UNDANKBARER GRIETSCHE
An einem Morgen, damals als ich noch in der öffentlichen Verwaltung tätig war, rief mein Mann, Gustav, mich direkt ins Büro an und verkündete, dass er nach Dienstschluss gleich bei den Vossens vorbeischauen würde sie wollten unter Kollegen ihren Berufsstand feiern.
Wenn du magst, komm doch einfach vorbei, sagte er mit seiner gewohnten Gleichgültigkeit, fest davon überzeugt, dass ich sowieso lieber ein Buch lesen oder den Abend vor dem Computer verbringen würde.
Mal schauen, antwortete ich ebenso farblos, doch in der Mittagspause ging ich schnurstracks zum Kaufhaus, um ihm etwas Passendes zu schenken. Im Parfümeriebereich wimmelte es nur so von Damen. Mein Blick fiel sofort auf ein Fläschchen teures Eau de Cologne auf dem glänzenden schwarzen Karton prangte das Bild eines eleganten Gentlemans, lässig einen Sakko übergeworfen, mit schelmisch halb geschlossenem Auge und spitzbübischem Lächeln. Wie aus dem Gesicht geschnitten mein Gustav.
Die Verkäuferinnen verpackten geschickt Präsente in bunter Folie und klebten Schleifchen. Da trat eine alte Dame zu uns und meinte:
Ach Mädels, ihr schenkt euren Männern schöne Düfte, aber beschnuppern werden es dann doch andere und die Krawatten bewundern ebenfalls…
Alle Mädels kicherten, nur ich wurde still. War es nicht immer so gewesen? Alles für meinen Gustchen, und er… eher für andere. Als wir jung waren, liebte ich ihn bis zur Selbstvergessenheit, und er nahm es gönnerhaft hin. Als er zum Fernstudium aufnahm, schrieb ich nachts seine Arbeiten. Nachdem die Kinder kamen, übernahm ich jede Verantwortung.
Anfangs spürte ich noch Dankbarkeit von ihm; mit der Zeit aber wurde es für ihn selbstverständlich. Nach außen schien unsere Familie gewiss makellos: Wohlstand, Harmonie, kluge, wohlerzogene Kinder. Doch dann verließen diese das Haus, um zu studieren und ihr Leben zu leben. Ich blieb mit meinem Mann zurück. Und bemerkte, dass mir etwas fehlte.
Meine Mutter hatte es mir vor zwanzig Jahren prophezeit. Sieh ihn dir an, er weiß, wie gut er aussieht und genießt es. Hübsche Männer gehören allen ein bisschen. Alle werden ihn anhimmeln, und du hast am Ende, obwohl du am meisten Recht auf ihn hättest, am wenigsten von ihm, sagte sie zu mir, der hoffnungslos Verliebten. Und nun, was bleibt? Erstens: eine ungeliebte Ehefrau. Zweitens: Sie ist 43. Drittens: Sie scheint niemandem zu fehlen…
Während ich grübelte, stand ich am Fenster und schaute hinaus. Es war ein sonniger Frühlingstag. Bald ist Frauentag, dachte ich wehmütig. Und wozu? Wieder allein… und das Leben fast schon vorbei… Wofür denn noch?.
Von unten zwitscherte es fröhlich und es klopfte energisch ans Fensterglas. Ein strubbeliger Spatz hüpfte über das Sims und musterte mich neugierig.
Das ist bestimmt ein Zeichen, schoss es mir durch den Kopf, und im selben Moment schlugen die großen Holzuhren laut zur vollen Stunde.
Na schön, es ist noch Zeit. Erstens: Wenn man nicht geliebt wird, muss man sich selbst lieben lernen… Ich schlug die Tür hinter mir zu und lief beschwingt die Treppen hinab: erst zum Friseur, dann ins Modegeschäft…
So gegen halb sieben blickte mir im Spiegel eine faszinierende Fremde entgegen: Sie saß leicht wippend im Computerstuhl, trug ein kleines schwarzes Kleid, einen modernen, frechen Kurzhaarschnitt mit dreifarbiger Strähne und hatte diese geheimnisvollen, tiefgründigen Augen (dank geschicktem Make-up), die Lippen voller und kapriziös mit einem Hauch von Glanz und Kontur.
Und zweitens: Mit vierzig beginnt das Leben erst richtig…
In der Küche schenkte sie sich ein Glas Pfälzer Wein ein, prostete sich im Spiegel zu: Drittens: Braucht man wirklich einen Ehemann, der eine solche Frau nicht zu schätzen weiß?…
Man muss nicht weiter ausführen, dass sie bei den Vossens eintrat, ein wenig auf ihren hohen Absätzen schwankend. Allgemeines Staunen mehrere Herren beeilten sich, ihr Mantel abzunehmen, einen Stuhl anzubieten oder einen Apfel zu reichen. Ach ja… Mein Mann soll hier sein? Das ist mir gar nicht gleich aufgefallen…
Der Kontrahent war überrumpelt von diesem unerwarteten Auftritt, sichtlich aus dem Konzept gebracht ob der allseitigen Bewunderung.
Am nächsten Morgen, auf einen Ausgleich für die Schmach hoffend, fragte er mit gewohnt rauer Stimme: Gibts überhaupt Frühstück? Doch da irrte er sich, oder hatte noch nicht ganz begriffen: Neben ihm lag nicht mehr die Alte bring mal, hol mal, sondern eine ganz andere Frau.
Neben ihm atmete leise eine zarte, eigenwillige Dame, selbstsicher und entspannt.
Ohne den modernen Farbtupf auf dem Kopf zu drehen, schnurrte sie schnippisch:
Hast du denn schon Frühstück gemacht, mein Lieber?
Sie streckte sich und schlief wieder ein, mit dem Gedanken: So ist das, mein Lieber… oder wir sind wieder bei Punkt drei.Ein Sonnenstrahl fiel durch das Fenster und kitzelte sie an der Wange. Ein leises Lächeln kräuselte ihre Lippen. Gustav schaute sie ratlos an, das Tablett mit zwei Tassen Kaffee in der Hand, unsicher, ob er sie wecken oder gehen lassen sollte. Zum ersten Mal fragte er sich, was er eigentlich wirklich wusste über diese Frau an seiner Seite und was sie wohl von ihm dachte.
Sie blinzelte, streckte sich, und griff ganz selbstverständlich zur Kaffeetasse. Gib mir Zucker, bitte. Aber sie hob dabei nicht den Blick. Ein wenig verunsichert, vielleicht sogar neugierig, setzte Gustav sich an den Tisch.
Der Tag begann wie neu. Jenseits von Groll und alten Gewohnheiten lag etwas in der Luft eine Prise Leichtigkeit, ein Flirren von Möglichkeitslust. Sie nippte am Kaffee, sah hinaus zu den Spatzen, die übermütig auf dem Fenstersims balancierten.
Plötzlich drehte sie sich zu Gustav um, funkelte ihn an ein Herzschlag lang die Frau, die er nie ganz besessen hatte. Weißt du, ich glaube, heute schenke ich mir selbst einen Blumenstrauß zum Frauentag. Und dann gehe ich spazieren. Vielleicht finde ich heraus, was ich noch alles kann.
Gustav wollte protestieren aus Gewohnheit schluckte dann aber die Worte hinunter und beobachtete sie, als sie in den Flur entschwand. Ihre Schritte klangen federnd, fast fröhlich.
Im Spiegel blieb sie kurz stehen, strich sich eine Strähne hinters Ohr und zwinkerte sich selbst zu. Draußen wartete das Leben. Dieses Mal würde sie den ersten Schritt machen. Mit erhobenem Kopf, leichten Schuhen und dem Geschmack von Aufbruch auf der Zunge.
Man sagt, manchen Spatzen wird eines Tages doch noch Flügel wachsen.





