Kuchen „Auf der Schuhsohle“ – Ein rustikales Backvergnügen wie bei Oma

Der Kuchen auf der Schuhsohle

Möchtest du wirklich meine Meinung oder ist das wieder wie sonst?

Martina legte ihr Handy auf den Tisch und schaute Anton so an, wie man jemanden ansieht, der jetzt schon zum dritten Mal dieselbe Frage stellt. Sie standen vor dem Hauseingang, der Oktoberwind fegte das nasse Laub über das Pflaster Rheinländer Herbst eben, ein bisschen Regen, ein bisschen Melancholie. Anton hielt einen Papierstapel in der Hand, bestimmt zwölf Seiten, oben links mit einer Büroklammer zusammengetackert. Er hatte ihr die Blätter schon gereicht, als sie gerade aus der U-Bahn kamen, doch sie stopfte sie kommentarlos in die Tasche. Seitdem waren sie schon einen halben Häuserblock gelaufen und hatten eigentlich über etwas ganz anderes gesprochen.

Ehrlich, sagte er. Genau ehrlich. Mehr brauche ich nicht.

Ja, aber wieso fragst du dann, ob du Ehrlichkeit willst? Du weißt doch, ich kann nicht anders.

Anton lächelte mild. Er war nicht groß, eher gemütlich gebaut, mit dunklen, leicht lockigen Haaren, die immer so ausschauten, als hätte er gerade verschlafen. Vor zwei Monaten war er zweiunddreißig geworden, sie hatten das zu zweit mit Filterkaffee und Mohnkuchen gefeiert dezent, in genau dem gleichen Café, in das sie jetzt unterwegs waren. Martina kannte diesen Mann mittlerweile anderthalb Jahre und hatte in dieser Zeit nie erlebt, dass er wütend wurde. Traurig ja. Rückzug? Klar. Aber niemals wirklich zornig.

Ich sag’s nur, murmelte er, fast als beruhigte er sich selbst.

Toni, du machst mir Angst mit deinem “Ich sag’s nur”. Ich lese das schon. Ich sag dir dann meine Meinung. Fertig.

Das Café hieß “Zwischen Tür und Angel”. Martina mochte es, weil keine schrecklich laute Musik lief, draußen vor dem Fenster ein winziger Park mit drei schiefen Ahornbäumen lag. Dazu gabs auf der Karte immer den Lavendel-Latte, den sie seit Wochen jedes Mal bestellte, um sich dann prompt über die Klebrigkeit zu beschweren. Sie setzten sich ans Fenster; die Kellnerin brachte Karten, die sie aber nicht anschauten. Anton bestellte einen Americano, Martina wie immer Lavendelmilch. Dann holte sie seufzend die Blätter aus der Tasche und legte sie vor sich.

Geh’ mal raus spazieren, sagte sie. Ich kann nicht lesen, wenn du mich so angaffst.

Ich gucke doch gar nicht.

Du guckst. Du hast diesen starren “Ich warte auf den Notar”-Blick. Das siehst du nur selbst nicht.

Anton sagte nichts, schlüpfte einfach in seine Jacke und trollte sich nach draußen. Martina verfolgte ihn aus dem Fenster heraus. Er stellte sich zu den krummen Ahornbäumen, zog den Kragen hoch und nein, rauchte gar nicht. Stand einfach nur und starrte auf die nackten Äste. Sie schmunzelte, nahm einen Schluck Lavendellatte, verzog das Gesicht (schon wieder zu süß), und begann zu lesen.

Die Geschichte hieß Danach. Nicht gerade originell, notierte sie im Geiste. Aber Anton hatte immer behauptet: Titel sind erst zum Schluss dran, was drinnen steht zählt.

Hauptfigur: Ein Mann etwa um die dreißig, lebte seit Jahren mit einer Frau zusammen. Die Wohnung wurde detailverliebt beschrieben schmaler Flur, wandfüllender Spiegel, ein Bücherregal mit Werken, die niemand liest. Die Frau in der Geschichte war schön und klug, das wurde zwischen den Zeilen spürbar: Sie sprach drei Sprachen, las schwierige Bücher, erzählte herrlich absurde Geschichten. Aber sie konnte nicht anhalten. Wenn sie etwas falsch fand, sagte sie es direkt, prompt, egal wer zusah, egal wo.

Auf Antons Betriebsfeier erklärte sie einem Kollegen, dass der gut zehn Jahre älter aussähe als er sei und das Hemd sehr unvorteilhaft trage. Beim Abendessen mit seinen Eltern stellte sie fest, dass Mama viel zu stark salze und daher sicher zu hohen Blutdruck habe. Er errötete. Schwieg. Sie verstand nicht, wieso er schwieg.

Der Knackpunkt: Er schreibt ein Gedicht. Kein Leitartikel, kein Sachtext, sondern ein ehrliches Gedicht das erste seit Jahren. Zeigt es ihr. Sie liest und fragt: Warum hast du das überhaupt geschrieben? Das ist doch hilflos. Nicht böse gemeint, nur ehrlich. Da geht er. Nicht mit lautem Knall oder Geschrei. Holt seinen Mantel und verschwindet. Und kommt nicht wieder.

Martina las zu Ende, legte die Blätter weg, schaute zum Fenster. Anton stand immer noch bei den Ahornbäumen, Blätter wirbelten herum, eines blieb an seinem Ärmel hängen er merkte es nicht mal.

Sie griff zum Telefon, überlegte, legte es wieder weg. Griff nach der Tasse. Die Lavendelmilch war schon kalt.

Als Anton zurückkam, die Wangen rot wie ein Migrantensohn nach sieben Minuten Novemberwind, mit Herbstluft und einer Note Bitterkeit dabei, setze er sich.

Und? fragte er.

Martina schwieg eine Sekunde.
Dann:
Toni, das ist kompletter Quatsch.

Keine Überraschung in seinem Gesicht. Er nahm einen Schluck vom Americano. Wartete.

Kannst du das näher erklären?

Also: Dein Held. Der geht weg. Für immer. Nach einem einzigen Satz. Ein erwachsener Mann haut nach einer blöden Bemerkung einfach ab das glaubt doch kein Mensch. Erwachsene setzen sich hin, trinken noch einen Schnaps und reden darüber! Oder sie zoffen sich und bleiben trotzdem. Aber einfach so Mantel nehmen und los? Das löst ja gar nix.

Du glaubst also dem Plot nicht.

Nein. Der ist total lasch. Sie sagt, was sie denkt, das ist ihr Recht. Der hat das nicht verkraftet? Sorry, Erwachsene halten Kritik aus.

Anton stellte seine Tasse viel zu vorsichtig ab. Martina kannte das: Wenn er sich keine Blöße geben wollte, wurde er zur Opernsängerin bei ner Tassenprobe.

Er ist nicht gegangen, weil er es nicht verkraftet hat. Er ist gegangen, weil er einfach müde war.

Müde? Von was denn bitte? Von der Wahrheit?

Von der Wahrheit, die immer auf dem Präsentierteller landet, zu den allerdümmsten Gelegenheiten. Immer ohne Pause. Ohne zu merken, dass das Gegenüber auch mal nur akzeptiert werden will, so wie es ist.

Martina sank in den Stuhl.

Jetzt verteidigst du Schwäche, murmelte sie. Weichei-Weisheiten. Bloß nicht zu ehrlich sein, Hauptsache gekuschelt. Pah, das ist ja fast schon Kindergarten.

Nein. Ich verteidige das Recht auf einen verletzlichen Moment. Dass man dann nicht noch mit Anlauf eine gelangt bekommt.

Er hat doch um ehrliche Meinung zum Gedicht gebeten.

Man kann auch ehrlich sein, ohne zu entwerten.

Wie denn? Wenn sie es mies fand, sollte sie dann lügen?

Anton schwieg. Draußen verloren die letzten Ahornblätter den Halt. Die Kellnerin wischte sehr demonstrativ an der Theke. Offenes Ohr? Wahrscheinlich.

Man könnte sagen: Ich seh’, wie viel dir das bedeutet. Was wolltest du damit ausdrücken? Bevor man gleich drauflos watscht.

Das ist doch Höflichkeitsgeschwätz.

Nein, das ist Empathie.

Toni…

Was?

Du schreibst also über einen windelweichen Typ, der nicht damit klarkommt, dass jemand ehrlich ist. Aber erwartest Lob von mir?

Anton schaute sie an. Nicht böse. Anders. Mit so einem Blick, den er selten zeigte, und der Martina immer ein bisschen nervös machte.

Martina, erkennst du dich eigentlich nicht in der Geschichte?

Sie hielt irritiert inne.

In wem?

In der Frau. Die nicht merkt, wie sehr sie verletzt.

Martina lachte. Kurz, leicht hysterisch.

Ich? Ne, wirklich?

Doch.

Toni, ich platze doch nicht auf Fremdenpartys rein und erzähle jedem, wie alt er aussieht! Klar bin ich direkt. Aber das ist etwas ganz anderes.

Erinnerst du dich an die Nummer mit dem Kuchen?

Ihr Lächeln erstarb abrupt.

Was?

Die Sache mit dem Familienfest, du warst sechs oder sieben. Du bist auf den Stuhl gestiegen, hast laut gesagt, der Kuchen sieht aus wie eine Schuhsohle. Oma hat gebacken, alle saßen zusammen, und du rufst das quer durch den Raum.

Ich war ein Kind.

Ja. Und deine Mutter lief knallrot an.

Es war lustig. Hinterher haben alle gelacht, stimmts?

Marti… Er machte eine Pause, faltete gedankenverloren eine Serviette zusammen. Du besteigst den Stuhl immer noch. Heute noch. Sogar, wenn ich dir mein Innerstes hinlege.

Sie öffnete den Mund, schloss ihn. Schaute auf die Blätter, dann auf ihn.

Meinst du… das ist jetzt über… die Geschichte?

Auch. Ja.

Du meinst im Ernst, ich benehme mich immer noch wie ein Kind auf dem Stuhl?

Ich meine: Es gibt einen Punkt, ab dem ist es egal, ob du Recht hast. Es liegen einfach zu viele Scherben am Boden.

Seine Stimme blieb ruhig. Und genau das war das Schlimmste daran. Kein Streit, keine Träne nur dieses stille, finale Klarstellen.

Anton, warte! sagte Martina. Du klingst, als sei das ernst. Wir hatten nur einen Streit über die Geschichte.

Es ging nicht um die Geschichte.

Und worum dann?

Er antwortete nicht. Bestellte die Rechnung. Martina schaute zu, mit einer wachsenden Beklemmung wie jemand, der merkt, dass der Zug gleich fährt, und es erst kapiert, als die Türen sich schon schließen.

Ich lese es nochmal, rief sie schnell. Ja? Ich nehme es mit nach Hause, lese gründlich, vielleicht habe ich ja was übersehen!

Marti.

Was?

Lass gut sein.

Die Kellnerin kam mit der Rechnung. Anton legte einen Schein auf das kleine Tablett, ohne auf Wechselgeld zu warten. Stand auf, griff seine Jacke.

Martina erhob sich mechanisch, berührte ihn sanft am Handgelenk.

Warte. Ernsthaft jetzt, Toni.

Er sah ihre Hand auf seinem Arm. Löste sie mit einer bewundernswerten Vorsicht nicht grob, nicht gekränkt, einfach sachlich-achtsam.

Trink deinen Kaffee noch aus, sagte er leise. Bleib ruhig sitzen.

Und ging. Hielt einer älteren Dame die Tür auf, Einkaufstasche natürlich. Sie nickte höflich. Die Tür fiel in die Klinke. Martina stand am Tisch, starrte durch das Fenster. Anton schlenderte zurück zu den Ahornbäumen. Kein Blick zurück. Dann bog er um die Ecke, verschwand.

Sie setzte sich zurück. Vor sich zwei Tassen ihre mit dem abgestandenen Lavendelschmu, seine, Americano, kalter Rest im Boden. Auf dem Tisch lag ein aufgeschlagenes Magazin, das jemand vor ihnen liegen gelassen hatte, sie hatte es bis eben gar nicht bemerkt. Das Bild zeigte einen herbstlichen Park. Birken gelb, fast festlich.

Sie zog seine Tasse zu ihrer. Stell sie nebeneinander.

Draußen wirbelte der Wind ein paar Blätter über das Pflaster, genau vor ihrem Fenster tanzen sie einen letzten Walzer. Eines blieb an der Scheibe kleben, dann ließ es los und verschwand.

***

Martina Schrader war einunddreißig und hatte nie gelernt, zu schweigen, wenn sie etwas Wichtiges sah.

Sie hielt das keinesfalls für eine schlechte Eigenschaft. Ihre eigene Meinung dazu stand: Es ist besser, gleich zu sagen, was einen stört, statt höflich zu schweigen und den Ärger später woanders abzuladen. Die Dinge benennen, das ist fair. Das ist erwachsen.

Ihre Mutter, Ingrid Gertrud, sah das völlig anders. Sie meinte, ihre Tochter sei einfach nicht in der Lage, zu spüren, wie schwer Worte auf andere fallen können. Nicht ihre Schuld, meinte die Mutter, sondern einfach angeboren. Wie Farbenblindheit oder musikalische Taubheit. Kein Vergehen aber eben ihr Eigen.

Martina stimmte nicht zu. Sie spürte sehr wohl, sie merkte die Vettern, sie sah, was ein Satz bewirkte. Allein sie fand schlicht nicht, dass für anderes Wohlgefühl gelogen oder geschwiegen werden sollte.

Sie hatte ein gutes Verhältnis zur Mutter, doch seit den Teenagerjahren war da eine angenehm sachliche Distanz. Ingrid blieb in ihrer alten 70er-Jahre Wohnung am Rande von Köln, ein Erbstück aus DDR-Zeiten. Der Vater? Der war abgehauen, als Martina vierzehn war neues Leben, neue Liebe, neue Kinder, irgendwo in Hamburg. Nicht aus der Welt, Anrufe, Besuche zu Festtagen aber sein wirkliches Leben lief in einer anderen Zeitzone.

Ingrid hatte sie alleine großgezogen. Es war okay. Schule, Uni, alles bezahlt, alles arrangiert. Aber den Charakter den hatte Martina alleine aus sich gehauen. Da war viel Dickschädel dabei, ein scharfer Verstand, und so eine unverfrorene Ehrlichkeit. Verstellen? Unnötig, warum auch.

Martina bearbeitete Kolumnen in einer kleinen Online-Redaktion, straffte Texte, schrieb manchmal selbst. Sehr gut sogar, wie ihre KollegInnen fanden. Sie konnte den Kern einer Sache schnell greifen präzise Verben setzen, wo andere noch in Metaphern schwafelten. Das nutzte im Job.

Im Privatleben knallte es dann ab und zu.

Anton Vielhaber lernte sie vor anderthalb Jahren auf einer Lesung kennen. Kein aufregender Roman, sondern ein Band mit Essays über Kommunalarchitectur. In Anton mit Wasser statt Riesling, diskutierte irgendwas über Städtebau. Martina, die grad vorbeiging, blieb hängen er sprach langsam, nachdenklich, wog jedes Wort ab. Sie war gewohnt, dass Menschen eher hupen statt sprechen. Diese Ruhe war… besonders.

Sie kamen ins Gespräch. Trafen sich später zufällig wieder, ausgerechnet im “Zwischen Tür und Angel”, das Anton wohl regelmäßig besuchte er mietete im Nebengebäude ein kleines Büro, das er voller Pathos “Atelier” nannte. Übersetzungen technischer Handbücher okay bezahlt. Und abends, am Wochenende, schrieb er. Keine Betriebsanleitungen Prosa.

Martina war skeptisch. Nicht bösartig, nur… vorsichtig. Sie hatte ein paar seiner Essays über Städtebau gelesen, erschienen in Nischenblättern, aber durchaus solide. Prosa? Das zeigte er selten, und sie äußerte ehrlich: Das ist mir zu langsam, zu detailversessen. Sie möge Geschichten, wo kein Wort zu viel sei bei Anton gabs eine halbe Seite Kartoffelschälerei. Wozu das alles?

Anton nahm keinen Anstoß. Du bist Redakteurin, du liest anders”, sagte er. Sie war einverstanden. Das war völlig okay.

Sie wohnten nie zusammen. Sie, Kleinwohnung, er, Mini-Atelier. Sie sahen sich ein paar Mal die Woche, manchmal mehr. Wochenendausflüge ins Grüne. Gemeinsam kochen. Er: Suppenprofi. Sie: zwei Lieblingsgerichte, beide genießbar.

Es war eine stabile Beziehung, sachlich betrachtet. Unaufgeregt, kein Drama, kein Sprücheklopfen wie in Friends. Reife Zweisamkeit.

Warum ging er?

Sie griff nach den Blättern. Begann von vorn zu lesen.

***

Die Sache mit dem Kuchen hatte sich tatsächlich so zugetragen. Martina hatte Anton davon erzählt, bei einer Flasche Rotwein in seiner Küche. Gab’s was zu lachen dachte sie.

Sie war sechs. Die Oma backte zum Geburtstag des Opas, es war Halbversöhnung, halb Ritual. Tanten, Onkel, Cousinen, alle Nachbarn saßen um den Tisch. Der Kuchen ehrlich, das Ding war verbrannt, schief und hatte einen Spalt wie die Berliner Mauer. Die ganze Familie wusste: Oma backen, das war wie Lottospielen, aber sie gab sich Mühe.

Martina stellte sich auf einen Stuhl und rief ganz laut:

Der sieht ja aus wie eine Schuhsohle!

Totenstille. Oma schaute baff in den Raum, dann auf den verbockten Kuchen, dann auf den Blumenstrauß, dann lachte sie. Denn Oma konnte lachen. Aber ihre Mutter stand daneben, glühte wie eine Wärmelampe und wusste nicht wohin mit sich.

Später, abends, saß die Mutter an Martinas Bett.

Weißt du, dass Oma das traurig gemacht hat?

Aber der Kuchen war doch wirklich wie eine Schuhsohle.

Martina.

Aber Mama, haben doch eh alle gesehen!

Nicht alles, was man sieht, muss man sagen.

Wozu es dann sehen?, fragte Martina.

Die Mutter ging. Martina lag lange wach und verstand… eigentlich gar nichts. Wenn was wahr ist, warum nicht sagen?

Anton lächelte milde bei dieser Geschichte. Das ist so du. Sie lachte und fand: klar, das bin ich eben. Dachten beide.

Sie hatte nicht erwartet, dass er das irgendwann gegen sie verwenden würde.

Oder doch?

***

Martina packte die Blätter zusammen, stopfte sie in die Tasche. Nahm ihre Tasse, trank den Lavendelschmock aus. Zu süß. Aber was soll’s.

Im Café war es leise. Ein paar Menschen an Tischen, eine Frau mit Laptop, ein Monsterdrama-Pärchen am Fenster, beide versunken in ihren Handys. Die Kellnerin gruppierte Stühle. Das Leben schob sich fort, wie immer.

Der Stuhl gegenüber blieb leer.

Martina dachte noch einmal über den Streit nach. Windelweich hatte sie über den Protagonisten gesagt. Müde, immer die Scherben zusammenkehren zu müssen, hatte er geantwortet. Immer auf dem Stuhl stehen, sagte er. Auch, als er ihr sein Innerstes brachte.

Er brachte etwas Wertvolles. Sie nannte es Quatsch.

Martina strich sich über die Stirn. Kopfweh, aber nicht schlimm. Nur dieses typische: zu viele Gedanken für zu wenig Realität.

Die Geschichte war nicht gut, darauf bestand sie innerlich. Zu konstruiert, zu Vorhersehbar, bla. Aber das rechtfertigt noch nicht den Satz reiner Quatsch. Zwei verschiedene Themen. Qualität. Und wie man es sagt.

Oder? Wenn schlecht, dann schlecht! Nett ist doch auch Lüge! Sie kann das nicht anders.

Aber. Nur ein kleines, fieses Aber.

Er hatte sie doch gebeten direkt nach Ehrlichkeit gefragt. Und er kannte sie. Oder?

Also war er vorbereitet.

Oder glaubte er, er sei es, bis… es passierte?

Martina wollte ihr Smartphone nehmen. Scrollte bis zu seinem Namen in der Liste. Was schreiben? Tut mir leid? Wäre nicht ehrlich. Der Text war besser, als ich sagte? Lüge. Ich habe was verstanden? Unsicher.

Sie ließ es liegen.

***

Anton Vielhaber schrieb Prosa seit er zwanzig war. Die ersten Geschichten schrecklich, das war ihm klar, nie jemandem gezeigt. Später: anständiger, immerhin zwei, drei Kurzgeschichten in Kleinmagazinen abgedruckt. Keine Berühmtheit, kein Preis, nur fleißiges Arbeiten, weil anders nicht möglich war.

Martina wusste das. Sie hatte ihn oft gesehen, wie er schrieb über dem Schreibtisch in seinem Atelier, minutenlang starrend, dann wild tippend, dann zaghaft Worte löschend. Sie respektierte das. Zwar war ihr das meiste zu langsam aber der Ernst, die Leidenschaft, die fand sie wertvoll.

Die Geschichte Danach hatte Anton nach eigener Aussage drei Monate abgerungen. Martina wusste, dass er schrieb, aber fragte nie gezielt Privatsphäre und so. Er zeigte, wenn es fertig war. Dann redeten sie.

Jetzt eben: Er zeigte. Fragte nach Ehrlichkeit. Und bekam sie.

***

Martina erinnerte sich an ein Gespräch, längst her, etwa sechs Monate. Parkrunde im Agnesviertel, herbstwindig. Anton erzählte von seinem alten Schulfreund, den er ewig nicht getroffen hatte. Treffen, Biere, Small Talk alles nett. Bis der Freund beiläufig was hinwarf: Du bist immer noch so ein Träumer, was? Anton lachte beim Erzählen, doch Martina sah: das war noch nicht verdaut.

Sie hatte damals gesagt:

Richtig so, dass dich das stört. War total taktlos.

Anton schwieg.

Ich glaube, er hat gar nicht gemerkt, wie das rüberkam. Meinte es bestimmt gar nicht böse.

Ist doch egal, Absicht oder nicht. Worte sind da, die wirken. Punkt.

Anton widersprach nicht. Stimmte vage zu. Das Thema wechselte.

Jetzt dachte Martina daran zurück: Worte wirken, ob gemein oder nicht. Absolut. Sie selbst hatte es gesagt.

Hatte sie bewusst gezielt?

Nein. Sie war nur ehrlich.

Aber: Drei Monate Herzblut, sie nannte es Quatsch.

Niemand bat sie zu schonen. Nur um Ehrlichkeit.

Martina rieb sich die Schläfe. Die Kellnerin kam.

Möchten Sie noch etwas?

Nein, danke. Die Rechnung bitte.

Schon erledigt, sagte die Kellnerin. Der junge Mann hat bezahlt.

Ja, ich weiß.

Die Kellnerin zog davon.

***

Im Journalistikstudium hatte sie einen Professor für Literaturkritik. Älterer Herr mit riesigem Schnauzer und dem Talent, Studierende mit nur einer Rückfrage schachmatt zu setzen. Sein Credo: Wenn ihr einen Text verreißt, fragt euch immer: Was wollte der Autor erreichen? Wenn ihr das begriffen habt, ist die halbe Kritik schon da.

Sie hatte immer brav genickt. Praktisch tat sie es anders: Sie las, analysierte das Ergebnis, basta. Was nützen Mutmaßungen übers Innenleben?

Was wollte Anton mit Danach?

Sie wusste es nach dem ersten Absatz. Hatte es nur nicht wissen wollen.

Er wollte, dass sie es erkennt. Dass sie sich wiederfindet. Oder wenigstens ein Ich verstehe sagt. Oder ganz still sagt: Ja, das sind wir. Darüber reden.

Sie hatte den Helden windelweich genannt.

Martina verharrte regungslos. Draußen war es dunkel geworden gerade mal sechs, aber der Oktober beschleunigte den Feierabend. Die einzige Lampe im Café spiegelte sich in der Fensterscheibe, glatt, mit ihrem Profil und dem leeren Platz gegenüber.

Sie holte ihr Taschenspiegel heraus, prüfte ihre Wimpern. Keine Träne. Klare Augen. Weg damit.

***

Anton konnte nicht streiten. Äußerst unbequem, weil sie so gar kein Gegenüber zum Zoffen hatte jemand, der brüllt, den versteht man ja. Aber Anton schwieg. Ging.

Seine Schweigephasen waren gefürchtet: manchmal redete er Tage lang kaum. Nicht aus Kränkung, sondern weil einfach zu viel im Kopf war. Sie akzeptierte das, schob höchstens kleine Sticheleien, aber ließ ihm Raum.

Er brachte ihr manchmal Kaffee ans Bett, wenn sie bei ihm war. Nicht aus Pflicht, einfach, wenn er Lust hatte. Stellte die Tasse wortlos ab. Sie wachte auf, roch Kaffee, flüsterte ein verschlafenes Danke.

Er las laut vor. Sie schätzte das, sagte es nie. Eines Abends lag sie auf dem Sofa, er griff ein Buch, las irgendeine Reisereportage, es war wunderbar. Noch ein paar Mal, dann nie wieder. Sie fragte nie nach. Vielleicht hätte sie sollen.

***

In Danach gab es einen Abschnitt, den sie beim ersten Mal überflogen hatte jetzt, im Rückblick, begriff sie: Das war das Wesentliche.

Der Held, kurz vor seinem Gehen, liegt nachts wach, hört die Frau schlafen. Denkt: Sie ist gut. Ehrlich, klug, fair aber sie achtet einfach nicht darauf, wie Worte landen. Und er kann deshalb nicht wütend sein. Einfach… müde.

Anton hatte das treffend beschrieben. Ohne Vorwurf, ohne Pathos. Einfach Müdigkeit.

Sie hatte gesagt: Quatsch.

Martina begriff jetzt: Ihr Problem mit seiner Prosa hatte nie etwas mit dem Stil zu tun. Sondern mit dem, was drin steckt. Gefühlskram, innere Welten schwer zu greifen, schwer zu bearbeiten. Nichts zu redigieren. Es ist einfach da.

Das war ihr unangenehm. Sie wollte es wegdrücken. Ging aber nicht mehr.

***

Ingrid Gertrud hatte ihr vor ein paar Jahren mal am Küchentisch gesagt:

Weißt du, Martina, ich habe mich immer etwas gefürchtet vor dir.

Martina war baff.

Gefürchtet? Ich?

Naja, nicht Angst im eigentlichen Sinne. Aber du wusstest immer sofort, wenn ich Unsinn redete und sagst es dann auf der Stelle.

Hab ich doch fast nie gemacht, oder?

Nein, aber wenn, dann sehr direkt.

Sie lachten. Dann verließen sie das Thema. Heute kam das Gespräch wieder hoch nur sie lachte nicht mehr darüber.

Ihre Mutter die Frau, die ihr alles beigebracht, Tränen versteckt, Nächte für Sie geopfert hat sagte: Nervös in deiner Gegenwart.

Sie hatte gelacht.

Heute nicht mehr.

***

Das Handy vibrierte. Freundin Svenja: Sonntag noch frei? Martina tippte: Meld dich Samstag nochmal. Legte das Handy wieder weg.

Das Café füllte sich. Freitagabend in Köln. Leute wärmten sich auf, bestellten Glühwein, es wurde lebhafter. Martina saß still.

Sie fragte sich: Was würde ich Svenja raten, wenn sie mir das erzählen würde?

Er hat mir seinen Text gegeben, ich sage ehrlich meine Meinung, er läuft weg. Würde sie sagen: Richtig so, klare Worte tun gut! Ehrlichkeit ist Ehrlichkeit, den Rest muss man aushalten.

Aber wenn die Freundin sagt: Er hat da drei Monate dran geschrieben, das war sein Herz, und ich habe es als Quatsch abgetan …?

Auch? Richtig? Oder Kopfschütteln?

Sie kannte die Antwort. Und die war unangenehm.

Nicht weil sie grundsätzlich falsch lag vielleicht war die Geschichte wirklich zu schwach. Sondern, weil sie das schärfste Wort gewählt hatte. Quatsch. Nicht: Mein Stil ist das nicht. Nicht: Ich kann dem Genre wenig abgewinnen. Nicht mal: Erklär mir, was du damit sagen wolltest.

Nur: Quatsch.

Sie stand auf dem Stuhl.

***

Als Anton das Café verließ, dachte er an nichts Bestimmtes. Er lief einfach nur los die Beine Richtung U-Bahn, Ziel unklar. Der Kölner Oktober war kalt, feucht, roch nach Laub und ein wenig nach Abgas. Herbst halt.

Er war nicht böse. Das war das Komische daran, hätte ihn jemand gefragt. Die Leute glauben, man geht aus Wut. Dabei geht man aus dieser tiefen, aufgestauten Müdigkeit, die Martina gerade windelweich genannt hätte. Punkt, ab dem es egal ist, wer Recht hat.

Er kannte sie nun so lang. Wusste, wie sie schneidet. Hatte es oft genug abbekommen, bei anderen und bei sich. Erst kleine Schnitte, dann tiefere, dann schrieb er diese Geschichte. Nicht als Rache. Einfach, weil es anders nicht möglich war.

Sie nannte den Helden windelweich.

Eigentlich wundert es ihn nicht. Er wusste ja, dass es so kommen würde hoffte aber immer wieder, dass es diesmal nicht so ist. Das ist der Kern des Endes: Nicht, was sie sagt, sondern, dass er recht hatte mit seinen schlimmsten Erwartungen. Das wünscht man sich nicht einmal als Prophet.

Er stieg in die U-Bahn. Der Wagen halb leer. Draußen Tunnelwand. Sein Gesicht spiegelte sich im Fenster.

Es tat ihm leid. Nicht sie. Nicht sich selbst. Sondern, dass das nun mal so ist. Zwei Menschen, keiner böse, keine Absicht. Aber der eine spricht in Geschichten, die andere in Sätzen, jeder meint das eine, sagt aber etwas ganz anderes.

Hungrig sah er sich im Fenster an. Einfach… müde.

***

Martina kramte die Geschichte wieder hervor.

Las den Schluss.

Der Held geht raus. Bleibt stehen. Schaut zum Himmel. Die Beschreibung nahm eine halbe Seite ein früher hätte sie das gestrichen, jetzt las sie langsam.

Antons Himmel war kein Trost, aber Weite. Man kann atmen, nach Enge, nach Dunkelheit draußen ist Platz, das ist nicht besser oder schlechter, einfach… anders.

Sie verstand, was er gemeint hatte.

Spät, wie man es immer zu spät versteht.

***

Sie war aufgewachsen in dem Glauben: Ehrlichkeit ist das höchste Gut. Wer nett redet, lügt. Sie tut den Leuten einen Gefallen, wenn sie direkt ist. Die Welt wäre besser, wenn alle das könnten.

Vielleicht sogar. Aber in dieser Welt leben Leute wie Anton. Wie ihre Mutter. Wie Oma, die über den Kuchen lachte, aber trotzdem ausschlich und in der Küche klapperte, damit keiner es merkte.

Als Kind dachte Martina nicht an die Oma in der Küche. Sie war sechs, der Kuchen war wie eine Schuhsohle.

Aber Oma sechzig? Zweiundsechzig? Sie hat gebacken, sich fein gemacht, das Fest vorbereiten. Und das Kind ruft durch den Raum: Schuhsohle.

Und Oma lachte. Konnte sie. Ging aber wirklich lange in die Küche.

***

Am Tresen im Café lachte jemand. Die Kellnerin kicherte mit. Das Leben war freundlich uninteressiert.

Martina blickte auf den leeren Stuhl gegenüber.

Er hatte ihre Hand mit einer derartigen Sanftheit weggeschoben. Das war das, was sie beschäftigte. Nicht der Streit. Nicht einmal sein Gehen. Dieses feine, beinahe zärtliche Wegnehmen als wollte er schonen, was noch zu retten ist.

In dem Moment wurde ihr klar: Das hier ist kein gewöhnlicher Krach.

Vor Krach hatte sie keine Angst. Im Streit lebt immer etwas und danach ist gut. Das war… anders. Leise. Fest.

Sie redete sich ein: Er kommt wieder. Beruhigt sich, sagt irgendwas halbblödes, alles normal. Erwachsene gehen doch nicht nach einer Kleinigkeit für immer.

Hat sie ihm doch vorhin genau so gesagt. Über die Figur.

Erwachsene gehen nicht nach einem Streit.

Aber das hier, das war nicht ein Streit.

Das waren eineinhalb Jahre. Eineinhalb Jahre Stuhlstehen, direkte Worte, exakte Verben. Er hat das gesammelt, hat mal geschwiegen, mal serviert, dann wieder Mund gehalten und dann diese Geschichte geschrieben. Sie hat gesagt: Quatsch.

Und er ging.

Ein Streit. Und eineinhalb Jahre. Gleichzeitig.

***

Ingrid Gertrud sagte später mal, als Martina längst arbeitete, über einen Bekannten:

Weißt du, manchmal glaube ich, du kannst gar nicht richtig nah sein.

Wie meinst du das?

Nicht körperlich. Aber so, dass einer fühlt: Die steht neben mir, nicht über mir.

Mama…

Kein Vorwurf… nur so ein Gedanke.

Martina war verdrießlich. Sagte irgendwas Bissiges. Thema erledigt.

Nicht Nähe können?

Sie war da. Immer. Helfen, geradeaus. Ist das nicht Nähe?

Vielleicht nicht. Vielleicht ist es was völlig anderes.

Sie wusste es nicht.

***

Das Handy vibrierte wieder. Svenja schickte ein Meme zum Wetter. Martina lächelte, unfreiwillig. Dann nicht mehr.

Sie schrieb an Anton. Nur: Bist du gut angekommen?

Drei Punkte. Verschwanden. Kamen wieder. Dann: Ja.

Ein Wort. Sie blickte lange darauf.

Dann: Ich denke über die Geschichte nach.

Drei Punkte. Weg. Kein weiteres.

Sie legte das Handy weg.

***

Das Magazin lag noch aufgeschlagen. Foto eines Parks im Herbst. Birken, gelb, fast feierlich. Darunter die Zeile: Die Natur verabschiedet sich nicht. Sie wechselt nur den Zustand.

Eine lausige Zeile. Klischee. Kein guter Text.

Aber sie dachte nicht mehr drüber nach, ob der Satz jetzt gelungen war oder nicht.

***

Ihre Mutter hatte ihr einmal ein altes Foto gezeigt Hochzeit. Ingrid im weißen Kleid, daneben Vater, seltsam fremdes Glück. Im Hintergrund: Oma lachte. Kein Kuchen zu sehen, aber für Martina war sie für immer mit diesem missratenen Kuchen verbunden. Als habe sie die Oma permanent auf den Stuhl gestellt.

Oma lebte da schon nicht mehr. Gestorben, als Martina sechzehn war. Sie haben nie darüber gesprochen. Hätte sie eh nicht gefragt. Vermutlich hatte Oma vergeben oder es einfach nie übel genommen.

Oder vielleicht doch. Wer weiß denn das schon.

***

Eine lange Weile blieb Martina im Café sitzen. Ohne auf die Uhr zu schauen.

Kellnerin fragte: Noch was?

Bringen Sie mir was Warmes. Einfachen Tee, ohne alles.

Schwarz oder grün?

Irgendwas.

Sie bekam Schwarztee mit Zitrone. Hielt die Tasse mit beiden Händen, wärmte sich. Es war jetzt richtig dunkel, das ganze Café spiegelte sich im Fenster. Sie sah sich selbst: aufrechter Rücken, zusammengepresste Lippen, Teetasse. Zwei leere Tassen daneben.

Sie überlegte, was sie sagen würde beim nächsten Anruf. Oder Text. Denn sie wusste, sie würde sich melden. Sie hasste offene Geschichten.

Was sagen? Dass sie es verstanden hatte? Nicht ganz ehrlich. Dass er hätte bleiben sollen? Wahrscheinlich nicht vermutlich war Gehen das einzig Richtige gewesen. Dass die Geschichte eigentlich gut war? Nein. Aber vielleicht besser als Quatsch.

Oder einfach: Du hattest recht mit dem Stuhl. Ohne jede Rechtfertigung.

Und dann? Was dann?

Er hatte ihre Hand so sanft genommen.

***

Da fiel ihr noch was auf, ganz am Anfang der Geschichte, das sie beim ersten Lesen übersehen hatte.

Die Geschichte begann gar nicht mit dem Gehen. Sie begann mit einer Szene, in der der Held Kartoffeln schälte. Der Absatz, über den sie so geschimpft hatte. Er schält Kartoffeln, sie kommt von der Arbeit, Tür knallt. Er denkt: Jetzt kommt sie, gleich sagt sie was übers Zwiebelaroma. Und sie kommt, sagt wirklich, ob das nicht zu viel sei.

Er schweigt. Schält weiter.

Und das Schweigen ist schon alles, was später kommt. Anton konnte das das Wesentliche in Unscheinbarem verstecken. Im Zwiebelgeruch, im Schweigen, im Ausbleiben einer Antwort.

Sie konnte das nicht lesen. Sie war gewohnt, dass alles Wichtige ausgesprochen wird. Sag, wenns weh tut. Kein Drumherum.

Aber er hatte sich immer versteckt. Und sie hat es nicht gesehen. Eineinhalb Jahre lang.

***

Martina trank ihren Tee aus.

Legte einen Fünfziger auf den Tisch, auch wenn alles schon bezahlt war. Zog den Mantel an. Steckte die Tasche mit der Geschichte ein.

Trat hinaus in den Oktober.

Der Herbst schlug ihr ins Gesicht kalt, nass, kompromisslos. Nordwind von der Rheinseite. Die Ahornbäume im Park fast kahl; ein letztes Blatt hielt sich noch an einem Ast, zitterte im Wind.

Sie blieb stehen, starrte es an.

Zog das Handy. Tippte Anton:

Ich hab das mit den Kartoffeln gelesen.

Drei Punkte tauchten auf. Verschwanden. Lange nichts. Dann:

Ich weiß.

Ihre Finger klammerten sich ans Handy, eiskalt.

Sie schrieb:
Gings um uns in der Geschichte?

Pause. Lang.

Ja.

Augen zu. Dann wieder offen. Das Blatt am Baum hielt immer noch.

Sie tippte:

Es ist eine gute Geschichte.

Drei Punkte. Ganz lange. Dann:

Martina.

Sie wartete. Keine weiteren Worte.

Handy weg. Kragen hoch. Richtung U-Bahn.

Das Blatt löste sich und flog für einen Herzschlag hinter ihr her, dann verwarf es der Wind.

***

Im Zug Richtung Zuhause dachte sie nur an die Geschichte. Nicht an Anton an das, was drinstand. Dass da nichts entschieden Schönes oder Trauriges war am Ende. Nur Müdigkeit und Himmel.

Sie hätte es anders erzählt. Mit mehr Drama, mehr Klartext. Sie mochte Handlung, Kälte oder Trost. Aber hier: nur Leere. Ehrlichkeit.

Vielleicht geht es nicht anders. Keine Schuld, keine Helden. Zwei Leute, anderer Takt, einer müde vor dem anderen.

Sie betrachtete ihr Spiegelbild im U-Bahnfenster gerader Rücken, feste Lippen. Wie immer.

Ob sie morgen anrief? Konnte sie nicht sagen. Ob er antwortete? Keine Ahnung. Vielleicht gibts kein Zurück mehr. Vielleicht doch. Sie wusste es nicht.

Nur: Wenn er wieder ankäme, mit einer Geschichte auf Papier, dann würde sie nicht gleich urteilen. Erst die Kartoffeln lesen. Und den Himmel. Und dann fragen: Was wolltest du damit sagen?

Nicht, was rauskam.

Was du sagen wolltest.

Vielleicht ist das die Lektion mit einunddreißig. Vielleicht zu spät für ihn. Vielleicht nie zu spät.

Die Bahn hielt. Ihre Station.

Sie stieg aus, in diese kalte, duftende Stadtluft. Ging die Rolltreppe hoch, langsam, stur.

Dann trat sie ins Freie.

Der Oktober war noch da. Dunkel, kalt, unerbittlich.

Martina hob das Gesicht.

Der Himmel war riesig.

Und sie stand darunter. Ganz allein. Und dachte: Ich hätte einfach fragen sollen, was er sagen will. Bevor ich urteilte.

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Homy
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