Bekomme einen zweiten Sohn

Gebäre einen zweiten Sohn

Sie kam, wie immer, ohne anzurufen. Das war ihr Stil – unangemeldet, einfach herein. Sie hatte einen Schlüssel, das war eine Geschichte für sich, die ich irgendwann nicht einmal mehr meinen Freundinnen erzählte, weil ich von meinem eigenen Ärger schon genug hatte.

Ich hatte den Kochlöffel noch in der Hand, mein Schürze noch umgebunden, rührte im Reistopf, da hörte ich schon das Schlüsselklirren im Schloss. Und dann stand sie schon da, meine Schwiegermutter.

Klara, sagte sie mit ihrer rauen Stimme von der Tür, kein Guten Tag, sondern gleich das, hast du heute eigentlich schon etwas getrunken?

Ich drehte mich um. Frau Hannelore Bergmann stand im Flur, das alte marineblaue Wollmantel tragend, das sie sicher schon hatte, seitdem Stefan zur Schule ging. In der Hand hielt sie ein Glas, abgedeckt mit einem Stofftuch wie Hausfrauen auf dem Land Marmeladengläser verschließen.

Guten Tag, Frau Bergmann, sagte ich pflichtschuldig.

Guten Tag, guten Tag. Nun, hast du getrunken, ja oder nein?

Was denn genau?

Na, das, was ich dir letztes Mal mitgebracht habe. Den Kräuterschnaps.

Ich schwieg einen Moment. Natürlich wusste ich, wovon sie sprach. Den angesetzten Schnaps hatte ich nach drei Tagen weggeschüttet. Erst stand er auf meinem Küchenfensterbrett, ich sah ihn an und schämte mich fast dafür, ihn einfach so fortzuschütten das Geschenk einer alten Frau. Aber irgendwann hatte ich es dann doch getan, leise und mit schlechtem Gewissen.

Frau Bergmann, darüber hatten wir doch schon gesprochen.

Gesprochen, sie schlurfte an mir vorbei in die Küche, zog die Schuhe nicht aus, stellte das Glas neben mein Schneidebrett. Vier Jahre sind es mittlerweile. Vier Jahre und Tom wird schon vier. Es wird Zeit, nachzudenken.

Ich denke doch die ganze Zeit an Tom.

An Tom denken ist schön, sie nahm auf dem Hocker Platz, das Mantel ließ sie an, die Hände fest im Schoß, aber denk auch daran, noch einen zu bekommen. Einen Jungen. Ehe es zu spät ist.

Ich bin zweiunddreißig, sagte ich ruhig.

Nicht das Alter meine ich. Das andere.

Sie sprach immer vom anderen. Dieses andere hörte ich seit zwei Jahren erst zaghaft, dann deutlicher, inzwischen ganz direkt und ohne Umschweife. Irgendwas mit dem Stamm, dem Familienerbe, der Männerlinie, dass das so nicht ginge und dass schlimme Dinge passieren würden, wenn… Ich hatte nie ganz verstanden, was sie meinte, nicht wirklich. Und dieses Unklare machte es nur schwerer, damit umzugehen. Mit Drohungen kann man umgehen, aber mit diesen vagen Anspielungen?

Ist Stefan da? fragte sie dann.

Noch auf der Arbeit. Kommt gegen sieben.

Hmm. Sie schritt zur Kochstelle, lüpfte den Deckel vom Reistopf. Der Reis verkocht.

Ich weiß, sagte ich.

Klara, ich bin nicht gegen dich. Das weißt du schon?

Ich weiß.

Nein, das weißt du nicht. Sie sah mich streng an. Ich sage es dir, und du tust so, als ob ich Unsinn rede.

Frau Bergmann, ich mach einfach einen Tee.

Kein Tee. Du musst zuhören. Das ist alles kein Aberglaube. Das kommt vom Stamm. Wenn es keinen zweiten Sohn gibt, bricht das Haus zusammen. Das ist immer so gewesen. Mein Vater war der zweite Sohn. Sein Bruder starb früh. Was passierte? Wir verloren alles. Das Haus, das Land, alles.

Ich hatte das schon oft gehört, etwa einhundertsechsundachtzigmal vielleicht.

Weiß Stefan, dass Sie hier sind?

Er weiß, was er wissen muss, sie presste die Lippen zusammen. Aber du, du weißt nichts. Und das ist gefährlich.

Aus dem Kinderzimmer hörte ich Toms Stimme, er rief nach mir nach seinem Mittagsschlaf. Leise band ich die Schürze ab.

Tom ist wach, sagte ich. Frau Bergmann, entschuldigen Sie, ich muss zu ihm.

Geh nur. Ich warte.

Davor hatte ich Angst. Dass sie wartete.

***

Stefan kam kurz nach sieben nach Hause. Ich hörte, wie er im Flur die Jacke auszog, einen Moment lang verdrückte er sicher das Gesicht, als er die Stiefel seiner Mutter sah. Dann kam er zu uns in die Küche.

Frau Bergmann saß immer noch bei Tom, der malte etwas und sie erzählte ihm mit gedämpfter Stimme etwas von früher; er hörte zu, wissbegierig, wie es nur kleine Kinder tun.

Mama, Stefans Tonfall war neutral.

Stefanchen, sie stand auf, umarmte ihn, ich gehe gleich. Wollte nur Klara etwas vom Kräuterschnaps dalassen. Und reden.

Habt ihr geredet?

Er sah mich an, ich sah zum Reis. Der war matschig geworden.

Haben wir, sagte ich.

Frau Bergmann zog Mantel und Mütze an, griff zur Tasche, drehte sich an der Tür um.

Stefan, denk nochmal genau über das nach, was ich letztes Mal sagte. Es bleibt nicht mehr viel Zeit.

Mama.

Ich will nicht drängen. Nur bitten.

Die Tür fiel zu. Tom blickte vom Bild auf.

Oma ist jetzt weg? fragte er.

Sie ist weg, sagte Stefan.

Sie hat mir vom alten Haus erzählt, sagte Tom. Das war abgebrannt. Da wohnten unsere Urgroßeltern.

Stefan und ich sahen uns an.

Was für ein Haus? fragte Stefan.

Weiß nicht. Groß, mit Garten.

Stefan nahm mir wortlos den Löffel aus der Hand, probierte den Reis.

Verkocht.

Ich weiß. Deine Mutter kam, während ich gekocht habe.

Klara,…

Was?

Er schwieg. Dann tätschelte er mir die Schulter. Ein Gest, der alles und nichts meinte und ich wusste nicht, ob ich ihm dafür böse sein sollte. Eigentlich nicht. Es war doch seine Mutter. Wahrscheinlich.

Ich schüttete den Reis in einen anderen Topf. Als ob sich dadurch etwas ändern würde.

***

Die nächsten zwei Wochen verliefen fast normal. Frau Bergmann ließ sich nicht blicken. Ich atmete etwas auf. Wir machten als Familie am Wochenende einen Ausflug in den Volkspark Tom sammelte nasses Laub, das nach Erde roch, obwohl schon Ende September war. Stefan hielt meine Hand wir sagten wenig, aber es war ein gutes Schweigen.

Einen Moment lang hoffte ich, dass sich alles von selbst verlaufen würde. Es gibt Menschen, die reden immer wieder auf einen ein und dann ziehen sie sich zurück. Ich kenne solche Leute. Sie poltern einen Monat, zwei, und dann sitzen sie schweigend wieder an ihrem Platz.

Frau Bergmann war nicht so jemand.

Am Freitagmorgen stand sie wieder in der Tür unangemeldet, natürlich.

Ich fütterte Tom gerade mit Haferbrei. Das war unser morgendliches Ritual: Ich überredete ihn mit Engelszungen, er maulte, einer von uns beiden gab schließlich auf. Diesmal war ich kurz davor, zu kapitulieren.

Guten Morgen, sagte sie und steuerte sogleich den Kühlschrank an. Riss ihn auf, schaute hinein. Kein Kefir.

Nein.

Den braucht Tom aber. Ist gesund für ihn.

Frau Bergmann, ich glaube, ich weiß, was mein Kind braucht.

Sie ließ die Kühlschranktür zufallen, sah mich lange an, dann Tom.

Tom, geh doch mal spielen.

Er isst gerade, sagte ich.

Das kann er später fertig essen. Geh, Tom.

Und Tom stand auf und verschwand, weil Oma dieses Geh in ihrem alten gebieterischen Tonfall gesagt hatte, der keine Widerrede kannte. Ich sah ihm nach und spürte Eis in mir.

Klara, sagte sie, setzte sich auf Toms Kinderstuhl, ich war gestern bei Frau Lieselotte, der Kräuterfrau.

Frau Lieselotte war so etwas wie eine Dorfheilerin; Frau Bergmann fuhr regelmäßig nach Allersheim, einem kleinen Ort zwanzig Kilometer außerhalb von Göttingen, immer wieder, ich wusste davon und versuchte meistens, nicht an sie zu denken.

Und? fragte ich vorsichtig.

Sie sagt, es wird Zeit. Wenn du bis Ende des Jahres nicht schwanger wirst, dann passiert etwas.

Was denn?

Etwas Schlechtes.

Ich stellte meine Tasse ab, meine Hände zitterten leicht. Nicht aus Angst. Aus Wut oder Müdigkeit? Ich konnte das manchmal nicht mehr auseinanderhalten.

Frau Bergmann, sagte ich so ruhig wie möglich, Sie wissen, dass das unmöglich ist? Dass Sie nicht einfach zu einem Menschen gehen und sagen können, er müsse noch dieses Jahr ein Kind bekommen?

Warum unmöglich? Ich verlange nichts Übersinnliches.

Doch. Das ist mein Leben. Mein Körper.

Das wird doch auch mein Enkel.

Aber er existiert nicht!

Nur weil ihr euch keine Mühe gebt!

Das sagte sie laut. Zu laut. Tom war leise im Nebenzimmer. Er konnte still werden, wenn Erwachsene stritten. Es schmerzte zu wissen, dass er das schon mit vier konnte.

Ich möchte, dass Sie gehen, sagte ich.

Klara.

Bitte.

Sie sah mich an. Da zuckte etwas in ihrem Gesicht, etwas, das ich nicht kannte kein Zorn, eher Angst.

Du verstehst nichts, murmelte sie. Du weißt nicht alles.

Dann erzählen Sie es.

Die Zeit ist noch nicht gekommen.

Sie erhob sich, schulterte ihre Tasche.

Sag Stefan, er soll mich anrufen, rief sie aus dem Flur.

Ich antwortete nicht.

***

Stefan rief sie noch am selben Abend an. Ich hörte das Gespräch durch die Tür. Stefan sprach leise, knapp. Irgendwann hörte ich ihn sagen: Mama, bitte, jetzt reichts. Dann wieder: Ich versteh dich, Mama. Ein langes Schweigen. Dann: Gut.

Als er ins Wohnzimmer kam, saß ich mit einem Buch, aber ich las nicht.

Klara, sagte er.

Was wollte sie?

Er ließ sich auf das Sofa gegenüber sinken, drehte das Handy nervös in den Händen.

Sie sagt, es sei ernst. Dass da mehr dahintersteckt, als bloß ein Wunsch. Irgendwas aus der Vergangenheit.

Hab ich gehört.

Nein, sie war diesmal konkreter. Sie sprach von einem Dokument. Von einem Testament.

Ich legte das Buch zur Seite.

Ein Testament?

Ein altes. Sie behauptet, sie hätte Unterlagen aus dem alten Haus. Das, das abgebrannt ist noch vor dem Krieg.

Stefan, das Haus ist seit vor dem Krieg weg. Welche Unterlagen?

Ich weiß es nicht. Sie meinte nur, sie würde sie uns zeigen, wenn die Zeit reif wäre.

Wenn die Zeit gekommen ist, wiederholte ich.

Wir schwiegen. Draußen der erste kalte Herbstregen nicht das Prasseln des Sommers, sondern langsam, geduldig.

Stefan, sagte ich, ich kann das nicht mehr. Immer dieses: einfach kommen, den Schlüssel benutzen, als ob es ihre Wohnung wäre. Tom befehlen, die Küche kommandieren, Kräutergläschen abstellen, als hätte ich ohne Diskussion zu trinken. Dazu ihre Fristen, Drohungen. Ist das ein normales Leben?

Er schwieg eine Weile. Ich konnte ihn nie durchschauen, wenn er schwieg ob er dachte, oder einfach nichts zu sagen wusste.

Ich rede mit ihr, versprach er schließlich.

Das hast du schon!

Diesmal anders. Ich sage ihr auch, dass sie vorher anrufen muss.

Das war immerhin etwas. Nicht viel. Aber ein Anfang.

Und noch was: Das mit dem Testament will ich wissen. Was da wirklich steht.

Stefan, vielleicht ist es besser, es nie zu erfahren?

Nein, er war auf einmal entschieden. Ich will wissen, warum sie sich so benimmt. Entweder steckt mehr dahinter, oder ich kenne meine Mutter einfach nicht.

***

Mit anders reden wurde erstmal nichts. Denn sie kam, bevor Stefan einen klaren Gedanken fassen konnte.

Diesmal abends, nachdem Tom schon schlief. Und sie klingelte immerhin. Vielleicht aus Anstand. Der Schlüssel lag noch immer bei ihr, ungefragt.

Ich saß in der Küche mit Tee. Ihre Stimmen drangen aus dem Flur. Ich verstand kaum Worte, nur leisen Wortwechsel.

Dann kamen beide zu mir in die Küche.

Frau Bergmann wirkte verändert, irgendwie weniger sicher als sonst. Sonst ging sie mit dem Schritt einer Frau, die alles weiß. Jetzt fast zögerlich.

Klara, begann sie, an der Tür, ich muss euch was erklären. Euch beiden.

Setzen Sie sich, sagte ich.

Sie setzte sich, Stefan stellte sich ans Fenster.

Ich weiß, was ihr über mich denkt, sagte sie. Dass ich mich einmische, fixiert bin, euch auf die Nerven gehe. Ich spüre das, auch wenn ihr schweigt.

Ich widersprach nicht.

Aber es ist so: In unserer Familie gibt es eine Geschichte. Eine echte, dokumentierte. Mein Großvater hatte ein großes Haus mit Land in der Nähe von Göttingen, in Adelebsen. Und es gibt ein Testament, von 1910. Ich habe es gelesen. Darin steht eine Bedingung.

Welche? fragte Stefan.

In jeder Generation müssen mindestens zwei Söhne geboren werden. Sonst geht das Erbe verloren. Kein Besitz, kein Glück, keine Zukunft.

Stille in der Küche. Der Wasserhahn tropfte rhythmisch; ich musste Stefan schon länger bitten, die Dichtung zu wechseln.

Frau Bergmann, sagte ich, das Haus ist längst weg. Da ist nichts mehr zu erben.

Das spielt keine Rolle, sagte sie ruhig. Es geht um die Bedingung im Testament, um den Stamm. Wird sie gebrochen, geht alles verloren: Glück, Wohlstand, nenn es wie du willst.

Mama, Stefan vorsichtig, dir ist klar, wie das klingt?

Klar, ich bin nicht dumm. Sie blickte ihn offen an. Aber die Fakten bleiben. Mein Großvater erfüllte die Bedingung nicht. Danach ging alles schief.

Damals verloren viele Leute Häuser, sagte Stefan leise.

Vielleicht, sie zuckte die Schultern, aber ich kann nicht ignorieren, was mir übergeben wurde. Ihr seid meine einzige Familie. Ich habe Angst. Nur das.

Etwas in ihrem Ton war anders: weniger Forderung, mehr Erklärung.

Haben Sie das Testament? fragte ich.

Sie zögerte.

Es gibt Unterlagen. Im Koffer. Im Abstellraum.

Warum haben Sie uns das nie gezeigt? fragte Stefan.

Darauf wich sie aus, starrte auf ihre Hand.

Frau Bergmann, warum?

Lange Stille, dann stand sie auf.

Ich bin müde. Muss nach Hause.

Mama.

Später, Stefan. Alles später.

Sie verließ uns. Wir waren allein mit dem Tropfen des Hahns.

Sie verheimlicht etwas, sagte Stefan.

Ja.

Wegen dem Koffer.

Ja.

Sein Blick verweilte auf der Tür, durch die sie ging.

Klara, ich will nachsehen.

Sie zeigt es dir nie.

Ich weiß, wo der Schlüssel liegt, flüsterte er. Immer am Haken im Flur.

Ich sah ihn an. Er mich.

Wir sollten das besser nicht tun, sagte ich.

Nein, aber anders erfahren wir es nie.

***

Wir fuhren an einem Samstag hin. Tom war bei meiner Mutter, das hatten wir so geplant. Frau Bergmann hatte sich gefreut, gebacken, Tisch gedeckt.

Mir war den ganzen Tag komisch zumute. Nicht körperlich, aber wie, wenn man weiß, man macht etwas Unrechtes und kommt trotzdem nicht umhin.

Ihre Wohnung war eine typische alte Göttinger Mietwohnung, voll mit Dingen, die Menschen über Jahrzehnte aufheben: Fotos an den Wänden, Nippes, gelesene Bücher, Blumen auf dem Fensterbrett.

Wir tranken Kaffee. Sie erzählte von der Nachbarin, die jetzt einen Hund hatte, der bellte. Stefan hörte zu, ruhig wie immer.

Schließlich behauptete er, den alten Fotoalbum aus dem Abstellraum sehen zu wollen. Sie ging vor, Stefan folgte. Ich blieb in der Küche.

Durch die halboffene Küchentür hörte ich Stimmen, verstanden habe ich wenig.

Nach fünf Minuten kam Frau Bergmann heraus, den Album in der Hand, gefolgt von Stefan. Sein Blick war neutral ich wusste, er hatte nichts gefunden.

Wir blätterten in alten Fotos. Schwarz-weiß, verblasst. Stefan fragte, wer die Leute waren, Frau Bergmann erzählte von der Familie, zeigte ein Foto eines Hauses mit Säulen.

Das ist unser Haus?

Nein, sagte sie, unseres war kleiner. Davon gibt es keine Bilder mehr.

Warum?

Sie sind verloren gegangen. Oder wurden nie gemacht.

Nach zwei Stunden fuhren wir schweigend fast die ganze Strecke.

Der Koffer steht da, sagte Stefan später. Groß, alt, Holzkoffer ich habe das Schloss gesehen, sie hat ihn besonders gedreht, damit ich es nicht sehe.

Du glaubst, da sind die Unterlagen?

Wahrscheinlich.

Wir fuhren durch spätherbstliches Göttingen. An einer Kreuzung wartete eine Frau mit Kinderwagen lange auf Grün.

Stefan, sagte ich, vielleicht ist das nicht unsere Sache? Vielleicht hat sie Recht, dass sie es nicht zeigt?

Es betrifft uns. Wegen der Papiere lastet der Druck auf uns.

Ich widersprach nicht.

***

Drei Wochen später ergab sich eine Gelegenheit. Frau Bergmann musste ins Krankenhaus zur Kontrolle, am Vormittag sie sagte uns vorher Bescheid. Stefan bat um ihren Wohnungsschlüssel, um ihr Lebensmittel reinzustellen; sie gab ihn ohne Fragen her.

Ich wollte eigentlich nicht mitgehen, sagte Stefan, das sei zu viel. Er wollte alleine gehen. Nach einer Minute Überlegen sagte ich doch ja denn auch ich wollte wissen, was dort lag. Vielleicht war das nicht ganz sauber aber ich war der Gerechtigkeit in dieser Sache überdrüssig.

Wir schlichen durch die leere Wohnung zum Abstellraum. Der kleine, rostige Schlüssel hing, wie immer, am Haken.

Der Abstellraum war bis unter die Decke vollgestapelt. Koffer, Kisten, alte Mäntel, Kartons. In der Ecke: der Koffer dunkel, mit Eisenbeschlägen. Stefan kniete davor. Das Schloss gab sofort nach.

Obenauf lag ein Stück Tuch, vergilbt. Dann ein Umschlag. Darunter, in Zeitungspapier eingeschlagen, noch etwas. Stefan nahm den Umschlag, ich hielt die Luft an.

Zwei Papiere steckten darin. Eines, alt, dickes Papier, kalligrafisch geschrieben, schwer zu entziffern. Das andere etwas neuer, aber auch alt, mit kleiner, klarer Handschrift.

Was ist das? fragte ich.

Testament steht hier. Testament von Friedrich Bergmann, 1910.

Lies vor.

Er las stockend, die alte Sprache war schwer. Ich hörte zu.

Das Testament bestimmte: Haus, Garten, Land all das sollte an die männlichen Nachkommen übergehen, unter einer Bedingung. Separat noch hervorgehoben: In jeder Generation müssen mindestens zwei Söhne geboren werden. Wird diese Bedingung nicht eingehalten, geht der Besitz an die örtliche Gemeinde. Damit der Stamm nicht ohne männliche Nachfolge bleibt.

Stefan legte das Papier nieder.

Wir schwiegen lange.

Aber das Haus ist abgebrannt, sagte ich schließlich.

Ja.

Es gibt nichts mehr zu erben. Schon lange nicht.

Richtig.

Warum dann…?

Stefan griff zum zweiten Papier; kein offizielles Dokument, eher Tagebuchseiten, mit feiner, flüchtender Frauenschrift.

Kein Testament, sagte er, etwas Persönliches.

Die erste Zeile: Hedwig Bergmann, 1943

Das war Stefans Urgroßmutter.

Lies weiter, bat ich.

Er las lange. Ich will nicht alles wiedergeben nur die Essenz.

Hedwig kannte das Testament. Sie schrieb es in ihr Tagebuch ab, zur Erinnerung, weil es im Original fast zerfallen war. Sie berichtete, das Haus sei längst verloren, es gebe keinen Besitz mehr, formal erbe niemand etwas aber die Bedingung des Testaments bliebe dennoch wie ein Bann über der Familie. Sie konnte die Angst nicht loslassen, dass trotzdem ein Fluch auf ihnen laste, ihr Sohn oft krank sei, weil er keinen Bruder hatte die Schuld bleibt. Sie wolle das weitergeben an die Tochter damit sie sich hüte.

Die Tochter war Frau Bergmanns Mutter.

Stefan legte die Blätter weg, setzte sich auf den Boden zwischen Koffern und Kartons.

Sie wusste alles, murmelte er.

Ja.

Sie wusste, dass das Haus weg ist, dass es nur Angst ist und trotzdem hat sie weitergemacht. Die Angst hat alles bestimmt.

Ich kniete mich dazu, meine Knie knackten.

Stefan, sie hatte Angst. Wie Hedwig Angst hatte. Angst reicht weiter.

Angst, ja. Aber wie sie es mit uns machte das war kein bloßer Schrecken.

Ich widersprach nicht.

Er packte alles zurück, verschloss den Koffer, hängte den Schlüssel wieder auf und wir verließen die Wohnung. Es hatte schon gefroren; November. Erste Kälte.

Was machen wir jetzt? fragte ich.

Wir reden mit ihr. Noch heute.

***

Frau Bergmann kam um halb zwei von der Klinik heim. Stefan bat sie um ein Gespräch. Sie war still am Telefon.

Abends fuhren wir hin, ohne Tom. Ich wollte, dass er nicht dabei war. Was auch immer passieren würde.

Frau Bergmann öffnete und sah uns beide und irgendwas, ich weiß nicht was, schien sie gleich zu bemerken, mit einem Blick.

Kommt herein, sagte sie.

In der Küche kein Tee, Stefan legte die Blätter bewusst hin.

Frau Bergmann starrte darauf.

Woher hast du das? fragte sie, nicht drohend, eher nüchtern.

Im Koffer gefunden.

Du hattest kein Recht.

Mama, sagte Stefan, und in diesem Wort lag einfach Müdigkeit, nicht Groll. Mama, hast du das gelesen?

Ja.

Also wusstest du: Das Haus gibt es nicht mehr. Alles, was du von uns erwartest, ist durch, weil es kein Erbe gibt.

Ja, sagte sie leise.

Warum dann?

Sie schwieg lange, dann stand sie am Fenster, draußen die orangefarbenen Laternen über dem schmalen Göttinger Bürgersteig; die ersten Schneeflocken schwebten.

Ich wuchs so auf, sagte sie, meine Mutter hat es mir immer wieder gesagt: Es müssen Söhne sein. Sonst kommt Unglück. Hedwig, meine Oma, war sicher, das ist wahr. Ich habe geglaubt. Als Stefan kam, versuchte ich alles für ein zweites Kind. Es klappte nicht. Die Schuld blieb.

Wem schuldest du was? fragte Stefan.

Ich weiß es nicht. Einfach Schuld.

Und das hast du auf Klara abgewälzt?

Sie wandte sich mir zu.

Ich wollte dir nie etwas Böses, sagte sie.

Ich nickte, nicht aus Höflichkeit, sondern Unentschlossenheit.

Aber ich habe dir nichts Gutes gebracht, das weiß ich jetzt.

Das wissen Sie.

Ja.

Stille.

Mama, Stefan blickte sie an, warum hast du uns die Blätter nie gezeigt? Wir hätten das verstanden. Angst, die weitervererbt wird. Wir sind nicht herzlos.

Ich hatte Angst, sagte sie schlicht.

Wovor?

Dass ihr mich auslacht. Und ihr hättet recht: Es ist Unsinn. Sie kehrte zum Tisch zurück, setzte sich schwer. Sie war jetzt wirklich alt, nicht mehr die Frau im blauen Mantel, die alles weiß. Unsinn, hundert Jahre lang weitergegeben. Ich konnte es nicht stoppen. Nur weitergeben.

Weitergeben muss jetzt nicht mehr sein, sagte Stefan.

Nein, sie stimmte zu. Jetzt ist Schluss.

Wir blieben dann noch lange. Stefan erklärte, wie er an die Papiere kam. Sie wurde nicht wütend, hörte einfach zu.

Beim Gehen nahm Frau Bergmann den Schlüssel von ihrem Haken.

Hier, nehmt den. Der gehört euch.

Stefan nahm wortlos.

***

Ich werde nicht behaupten, alles sei danach gut gewesen. Nichts wird von einem Gespräch über Nacht heil.

Die nächsten Wochen waren seltsam. Frau Bergmann kam nicht mehr ungebeten. Stefan rief sie an, sie fragte kurz nach Tom, erkundigte sich nach uns. Wir fuhren ein Mal die Woche zu ihr, sie backte etwas für Tom, sah ihn lange an, als müsste sie sich etwas merken.

Nachts lag Stefan manchmal wach, ich spürte es, obwohl er reglos neben mir lag.

Stefan, flüsterte ich, du denkst darüber nach?

Ja, sagte er ohne Zögern.

Worüber genau?

Dass ich sie nicht kannte. Dass sie so viele Jahre mit so einer Last gelebt hat, ohne zu sprechen, und dass uns das ebenso geformt hat.

Sie hat Angst von Hedwig weitergetragen, sagte ich. Von einer Frau, die ausgestorben ist.

Das entschuldigt nichts, was sie dir angetan hat.

Nein.

Wir schwiegen wieder.

Klara, bist du noch böse?

Ich tastete ehrlich.

Ja, ein wenig. Aber ob das gerecht ist keine Ahnung. Sie war auch eine Gefangene ihrer Angst.

Keine Rechtfertigung.

Nur eine Erklärung.

Draußen war tiefe Winternacht. Göttingen kann nachts sehr ruhig sein, nur vereinzelt ein Auto.

Stefan, was denkst du über ein zweites Kind deine eigene Meinung?

Er schwieg erst.

Das sollte nur unser Entschluss sein. Wenn es geschieht, gut. Wenn nicht, ist es auch gut.

Ganz ohne Männerfluch.

Ganz ohne Fluch.

Ich nahm seine Hand unter der Decke.

Dann nicht jetzt. Vielleicht irgendwann.

Vielleicht, sagte er sanft.

***

Im Dezember schneite es tatsächlich, wie früher. Tom war begeistert, stürmte morgens gleich ans Fenster, um zu sehen, ob der Schnee geblieben war.

Klara, sieh mal! Noch Schnee!

Er nannte mich immer Klara, so lange er sprechen konnte, nicht Mama das störte mich nie. Das war unser Ding.

Wir gingen am Wochenende raus. Stefan und Tom bauten einen schiefen, krummen Schneemann vor dem Haus; ich sah ihnen aus dem Fenster zu, dachte über alles nach. Über Frau Bergmann, Hedwigs Tagebuch, wie viel Ballast Frauen in Familien weiterreich(t)en, Mutter an Tochter, Schwiegermutter an Schwiegertochter, ohne dass man es merkt.

Ich fragte mich, was ich irgendwann vielleicht weitergebe, ohne es zu wollen.

Alle tragen etwas.

Eines Abends erzählte Stefan, Frau Bergmann habe um Erlaubnis gebeten, zu Toms Geburtstag zu kommen.

Sie hat gefragt? Wunderte ich mich.

Ja. Sie wollte wissen, ob es okay ist.

Ich dachte nach.

Sie soll kommen, sagte ich. Es ist ihr Enkel.

Wirklich?

Ja. Das darf Tom nicht drunter leiden.

Frau Bergmann kam mit einem Geschenk, einer großen roten Spielzeugauto, Tom jubelte, sie stand da und hatte einen rührenden, wehmütigen Blick.

Sie half mir in der Küche, ohne Ernst. Nur das übliche Gerede. Keine alten Themen.

Beim Gehen hielt sie inne.

Klara, ich wollte nur sagen: Es tut mir leid, was ich euch zugemutet habe. Besonders dir.

Ich nickte.

Das ist alles?

Was wollen Sie hören?

Sie schüttelte den Kopf.

Nichts. Es reicht.

Die Tür fiel zu.

***

Nach Silvester galt die unausgesprochene Regel: Sie kam nicht mehr einfach so. Wir besuchten sie alle zwei Wochen, manchmal seltener. Sie rief Sonntags regelmäßig an, erkundigte sich nach Tom, erzählte von Nachbarn. Die Gespräche waren sachlich, manchmal fast höflich.

Ich wusste nicht, ob das gut oder schlecht war.

Sie braucht Zeit, meinte Stefan. Es ist ihr peinlich, sie muss umdenken. Sie war das Leben lang so und jetzt ist alles anders.

Du hast Mitleid?

Ja. Du nicht?

Ich überlegte.

Doch. Aber Mitleid und Vertrauen sind nicht dasselbe.

Stimmt.

Abends, wenn Tom schlief, saßen wir in der warmen Küche das Licht fiel weich auf den Tisch, draußen war es dunkel, es war ein strenger Januar.

Stefan, glaubst du, sie fängt irgendwann wieder an?

Vielleicht. Dann müssen wir klar sagen, dass es uns betrifft, dass wir unsere Entscheidungen selbst treffen.

Und wenn sie nicht aufhört?

Dann reden wir wieder. Wir leben unser Leben.

Das war klug. Ich übrlegte oft zu viel. Jetzt versuchte ich es, im Jetzt zu bleiben.

Der Februar verging ruhig. Frau Bergmann kam nur ein Mal, gekündigt. Gab Tom blaue Strickhandschuhe mit, saß eine Stunde, trank Tee, fragte mich, wie ich mich fühle. Ich sagte gut, sie nickte, ging.

Vom zweiten Kind sagte sie kein Wort mehr.

Ob für immer, weiß ich nicht.

***

Im März fuhren Stefan und ich drei Tage nach Göttingen. Zum ersten Mal ohne Tom, der blieb bei meiner Mutter. Stefan hatte die Idee einfach so, Klara!. Ich sagte ohne Zögern ja.

Göttingen war schön die Altstadt, die alten Häuser, die ruhige Leine mit den Eisschollen. Wir bummelten viel.

Eines abends fragte ich:

Stefan, hast du daran gedacht, das Dorf zu suchen, wo das Haus Bergmanns stand?

Ja, er nickte. Aber ich glaube, ich will das gar nicht.

Warum?

Da ist nichts mehr. Kein Haus, kein Erbe, kein Fluch. Und was hätten wir davon, wenn wir ins Leere schauen?

Stimmt, sagte ich. Ich wollte es nur mal sagen.

Dann lassen wir es.

Wir kehrten nach Göttingen zurück, holten Tom, der erzählte uns begeistert von der Nachbarskatze, der er Wurst gegeben hatte.

Katzen dürfen keine Wurst, sagte Stefan.

Sie mochte es aber, konterte Tom.

Zuhause roch es nach unserem Zuhause. Das lässt sich nicht beschreiben, aber es stimmt.

***

Im Frühling hatte Frau Bergmann Geburtstag. Zweiundsiebzig. Wir waren alle da. Sie begrüßte uns frisch angezogen, Tom warf sich gleich in ihre Arme, sie lachte, echt und unverstellt.

Eine Nachbarin, Frau Krause, war auch da, brachte einen gekauften Kuchen. Wir saßen am Tisch, erzählten, lachten, alles war leicht.

Ein Moment blieb mir: Frau Bergmann schaute mich lange an, ich blickte zurück. Schnell wandte sie sich Tom zu. In ihrem Blick lag eine Frage ob zwischen uns wieder alles in Ordnung war.

Ich weiß nicht, was dieser Blick bedeutete.

Im Auto schlief Tom ein, Stefan fuhr, ich sah aus dem Fenster. Aprilduft nach Erde und Gras.

War schön, sagte Stefan.

Ja.

Klara, meinst du, es wird normal mit ihr? Ohne all das?

Ich weiß es nicht, wünsche es mir aber.

Ich auch.

Wir parkten. Tom schlummerte, Stefan schaltete den Motor aus, aber wir blieben noch einen Moment sitzen.

Stefan, flüsterte ich, ich habe über Hedwig, die Urgroßmutter, nachgedacht. Sie schrieb ins Tagebuch: Angst, Schuld weiterzugeben. Sie tat es immer weiter. Deine Mutter trug diese Angst und gab sie uns. Und jetzt jetzt haben wir es angehalten.

Was meinst du?

Wir nehmen die Angst nicht mehr weiter. Wir durchschauen sie.

Stefan schwieg.

Das zählt, sagte ich.

Ja.

Wir trugen Tom hoch, er schlief, der Frühling lag in der Luft.

Das war alles, was zählte.

***

Der Sommer war schön. Tom kam in den Kindergarten ein Abenteuer. Erst mochte er nicht, dann, mit etwas Unterstützung, war alles gut. Er erzählte mir von seiner Erzieherin Tanja und von Leon, der Erde aß welch ein Fund!

Frau Bergmann holte Tom gelegentlich vom Kindergarten ab wir besprachen das immer genau. Sie hielt sich an die Absprachen. Sie war anders geworden weniger fordernd, zurückhaltender.

Im Sommer rief sie mich selbst an, nicht Stefan.

Klara, ich wollte fragen: Bist du noch böse auf mich?

Ich überlegte.

Ein wenig vielleicht. Aber es wird weniger.

Gut, murmelte sie.

Gibt es einen Grund für den Anruf?

Nein, wollte es nur mal sagen. Sie zögerte. Stefan ist ein guter Sohn.

Das weiß ich.

Und du bist auch gut. Auch wenn ich das selten zeigte.

Ich antwortete nicht direkt. Es war kein richtiges Entschuldigen, mehr eine Geste.

Ich weiß, sagte ich.

Dann legte sie auf.

Lange stand ich so mit dem Telefon. Menschen können einem viel Leid zufügen, im festen Glauben, sie helfen. Menschen können den Schrecken einer Urgroßmutter übertragen, und damit heute noch über uns bestimmen.

Das macht es nicht besser aber verständlicher.

Verstehen ist nicht Verzeihen, das wurde mir klar. Man kann verstehen und trotzdem nicht vergessen.

***

Im Herbst es war schon September brachte Stefan das Tagebuch von Hedwig mit nach Hause. Er bat, dass seine Mutter uns die Seiten überlässt, sie gab sie bereitwillig.

Wir lasen sie abends zusammen nicht nur die Stelle über das Testament, sondern alles: den Krieg, Hunger, Angst um Mann und Kinder, die schlaflosen Nächte.

Das war das Leben einer Frau, die alles davor fürchtete, was sie liebte, zu verlieren.

Ich verstand. Nicht mit dem Kopf, sondern irgendwie tiefer. Angst um das Liebste ist nicht nur das Schicksal von 1943.

Sie war nicht schlecht, sagte Stefan.

Nein.

Einfach nur voller Angst, wie meine Mutter.

Ja.

Ich steckte die Seiten zu meinen Lieblingsbüchern ins Regal. Sie sollten da bleiben als Erinnerung, dass diese Geschichte war, und aufhörte oder zumindest bei uns.

***

Danach gab es viel Alltägliches: Toms Erfolge im Kindergarten, die ersten Buchstaben, die er selbst schreib. Stefan wechselte die Stelle, war früher daheim. Wir kauften ein neues Sofa, der Kater zog ein ein kleiner, roter Streuner, der einfach blieb. Wir nannten ihn Kater, und der Name blieb.

Frau Bergmann kam wenige Male im Monat, angemeldet, pünktlich, sprach nie mehr vom zweiten Kind als hätte es die Debatte nie gegeben.

Manchmal ertappte ich mich beim Warten, dass sie gleich darauf anspricht, oder wieder mit einem Glas Kräutern kommt aber das blieb aus. Und irgendwann wartete ich kaum mehr.

Nicht ganz, aber fast.

Ein Jahr nach dem Gespräch im Abstellraum, im November, saßen wir abends zusammen. Tom schlief. Kater lag am Fenster und beobachtete, wie der Schnee fiel.

Stefan, sagte ich.

Ja?

Ich glaube, inzwischen geht es uns gut.

Er sah mich überrascht an.

Inwiefern?

Ich bin angekommen. Es ist alles gut, so wie es ist. Ich weiß nicht, wann ich das zuletzt sagen konnte.

Er lächelte.

Mir gehts auch so.

Kater sprang vom Fenster, legte sich an die Heizung.

Stefan, hast du ihr verziehen?

Ich überlegte lange.

Ich weiß es nicht. Wirklich nicht. Ich bin nicht mehr jeden Tag wütend. Ich weiß, woher das kam. Ich will ihr nichts Schlechtes. Aber ob das Verzeihen ist vielleicht passiert das nicht einmalig, sondern immer wieder.

Vielleicht, stimmte Stefan zu.

Draußen weiter Schnee, drinnen Wärme. Tom schlief.

Das genügte.

***

Manchmal erzähle ich Freundinnen davon, auszugsweise. Meine Schulfreundin Gabi sagte einmal:

Klara, du hast echt was mitgemacht. Ich wäre längst abgehauen.

Wohin denn? fragte ich.

Weg eben. Mit Stefan, in eine neue Stadt.

Es wäre nur eine neue Geschichte gewesen, erwiderte ich ruhig. Es gibt immer neue Konflikte. Sie ist seine Mutter, kein Feind. Nur eine Frau, die nicht anders konnte.

Du verteidigst sie.

Ich erkläre. Nicht verteidige.

Gabi schwieg.

Du findest immer die Erklärung.

Das ist nicht dasselbe wie Entschuldigen.

Sie nickte. Fragte dann:

Hätte Stefan sich früher kümmern sollen?

Vielleicht. Aber auch er hat seine Geschichte mit ihr. Das geht nicht an einem Tag.

Du bist ruhiger geworden.

Ich bin müde geworden vom Ärgern, sagte ich.

***

Im Dezember rief Frau Bergmann Tom zum Geburtstag an. Er erzählte vergnügt von seinem Kindergarten, von Leon, der jetzt keine Erde mehr isst, weil Tanja es ihm erklärt hat.

Dann gab er das Telefon an mich.

Klara, ich wollte fragen: Was macht ihr zu Silvester?

Wahrscheinlich zu Hause.

Ich auch. Dann vielleicht

Wenn Sie möchten, kommen Sie vorbei.

Pause am anderen Ende.

Vielleicht komme ich, wenn ihr nichts dagegen habt.

Natürlich nicht.

Sie erschien am Silvesterabend mit einem selbstgebackenen Kuchen. Wir aßen, schauten TV, Tom schlief bei ihr auf dem Schoß ein. Sie strich ihm übers Haar, und ich sah das Bild von außen: eine Oma, ein Enkel, das einzig Beständige.

Um Mitternacht ging sie. Ich half ihr in den Mantel. Sie stand, schaute mich lange an.

Klara, ich wünsche dir nur das Beste für das neue Jahr. Euch allen.

Danke.

Und… du bist eine gute Mutter. Das wollte ich dir immer mal sagen.

Ich sagte nichts, nickte.

Frohes neues Jahr.

Ihnen auch.

Die Tür schloss sich.

Stefan hatte es gehört.

Klara, sagte er leise.

Ich weiß, sagte ich.

Wir gingen ins Wohnzimmer zurück. Tom schlief auf dem Sofa, Kater rollte sich daneben ein. Draußen rieselte Schnee, erste Stunde des neuen Jahres.

Ich weiß nicht, ob ich ihr vergeben habe.

Ich weiß nur, dass ich in diesem Moment zufrieden war.

Vielleicht ist das Antwort genug. Vielleicht kein Schluss, sondern ein Innehalten.

Ich bin zur Ruhe gekommen.

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Homy
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