Warum hast du mich überhaupt auf die Welt gebracht?! schrie Johanna, total aufgelöst und sichtlich am Ende mit den Nerven. Damit du jemanden hast, an dem du deinen Frust auslassen kannst?! Jetzt wo Lena und Katharina beide weg sind, bist du jetzt bei mir gelandet, was?! Ja! Jetzt weiß ich, warum ihr mich bekommen habt! Sie versuchte währenddessen mit viel Mühe, den Reißverschluss ihrer Jacke zu schließen, aber der hakte. Johanna schniefte. Kinder sind doch nur dazu da, damit man sie schikaniert! Und die Lehrer in der Schule machen eh nichts anderes!
Johanna Svenja stand am Türrahmen angelehnt, sah ihre Jüngste, ihre dritte Tochter, an und konnte sich ein müdes Lächeln kaum verkneifen. Mensch, dieser Dickkopf… Aber das hatte Johanna eindeutig von ihrer Oma, Ruth Viktoria. Die war schon immer eine kleine Drama-Queen gewesen, am liebsten rannte sie schon beim leisesten Anlass wie ein Vulkan durch die Wohnung, während sich Svens Vater immer fragte, wie lange er das noch mitmachen wolle. Am witzigsten war eigentlich, dass Svenja als Kind stets zu ihrer Mutter hielt, egal worum es ging. Ruth war eben die schönste Mutter, so eine zierliche, elegante Puppe und Svenja war stolz auf sie, alle anderen Mädchen in der Klasse waren neidisch. Klar, dass Muttern einen anspruchsvollen Charakter hatte! Egal, was Oma Lore früher darüber gesagt hatte Ruth schildere sie gern als das reinste Schicksal, so ein Theater. Svenja glaubte das damals nie. Ihre Mutter verstand sie, und das war die Hauptsache.
Wahrscheinlich hat der liebe Gott Svenja deshalb Johanna geschickt. Ein Klon von Oma Ruth, sogar das Stirnrunzeln identisch. Und die Schönheit, die wurde anscheinend auch einfach weitergegeben. Svenja selbst hatte einen viel bodenständigeren Look vom Vater geerbt kräftige Knochen, dunkle Haare, melancholische Augen über blasser Haut: Norddeutschlands stolz, so sagte Ruth immer. Papa kam aus Flensburg, dort gab es mehr Regen als Sommer, und die Naturells waren entsprechend rau. Nach Flensburg hatte Ruth ihre Familie aber nie schleppen können, obwohl sie es sich immer wie einen ewigen Herbst vorgestellt hatte. Jetzt lebte Svenja also als norddeutsche Schönheit und kämpfte mit ihrer eigenen Drama-Prinzessin Johanna, ein einziges Emotional-Feuerwerk, das bereits bei der kleinsten Kleinigkeit explodieren konnte.
Was grinst du denn schon wieder, Mama?! Ist das so lustig für dich?! Findest du das amüsant?! Ich aber nicht! NEIN! fauchte Johanna mit einer Stimmlage, die irgendwo zwischen Operngesang und Schiffssirene lag. Ich geh weg! Für immer! Ich geh zu Rita, die versteht mich eh besser. Sucht mich gar nicht erst! Sie schlang sich einen dicken Strickschal mit Hirschen und Tannenbäumen um den Hals, naselte empört herum, sprang einmal hoch und griff nach der passenden Mütze (ebenfalls mit Hirschen), die sie sich demonstrativ über die Ohren zog. Die Hirschgesichter verzogen sich prompt zu Ovale und ihre Hufe erinnerten eher an Giraffenfüße.
Aus! schnappte Johanna ihren Rucksack und kramte wild in der Schublade. Wo sind überhaupt meine Schlüssel?! Ihr versteckt doch andauernd meine Sachen!
Ach, das haben wir auch von Oma Ruth, schmunzelte Svenja innerlich. Die dachte ja auch immer, alle seien gegen sie. Inzwischen war Ruth Viktoria zahm geworden, stickte für ihr Leben gern und las Liebesromane. Vulkan im Schlafmodus aber wer weiß schon, wie lange?
Deine Schlüssel sind in der Manteltasche, wie immer. Johanna, kommst du zum Abendessen? Die Mädels kommen bestimmt auch vorbei versuchte Svenja ihre Tochter zu streicheln, aber Johanna wich ihr gekonnt aus.
Ach, esst doch euren Quatsch alleine! Soll die Lena doch ihre bescheuerten Kopfhörer behalten! Und Katharina soll bloß nicht in mein Zimmer gehen! motzte Johanna und knallte die Tür ins Schloss, bevor sie mit rotem Gesicht kehrtmachte und fluchend ihren Schal wieder vom Hals riss (darin war es unmöglich weiterzustreiten, viel zu warm).
Also kommst du nicht zum Abendessen? hakte Svenja sicherheitshalber nach.
Genau. Tschüss.
Johanna rauschte die Treppen hinunter, der Rucksack hüpfte auf ihrem Rücken, der eine Schnürsenkel hing lose, aber als hätte er es heute gegen sie persönlich. Sie würde ihn ganz bestimmt nicht binden, das wäre nun wirklich zu viel verlangt.
Svenja knipste das Licht im Flur aus und fragte sich, ob sie wirklich hätte noch einen Vortrag halten müssen? Gut, Johanna wollte sich ein Aufklebe-Tattoo machen lassen, das muss ja nicht gleich den Untergang des Abendlandes bedeuten. War vielleicht doch an der Zeit, das eigene Über-Ich zu zügeln? Andererseits ihre Johanna ist halt Kopfmensch mit sehr kurzem Draht zu Verstand. Aber was, wenn…?
Svenja seufzte und räumte den Küchentisch ab.
Drei Töchter drei Knöpfe am Mutterherzen: Lena, Katharina und eben Johanna. Keine war ihr je nicht lieb gewesen, egal, wie groß die Katastrophe. Meist verstand Svenja ihre Mädchen sogar, zumindest im Nachhinein. Lena, die Nachdenkliche mit dem minutiösen Blick fürs Detail, war nie problematisch. Kita, Schule, Uni alles lief reibungslos. Freundinnen hatte Lena nicht so viele, manche fanden sie langweilig, aber die wenigen Eingeweihten kannten ihre geheimen Gedichte. Lena war langsam, viel im Kopf, stellte schwierige Fragen, hörte aber dafür alles und jeden aufmerksam an und ihre Argumente überraschten sogar Erwachsene. Vor Kurzem hatte sie geheiratet. Ihr Mann, Michael, war sympathisch, handwerklich geschickt und am allerwichtigsten mochte Lena.
Katharina, die ewige Romantikerin, war der Inbegriff von Träumerei: Schon als Dreijährige malte sie nur noch Prinzessinnen, Schlösser und hinkende Pferde (deren Beine waren ihr zu viel), aber sie störte das nie. Sie sah überall das Schöne, fiel oft auf fiese Freundinnen herein und weinte viele Tränen auf Mamas Schulter. Heute studiert Katharina Germanistik und sagt, Poesie sehe sie wie Gemälde, was die Dozenten begeistert. Heiraten will sie erst, wenn die passenden Pferde wieder zu haben sind zurzeit hat eben niemand mehr eines übrig.
Mit ihr war es für Svenja manchmal schwieriger zu naiv, zu hell, zu vertrauensselig. Der Vater (Daniel) meinte dann stets: Mach dir keinen Kopf. Die Welt bringt ihr das schon bei. Wir sind halt Engel, Svenja kuck mal, ich hab Flügel! Dann musste Svenja seinem Hinterkopf kraulen und versichern, dass er der beste Engel sei…
Johanna kam lange nach den anderen. Sie war ein Überraschungsei im wahrsten Sinne des Wortes, mit viel zu kleiner Wohnung und leerem Konto.
Was machen wir denn jetzt, Dani? fragte Svenja damals besorgt.
Jetzt machen wir erst mal nichts. Neun Monate lang. Sonst noch Wünsche? Du schaust jetzt wie eine Katze, der man ihr Kätzchen wegnehmen will!
Die kleine Katze wurde eine laute, fordernde Johanna. Drei Babysitterinnen hatte sie und natürlich Oma Ruth. Großeltern väterlicherseits waren leider schon verstorben, so ergab es sich
Beim Kinderwagen-Spaziergang strahlte Svenja. Zwar Second-Hand-Kinderwagen und Kleidung, aber eine goldene Johannazunge glich das locker alles aus.
Mit zwei Jahren erwischte Johanna irgendeinen Virus, aus dem Krankenhaus kam man kaum wieder raus. Svenja wich nachts nicht von ihrem Bett, warum auch, wenn das Kind jeden Moment etwas brauchen könnte? Der Fiebertraum zog sich endlos Antibiotika, Mamas Nerven im Dauerlauf, Daniel brachte täglich Kuchen und gute Laune.
Lass mich mit deinem Kuchen in Ruhe, Dani! explodierte Svenja einmal am Telefon. Johanna gehts schlecht, du redest von Blödsinn
Irgendwann rief sie zurück, bat um Entschuldigung: Es ist einfach so schrecklich
Es wird alles gut, Svenja, versicherte Daniel liebevoll. Wir warten auf euch. Deine Mädels haben schon Spielzeuge gesammelt, Nachbarin hat ihr rosa Fahrrad mit Aufklebern gestiftet Du weißt: Ich werde ganz bestimmt nicht das rosa Fahrrad fahren! Komm wieder heim. Ich bring den Kuchen vorbei. Ja?
Johanna schaffte es.
Ob die fiesen Spritzen, der Krankenhausaufenthalt oder alles zusammen dazu beitrugen: Seitdem schien sie immun gegen Gestrenge, Regeln und Strafen. Johanna hielt sich ganz allein im Zaum. Im Kindergarten fürchteten sich die Jungs, die Mädchen versteckten ihre Puppen Johannas Abenteuer bedeuteten stets Risiko, ein bisschen Erde und Schrammen. Kleidchen waren ihr ein Graus. Noch heute steht der eben noch rosa-farbene Drahtesel auf dem Hof, inzwischen blau lackiert nach gutem Zureden der großen Schwestern.
Die meisten Kleider aus dem von Lenas Klassenlehrerin vermittelten Paket hat Johanna weiterverschenkt Jeans und T-Shirts tuns auch. Einmal trug sie zu Silvester doch ein Kleid, rezitierte ein Gedicht, stieg ratlos vom Stuhl und erklärte dann, sie ziehe sich jetzt schnell richtig an. Immerhin gibt es ein Foto im Kleid für Oma Ruth.
Wer ist denn die Mutter von diesem Kind? fragten andere Mütter ganz entgeistert, wenn sich Johanna zum Bolzplatz aufmachte. Wer ist für das Mädchen verantwortlich?
Svenja machte einen Schritt vor und zwei zurück, musste sich Meckereien anhören. Johanna kickte Fußball unter Jungs, nicht im Gänsemarsch der Mädchen. Und wehe, jemand hielt sich nicht an die Regeln oho! Da gab es ordentlich Streit.
Svenja hat inzwischen doppelt Matura gemacht, mit jeder Tochter Abi und Uni bestanden und ist bei Johanna wieder mit dabei. Nach Katharinas Abschluss wird sie wohl offiziell als Dauerstudentin durchgehen können. Die Reise gleicht einer Hanse-Saga.
Ruth, die Großmutter, meckerte regelmäßig: Svenja solle die Kinder doch endlich mal machen lassen, sonst würden die nie selbstständig. Gib Ruhe, du mischst dich viel zu viel ein!
Ruths eigene Mutterrollen reichten aber nie weit zuviel mit sich selbst beschäftigt. So kam Svenja extrem eigenständig raus, aber hat die Nähe zu Mama immer vermisst. Kaffeekränzchen, Mädchen-Quatschen oder Modetipps all das fehlte. Erst mit eigenen Kindern, blickte Svenja entspannter auf Ruth: Halt so ist sie, was soll’s? Dafür liebt sie ihre Enkelinnen heiß und bringt sie überall hin, füttert sie durch, schimpft im Theater auf Schwätzer und hat am Abend keine Energie mehr.
»Deine Töchter sind Gottes Strafe für dich, weil du aus mir nie alles rausgehalten hast!«, gestand Ruth einmal bei Schokotorte-Beseitigung in der Küche.
»Und Johanna ist unsere Strafe für Katharina und Lena zu brav und pflegeleicht«, lachte Daniel dazu.
Manchmal fährt Svenja allein zu ihren Eltern, trinkt mit der Mutter stilvoll Tee aus blauen Tassen und fühlt sich einfach wohl. Diese Kaffeekannen, das Teegeschirr mit Goldrand und die altmodische Standuhr mit kläglich verstummter Kuckucksuhr das ist Heimat. Geburtstagsduft nach Mandarinen, Sommer nach Phlox, Mama hat den wunderbar einzigartigen Geruch. Nach Mama.
Ruth Viktoria verpasste kein einziges Theaterstück, in dem kleine Svenja auftrat. Während andere Mütter heulten, nickte Ruth stolz im Takt, applaudierte an den richtigen Stellen und drückte ihrer Tochter hinterher einen Kuss auf die Wange samt leichtem Veilchen-Parfüm. Noch heute muss Svenja beim Gedanken an diesen Duft lachen.
Ach ja als Johanna in der Grundschule war, entdeckte sie die Liebe zum Löffelschlagen sehr zur Freude der Nachbarn. Trotz aller Appelle, doch Klavier oder Gitarre zu versuchen: Sie blieb beim Löffel. Die abgestoßenen Löffel sind jetzt Familienerbstück, und hin und wieder droht Johanna immer noch damit, ihr Talent zu reaktivieren das sorgt für sofortige Disziplin bei den Schwestern!
Nach dem Abwasch wollte Svenja noch kurz einkaufen; fast alles hatte Daniel schon gestern besorgt.
Mittags rief Lena an, kündigte ihren baldigen Besuch samt Ehemann an.
Und, wie stehts um unseren Löffel-Virtuosen? wollte Lena wissen.
Ach, sie ist heute wieder im Drama-Modus! Es gab Streit über Tattoos. Mir wurde vorgeworfen, ich zerstöre ihre Individualität. Warum darf Mikes Freund eines haben und sie nicht?
Das ist der Lauf der Dinge. Sie wird pünktlich um sieben mit leerem Magen vor der Tür stehen, wetten? Bis später, Mama!
Svenja grinste. Angenehm, dieses Mama.
Katharina meldete sich später. Sie wohnte jetzt seit drei Monaten im Studentenheim, arbeitete nebenher, hatte sich eine Insel der Inspiration eingerichtet, wie sie es nannte.
Mama ihre Stimme war ganz verträumt.
Katharina, gedenkst du heute zu erscheinen? fragte Svenja mit leichtem Nachdruck.
Klaro. Ist Oma Ruth auch da?
Versprochen hat sies
Und Johanna?
Weg von zu Hause. Für immer.
Seit wann?
Heute Morgen.
Dann ist sie pünktlich um sieben zurück, unser kleiner Gerechtigkeitskrieger. Bis fünf bin ich da und helf’ dir. Tschüss, Mama, ich bin auf Arbeit.
Svenja stellte sich vor, wie Katharina das Handy zurücksteckte und wieder verträumt am Fenster stand, innerlich Gedichte rezitierend. Herrlich.
Es gibt nichts Schöneres, als einen Tisch mit der besten Tischdecke zu decken, dazu Porzellangeschirr, silberne Besteckchen, Schälchen, Stoffservietten, Blumen in der Mitte Deko war immer Daniels Aufgabe.
Gleich setzt Oma Ruth sich daneben und meckert, dass sie hinter dem Blumenstrauß nichts sieht, dann wandert die Vase ans Fenster, und nur Svenja weiß, dass die perfekten Dahlien da stehen wie rosa Zuckertörtchen.
Solche Runden veranstaltete Svenja jeden Monat, besonders im grauen Winter, wenn das Herz nach Familie schrie. Ohne die Mädchen fühlte sie sich leer, mit ihnen aber ganz.
Als Erstes kam Katharina, die sich sofort über den Salat hermachte langsam, aber sorgfältig.
Svenja zauberte Brathähnchen und verabschiedete es auf die letzte Reise.
Mama, man spricht nicht mit dem Huhn, das man gleich isst! grinste Lena. Ich hab dich vermisst, Mama Die Küche ist so gemütlich Ach, Mama
Umarmung, ein bisschen Mamazeit, dann polterten Lena und Ehemann Michael samt Einkaufstaschen herein, Gläser klapperten, Süßigkeiten raschelten.
Lena! Nur weils Schoki gibt, gibt das jetzt noch kein Abendbrot! schimpfte Svenja, Michael versteckte seinen Schokoriegel. Du als angehender Zahnmediziner solltest es doch wissen Tante Svenja dreht die Augen.
Ach, lass ihn, Mama! winkte Lena ab. Was solln wir helfen?
Nun schallte es bloß noch: Mama, und das hier, Mama, wo ist, Mama, kommt das ins kochende Wasser?
Daniel brachte den Dahlienstrauß, plumpste auf das Sofa.
Hallo, Mike. Wie läufts?
Michael, den Mund voll mit Schoko, murmelte, alles bestens.
Übrigens, wir haben jetzt eine Tochter weniger. Johanna ist weg, verkündete Daniel.
Beide grinsen. Johanna haut ständig ab, kommt schnurstracks wieder, spielt Beleidigte. Mikes Sprüche bringen sie dann sofort zum Lachen.
Wenn du nicht so vorschnell gewesen wärst, Mike, hätte ich dich geheiratet!, scherzt sie bisweilen.
Tja, ich gehöre einer anderen. Für immer treu!, kontert er.
Hin und wieder plant Johanna innerlich schon die Duellherausforderung an ihre Schwester
Oma Ruth erschien mit Opa Norbert. Genervt wie eh und je, aber ihre gute Laune kehrte beim Anblick der Enkelinnen sofort zurück.
Mama! rief Svenja und kuschelte sich an den kuscheligen Pelzkragen. Der Duft von Omis Lieblingsparfüm und die Kirschlippenstift-Spur waren wie immer da.
Schon gut, Kind! Norbert, du setzt dich jetzt bestimmt sofort auf den Kuchen! Was soll die Enge, Svenja?! Lena, hol sofort die Torte! Omi war peinlich berührt von der Zuneigung. Wo steckt Johanna?
Durchgebrannt fürs Leben, verkündete Katharina trocken. Schuhe aus, Opa, hast du meine Bücher dabei?
Norbert nickte, zeigte die Bücherstapel.
Komm doch zu uns, Mädel! Mehr Platz, du schleppst eh schon die halbe Bibliothek herum sagte Opa, aber Katharina war längst in ihren Gedichten versunken.
Svenja! Es brennt was! Der Ofen!
Die Frauen rasten zur Rettung, die Männer verschwanden Richtung Wohnzimmer, um über Wissenschaft und Gesellschaft zu diskutieren.
Als die Tafel gedeckt war, stießen sie an. Daniel hielt eine kleine Rede, dann klirrten die Gläser.
Da kam sie. Johanna. Seitlich, mit schmallippigem Grinsen, schlich sie in den Flur, wühlte herum, seufzte, wie Ruth früher, murmelte was, warf ihre Sachen in die Ecke, verschwand im Bad und kam schließlich ins Wohnzimmer, bereit zum nächsten Krach doch dann sah sie Svenja.
Svenja hatte ihr den ganzen Tag Nachrichten geschrieben, Johanna nie geantwortet, aber plötzlich stürzte sie sich, zutiefst bewegt und demonstrativ beleidigt, an Mamas Hals:
Meine Mama! Meine! Meine! Die beste von allen! sie küßte Svenjas Wange.
Oma Ruth rollte die Augen. Bei der schauspielert sie gern!
Mama und alle Anwesenden! Darf ich vorstellen: Valentin, mein Freund, elektrischer Gitarrenvirtuose! Valentin, komm rein! rief Johanna.
Im Türspalt erschien ein dünnes Kerlchen mit kleinem Hals, peinlich berührt, armselig und groß, jeweils zwei Sträuße in Händen Astern und Rosen.
Pause. Alle musterten Valentin. Michael sprang als erster auf, klopfte ihm auf die Schulter von gleich zu gleich, seinem Adamsapfel hinterher.
Ui, bist du groß, Junge! murmelte Michael, Worauf wartest du? Gib die Blumen ab, setz dich, Jo, lad ihn doch ein!
Der holprige Valentin übergab Rosen an Ruth, Astern an Svenja, warf ein lautes Zum Muttertag! hin, dann gabs eine Konfettikanone, Geflügelschreck, Lena hielt sich die Ohren zu, Lena quiekte, Johanna jagte den Konfettiregen durch die Wohnung.
Nach ein bisschen beruhigendem Baldriantropfen für Ruth, Konfettisaugen mit dem Staubsauger, Sternchen aus dem Salat gepopelt, hocken bald wieder alle zusammen.
Eigentlich ganz frisch, befand Norbert. Die Mamas habens verdient. Ein Hoch auf heutige und künftige Mütter! Hoch solln sie leben!
Ping! Ein Glas Sekt verschüttet, Lena errötet, Michael küsst seine Frau, Katharina kneift die Lippen zusammen, Valentin küsst Johanna auf die Wange. Johanna blitzt zu Mama wartend auf einen Rüffel wegen all der Ungezogenheit, aber Svenja hat anderes in Kopf. Daniel hält sie fest, drückt ihr einen langen Kuss auf die Stirn. Drei Mamas, ein Opa, eine Oma und ein halber RocknRoller im Wohnzimmer: Wer hätte gewinnen sollen beim Mama des Jahres-Wettbewerb? Alle sind die Besten, denn alle können lieben.
Mama, flüsterte Johanna, schon halb eingeschlafen, bleib einfach immer da, ja? Wie Oma Dann lauf ich auch nie mehr weg. Und ich bin froh, dass du mich bekommen hast. So.
Svenja nickte. Ja, wirklich, Mamas müssen immer da sein. In ihrer Nähe bleibt man gern noch Kind…




