Wie Frau Nina Petrowski ihr Dach reparierte

Wie Hannelore Schneider ihr Dach reparierte

Illustration der Autorin. Erstellt mit Hilfe der KI Kandinsky.
Helmine, komm mal rüber! Es gibt was zu bereden! Die würdige alte Dame auf der wettergegerbten Gartenbank vor ihrem Gartentor winkte ihrer Nachbarin.

Was ist denn, Hannelore? Die großgewachsene, hagere Frau mit dem breiten Strohhut, der sie mehr als Sommerfrischlerin denn als echte Bewohnerin des Dorfes auswies, seufzte, setzte sich zu ihr und streckte ihre langen Beine müde aus.

Wohin ging es heute Morgen bei dir?

Zum Bahnhof. Ich hab meine Enkelin verabschiedet.

Was für ein Glück! Kinder hast du, Enkel und sogar einen Urenkel! Und andere wenigstens kein Kätzchen, kein Kind! Allein in der Wehmut

Diese Wehmut holen wir uns selbst, Hannelore. Hast du keine eigenen dann such doch nach denen, die deine Hilfe brauchen. Da wirds dir nie langweilig!

Du sprichst ja fast wie Lieschen! Früher warst du nicht so selig! Seit sie redet wie aus dem Bilderbuch

Was soll denn nun Lieschen damit zu tun haben?

Wer weiß das schon! Aber deine Reden gefallen mir gar nicht mehr!

Wozu hast du mich nun eigentlich gerufen? Ich muss los! Die Kinder stehen gleich auf. Frühstück will vorbereitet werden!

Warte doch! Es geht nun ja, um Lieschen. Ein Unglück!

Was ist passiert? Jetzt klang Helmine wirklich besorgt.

Ihre Nachbarin vom Garten, Hannelore Schneider, kannte sie schon viele Jahre. Sie hatten ihre Söhne als junge Mütter auf verschlungenen Wegen zwischen Apfelbäumen und alten Fachwerkhäusern spazieren gefahren. In den schattigen Alleen, in denen grummelnde Kleinkinder plötzlich ruhig schlummerten, sobald man den Wagen nur ein paar Minuten schob, wurden sie Freundinnen. Die Kinder schliefen wie Engel, während die Mütter hitzige Gespräche führten. Damals erzählte man der eigenen Mutter nicht alles der Freundin schon. Denn eine Freundin versteht, hört zu.

Freundinnen sind sie geblieben Hannelore und Helmine. Auch ihre Söhne, verstreut in ganz Deutschland, schätzten einander weiterhin, wenn auch meist nur noch über WhatsApp. Der Kontakt riss nicht ab.

Den Müttern blieb sogar das erspart: Ihre Datschen standen in der gleichen Straße. Und spätestens nachdem Hannelore ihre große, von den Eltern geerbte Vierzimmerwohnung in Hamburg verkauft und der Enkelin zur Hochzeit ausgezahlt hatte, wohnten sie auch in der Stadt nah beieinander. Als Hannelore auf Wohnungssuche ging, nahm sie einfach den kleinen, gemütlichen Zweizimmerbalkon in Helmutes Haus ihre Freundin wohnte gleich nebenan. Sie sahen sich fast täglich: abends Tee mit Honig auf der Veranda, dazu lange Gespräche, ein bisschen Lachen, ein bisschen Wehmut, und liebevolle Kabbeleien übers zu kluge neue Enkelgeneration.

Gerade aber war der Rhythmus unterbrochen: Helmines Enkelin war zu Besuch, Hannelore beschäftigte sich mit ihrem ältesten Enkel. So hatten sie einander eine Woche nicht gesehen.

Was ist mit Hannelore?! drängte Helmine.

Doch Hannelore antwortete statt dessen Maria, die ihr stoppte:

Halt, ich erzähls schon! Ohne dich läuft da nichts…

Warum?

Hannelores Dach ist verrückt geworden!

Helmine runzelte die Stirn. Jetzt leg mal los, Maria, das ist doch Unsinn?!

Warts ab! Es erzittert schon das ganze Dorf. Sie läuft nun händchenhaltend mit dem neuen Sommerfrischler umher wie ein Schulmädchen! Und du weißt nix davon! Keine Ahnung!

Ach Gott! lachte Helmine jetzt endlich. Mit dir redet man, danach zuckt das rechte und das linke Augenlid. Wovon redest du denn?

Seit sie neulich auf dem Dach saß, ist sie wie verwandelt! Zum Gespött hier! Und der Neue immer an ihrer Seite! Du solltest mal mit ihr reden. In dem Alter soll man sich doch ordentlich benehmen! Die Kinder schauen schließlich zu!

Helmine kicherte, winkte ab, aber insgeheim war sie doch neugierig. Nur eine Woche nicht gesehen und Hannelore hat schon wieder irgendeinen Unsinn angestellt. Welche Sorte wohl diesmal?

Niemand kannte Hannelore wie Helmine sie kannte nach dem Tod von Hannelores Mutter war sie das vertraute Ohr. Die beiden schleppten die Trennung von Hannelores erstem Mann gemeinsam, der eines Morgens beschloss, dass die Welt noch größer und die Frauen noch zahlreicher seien als gedacht und die Ehe längst nicht genug. Mit viel Ärger verließ er Hannelore und nur Helmutes Unterstützung holte sie mit dem kleinen Sohn wieder auf die Beine.

Helmine war damals selbst schon junge Mutter gewesen, fand problemlos Arbeit und half, dass auch Hannelore zur Probe eingestellt wurde. Bald hatte sie eine solide Stelle, gute Mark im Portemonnaie, und war niemandem zu Dank verpflichtet.

Später kamen Helmines eigene Nöte. Ihr Mann musste lange ins Krankenhaus, sie verbrachte Monate nur zwischen Schichtdienst, Wohnung und Klinik. Hannelore war rettende Verwandte für ihren Sohn, still und zuverlässig.

Hannelores zweiter Versuch mit der Ehe wurde zur Prüfung für die Freundschaft. Sie heiratete einen Witwer mit zwei missmutigen, verlassenen Kindern, die kaum jemanden an sich heranließen. Aber Hannelore wusste: was sie sagte, meinte sie; sie wollte kein Ideal, sondern echte Nähe.

Als die Ehe zerbrach und auch der eigene Sohn davonging, halfen Helmine und ihr Mann, dass er zurückfand; Hannelore trennte sich und bekam sogar das Sorgerecht für die Stiefkinder, die bei ihr bleiben wollen.

Warum fremde Kinder, Hannelore? Hast du nicht genug? fragte Helmine einmal.

Doch aber die sind längst nicht mehr fremd, sie sind wie meine eigenen.

Und so wurde Hannelore zur Mutter einer bunt zusammengewürfelten Kinderschar, gab Verlässlichkeit, ein Ohr, einen sicheren Hafen, egal was war.

Die Jahre verstrichen, die Söhne Hannelores leben heute in München, Köln, Berlin. Aber sie kommen, bringen ihre Kinder, worüber Hannelore jedes Jahr selig ist. Dann werden Haus und Garten vorbereitet, Vorräte gekauft, das Internet durchwühlt was mögen die Enkelkinder nur heute?

Warum all das, Hannelore? Wären Marmelade und Plätzchen nicht genug? scherzte Helmine über Hannelores Versuche, in irgendwelchen neuen Online-Spielen mitzuhalten.

Du verstehst das nicht! Ich bin für sie voll dabei. Weißt du, dass ich Teil der Gilde meines ältesten Enkels bin?

Du hast erzählt. Aber keiner weiß, dass Darth Vader 64 seine Oma ist! Na, das ist Vertrauen?

Das ist Abmachung! Mein Stimme klingt noch immer jung und so ratet keiner auf mein Alter. Dafür können wir plaudern und niemand fühlt sich alt. Und du, bist du mit deinen Enkeln oft in Kontakt?

Kaum. Sie finden mich langweilig, sagen, ich stecke im letzten Jahrhundert fest.

Siehst du! Nimm mir das weg, und was bleibt? Sie sind mein Leben… Kinder, Enkel Ich klopf meinen Buben schon auf die Glatzen, aber bei den Enkelkindern da werd ich jung!

Oft am frühen Abend fand Helmine ihre Freundin am Computer, den die Enkel geschenkt haben, ganz versunken im Headset, wie sie die Bande dirigierte: Von links! Ihr gestreiften Racker! Sammeln, nicht bummeln! und zum Schluss Gute Nacht, ihr Mäuse!

Kein Wunder, dass Maria da von verrücktem Dach sprach, dachte Helmine, während sie auf Hannelores Garten zuging. Normalerweise kamen zum Renovieren immer die Söhne. Aber wenns eilig war, kletterte Hannelore eben selbst aufs Dach musste sie bei jeder Glühbirne den Installateur holen?

Vor dem Fachwerkhaus hob Helmine den Blick und traute ihren Augen kaum.

Hannelore saß da oben im Sonnenschein, wie eine satte, glückliche Katze. Nicht allein ein Mann neben ihr, der sich selig räkelte, und eine Schar lachender Kinder und Enkel. Nicht alle schienen Hannelores Enkel zu sein.

Hanne? rief Helmine, gewiss, dass sie soeben eine Seifenblase von Glück über der Stadt hatte platzen lassen.

Helmi! Rauflassen! winkte Hannelore.

Wohin?! rief Helmine fassungslos.

Hierher, auf die Dachziegel! Der Ausblick ist herrlich, man sieht bis zum Starnberger See! Warum haben wir das nie gemacht?

Helmine zögerte, erinnerte sich an Marias Gerede vom Anstand schnappte sich dann eine Leiter und saß kaum Minuten später neben der Freundin in warmem Sonnenlicht.

Und? Schön?

Hannelore lachte, als ob sie die Antwort wüsste, und stellte die Runde vor:

Karlheinz! Mein Nachbar ein echter Seemann, seit Neuestem hier!

Helmine!

So, Schluss mit dem Getue. Wir haben Programm heute.

Und welches?

Karlheinz macht uns Grillfleisch. Und wir bringen den Nachtisch. Aber erst ab an den See!

Ich hab zu tun mit den Kindern!

Nimm sie einfach mit schau, wie viele wir sind! Da wirds lustig!

Aber mein Gustav kann nicht schwimmen, und die kleine Leni jammert schon, wenn sie durch den Garten laufen muss

Du musst sie halt mal Kind sein lassen! Eltern erziehen ihre Kinder, wir haben heute andere Aufgaben.

Und welche?

Die jüngsten Enkel riefen durcheinander, bis der älteste bestimmte:

Freiheit für die Papageien!

Kurz und knackig! Also, runter vom Dach es wird langsam Zeit! Das Frühstück wartet!

Dieser Tag wurde für Helmine einer der seltsam glücklichsten. Sie schwamm mit den Enkeln im See, aß zartes Grillfleisch, sang laut mit der Kinderschar und vergaß alles um sich herum.

Abends, als sich die Gesellschaft lichtete und Karlheinz mit seinen Enkeln ging, setzte Helmine sich zur Freundin auf die Veranda.

Was ist, Hannelore?

Ach, Helmi Ich glaube, ich bin verrückt geworden… oder einfach endlich normal. Vielleicht beides.

Wer ist er?

Karlheinz? Nachbar, ehemals U-Boot-Kommandant. Und ein guter Mensch. Ich hab mich verliebt. Wie ein Teenager, das glaubst du nicht! So alt und so jung!

Ich sehe es!

Verurteilst du mich?

Bist du verrückt? Wann habe ich dich je verurteilt? Wie habt ihr euch kennengelernt?

Er ist vorbei gelaufen, als ich auf dem Dach hockte.

Warum warst du oben?

Nach Starkregen war in der Küche eine Pfütze. Dach undicht. Die Buben kommen erst in Wochen, der große Enkel war schon unterwegs in die Stadt mit einer Freundin, kannst du dir denken!

Freundin ist gut!

So ists. Also, blieb ich allein mit den Kleinen musste ich halt klettern.

Und Karlheinz?

Hat sofort geholfen, hat geschraubt und geklopft, während ich dachte, er wäre schon weg. Erst später stellte er sich vor.

Und weiter?

Bald brachte er seine Enkel ich sah sie an und wusste, die gehören auch irgendwie zu mir. Als ich hörte, dass er sie allein aufzieht

Warum allein?

Schwere Geschichte, Helmi. Die Eltern seine Schwiegertochter und sein Sohn sind beide abgestürzt. Man fand sie in der Wohnung nach Tagen die Kinder waren zum Glück zu klein, das zu begreifen. Die Großmutter bekam einen Schlaganfall vor Schreck, Karlheinz wurde gerufen, musste die Enkel nehmen sonst wären sie im Heim gelandet.

Und seine Frau?

Er versuchte zu helfen, sie wieder aufzubauen, aber es funktionierte nicht. Wenig später war sie auch weg. Die Kinder blieben

Was für ein Mann.

Weißt du, in zwei Ehen hat mich nie jemand einfach so hingesetzt, Messer und Löffel aus der Hand genommen und für meine Kinder gekocht es war immer nur Dienst. Aber bei Karlheinz… endlich fühl ich mich als Frau. Und er hat mir das Dach geflickt!

Das weiß ich schon.

Nein, das echte Dach! Und mein anderes… Hannelore tippte sich an die Stirn. Wir haben keine Zeit, Helmi. Sie rast davon. Öffnest du morgens die Augen, ist schon wieder Abend! Nur ein paarmal Kinder gedrückt plötzlich sind sie erwachsen… Wenn du einen Menschen triffst, mit dem du selbst auf den Dachplatten nur schweigen willst, dann lass ihn nicht mehr los.

Kannst du das, Hannelore? Es sind noch viele Kinder, und…

Ich bin daran gewöhnt, solange ich kann, tu ich, was geht!

Helmine nickte lachend.

Sie haben Glück…

Oder ich… erwiderte Hannelore.

Illustration der Autorin. Erstellt mit Hilfe der KI Kandinsky
Ein Jahr geht ins Land und noch eines… Maria stakst missmutig die Straße entlang, schaut heimlich durchs frisch gestrichene Gartentor zur Datsche Hannelores, glimmt vor Neugier und murmelt:

Was für Leute! Immer nur lachen und singen Alt und Jung, keiner ernst! Wo nehmen die bloß die Kraft her?! Dabei sind sie kaum älter als ich…

Aber niemand wird ihr verraten, dass solange das Dach dicht und das Fundament fest ist das Haus allen Wärme geben kann. Wenn der Hausherr es will.©Und während Maria verstohlen weiter späht, öffnet sich das Fenster, Hannelore winkt grüßend hinaus ein freundliches, warmes Lächeln auf dem Gesicht. Hinter ihr hört man das fröhliche Stimmengewirr, das Klappern von Geschirr, das Plätschern eines Wasserglases. Karlheinz taucht auf, wischt sich die Hände an der Schürze ab und schlingt den Arm um Hannelores Taille. Draußen kräht ein Kind im Baum, ein weiteres schaukelt barfuß im Gras, und auf dem Dach stehen zwei bunte Gummistiefel zum Trocknen.

Helmine tritt hinzu, einen Korb voller Aprikosen. Sie ruft: Kommt runter Maria will wissen, warum es bei uns immer so lebt! Hannelore lacht, stützt die Hände in die Hüften und ruft zurück: Weil unser Dach dicht ist und unser Herz offen! Komm herein, Maria, es ist noch Platz!

Nach einem Moment Zögern schiebt Maria das Gartentor öffnend, wie jemand, der eigentlich keinen Grund hat zu verweilen, und bleibt dann doch stehen, blinzelt ins Glück.

Und so sitzt an diesem Sommerabend das ganze Dorf auf Hannelores Veranda, Kinder hocken auf den Stufen, Karlheinz füllt Gläser nach, und Maria hält plötzlich ein schüchternes Enkelkind an der Hand. Niemand spricht vom Wetter oder vom Alter. Irgendwann zupft ein Enkel leise an Marias Kleid: Oma, erzählst du uns eine Geschichte?

Maria räuspert sich, sieht in die strahlenden Gesichter und nickt, die Stimme etwas unsicher, aber fest: Na, dann hört mal zu

Das Haus atmet leise, der Garten duftet süß nach Sommer, und drinnen auf dem Dachboden, wo einst ein Loch war, summt nun ein leiser Wind und trägt das Lachen weit über das Dorf hinaus.

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Homy
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