Zwei Monate lang führte ich eine 56-jährige Frau durch die besten Restaurants der Stadt. Doch als ich sie einlud, zu mir nach Hause zu kommen, fiel augenblicklich ihre Fassade.
Vor fünf Jahren ließ ich mich einvernehmlich scheiden und gewöhnte mich schnell an meinen gewohnten Junggesellenalltag. Doch in letzter Zeit spürte ich immer häufiger, dass es traurig ist, allein in eine leere Wohnung zurückzukehren.
Ich bin 56, gesundheitlich geht es mir gut und ich habe noch genügend Energie. Also meldete ich mich bei einer Partnerbörse an, in der Hoffnung, eine Frau für eine gemeinsame Zukunft zu finden. Und tatsächlich hatte ich gleich Glück: Bereits nach den ersten Tagen der Korrespondenz lernte ich eine interessante Person kennen.
Ihr Profil war ganz schlicht:
Gisela, 56 Jahre, Witwe, sucht einen anständigen Mann für eine ernsthafte Beziehung.
Das Foto zeigte eine sympathisch wirkende Frau, ohne aufgesetzte Attitüde, mit freundlichen Augen. Unser Chat kam sehr schnell ins Rollen. Gleich zu Beginn machte ich klar, dass ich nicht auf der Suche nach ewigem Mail-Kontakt bin, sondern mir eine echte Beziehung wünsche zusammen leben, den Alltag teilen, gemeinsam verreisen. Sie war einverstanden, und wir verabredeten uns für das kommende Wochenende in der Altstadt von Frankfurt.
Das erste Treffen war perfekt. Wir spazierten lange durch die Straßen und genossen das Frühlingswetter. Gisela erzählte begeistert von ihrer Arbeit und den Enkeln, während ich aufmerksam zuhörte. Besonders gefiel mir ihre ruhige, ausgeglichene Art; sie redete nicht pausenlos und ließ mich auch zu Wort kommen. Zum Abschluss lud ich sie ins Café ein und übernahm selbstverständlich die Rechnung ich bin ein Mann der alten Schule und finde, wer einlädt, sollte auch zahlen.
Wir stürzten uns in die klassische Blumen und Pralinen-Phase: Die Sträuße und die Süßigkeiten stammten selbstverständlich von mir, doch genossen haben wir die gemeinsamen Stunden beide. Jeden Freitag und Samstag veranstalteten wir einen kleinen Kulturabend und ich muss zugeben: Wenn ich jetzt nachrechne, was mich diese zwei Monate intensiven Werbens gekostet haben, wird mir ein wenig schwindelig.
Wir besuchten das Theater, gingen anschließend fein essen, wiederholten das fast jede Woche: Mal eine Ausstellung, mal ein Konzert, mal eine Landpartie mit gutbürgerlicher Küche am Mainufer.
Ich versuchte stets, ein Gentleman zu sein. Ich dachte, dass wir uns ganz langsam annähern würden. Sie lächelte mich freundlich an, nahm meinen Arm beim Spaziergang und flüsterte:
Manfred, mit dir ist es so schön, du bist so ein galanter Herr.
Das schmeichelte mir natürlich.
Erste Zweifel im Kino
Im Nachhinein betrachtet lagen die Hinweise aber auf der Hand.
Erstens: Sie hat mich nie zu sich nach Hause eingeladen. Nicht einmal auf einen Kaffee, noch nicht einmal als Freund. Immer gab es eine Ausrede: Ach, mein Wohnzimmer ist unordentlich, Die Enkelin ist zu Besuch, Ich bin so müde, lass uns lieber ins Eiscafé gehen. Ich dachte zunächst, sie ist einfach schüchtern vielleicht hat sie sich einfach daran gewöhnt, allein zu wohnen. Ich ließ ihr also Zeit.
Zweitens: Immer wenn von Unternehmungen oder Ausgehen die Rede war, schien sie jung und lebenslustig. Wochenendtrips oder ein Besuch im Freizeitbad? Gerne, lass uns planen! Doch sobald es um etwas Persönlicheres ging, wurde sie augenblicklich zur streng distanzierten älteren Dame.
Einmal, als wir im Kino im hinteren Rang saßen, legte ich ganz vorsichtig meine Hand auf ihr Knie. Einfach nur die Hand, nichts weiter. Sie schob sie sofort weg und sagte streng, aber bestimmt:
Manfred, hier schauen Menschen zu.
Gisela, der Saal ist dunkel, direkt neben uns sitzt niemand.
Das ist mir egal. So etwas gehört sich nicht. Wir sind keine Teenager.
Ich schrieb das ihrem konservativen Wesen zu und dachte: Vielleicht ist sie wirklich einfach nur anständig. Aber das flaue Gefühl im Bauch wurde stärker. Immerhin sind wir beide beinahe sechzig, und so viel Zeit zum ewigen Taktieren und Distanziertsein bleibt uns nicht mehr im Leben.
Sie hatte auch eine Vorliebe, mir sehr ausführlich von ihren Zipperlein zu erzählen. In unserem Alter kennt jeder Rückenprobleme oder Blutdruckschwankungen das ist normal. Doch sie sprach fast mit Lust davon. Ein ganzer Restaurantabend konnte vergehen, während sie mir schilderte, wie die Tablette gegen Cholesterin diesmal half oder eben nicht.
Ich hörte dennoch aufmerksam zu, bot mein Mitgefühl und sogar meine Hilfe an, etwa bei Arztbesuchen. Doch erwähnte ich dann, dass ich regelmäßig zweimal die Woche ins Schwimmbad gehe und versuche, fit zu bleiben, schaute sie mich nur kritisch an:
Wozu? Da machst du doch nur dein Herz kaputt. In unserem Alter sollte man lieber auf dem Sofa lesen und sich ausruhen statt in Chlorwasser herumzuturnen.
Ich wollte aber mein Leben nicht auf dem Sofa absitzen, sondern es aktiv gestalten.
Klartext und seltsame Vorwürfe
Gestern war es dann soweit. Ich dachte: Jetzt reicht es, kein Herumdrucksen mehr. Zwei Monate sollten genügen, um zu wissen, ob man zusammenpasst.
Wir gingen zum Essen ins Georgische Restaurant, probierten Khinkali und einen guten deutschen Riesling. Die Stimmung war gelöst, Gisela lachte herzlich und erzählte von ihren Kollegen. Das schien mir der perfekte Moment für ein offenes Gespräch.
Später im Auto, es regnete sanft draußen, im Innenraum war es warm und Musik lief leise. Ich nahm behutsam ihre Hand; diesmal zog sie sie nicht weg.
Gisela, magst du heute mit zu mir kommen? Einfach Tee trinken und Musik hören.
Sie spannte sofort ihren ganzen Körper an, das Lächeln verschwand, ihr Gesicht wurde hart.
Manfred, was meinst du damit genau?
Ich meine, was ich sage. Ich mag dich und wir sind beide frei. Nach zwei Monaten ist es doch nur natürlich, sich näherkommen zu wollen.
Darauf hielt sie eine lange Moralpredigt über Alter, Scham und wahre Reife, die mich sprachlos machte:
Weißt du, was du da sagst?! Das ist doch nur was für junge Menschen und zur Fortpflanzung. Wozu brauchen wir so etwas? Wer weiß, wie lächerlich wir aussehen ohne Kleidung. Ich habe Falten, du einen Bauch. Pfui! Im Alter zählt die geistige Nähe, wirkliche Freundschaft, gegenseitige Unterstützung im Alltag. Aber du denkst nur ans Körperliche.
Ich war wie vor den Kopf gestoßen. Da wurde ich auf einmal zum Triebtäter erklärt, weil ich nach acht Wochen Zweisamkeit auch Nähe zulassen wollte.
Gisela, Moment mal. Was für ein Bauch? Ich gehe ins Fitnessstudio! Und du siehst für dein Alter auch toll aus. Warum willst du dich selbst begraben, obwohl du noch so viel Leben vor dir hättest? Wer hat eigentlich bestimmt, dass mit sechsundfünfzig Schluss ist und nur noch das Dasein als Oma erlaubt ist?
Das ist nun einmal anständig!, schnitt sie mich ab. Vernünftige Frauen in meinem Alter kümmern sich um die Enkel und den Garten. Ich will mich nicht vor meinen Kindern genieren, falls ich einen Mann für solche Sachen habe.
Mir platzte der Kragen und ich sagte heraus, was mir auf der Seele brannte:
Dann wolltest du also gar keinen Partner fürs Leben! Zwei Monate essen gehen auf meine Kosten, Ausflüge in meinem Auto, Theaterbesuche das war okay. Aber sobald es um echte Nähe geht, heißt es pfui?
Sie errötete, eher aus Ärger als aus Verlegenheit.
Denkst du, ich muss mich dir hingeben, nur weil du mich einlädst?
Übertreib nicht. Ich habe ernsthaft um dich geworben, und zu einer Beziehung gehört Entwicklung. Du suchst nur eine Freundin mit Führerschein und großem Geldbeutel.
Sie sprang wütend aus dem Auto und knallte die Tür. Ich sah ihr nach, wie sie mit erhobenem Kopf zum Haus stürmte, und spürte Enttäuschung über mich selbst.
Ich liebe Gespräche, Bücher und Geschichte. Aber ich bin auch ein Mann mit normalen Bedürfnissen ich will in meinem Leben keinen wichtigen Teil einfach aufgeben, nur weil jemand Komplexe hat.
Ich löschte sofort ihre Nummer und mein Online-Profil. Ich brauche jetzt Zeit, um diese Szene zu verarbeiten.
Mein Entschluss steht fest: Beim nächsten Date frage ich gleich zu Beginn nach, wie meine Gesprächspartnerin zu Zärtlichkeit steht. Und wenn ich wieder einen Vortrag höre, dass Alter und Enkel das Einzige im Leben sind, teile ich die Rechnung und verabschiede mich höflich.
Was meint ihr: Ist es wirklich ein Skandal, mit sechsundfünfzig um Nähe zu bitten? Und warum melden sich Menschen eigentlich auf einer Partnerbörse an, wenn sie glauben, ihre Zeit wäre ohnehin vorbei?
Das Leben ist zu kostbar, um sich selbst Grenzen zu setzen, die allein in den Köpfen anderer existieren. Wir sind so alt, wie wir uns fühlen und es lohnt sich, das Leben in allen Facetten zu leben, solange wir können.





