Der Hochzeitsskandal
Du hast das mit Absicht gemacht!, Irinas Stimme durchschnitt den festlichen Saal so scharf, dass die Musiker an der Wand sich erstaunt ansahen und die Musik plötzlich verstummte, als hätte jemand den Stecker gezogen. Du hast genau gewusst, wie wichtig es für mich war, und trotzdem hast du es extra so gemacht!
Tanja stand zwei Schritte entfernt von ihrer Schwester, im weißen Spitzenkleid, und blickte ruhig zu ihr hinüber. Nicht kalt, nicht feindselig, bloß gelassen, als sähe sie etwas, das schon lange kommen musste.
Irina, lass gut sein, sagte sie leise.
Lass gut sein? Wie bitte?! Irina machte einen Schritt nach vorne, und der Stuhl hinter ihr wackelte, beinahe wäre das Sektglas umgefallen. Ich habe dich um nur eine einzige Sache gebeten! Nur eine! Gib mir den Brautstrauß direkt in die Hand! Mir! Nicht ins Getümmel werfen wie auf dem Wochenmarkt, sondern direkt übergeben! Weißt du, was das bedeutet? Das ändert alles!
Die sechzig Gäste, verteilt über die Tische am Fenster, hielten perplex inne. Ältere Verwandte, Freundinnen, Kollegen des Bräutigams niemand bewegte sich, einige hielten die Gabel noch hoch, andere schauten angestrengt auf die Tischdecke. Onkel Jürgen, der Bruder ihres Vaters, räusperte sich in die Faust und blickte demonstrativ aus dem Fenster.
Waltraud, ihre Mutter, erhob sich rasch und leise, mit jener geübten Selbstverständlichkeit, mit der Menschen kommen, um brennende Konflikte zu löschen.
Irinchen, sagte sie mit einer Stimme, mit der man kleine Kinder im Dunkeln beruhigt, komm doch mal kurz mit mir.
Mama, fass mich nicht an!, Irina riss ihre Hand weg, drehte sich aber um in dieser Bewegung lag etwas Zerbrechliches, etwas Kindliches. Sie wusste, wie wichtig mir dieser Strauß war. Wir hatten es abgemacht!
Abgemacht hatten wir das nicht, sagte Tanja immer noch ruhig. Du hast gesagt, du möchtest ihn. Das ist nicht das Gleiche.
Irina öffnete den Mund, brachte aber nur ein röchelndes Schluchzen hervor. Sie war schön mit ihrer hohen Gestalt, dem dunklen Haar, dem fliederfarbenen Kleid, doch all das war jetzt fehl am Platz, wie ein schönes Stück Stoff, das zu Boden gefallen ist.
Jetzt ist alles ruiniert, flüsterte sie schließlich. Verstehst du? Alles.
Waltraud sagte nichts weiter. Sie fasste ihre Tochter fest, aber sanft am Arm und führte sie hinaus. Irina folgte widerstandslos, nur einmal blickte sie zurück in den Saal, in dem nun vorsichtig wieder Musik einsetzte.
Tanja sah ihnen nach. Dann wandte sie sich ihrem Mann zu, der mit einem verwirrten Gesichtsausdruck neben ihr stand.
Alles ist gut, sagte sie. Lass uns tanzen.
Der Strauß landete bei Lena, Tanjas Studienfreundin. Lena stand in der dritten Reihe, völlig überrascht, dass sie ihn auffing, denn Tanja hatte leicht schräg und kraftvoller geworfen als gewöhnlich. Sie lachte verlegen, drückte die Blumen an sich, aber niemand sah sie voller Neid an. Alle dachten an Irina.
Es war September, warm und ein wenig feucht, wie es in Hamburg oft Anfang Herbst der Fall ist. Das Restaurant hieß Zur Linde, lag im dritten Stock mit Blick auf die Elbe, und in den großen Fenstern spiegelten sich die Lichter der Laternen. Draußen wurde es langsam dunkel, so wie der Sommer erst zögert, bevor er wirklich verschwindet.
Irina war an diesem Tag sechsundzwanzig und drei Monate alt. Tanja war drei Jahre jünger. Das klingt nach wenig, aber zwischen ihnen lagen Welten, die nicht mit Jahren zu erklären sind.
Tanja war schon immer jemand gewesen, der sich Dinge erst lange ansah, bevor er zugriff. Nicht aus Angst, sondern aus dem Bedürfnis, zuerst zu verstehen. Sie hatte ihren Beruf sorgfältig ausgewählt, und auch bei Dirk, ihrem jetzigen Mann, hatte sie sich Zeit gelassen. Zwei Jahre waren sie ein Paar, ein Jahr wohnten sie zusammen, dann folgte die Hochzeit. Alles ruhig und stetig.
Irina war das Gegenteil. Sie war immer die Erste, immer schnell, leidenschaftlich und dann wieder bereit für Neustart. In drei Jahren wechselte sie viermal die Stelle, immer weil irgendwas nicht passte: Das Klima, der Chef, der Arbeitsweg. Männer hatte sie ähnlich viele, ohne zu zählen.
Dafür hatte Irina ein System. Jeden Morgen las sie ihr Horoskop am Handy: erst Skorpion (ihr Zeichen), dann Widder (das des letzten Freundes), manchmal Zwillinge. Wenn das Horoskop guter Tag für Gespräche verkündete, führte sie Bewerbungsgespräche. Bei Konflikte meiden arbeitete sie von daheim.
Rückläufiger Merkur war ihr Erzfeind. Sie wusste immer mit zwei Wochen Vorlauf, wann es wieder so weit war, und verhängte dann allgemeine Vermeidung: keine Unterschriften, keine neuen Projekte, alle warnen.
Jetzt bitte nicht, Tanja, sagte sie, als diese im Februar erzählte, dass sie und Dirk heiraten würden. Merkur ist rückläufig bis Ende des Monats. Wartet lieber.
Wir haben bereits beantragt, antwortete Tanja.
Tja, seufzte Irina, als ob alles gesagt sei.
Tja was?
Nichts. Merkt euch nur.
Tanja dachte nicht mehr daran, doch Irina vergisst nicht. Wichtiges hält sie fest wie die Schnur eines Luftballons, der davonfliegen könnte aber der Ballon zog immer nur sie selbst nach unten.
Kaum stand das Hochzeitsdatum fest, prüfte Irina den astrologischen Kalender für September. Das Ergebnis war schwierig. Mond in Fischen, Venus in Jungfrau, noch einiges mehr. Also rief sie ihre Mutter an.
Waltraud, begann sie sie nannte ihre Mutter nur bei vollem Namen, wenn sie ernst genommen werden wollte , weißt du, dass die beiden einen extrem unglücklichen Tag gewählt haben?
Ach was?, fragte Waltraud.
Wegen des Mondes.
Der Mond scheint doch für alle, meinte die Mutter.
Das ist kein Scherz, Mama. Ich habe eine astrologische Analyse gelesen: Hochzeiten in dieser Phase das ist gefährlich.
Jede Ehe ist gefährlich, meinte Waltraud. Kauf ihr lieber ein schönes Geschenk.
Irina kaufte das Geschenk. Schön, teuer, mit Kassenbon. Aber innerlich wurde sie nicht ruhiger.
Jetzt begann sie Tanja mit Ratschlägen zu bestürmen: Kleiderfarbe (Weiß mit Silber nicht zu empfehlen, besser Gold), Hochzeitstag (wegen der Sterne verschieben), Blumen (bitte keine Hortensien am 1. September, sondern etwas energetisch Neutrales). Tanja nickte, versprach zu überlegen und handelte doch nach eigenem Kopf. Die weißen, leicht grünlichen Hortensien blieben.
Dann kam das Gespräch über den Strauß.
Einen Monat vor der Hochzeit saßen sie in der Küche der Mutter, tranken Tee, Tanja zeigte Saalfotos. Irina blätterte, schwieg, sagte dann plötzlich:
Gibst du mir den Strauß?
Welchen?
Den Brautstrauß. Nicht werfen, sondern mir direkt geben.
Tanja blickte sie an.
Gibt man den nicht traditionell allen Unverheirateten?
Ja, aber dafür gibts die Tradition: Wer fängt, heiratet als Nächste. Ich muss, unbedingt, ihn persönlich bekommen. Das ist besser, gezielter. Energie!
Energie?
Ja, Absicht, das wirkt!
Waltraud tat gerade so, als wären die Kaffeetassen besonders wichtig.
Irina, ich kann das den anderen gegenüber nicht machen.
Wem? Lena etwa?
Auch Lena.
Tanja. Ich bin sechsundzwanzig. Allein. Du heiratest, du gehst in deine Zukunft mit Dirk, und ich? Blumen für mich zu schade?
Tanja schwieg kurz.
Es geht nicht ums Gönnen es ist einfach nicht das Richtige.
Du glaubst also selber nicht daran?
Ich glaube an Dirk das reicht mir.
Irina sammelte ihre Sachen.
Schon klar, schloss sie ab und verabschiedete sich.
Diese Szene ging ohne Eklat vorüber, aber Irina meldete sich eine Woche nicht mehr, und die Mutter riet Tanja, sie solle ein wenig nachgeben. Tanja schwieg und organisierte weiter: Kleid, Blumen, Menü, Gästeliste. Das Leben ging seinen Weg.
Am Hochzeitstag kam Irina im fliederfarbenen Kleid, die Haare kunstvoll gesteckt, strahlend wie immer. Sie hatte schon früh die Gabe, die Blicke auf sich zu ziehen. Ihre Mutter sagte, sie sei ausdrucksstark. Nicht schöner als Tanja, aber auffälliger. Tanja, still und blond, verblasste neben ihr oft. Heute war jedoch Tanjas Tag.
Ihren Sekt rührte Irina kaum an ein weiterer Aberglaube: Sekt verstärkt negative Energien bei bestimmten Mondphasen. Tante Christa, Platznachbarin, blieb diplomatisch bei Smalltalk.
Dirk hielt eine kurze, ehrliche Rede auf Tanja und blickte ihr dabei in die Augen. Irina versenkte ihren Blick in das Wasserglas.
Dann folgte Salat. Dann Hauptgericht. Dann Kichern und Trinksprüche.
Und schließlich das Werfen des Straußes.
Irina stand als Erste vorn. Sie ging in den Saal, wo sich schon einige Unverheiratete versammelt hatten, stellte sich weit vorne, direkt gegenüber ihrer Schwester. Tanja drehte sich um, hob den Strauß, hielt inne. Einer der Gäste zählte: Eins, zwei, drei!
Tanja warf.
Der Strauß flog in weitem Bogen. Irina griff, aber er landete bei Lena, die gar nicht darauf aus war, einfach nur lachte und errötete.
Ein Moment Stille.
Dann Irinas Aufschrei.
Du hast das mit Absicht gemacht!
So begann jener Skandal, wie er dann verlief: laute Worte, Tränen, erstarrte Gäste, Waltraud als Friedensstifterin. Irina schimpfte über Schicksal und Ungerechtigkeit. Tanja blieb ruhig, Dirk hielt ihre Hand.
Waltraud führte Irina hinaus, und im Saal atmete man auf.
Das Café Nordlicht lag gleich im Nebengebäude, direkt durch den Torbogen neben dem Zur Linde. Kleiner Laden, helle Holztresen, vier Tische, Fetthennen auf den Fensterbrettern. Abends war es still, nur ein Gast mit Laptop in der Ecke, hinterm Tresen ein junger Mann mit kurzem Bart und Brille.
Waltraud drängte Irina hinein, bestimmt aber nicht grob, setzte sie an die Theke. Warte hier. Ich komme gleich wieder.
Sie verschwand, vielleicht zum Telefonieren, vielleicht um Luft zu schnappen. Irina fragte nicht.
Sie starrte auf die Holzplatte, ihr Make-up verlaufen, das Kleid hinten zerknittert. Das Gefühl nach einem großen Ausbruch leer, still, ein wenig kalt.
Darf ich etwas bringen?, fragte der Barista. Keine Spur von Neugier.
Wasser. Nein doch lieber Gibts etwas Warmes außer Kaffee?
Heiße Schokolade, Ingwertee, heißes Wasser mit Zitrone.
Schokolade.
Er nickte und bereitete sie zu. Irina beobachtete seine ruhigen Handgriffe.
Schwieriger Tag?, fragte er, ohne sich umzudrehen.
Sie haben es wohl gehört, sagte Irina.
Ein bisschen. Die Wände sind dünn.
Warum fragen Sie dann?
Weil schwieriger Tag und Hochzeitsskandal nicht dasselbe sind.
Irina sah ihn an, als er die Tasse vor sie stellte: echte heiße Schokolade, nach Vanille und Geborgenheit duftend.
Es war die Hochzeit meiner Schwester, begann sie. Warum sie das alles erzählte sie wusste es selbst nicht.
Klingt nach einer schwierigen Geschichte.
Ich wollte nur den Brautstrauß. Direkt. Ist das wirklich zu viel verlangt?
Kommt drauf an, wer ihn geben soll.
Sie ist doch meine Schwester! Ich habe gerade eine wichtige Phase, verstehen Sie? Merkur ist erst letzten Monat wieder direkt geworden. Wenn ich die Chance nicht nutze, wars das für die nächsten drei Monate!
Der Barista schwieg, wischte die Theke ab, lehnte sich auf der anderen Seite an.
Sie wissen, was rückläufiger Merkur ist?
Natürlich.
Dann wissen Sie auch, dass es eine optische Täuschung ist. Merkur bewegt sich nicht wirklich rückwärts, es sieht von der Erde bloß so aus, weil die Bahnen unterschiedlich schnell sind. Wie zwei Züge, von denen einer den anderen überholt. Der langsamere fährt nicht zurück, sondern einfach langsamer.
Irina sah ihn eine Weile an.
Aber die Energie
Welche Energie?
Astrologische, symbolische. Es ist ja nicht nur ein Planet.
Mag sein. Aber den Strauß haben Sie gewollt, weil Sie heiraten möchten. Das ist eine andere Geschichte.
Irgendwie war sie nicht gekränkt. Da war eher Erstaunen.
Ich heiße Andreas, stellte er sich vor.
Irina.
Ein schöner Name.
Sie antwortete nicht. Die Schokolade schmeckte tatsächlich ausgezeichnet.
Warum glauben Sie, dass Ihnen der Strauß wichtiger ist als die Ehe an sich?
Weil wenn der konkrete Mensch wichtig wäre, würde ich wohl über ihn sprechen nicht über den Strauß.
Irina schwieg einen Moment.
Vielleicht haben Sie recht.
Im Café war es ruhig geworden. Der Laptop-Mann ging, draußen spiegelten sich Straßenlaternen im Regen. Durch die Wand kam Musik: Sie tanzten wohl wieder drüben im Zur Linde.
Ihre Mutter kam nicht zurück. Irina bemerkte das langsam, Stück für Stück. Vielleicht wollte sie ihr Zeit geben. Vielleicht war sie zur Feier zurückgegangen.
Andreas räumte Tassen weg, wischte die Kaffeemaschine sauber, manchmal antwortete er auf eine Bemerkung von Irina.
Meistens redete sie einfach, ungewohnt für sie. Normalerweise gehörte sie nicht zu denen, die sich Fremden anvertrauen. Heute brach irgendwie eine Schleuse. Sie sprach über rückläufigen Merkur, über Dirk, den sie eigentlich nie für den Richtigen für Tanja hielt (ohne es so direkt zu sagen), über ihre Mutter, die immer Tanjas Seite einnahm, über das Gefühl, als älteste Tochter oft die Doofe zu sein.
Andreas hörte zu. Ohne übertriebene Bestätigung, ohne aha, einfach nur zuhörend. Manchmal stellte er eine kurze Frage, Irina lenkte dann das Gespräch weg.
Sie sagten, Sie treffen Entscheidungen nach dem Horoskop, bemerkte er einmal. Haben Sie auch schon mal einfach so entschieden?
Vor drei Jahren, nach der ersten Stelle. Da habe ich nicht ins Horoskop geschaut.
Und wie liefs?
Schlecht. Danach war ich zwei Monate arbeitslos.
War das nächste, astrologiebeeinflusste, besser?
Nicht unbedingt.
Tja, dann liegts wohl nicht am Horoskop.
Aber es gibt Zusammenhänge.
Natürlich. Aber die liegen oft mehr in uns als in den Sternen.
Er sagte das nicht wie eine Moralpredigt, einfach nur feststellend. Irina betrachtete diesen Gedanken einen Moment lang wie etwas Seltenes.
Glauben Sie denn an etwas?
Natürlich. Guter Kaffee. Pünktlichkeit. Zuhören.
Das sind doch keine Glaubenssätze, eher Gewohnheiten.
Kann sein. Aber sie funktionieren besser als Merkur.
Er lächelte freundlich. Die Brille schlicht, die Haare ein wenig zu lang alles an ihm war leise, bescheiden, kein Typ, auf den Irina sonst schaute. Aber heute mochte sie gerade das.
Um halb elf sagte er, dass das Café um elf schließe. Irina staunte: Zwei Stunden waren schon vergangen.
Danke für den Kakao.
Gern. Kommen Sie gut heim?
Ich bin mit Mama hier mal sehen Drei verpasste Anrufe von Waltraud.
Rufen Sie besser an, sagte Andreas.
Sie telefonierte die Mutter war schon zu Hause, ruhig, sachlich. Sie vereinbarten, dass Irina das Taxi nähme.
Irina verabschiedete sich von Andreas und trat hinaus in die kühle Hamburger Nacht. Im Taxi dachte sie lange an das mit den Zügen: Einer überholt, der andere fährt trotzdem nach vorn.
Zuhause schminkte sie sich ab, schlüpfte in den Schlafanzug, lag auf dem Bett. Sie öffnete ihr Horoskop-App, las für morgen, schloss dann wieder. Dann suchte sie einen Artikel über die astronomische Ursache des rückläufigen Merkur genau das, was Andreas beschrieben hatte. Sie las lange, schlief mit dem Handy in der Hand ein.
Am nächsten Morgen rief die Mutter an.
Wie gehts dir?
Ganz in Ordnung, Mama.
Ich habe dich gestern nicht zurechtgewiesen.
Hab ich bemerkt.
Das heißt nicht, dass es mir egal ist.
Weiß ich doch.
Pause.
Es war Tanja nicht angenehm. Sie war nicht sauer, aber es war ihr unangenehm. Verstehst du?
Ich verstehe.
Mehr wurde dazu nicht gesagt. Die Mutter wechselte das Thema. Irina hörte zu, merkte aber, dass sie gedanklich bei Andreas Satz Zuhören lohnt sich hängen blieb.
Drei Tage später kam sie an Nordlicht vorbei. Eigentlich wollte sie zur Apotheke um die Ecke. Doch sie blieb stehen und ging hinein.
Andreas war da, nickte ihr zu.
Americano?
Eigentlich trinke ich keinen Americano.
Was dann?
Flat White können Sie das?
Natürlich.
Sie setzte sich an die Theke. Tagsüber war alles heller und voller, einige Gäste tipp-ten an Laptops.
Sind Sie jeden Tag hier?
Fünf Tage die Woche.
Heute Donnerstag?
Genau.
Der Flat White schmeckte hervorragend.
Ich habe über die Bahnen gelesen, sagte sie schließlich.
Und?
Stimmte alles, was Sie sagten.
Das freut mich.
Ich sage nicht, dass Sie recht haben.
Muss auch nicht sein.
Vielleicht erkläre ich manches lieber mit den Sternen, weil es einfacher ist, als zu sagen: Es lief einfach schief.
Er nickte nur.
Das zuzugeben, ist schwer, sagte er irgendwann leise.
Höllisch schwer, sagte sie und lachte, kurz, fast lautlos. Er lächelte zurück.
Sie blieb fast eine Stunde, sie redeten viel. Sie erfuhr, dass er Chemie studiert hatte, es aber abgebrochen hatte, weil Kaffee interessanter sei. Sie fragte nicht nach, warum.
Als sie ging, sagte er: Kommen Sie mal wieder vorbei.
Vier Tage später kam sie wieder. Dann nach drei Tagen nochmal.
Bald passierte es regelmäßig, zwei, drei Mal pro Woche, ohne Verabredung. Immer, wenn sie in der Gegend war oder auch nicht.
Einmal kam sie Freitag abends, und Andreas hatte schon Feierabend. Die Kollegin räumte auf.
Gehen wir ein Stück spazieren? fragte er.
Sie zögerte nicht lange. Sie schlenderten an der Alster entlang. Andreas redete vom Kaffeerösten, sie hörte zu und stellte Fragen ungewohnt für sie.
Was achten Sie auf bei neuen Menschen?, fragte sie.
Er dachte nach.
Ob sie zuhören oder schon beim Reden sind.
Und ich?
Sie hören zu manchmal. Wenn Sie nicht innerlich woanders sind.
Sie lachten beide.
Am Ende fragte er: Haben Sie heute Ihr Horoskop gelesen?
Nein irgendwie nicht.
Ist mal was anderes, oder?
Irgendwie schon.
Im Park an einem kühlen Oktobersonntag landeten sie später in einem anderen Café. Irina erzählte, dass sie Tanja angerufen hatte. Kein großes Gespräch, mehr Smalltalk.
Du hast dich nicht entschuldigt?, fragte Andreas.
Nein konnte nicht, hab die richtigen Worte nicht gefunden.
Muss nicht sofort sein. Manchmal kommt das von allein.
Das gefiel ihr.
Er erzählte, wie er sich einmal mit seiner Schwester wegen einer Erbschaft zerstritten hatte. Der Kontakt war abgerissen, der erste Schritt zum Frieden kam nach Jahren einfach am Geburtstag, ohne Klärung, einfach ein Alles Gute.
Einfach so?
Einfach so.
Irina schwieg, dachte nach.
Ich habe auf der Hochzeit wirklich gelitten, sagte sie. Nicht wegen Tanja, sondern weil ich überzeugt war, der Strauß würde etwas ändern.
Tut er nicht.
Nein. Es sind bloß Blumen.
Bis Ende Oktober trafen sie sich öfter, oft ungeplant im Nordlicht. Sie sprach nicht drüber, aber Andreas schien es zu wissen.
Einmal öffnete sie wieder ihre Horoskop-App, las von heiklen Entscheidungen heute und lachte lautlos. Sie schloss die App, löschte sie aber nicht zu viel Show.
Doch in Streitmomenten war das Horoskop wieder schnell geöffnet. Als sie sich wegen einer Kleinigkeit stritten, las sie sinngemäß heute keine Kompromisse eingehen. Dann rief sie Andreas an und sagte einfach: Es war nicht fair von mir, das Letzte Wort zu haben.
Ich nehme die Entschuldigung an, sagte er schlicht.
Kein Nachbohren, kein aber du hast. Es war ungewohnt.
Im November meldete sich Irina bei Tanja. Erst Smalltalk, dann ein unbeholfenes: Ich hab mich an der Hochzeit nicht richtig benommen.
Tanja schwieg lange. Ja, sagte sie. Aber ich weiß, du bist kein schlechter Mensch.
Ich will keiner sein, sagte Irina.
Schon klar, antwortete Tanja. Und? Wie gehts dir?
Irina lächelte. Eigentlich gut ich habe da jemanden kennengelernt.
Tanja lachte richtig: Dann war doch alles nicht umsonst mit dem Strauß und allem.
Irina wurde warm ums Herz.
Die Adventszeit verstrich schnell. Lichter, Einkaufshektik, Mandarinen (die Andreas seltsamerweise nicht mochte), Weihnachtsfilme. Sie verbrachten Silvester mit Freunden bei Andreas zu Hause. Irina merkte, dass sie den Salat nicht aus Pflichtgefühl, sondern aus Freude zubereitete.
Zu Neujahr wünschte sie sich etwas ohne Horoskop.
Im Januar redeten sie über Zukunft, ganz nebenbei. Katzenname, gemeinsam Urlaub planen. Kleine Pläne, die etwas Großes werden.
Im Februar, bei Kaffee, fragte Andreas: Irina, möchtest du vielleicht heiraten?
Sie legte das Handy weg.
Was jetzt? Ja, ich weiß, es sind erst fünf Monate. Aber ich bin sicher. Wenn du mehr Zeit brauchst sag an.
Sie wollte auf das Horoskop schauen, aber der Gedanke verflog.
Ich glaube, ja, sagte sie.
Obwohl im März ist wieder Merkur rückläufig
Wer fragt den schon?, lachte er.
Sie heirateten im März ganz bewusst mitten im rückläufigen Merkur.
Kleine Hochzeit. Tanja und Dirk waren dabei. Es war wichtig für Irina. Sie drückten sich herzlich.
Beim Fest saßen alle eng und warm zusammen. Beim Toast stand Irina auf, sprach voller Offenheit:
Vor einem halben Jahr gab es bei Tanjas Hochzeit einen großen Ärger meinetwegen, wegen Blumen. Am Ende führte mich das dorthin, wohin ich kommen musste. Tanja, danke, dass du mir den Strauß nicht gegeben hast.
Tanja blickte dankbar zurück.
Später, als alle gegangen waren, halfen Andreas und Irina beim Aufräumen. Andreas meinte: Das war ein guter Toast. Ehrlich und auf den Punkt.
Heute früh hätte ich fast wieder das Horoskop geöffnet, gab sie zu, aber ich wusste schon, dass ichs nicht brauche: Ich wusste längst, was ich will.
Sie gingen hinaus. Der März war früh dran mit der ersten Ahnung von Frühling. Etwas war im Wandel, schon vor der Tür.
Am nächsten Tag rief Tanja an.
Wie war’s?
Wunderschön. Ruhig. Richtig.
Der Toast da hatte ich fast Tränen in den Augen.
Ich auch.
Und weißt du es war wichtig, dass du daran erinnert hast.
Manches muss ausgesprochen werden.
Ja, vielleicht.
Das war keine große Versöhnung, kein Pathos, einfach Schwesternherzlichkeit.
Irina stellte das Telefon weg, machte Kaffee. Andreas schlief noch. Sie öffnete das Fenster, die kühle Märzluft kam herein.
Auf dem Handy eine Benachrichtigung: Skorpion: Im März haben Ihre Beziehungen eine Wendung. Sie lächelte, schob die Nachricht weg.
Die Wende war schon passiert gestern, vorgestern, vor Monaten im Café. Der Horoskop-Text kam immer zu spät.
Andreas kam verschlafen in die Küche.
Kaffee?, fragte Irina.
Sehr gern.
Setz dich.
Andreas setzte sich, nippte am Kaffee.
Gut?
Hervorragend.
Sie lachte, schaute ihn an. Sie dachte nicht an Merkur, nicht an Planeten. Sie dachte an Brot, an Milch, die fast alle war an ihr gemeinsames Heute.
Im Eck des Handydisplays leuchtete das Horoskop-App. Sie sah es. Sie öffnete es nicht.
Am Ende zählen keine Sterne, keine Zeichen sondern das, was man wagt, was man fühlt und was man einander zuhört.




