Zwischen den Gräsern, nur wenige Schritte von ihnen entfernt, lag ein Pferd.
Doch was da lag, war kaum noch als Pferd zu erkennen. Es wirkte mehr wie ein Skelett, das mit rissiger, dünner Haut überzogen war, als ein lebendiges Tier.
Die Haut spannte sich pergamentdünn über hervortretende Rippen, so mager, dass es schien, als könnte schon die nächste Bewegung die Knochen nach außen treten lassen. Der Körper war übersät von verkrusteten Wunden, um die sich Fliegen in unablässigem Summen drängten.
Der Anblick des Tieres war so erbarmungswürdig, dass sich Entsetzen und Mitleid miteinander mischten.
Ach du arme Kreatur! rief Elisa erschüttert aus.
Für einen Moment schien alle Geräuschkulisse der Heide zu verstummen. Stille senkte sich über die Landschaft.
Dann bewegte sich das Tier kaum sichtbar, ein leichtes Zucken.
Gänsehaut überzog die Haut der beiden; in der nächsten Sekunde schien der Schrei, den sie gemeinsam ausstießen, die Luft zu zerreißen.
Sie rannten, wie gehetzt, zurück auf den Feldweg, wagten es nicht, sich umzusehen. Erst als sie dort außer Atem angekommen waren, begannen sie langsam, wieder klar zu denken.
Natürlich war ihnen niemand gefolgt.
Allmählich ließ die Panik nach, Platz für Überlegungen.
Sie ist am Leben flüsterte Elisa fassungslos.
Am Leben, aber sieht aus wie der Tod selbst, erwiderte Thomas düster.
Aber sie hat sich bewegt.
Noch einmal zurückgehen, das mussten sie vielleicht war das Ganze doch anders, vielleicht fraß sich ein Tier ins Innere! Eine schreckliche Vorstellung trieb Elisa einen kalten Schauer über den Rücken.
Sie bat Thomas, als ihr Ritter nachzusehen; selbst wartete sie auf dem Weg. Was auch immer dort im Gras geschah, wollte sie nicht direkt sehen.
Vorsichtig schlich er sich heran und überzeugte sich: Es war niemand weiteres da, und tatsächlich das Pferd lebte.
Als Thomas nahe herantrat, wandte das Pferd mühsam den Kopf und stieß ein leises Schnauben aus.
Jede Bewegung fiel ihm schwer; die ausgemergelten Flanken hoben und senkten sich kaum merklich es atmete.
Die Lider öffneten sich einen Spalt, als wollte es seinen Gegenüber mustern, aber ein rötlicher Schleier lag über den Augen, als hätte eine Krankheit ihnen das Leuchten genommen.
Die Unterlippe hing schlaff; Beine und Schweif lagen unbeweglich, nur die Ohren zuckten hin und wieder im Wind.
Das Pferd war am Ende seiner Kräfte, klammerte sich verzweifelt an das Leben, doch der Kampf schien so gut wie verloren.
Verzweifelt sah Thomas sich um, suchte nach Spuren eines Unglücks oder eines Menschen aber das Gras war unberührt, als liege das Pferd hier schon Tage.
Nach kurzem Überlegen kehrte er zu Elisa zurück und schilderte ihr alles.
Wie sie hierher kam, ist doch egal! winkte Elisa hektisch ab. Was machen wir jetzt? Das Tier sieht schrecklich aus, es kann jeden Moment sterben. Ich wüsste nicht einmal, wer sich in unserem Dorf mit Pferden auskennt.
Thomas fiel siedend heiß ein, dass im Nachbardorf Hermann mit seiner kleinen Pferdepension lag. Immer wieder kamen Leute aus der Umgebung, um Ausritte zu machen.
Er fand rasch die Nummer, erklärte Hermann und dessen Frau Ingrid atemlos die Lage. Nach einigen verwirrten Rückfragen versprachen die beiden, sofort zu kommen.
Wenig später wirbelte Staub auf dem Weg am Flussufer ein Geländewagen mit einem Pferdehänger näherte sich. Thomas und Elisa winkten aufgeregt und lotsten sie durch das Gras.
Als Hermann und Ingrid das Pferd sahen, erstarrten sie, entsetzt von dessen Zustand.
An ein eigenständiges Aufstehen war nicht zu denken. Ob es die Fahrt in die Tierklinik überhaupt noch schaffen würde, stand in den Sternen.
Zu viert versuchten sie, das entkräftete Tier zu heben doch es war selbst so nur mit Mühe zu bewältigen.
Thomas rannte nach Haus, rief Nachbarn und Freunde zu Hilfe.
Mit vereinten Kräften und einem Stück alten Segeltuchs gelang es einer Gruppe Männer, das Tier vorsichtig auf das Tuch zu legen, die Ecken zu fassen und es in den Anhänger zu tragen.
Das Pferd riss vor Angst die Augen auf und bewegte schwach das Bein zu mehr reichte die Energie nicht mehr.
Es war herzzerreißend. Dieses Tier war so schwach, es hätte sich nicht einmal aus eigener Kraft erheben können.
Sie schlossen die hohe Klappe. Die Räder setzten sich langsam in Bewegung, brachten das Pferd vorsichtig zur Hofreitschule, wo bereits Helfer und der Tierarzt warteten.
Vorsichtig zogen die Männer die Stute später wurde sie Johanna getauft aus dem Anhänger und der Arzt begann sofort die Untersuchung: Abtasten, Abhören, Blutabnahme.
Die Polizei kam, nahm Anzeige wegen Tierquälerei auf, hörte den Tierarzt, Hermann, Ingrid und alle Helfer an. Sie mussten warnen: Den früheren Besitzer zu finden, sei wohl fast aussichtslos, auf Gerechtigkeit dürfe man kaum hoffen.
Der Tierarzt setzte mehrere Injektionen, behandelte die nässenden Wunden und legte eine Infusion an.
Freiwillige halfen, Johanna in ihre Box zu bringen.
Sie war so abgemagert, dass niemand wusste, ob sie überleben würde. Aber sie gaben alles, um sie zurück ins Leben zu holen.
Die größte Sorge: Johanna aß kaum und trank nur wenig.
Die Ursache war eine massive Hauterkrankung. Ein Parasitenbefall hatte zu offenen Stellen, Krusten und fürchterlichem Juckreiz geführt. Vor lauter Kratzen hatte sich das Pferd immer weiter verletzt das raubte jeden Appetit und ließ sie wie einen lebenden Schatten verkommen.
Damit nicht genug: Ein stark geschwollenes, gerötetes drittes Augenlid verlieh dem Blick einen schleierhaften Ausdruck. Schon bei der ersten Untersuchung ahnte der Tierarzt einen Tumor, doch operieren konnte man frühstens nach einer Phase der Stärkung.
Auch das Gebiss war in katastrophalem Zustand; auch da musste rasch geholfen werden.
Wochenlang wurde die Box zum Feldlazarett. Der Tierarzt kam täglich und schrittweise gelang es, den Parasiten zu besiegen und die Krusten zu lindern. Die Zahnsanierung war ein Erfolg, und für die ersten eigenen Bissen musste Johanna den Kopf beim Fressen noch gestützt bekommen.
In den ersten Tagen waren alle ständig in Sorge um sie. Über Infusionen bekam sie Vitamine und Wasser, wie ein Fohlen wurde sie aus der Flasche getränkt. Schwach blieb sie lange, aber eines Morgens begann sie selbst zu fressen eine kleine, große Rettung.
Anfangs lag Johanna wie abgestumpft, schien den Lebenswillen verloren zu haben. Doch die Hingabe ihrer Pflegeeltern wirkte: Auch in der Nacht sahen sie regelmäßig nach ihr, richteten die Infusion, sprachen beruhigend auf sie ein.
Mit der Zeit begann Johanna vertraute Stimmen zu erkennen, reckte sanft den Kopf nach einer streichelnden Hand und zuckte manchmal zusammen, als der Veterinär mit seinem norddeutschen Dialekt schimpfend um sie herum hantierte.
Das Sehen fiel ihr lange schwer Geräusche, Geruch und sanfte Berührungen waren ihre Orientierung.
Nach einigen Wochen schaffte sie es, sich auf die andere Seite zu drehen, später sogar schon ein wenig aufzusetzen. Die Kraft reichte inzwischen, um einige Stunden Kopf und Rumpf fast senkrecht zu halten.
Nur eine Sache blieb: Sie konnte nicht stehen.
Das machte ihr Angst. Immer wieder versuchte sie reflexhaft, Beine zu unterstellen, wie um aufzustehen es klappte nicht, als gehörten die Glieder nicht zu ihr.
Der Veterinär zuckte die Schultern: Zu lange hatte Johanna geschwächt gelegen, die Muskeln waren fast völlig abgebaut.
Mit speziellen Übungen wollten sie ihre Beine trainieren. Doch Johanna war kein Leichtgewicht mehr.
Dank guter Pflege füllte sich ihr Körper sichtbar wieder das machte alles nicht leichter. Es brauchte mindestens acht Männer, um sie hochzuwuchten.
Ihre Retter bastelten ein Gestell aus einer alten Decke und Gurten, mit dem Johanna stehend gehalten werden konnte. Aber für Spaziergänge draußen brauchte es viele helfende Hände.
Die Geschichte des armen Pferdes rührte das halbe Dorf. Abends kamen Freunde und Nachbarn zum Training.
Zunächst mussten die Beine mit menschlicher Hilfe bewegt werden. Doch nach einigen Tagen begann Johanna, sie langsam selbst zu regen. Noch unsicher, noch schwach, doch ein gewaltiger Fortschritt.
Sie ermüdete schnell, auch für die Helfer war es anstrengend aber niemand gab auf.
Nach Monaten des Trainings stand Johanna wieder sicher auf eigenen Beinen und wagte erste vorsichtige Schritte.
Niemand drängte sie. Hermann führte sie an wenigen sonnigen Tagen ein paar Meter vor den Stall das reichte.
Doch die Freiheit lockte. Johanna sog die Düfte des Grases tief ein, als träumte sie davon, wieder über die Weiden zu galoppieren.
Als der Tierarzt endlich sein Okay für eine Augen-OP gab, wurde sie wieder in den Hänger gebracht und in die Klinik gefahren.
Der Tumor am Auge wurde entfernt. Die ersten Stunden nach dem Eingriff waren schmerzhaft, doch bald konnte Johanna, noch mit Augentropfen behandelt, endlich klar die Gesichter sehen, die sie jetzt als Familie erkannte.
Stille Dankbarkeit lag in ihrem Blick, als sie Box, Auslauf und ihre Retter musterte.
Mit der Zeit wurde Johanna kräftig genug, um mit den anderen beiden Pferden auf der Weide zu grasen. Sie gewöhnte sich rasch an die neue Herde, wurde zum ruhigen Mittelpunkt und besänftigte sogar den hitzigen Junghengst.
Die Monate vergingen. Das abgemagerte Gerippe von damals war kaum noch zu erkennen. Statt rissiger Haut glänzten runde Flanken, nur einige kahle Stellen und eine vorsichtige Gangart zeugten von vergangenem Leid.
Hermann ließ ihr Zeit, doch eines Tages begann Johanna immer wieder aufgeregt zu scharren und ihr Bedürfnis nach Beschäftigung zu zeigen.
Eifersüchtig sah sie den anderen Pferden nach, wenn diese Kinder oder Erwachsene trugen.
An einem sonnigen Frühlingstag setzte Hermann ihr das Zaumzeug auf. Johanna wieherte vor Freude.
Das Gewicht seines Körpers war kein Problem mehr. Gemeinsam drehten sie eine kleine Runde über die Felder.
In diesem Moment fühlte sich Johanna wie das glücklichste Pferd der Welt.
Nach all dem Schmerz, der Angst und der Dunkelheit spürte sie die Sicherheit, in eine Familie gefunden zu haben, die sie nie wieder im Stich lassen würde egal, was noch kommen mochte.





