Erdachte Krankheit
Sofie, hörst du mich überhaupt? Ich frage jetzt schon zum dritten Mal.
Ich höre dich, Martin. Ich höre alles.
Warum schweigst du dann? Ich sage, morgen müssen wir früh aufstehen und den Kindern ordentliches Frühstück machen. Jonas fährt zur Matheolympiade, der braucht Energie.
Ich mache was.
Sofie, kannst du mich wenigstens anschauen, wenn ich mit dir rede?
Sie drehte sich langsam um. Martin stand im Flur, noch im Mantel, den er nicht ausgezogen hatte, obwohl er schon vor fünf Minuten ins Haus gekommen war. Das war schon immer so: Immer stand er da an der Tür, als würde er sich die Möglichkeit offenhalten, einfach wieder zu gehen. Als wäre das Haus nicht sein Zuhause, sondern eine Wartehalle.
Ich schaue. Jonas steht um sechs auf, ich habs ihm gestern gesagt.
Gut.
Martin nickte und ging an ihr vorbei in die Küche, öffnete den Kühlschrank, stand einen Moment da, schloss wieder, ging die knarrende Holztreppe hinauf. Sie hörte seine Schritte über ihr, fest und leise, typisch für jemanden, der weiß, was ihm gehört.
Sofie Brandner, vierundvierzig Jahre alt, lebt in einem modernen Einfamilienhaus am Waldrand, zwanzig Kilometer vor Hamburg. Drei Kinder. Der älteste Jonas, fünfzehn. Die mittlere Greta, zwölf. Der kleine Paul, acht. Fünfzehn Jahre draußen, abgeschieden. Fünfzehn Jahre kaum Kontakte, nie Freundinnen, immer nur ein schneller Plausch mit der Nachbarin. Keine Partys, kein buntes Stadtleben. Immer dieses eigentümlich dumpfe Schweigen im Haus.
Sie hob das angefangene Buch vom Tisch, legte es wieder ab. Schaute hinaus ins Dunkel. November nasser, schwarzer Asphalt, kahle Buchen am Waldrand, vom Licht der Straßenlaterne am Ende der Sackgasse seltsam flach und stumpf beleuchtet wie in einem Traum. Alles verlischt und still.
Die Anfänge waren anders gewesen. Damals redete Martin mit großen Worten: Sofie, du bist zu besonders für diese Hektik, zu sensibel, zu gut. Dieses Haus, die Ruhe, ein echtes Leben, Kinder, Natur nicht dieses Tohuwabohu, mit dem seine Kollegen ihre Samstage verbringen. Sie hatte das geglaubt mit neunundzwanzig. Das große Glück auf dem Land. Ruhige Tage, du als Mittelpunkt für uns alle.
Ein paar Jahre lang war nichts seltsam daran. Dann kamen kleine Risse ins Bild. Damals sagte seine Assistentin durchs Telefon: Herr Brandner, Firmenfeier am Freitag, Frau Meisner ist natürlich wieder dabei. Später sah Sofie ein Foto in einem Magazin für Wirtschaft: Martin auf einer Konferenz, neben ihm eine Frau in einem scharlachroten Kleid. Überschrift: Martin Brandner, Entwicklungschef der Elbraum AG, mit Gattin.
Sofie schaute lange auf das Bild. Die Gattin neben Martin hatte gepflegtes Haar, eine aufrechte, Kamera-bewusste Haltung. Ihr fiel auf, wie sehr diese Frau wirkte, als sei das ihr Terrain, nicht Sofies eigenes Leben.
Damals schwieg Sofie. Dann dachte sie, sie müsste sprechen. Dann tat sie es doch nicht. Jonas war noch ein Baby, Greta erst geboren. Jede Szene erschien ihr als Ungeheuerlichkeit, die das Bröckelnde endgültig zum Einsturz bringen würde. Sie verschob es. Eine Woche, einen Monat, ein Jahr. Am Ende fünfzehn Jahre.
Martin sprach nie aus, dass er ein anderes Leben draußen führte. Er verschwieg es nicht sprach es einfach nicht an. Kam spät nach Hause, selten, immer mit dem Vorwand: Arbeit. Karriere. Stellvertretender Vorstand der Holding, das Geld stimmte, das Haus war großzügig, die Kinder auf der Waldorfschule, für Sofie gabs die EC-Karte für den Bioladen.
Vom angeblichen Leiden erfuhr Sofie von Frau Kühn, der Nachbarin, einer rundlichen, freundlichen Siebzigerin von nebenan:
Sofie, erzähl doch mal, was ist denn los mit dir? Man munkelt, du hast eine schwere Krankheit. Deshalb sieht man dich nie. Stimmt das?
Wer sagt denn sowas?
Ach, man redet eben. Dein Mann hat es wohl erwähnt, weiß nicht mehr woher. Frau Hamann meinte es, die kennt jemanden vom Firmenfest…
Sofie lächelte. Es sei alles gut, sie bedeute nur das ruhige Leben. Frau Kühn nickte, wechselte das Thema, wie es Nachbarn eben tun. Doch Sofie blieb nachdenklich am Küchentisch. Also erklärte ihr Martin die Abgeschiedenheit mit Krankheit. Nicht mit Streit, nicht mit Trennung, nicht mit ihrem Nicht-Wollen. Nein: Krankheit als komfortable Maske, die Mitleid erweckt, Fragen verhindert und ihn als fürsorglich, aufopfernd und bedauernswert dastehen ließ.
An dem Tag, als der kleine Paul drei war, sah Sofie eine SMS auf Martins Handy. Claudia und nach dem Bankett. Sie wollte nicht lesen, doch die Wörter brannten. Claudia. Claudia Meisner: die Frau aus dem roten Kleid.
Sofie schlief die Nacht nicht. Nicht voller Tränen, sondern einfach wach und im Nachdenken. Lange wusste sie es schon, wollte es nur nicht klar vor Augen haben. Zwischen Ahnung und Gewissheit ist ein kleiner Spalt, kleinere als man glaubt.
Am nächsten Morgen weckte sie die Kinder, machte Frühstück, fuhr Jonas zur Schule. Das Leben floss weiter, unwirklich wie ein Wasserlauf im Traum.
Sie blieb aus hunderten Gründen. Vor allem die Kinder. Wie sollte sie Jonas erklären, dass Papa nicht mehr kommt? Wie reagiert Greta mit ihren Launen? Wie Paul, der als Nesthäkchen mehr Papas Schonung gewohnt war? Kinder waren der Grund. Und dann war da die Angst weniger vor Einsamkeit, weniger vor Armut als vor einem Neuanfang. Fünfzehn Jahre in einer Welt, in der sie alles kannte, aber wenig außerhalb. Ihre Arbeit als Werbetexterin in einer kleinen Redaktion war lange verschwunden, wie ein Schatten aus einem anderen Leben.
Und manchmal, wenn das Haus nachts schlief und draußen der Wind eintrat, dachte sie so wie früher liebte sie Martin. Da gab es diesen Menschen, der Blumen brachte, der sagte: Du bist anders. Wo ist er geblieben? Sie wusste es nicht, aber er hatte existiert. Vielleicht hielt sie mehr an ihrer Erinnerung fest als an der Gegenwart.
So ging es. Ein surrealer November, feucht und schwer. Paul kränkelte, blieb daheim, Greta übte für Arbeiten, Jonas war beim Training. Martin kam selten, manchmal tagelang gar nicht, angeblich Dienstreisen. Sie fragte irgendwann schon lange nicht mehr.
An jenem Abend räumte sie das gemeinsame Schlafzimmer auf. Martins Kleidung, Ladegerät, Block alles wegräumen. Dann fand sie das kleine Medikamentenpäckchen mit seinem Namen, handschriftlich drauf: Tabletten gegen Herzrhythmusstörung. Sie wusste um seine Arrhythmie. Der Arzt hatte ihm eingeschärft, dass er die Tabletten nicht auslassen dürfe, besonders bei Stress und Feier sonst könne etwas passieren.
Sie hob das Päckchen hoch. Fast voll. Also hatte er heute nichts davon eingenommen? Sie wusste: heute war ein Bankett in der Nordstern. Hotel-Restaurant mitten in Hamburg, Glasfassade, goldene Lettern. Sie hatte das Bild vor Augen, als hätte sie es geträumt.
Ohne lange zu überlegen, nahm sie die Pillen, warf sie in die Jackentasche, zog ihren Mantel an. Wollte gerade raus, da guckte Paul im Pyjama um die Ecke, gerötete Wangen.
Mama, wohin gehst du?
In die Stadt, kurz. Ist Jonas da?
Der duscht. Mama, darf ich noch einen Zeichentrickfilm?
Eine Folge, dann gleich ins Bett.
Nur eine? Mama!
Du bist erkältet. Schlaf ist wichtig.
Aber Mama…
Eine. Sag Jonas, dass ich bald wieder komme!
Sie verließ das Haus, stieg in den Kombi. Der Motor sprang sofort an. Über nasse Landstraßen ging es in die Stadt. Die Laternen spiegelten sich seltsam auf der Windschutzscheibe, die Regentropfen rannten und rannten, so, als ob die Nacht selbst davonlaufen wollte. Ihr wurde mau im Bauch: Sie fuhr abends in die Stadt, das hatte sie seit Jahren nicht getan.
Die Nordstern thronte gläsern in der nächtlichen Straße, golden, fast wie ein riesiges Auge. Ein paar Autos am Eingang, Security im dunklen Anzug.
Guten Abend. Geschlossene Veranstaltung.
Ich weiß. Ich bin die Ehefrau von Martin Brandner, dem stellvertretenden Vorstand der Elbraum AG. Ich bringe ihm die dringend nötigen Medikamente.
Er musterte sie, zögerte. Nahm sein Funkgerät, murmelte hinein, dann: Bitte, gehen Sie durch.
Großer, leuchtender Marmor, ein eigenwilliger Duft nach Parfüm und Resten von Rosen und Wild. An der Rezeption eine junge Frau, korrekt und freundlich.
Guten Abend. Zu wem wollen Sie?
Zu Martin Brandner. Medikamente für ihn.
Sie telefonierte, kam zurück.
Bankett, hinten im rechten Saal, zweite Etage. Dort die Treppe.
Die Absätze ihrer alten, aber gepflegten Stiefel klapperten leise auf dem Marmor. Eigentlich hätte sie ein Abendkleid tragen müssen, fiel ihr ein. Aber das spielte keine Rolle. Nichts spielte hier eine Rolle außer den nächsten Stufen.
Oben: Stimmen, leise Musik unterbrochen von Lachen und Gläserklirren. Sie trieb durch den langen Flur, Stimmen webten sich wie Fäden durch den halbgedeckten Teppich. Hinter der halbgeöffneten Tür ahnte sie das da ist die Grenze in eine andere Welt, eine Parallelwelt, die sich Jahre um sie herum gebildet hatte, fest wie Eis, zerbrechlich wie Nebel.
Sie trat durch den Türspalt.
Der Saal weit, Tische wie Boote auf einem See, Menschen in Anzügen, Krawatten, Plisseekleidern. Stimmen schwebten, blitzendes Geschirr, überall funkelnde Augen und silberne Gabeln. Sofie stand und wartete, bis sie ihn fand: Martin, elegant, Glaskelch in der Hand, umgeben von Geschäftspartnern. Dicht neben ihm: eine Frau mit tiefblauem Kleid, hochgesteckten dunklen Haaren Claudia. Sie stand da, als gehörten die beiden zusammen, nahtlos, selbstbewusst.
Sofie trat näher. Die Umstehenden warfen kurze Blicke, eine Frau im Mantel, nicht passend zum Anlass. Aber der Traum ließ sie schweben: Nebel, fremde Stimmen, alles wankte seltsam.
Jetzt hörte sie Martins Stimme, leiser als sonst, in dem Ton, den er immer hatte, wenn Chefs dabei waren:
Herr Dr. Schäfer, ich will ehrlich sein. Es gibt bei mir private Umstände. Meine Frau… sie ist schon lange schwer erkrankt. Darum bin ich auf Firmenfeiern meist allein, oder Claudia begleitet mich ein wenig. Wir halten zusammen, aber es ist nicht leicht.
Sofie blieb stehen, eine Sekunde vor dem Innersten dieses seltsamen Saal-Traumes. Sie hörte, wie Martin weitererzählte, wie der Vorgesetzte mitfühlte, wie Claudia seine Hand nahm, eine Geste, weich und fast wie aus Theater.
Sofie trat näher an den Tisch. Martin wurde blass. Seine Pupillen zuckten einen Moment, dann erkannte er sie.
Sofie, sagte er leise.
Sie sagte kein Wort mehr, zog langsam das Medikamentenpäckchen aus der Tasche und legte es auf das weiße Tischtuch vor ihn. Die Pillenschachtel rollte ein bisschen, hielt an.
Alle am Tisch starrten sie an: Herr Dr. Schäfer, Martin, Claudia, zwei andere. Sie sagte:
Du hast vergessen, sie einzustecken.
Ihre Stimme klang nüchtern. Sie war überrascht, wie ruhig sie war.
Martin öffnete den Mund, schloss ihn wieder, dann rang er ein Danke heraus.
Das… Das ist… das ist sehr aufmerksam, Sofie.
Sie nickte. Schaute Dr. Schäfer an, der jetzt verstehend wirkte, als ob plötzlich das kalte Licht im Traum einen neuen Schatten warf.
Ich bin Sofie Brandner, Martins Frau, wie Sie sehen, durchaus gesund. Ich wohne nur draußen, am Waldrand.
Dr. Schäfer nickte langsam, seine Augen waren so klar wie Wasser. Ein prüfender Blick.
Sie wandte sich an Martin.
Martin, ich rufe am Montag den Anwalt an. Reiche die Scheidung ein. Die Kinder bleiben bei mir.
Sie wartete keine Antwort ab. Ging zur Tür. In diesem Moment war der Saal nicht laut, er schwieg, jedenfalls in ihrer Ecke als könne der Gedanke das Gold und den Marmor überlagern.
Sie ging die Treppe hinunter. Am Geländer hielt sie an, nicht weil sie schwach wurde, sondern um einen Moment zu atmen. Da war keine Wut, nicht einmal Schmerz. Es war dieser Moment, wenn man nach langer Zeit ein Fenster öffnet und merkt: hier ist Luft, echter, frischkalter Luftzug, wo es jahrelang stickig war.
Sie verließ das Haus, stieg ins Auto, wartete einige Minuten, schaute auf die Spiegelungen im Fensterglas des Hotels. Dann kam der Gedanke: Anwältin sie kannte Sandra, mit der sie früher studiert hatte. Die Nummer hatte sie noch, vielleicht nicht mehr gültig.
Die Heimfahrt, ein Tunnel durch Landschaft, die wie aus Papier schien, die Ortsschilder kamen ihr seltsam vor, als käme sie von sehr weit her. Zu Hause leuchtete das Küchenfenster. Jonas war noch wach, wartete.
Mama, warum hat es so lange gedauert?
War ein bisschen viel los.
Ist alles okay?
Sie zog Mantel und Schuhe aus, setzte sich ihm gegenüber.
Jonas, irgendwann muss man schwierige Entscheidungen treffen, weißt du? Nicht immer sofort, aber irgendwann.
Geht es um Papa?
Irgendwann wird sich bei uns etwas ändern. Ich sage dir alles, wenn ich mehr weiß. Du musst keine Angst haben, okay?
Die Augen ihres ältesten Kindes waren die von Martin, der Blick aber ihr eigener.
Ihr lasst euch scheiden?
Ja.
Habs geahnt, seit langem. Du brauchst mir das nicht erklären, Mama.
Sie war verblüfft, fühlte sich, als schaue sie Jonas zum ersten Mal wirklich an. Er war erwachsen geworden, während sie hinausschaute, immer wieder den Moment verschob.
Tut mir leid, dass ich so lange schwieg, Jonas.
Ach Mama. Es geht schon. Er zuckte die Schultern, wie jugendliche Jungen das tun. Es wird irgendwie schon gut.
Sie umarmte ihn, er blieb stehen, ließ es zu.
Schlaf gut, morgen ist die Matheolympiade.
Sie blieb noch lang in der Küche, trank Tee, stellte den Ton am Handy aus. Martin rief dreimal an. Nachricht: Sofie, wir müssen reden. Es ist wichtig. Sie las, legte das Handy weit weg.
Die nächsten Tage wurden wie Watte. Martin kam nicht. Jonas gewann den zweiten Preis, Greta strahlte bei einer guten Note und Paul tobte wieder durch das Haus, als sei nie etwas gewesen.
Sofie fand Sandras Nummer in einem zerfledderten Notizbuch; Sandra war jetzt Anwältin. Sie schilderte in ruhigen Sätzen die Situation, so nüchtern, wie sie es nur konnte.
Das Haus läuft auf Martin?
Ja, aber wir wohnten da fünfzehn Jahre. Die Kinder.
Es gilt als gemeinsames Vermögen. Du hast deinen Teil beigetragen. Das kann man durchsetzen. Möchtest du dort bleiben oder verkaufen?
Weiß ich noch nicht.
Warst du berufstätig?
Lange her. Werbetexterin in einem Kleinverlag.
Hauptsache, du bleibst nicht stehen, meinte Sandra. Geh wieder raus in die Welt.
Später das Treffen im Büro: Papierstapel, Kaffee, Linie um Linie, Schritt für Schritt. So konnte Sofie atmen, weil alles jetzt praktisch war, eine Aufgabe, kein Traum mehr.
Auf dem Heimweg wurde es dunkel, Sofie ging in ein Straßencafé, bestellte Suppe und Tee, schaute heraus. Zum ersten Mal aß sie allein in der Stadt, einfach so.
Am Samstag kam Martin vorbei. Die Kinder waren zu Hause, jeder mit sich beschäftigt, Martin trat ein, setzte sich auf seinen Küchenstuhl. Sie stellte Wasser auf.
Sofie, wir müssen reden.
Ich höre.
Du hast einen Fehler gemacht. Dr. Schäfer will wissen, was los ist. Offenheit erwartet er. So eine Szene… das war unpassend.
Ich habe nur deine Medikamente gebracht.
Du hast eine Szene gemacht, die dich den Kindern gekostet hätte!
Martin, du hast jahrelang gesagt, ich sei krank.
Er schwiegt.
Um allen zu erklären, warum ich nicht dabei bin nicht wegen Claudia.
Sofie…
Der Skandal bleibt aus. Du weißt, ich will keinen. Aber ich weiß nun, wie lange dein anderes Leben schon da war.
Wie lange?
Zehn Jahre? Vielleicht länger.
Was willst du?
Das, was ich dir im Saal schon gesagt habe.
Danach öffnete sich ein seltsamer kleiner Raum des Zögerns mitten im Gespräch. Am Ende sagte Martin langsam ja; er wolle über alles sprechen.
Kennen die Kinder das?
Jonas ja. Die anderen erfahren es, wenn wir gemeinsam darüber sprechen.
Er wollte dann gehen, stand im Flur, wie immer.
Sofie, wirst du das bereuen?
Vielleicht. Aber nicht diesen Schritt.
Er ging, und Paul kam bald mit seinen Flieger-Socken ins Erdgeschoss getapst.
Ist Papa weg?
Ja.
Schade. Mama, darf ich heute bei dir schlafen?
Klar, komm.
Juhu.
Oben: Schritte, das vertraute Familienleben, das leise nachklingt wie ein alter Traum.
Zwei Wochen später erzählte Sandra die Neuigkeiten. Dr. Schäfer wollte ehrliche Mitarbeiter. Die langjährige Lüge war nicht verzeihbar. Martin verließ die Firma eigene Entscheidung, aber eindeutig gewollt.
Claudia? Sie war in Pause. Was mit ihr geschah, wurde irrelevant.
Sofie dachte merkwürdig nüchtern darüber nach. Kein Triumph, kein Bedauern. Das Bauwerk, das Martin gebaut hatte, wackelte, nicht, weil sie es gestört hatte, sondern weil es innen hohl war.
Im Dezember, als der erste Schnee fiel und Paul mit Mama, guck mal, alles weiß! ins Zimmer stürmte, merkte sie das Schwere war fort. Da war nur noch ein Morgen. Schnee. Ein Kind mit staunenden Augen.
Sie reichten die Scheidung ein. Martin stritt nicht um die Kinder. Das Haus blieb bei Sofie, sie zahlte ihn aus. Keine Dramen. Martin holte die Kinder am Wochenende, Paul sprang ihn an der Pforte an, Greta erzählte knapp, Jonas war erwachsen-ruhig.
Im Februar schickte Sofie eine Nachricht an Lena, eine Studienfreundin aus Hamburg, die inzwischen Redakteurin bei einer kleinen Onlinezeitung war. Bin wieder in der Stadt. Vielleicht kann ich mal einsteigen? Lena antwortete sofort, lud sie zur Redaktionssitzung ein.
So kam Sofie freitags ins alte Bürohaus. Notebooks, Kaffeeduft, ein lockerer Chef, Anton, der direkt fragte:
Was können Sie?
Früher Reportagen, Interviews, ein bisschen Redaktion. Lang ists her.
Wie lang?
Fünfzehn Jahre.
Anton schmunzelte. Sie solle etwas probeschreiben, zu irgendetwas, das sie umtrieb. Wichtiger als das Thema sei das, was sie interessiert.
Sofie überlegte auf dem Heimweg: Sie schrieb über Frauen, die nach langer Pause zu sich selbst zurückkehrten. Nicht autobiografisch, vielmehr über Wendepunkte, über den Moment, in dem alles Stillstand hat und dass es trotzdem weitergeht.
Nach ein paar Tagen meldete sich Anton: Gute Schreibe. Fangen Sie an. Drei Artikel im Monat, kleines Honorar, Vertrag.
Oberflächlich war alles wie immer. Aber als Sofie dies einer Freundin erzählte, wurde ihr klar: Sie hatte ewig nicht mehr einfach gelacht.
Im März kamen die Knospen zurück an den Büschen. Paul prüfte täglich die Apfelbäume. Greta wollte plötzlich ein Gemüsebeet. Jonas übte für die Prüfungen, bat sie um Hilfe bei Geschichte. Es gelang ihr. Über dünne, helle Nächte schrieb sie ihren ersten Redaktionsartikel ein Porträt alter Handwerker.
Anton wollte beim zweiten Mal etwas über Bibliotheken. Sofie traf die Bibliotheksleiterin: Bücher helfen immer, sagte die Frau sachlich. Man ist nie allein mit einem Buch, verstehen Sie?
Sofie dachte daran beim Hinausfahren dörflicher Straßen. Bücher hatte sie immer, sogar in den grauen Traumjahren. Sie war nie allein, nicht ganz.
Im Mai pflanzte sie mit Greta das Gemüse, Paul half, störte beim Umgraben. Greta sagte unvermittelt:
Du bist anders, Mama.
Anders?
Früher warst du immer wie nicht ganz da. Jetzt bist du da.
Du beobachtest alles.
Wir Kinder beobachten immer. Ist normal.
Sie lachten, dann lachte auch Paul, grundlos.
Im Mai rief Martin zum ersten Mal von sich aus an. Wie gehts? Ich hab gehört, du schreibst wieder.
Ja.
Du hast das immer gut gekonnt.
Sie schwieg kurz.
Martin, wolltest du sonst noch was?
Eigentlich nicht. Dann, zögerlich: Ich komme Sonntag zu den Kindern.
Bring Paul ein Dino-Buch mit, er ist besessen davon.
Mach ich.
Danach trat sie hinaus auf die Veranda. Der Mai roch nach Erde und Blüte, als wäre der Winter vergessen, der Sommer ein Versprechen.
Sie stand da. Alles war noch ungewiss: Jonas bald fertig mit der Schule, Greta schon erstaunlich reif, Paul mit seinen Dinos, die Redaktion ihr neuer Anker, Sandra eine verlässliche Freundin und Anwältin, Lena wieder aufgetaucht wie ein Blatt nach dem Winter. Und Frau Kühn, die immer noch Gläser Quittengelee vorbeibringt.
Der Sommer brach an, still und so plötzlich, wie nur in Träumen möglich. Ihr erster Artikel wurde im Juni veröffentlicht, Greta druckte ihn aus und klebte ihn an den Kühlschrank. Jonas sah lange drauf und sagte: Mama, du schreibst echt gut.
Hast du gelesen?
Klar, interessant.
Jonas, was willst du einmal machen?
Lehramt. Geschichte am liebsten.
Kein Grund, darüber zu lachen. Das ist wichtig.
Ich will Menschen erklären, wies früher war, sie sollen wissen, wie alles entstanden ist.
Vielleicht hatte sie ihm das doch irgendwie beigebracht nicht mit Ratschlägen, sondern durch das Gehen. Das wichtigste als Mutter ist vielleicht, die Kraft zu zeigen, einen Neuanfang zu wagen. Das sehen die Kinder.
Im August: Hitze, Badesee-Ausflüge Paul paddelte unbeholfen, Greta las auf der Decke, Sofie betrachtete die Wolken.
Paul rief aus dem Wasser:
Mama, schau, ich kann auf dem Rücken schwimmen!
Toll, Paul!
Man muss nur richtig liegen, dann muss man gar nichts mehr mit den Armen machen!
Kluge Erkenntnis.
Greta blickte auf:
Ist das eine Lebensmetapher, Paul?
Bitte?
Wenn man richtig liegt, muss man nicht mehr schuften. Wie im Leben. Oder?
Nein, das ist nur Schwimmen.
Schade. Wäre eine gute Metapher gewesen.
Paul kam triefend raus.
Wann kommt Papa?
Sonntag.
Bringt er einen Dino mit?
Hat er schon getan. Steht im Bücherregal.
Welchen?!
Grünen, ich weiß den Namen nicht.
Das ist bestimmt ein Stegosaurus! Oder ein Ankylosaurus! Der hat einen Hammer als Schwanz, Mama, wusstest du das?
Nein, jetzt weiß ichs.
Der schützt sich so. Bester Schutz unter Dinos!
Der beste?
Ja! Keiner konnte ihm was anhaben.
Sie betrachtete ihn. Acht Jahre, Spätsommer, satter Klang der Abendsonne.
Paul, du bist ein guter Mensch.
Er schaute sie verwundert an.
Mama, das sagt man nicht einfach so.
Ich sags trotzdem.
Er zuckte mit den Schultern, schnappte sich das Handtuch und trollte zum Wasser.
Zuhause: Maiskolben im Topf, Musik aus Gretas Zimmer, Paul mit Dino-Buch auf dem Sofa.
Telefon klingelte. Unbekannte Nummer.
Sofie Brandner? Ich bin Irina, Redakteurin bei Unser Ufer. Lena hat gesagt, Sie schreiben toll. Wir hätten einen freien Posten, Themen rund ums Leben. Zeit für ein Gespräch?
Sofie rührte im Topf.
Klar, gern.
Sie nannten Termine, einigten sich.
Mama! Ist der Mais fertig?
Gleich!
Ich sterbe vor Hunger!
Ankylosaurier konnten warten!
Das ist unfair! Jetzt lachte er.
Sie lächelte. Drehte sich wieder zum Herd.
Draußen Dämmerung, leise Musik irgendwo im Haus, Maisduft, schlurfende Kinderfüße. Ein ganz gewöhnlicher Abend. Und doch irgendwie nicht.





