Vergangenes loslassen
Ziehen wir irgendwohin um? fragte Johanna verwundert, als sie das Wohnzimmer betrat und bemerkte, wie Tobias schweigend seinen Koffer packte.
Gerade erst war sie von der Arbeit nach Hause gekommen, und er hatte ihr nichts angekündigt. Bestimmt will er mich überraschen, dachte sie für einen Moment.
Nein, wir verreisen nicht, antwortete Tobias, ohne sie anzuschauen. Ich ziehe aus.
Wie bitte? Was soll das heißen, du gehst? Wenn das ein Scherz ist, find ich ihn gar nicht witzig.
Ach, Johanna, was für Scherze denn? murmelte Tobias, während er sein weißes Hemd aus dem Schrank zog, das er an Silvester anziehen wollte. Weißt du zufällig, wo mein Pass liegt?
Ja, im dritten Schubfach der Kommode. Kannst du mir bitte erklären, was los ist? Jetzt ist es wirklich nicht mehr lustig.
Mensch Johanna, warum verstehst du das denn nicht? Er lächelte matt. Ich gehe einfach. Unsere gemeinsame Zukunft hat keinen Sinn mehr. Du bist wirklich eine liebe Frau, und ich hab mich bei dir wohlgefühlt, aber
Was aber, Tobias?
Na ja Vor ein paar Tagen habe ich Lena wieder getroffen. Wir waren zusammen in der Schule…
Und?
Tja… Wir haben uns im Café getroffen, gequatscht, alte Gefühle sind wieder hochgekommen, und dann haben wir beschlossen, dass wir zusammen sein möchten. Ich liebe sie, verstehst du? Schon seit der zehnten Klasse.
Mich liebst du also nicht? Die Einkaufstüten fielen Johannas Händen auf den Boden.
Es war schön mit dir… Aber meine Liebe gehört jemand anderem. Ich liebe Lena, sagte Tobias, zog seine Jacke an, schlüpfte in die Schuhe und verließ wortlos die Wohnung.
Johanna stand wie erstarrt da und starrte auf die Tür.
Es war kaum zu begreifen, dass das gerade wirklich geschah, dass das echte Realität war.
Erst einige Minuten später, als sie auf der Wand zu Boden sank und ihr Gesicht in den Händen vergrub, wurde ihr alles bewusst sie war weggeworfen worden wie ein Spielzeug, das keiner mehr braucht. Und das kurz vor Silvester, während sie doch gerade überlegte, was sie ihrem Liebsten schenken könnte, wie sie den Baum schmücken und welche Gerichte sie für den Silvesterabend kochen würde. Wie konnte er nur?!
Sie schluchzte, Tränen liefen ihr übers Gesicht. Nie hätte sie sich träumen lassen, einmal in diese Situation zu geraten. Es gab doch keine Anzeichen! Sie liebte Tobias, er sie auch zumindest hatte sie das gedacht. Sie hatten sogar ihre Hochzeitspläne für das neue Jahr geschmiedet.
Ein ganzes Jahr lebten sie bereits zusammen, und alles war gut. Bis heute.
Nein Ganz ehrlich: Merkwürdig benahm sich Tobias schon seit ein paar Tagen. Sie hatte es auf Stress geschoben schließlich war das Jahresende, und Tobias arbeitete als Abteilungsleiter in einer großen Firma.
Oft saß er abends lange am Laptop, antwortete ihr nur einsilbig
Irgendwas belastete ihn, das sah sie. Aber Johanna wollte nicht drängen. Wenn er reden wolle, würde er es schon tun.
Jetzt hatte er es getan.
Nicht einmal bemüht, sein Geständnis etwas einfühlsamer vorzubringen.
Johanna schleppte sich ins Schlafzimmer, rollte sich zusammen und weinte. Die ganze Nacht.
Den nächsten Tag verbrachte sie einfach im Bett, starrte das eingerahmte Foto von ihr und Tobias am Strand der Ostsee an.
Damals im Sommerurlaub hatte sie endgültig gespürt, dass sie Tobias liebte.
Eigentlich wollten sie im neuen Jahr zusammen nach Sylt fahren. Aber daraus wird nichts mehr.
Nicht nach Sylt. Nicht zu seinen Eltern. Alles fühlte sich leer und bitter an.
Ihre beste Freundin Friederike hatte sie mehrmals angerufen und wollte sich treffen, aber Johanna hatte keine Kraft, mit irgendjemandem zu reden, geschweige denn jemanden zu sehen.
Sie ignorierte die Anrufe, dann schaltete sie ihr Handy irgendwann ganz aus.
Was sollte sie auch reden? Die Welt hatte für sie plötzlich alle Farbe verloren.
Abends nahm sie dann doch den Laptop und loggte sich auf Tobias’ Seite in den Netzwerken ein.
Besser hätte sie es gelassen
Da waren schon ein Dutzend neue Fotos Tobias mit einer anderen Frau, vermutlich der alten Schulfreundin Lena. Was findet er nur an ihr?, fragte sich Johanna, während sie jedes Detail betrachtete. Nichts Besonderes, wirklich nicht.
Am liebsten hätte sie Lena eine bittere Nachricht geschrieben, aber dann dachte sie, dass das sowieso nichts ändert.
Sie klappte den Laptop zu, stellte ihn zurück und rollte sich wieder ein. Sie hatte ihn wirklich geliebt und er hat es nur vorgetäuscht.
Das tat doppelt weh.
*****
Am Morgen weckte sie wildes Klopfen an der Wohnungstür. Es war so laut, dass sie im ersten Moment dachte, ein Nachbar würde vor Silvester noch schnell renovieren.
Kommt Tobias doch zurück? schoss es ihr durch den Kopf, und sie rannte zur Tür.
Josi! Meine Güte, du lebst! rief Friederike und fiel ihr um den Hals. Ich hab mir schon alles Mögliche ausgemalt! Wollte fast die Polizei oder Feuerwehr rufen. Erst erreich ich dich nicht und dann ist das Handy ganz aus! Ich dachte, du machst dir mit Tobias einen schönen Abend! Hättest wenigstens Bescheid sagen können!
Falsch geraten murmelte Johanna, und Tränen schossen ihr in die Augen.
Was ist denn los? Habt ihr euch gestritten? Bei euch war doch alles in Ordnung!
War. Ja. Aber er hat mich verlassen.
Was?! Wer, Tobias? Das kann ich nicht glauben, stammelte Friederike.
Dachte ich auch, aber es ist passiert.
Während Friederike zwei Tassen Kaffee kochte, erzählte Johanna ihrer besten Freundin alles.
Das ist doch verrückt! regte sich Friederike auf. So einen verantwortungsbewussten Eindruck hat er auf mich gemacht! Aber dann verlässt er dich einfach so vor Silvester, packt seine Sachen und geht!
Kaum zu fassen, oder?
Hast du sie denn gesehen? Diese Lena Ist sie irgendein Model oder Tochter von einem Millionär?
Johanna holte das Laptop und zeigte die neuen Fotos von Tobias und seiner neuen Flamme, es waren über Nacht noch mehr geworden.
Na toll Aufgespritzte Lippen, Silikon überall, und diese kalten Augen. Was sieht er in ihr nur?
War halt seine Schul-Liebe
Weißt du, Josi Ratschläge sind in deiner Situation nichts wert, das weiß ich. Aber sollte man wegen Tobias so leiden?
Du verstehst das nicht. Wir wollten doch zusammen heiraten im neuen Jahr.
Eigentlich solltest du froh sein, dass ihr noch nicht verheiratet seid und keine Kinder habt. Stell dir vor, wie es nach zehn Jahren Ehe wäre!
Ich habe ihn geliebt…
Dann wirst du eben nochmal neu lieben. Einen vernünftigen Menschen. Und jetzt, morgen ist Silvester, und du weinst!? Das geht nicht! Komm, wir gehen aus. Kleiner Einkaufsbummel?
Ehrlich gesagt hab ich keine Lust. Und Silvester möcht ich einfach nicht feiern. Gar nicht.
Ach was, das glaub ich nicht.
Trotz aller Gegenwehr gelang es Friederike, Johanna zu überreden, rauszugehen.
Erst saßen sie in einem Café, dann ein Abstecher in den Friseursalon, und schließlich noch ein kurzer Bummel durch die Geschäfte. Eigentlich wollte Johanna überhaupt nichts kaufen, aber Friederike schenkte ihr einen Satz Christbaumkugeln.
Mein Geschenk für dich! Und du versprichst mir, dass du den Baum dekorierst so kahl, wie der jetzt aussieht, ist es ja nicht auszuhalten.
Versprochen, seufzte Johanna.
Gut so! Ich schaue morgen vorbei und überprüfe, ob du dein Versprechen hältst.
Den Rückweg trat Johanna alleine an. Fast war sie froh, dass Friederike sie nicht begleitete. Die Dankbarkeit für die aufmunternde Freundin war da, aber sie musste jetzt trotzdem allein sein.
Die Wunde war tief. Sie würde nicht in einem Tag verheilen.
Frohes neues Jahr, Schönheit! rief ihr ein junger Mann entgegen.
Hm murmelte Johanna kaum hörbar und ging weiter, ohne ihn anzusehen.
Mit Menschen besonders fremden Männern wollte sie jetzt wirklich nicht reden.
Als sie am Tiergeschäft vorbeiging, sah sie, wie eine junge Frau mit einer großen Tüte Katzenfutter herauskam. Sie schüttete das Futter auf ein Stück Karton vor die Tür, sah sich um und ging wieder hinein. Kurz darauf sprang ein kleiner, orangefarbener Kater aus dem Nichts hervor und begann hungrig zu fressen.
Nachdem er alles verdrückt hatte, maunzte er leise und blickte sehnsüchtig durch die Scheibe.
Johanna blieb stehen und beobachtete das Kätzchen. Den hat man bestimmt auch vor Silvester ausgesetzt Sie wischte sich Tränen von den Wangen.
Das Katerchen zitterte vor Kälte, sein schmächtiger Körper bebte fast wie der alte Kühlschrank ihrer Oma, wenn der Kompressor ansprang.
Plötzlich entdeckte der Kleine Johanna, rannte auf sie zu und schmiegte sich hoffnungsvoll an ihre Beine, als ob er von ihr Wärme erwartete.
Johanna hob das Kätzchen hoch, drückte es an sich und betrat den Laden.
Können Sie den armen Kater denn nicht reinlassen, nur damit er sich ein bisschen aufwärmt? fragte Johanna die Verkäuferin.
Warum bringen Sie das Tier denn rein? Die Verkäuferin runzelte die Stirn. Mein Chef verbietet es, Straßenkatzen reinzulassen. Hier sind überall Kameras.
Als ob das Ihrem Chef schadet! sagte Johanna empört.
Sie wollte sich mit der Verkäuferin gar nicht streiten. Aber das Kätzchen tat ihr leid. Es war wie sie: verlassen, niemandem wichtig.
Dann nehmen Sie ihn halt mit zu sich nach Hause! frotzelte die Verkäuferin. Ihnen wird schon nichts fehlen!
Das mache ich! entgegnete Johanna prompt. Wenigstens etwas Gutes dieses Silvester.
Sie meinen das wirklich ernst?
Und wie.
Mit dem Katerchen unterm Arm verließ Johanna das Tiergeschäft, samt allerlei Zubehör, das sie besorgt hatte.
Selten hatte sie ihr Geld so gerne ausgegeben. Mit dem kleinen Kerl unter der Jacke ging sie lächelnd nach Hause.
*****
Eigentlich hatte Johanna vor, mindestens eine Woche lang zu leiden, vielleicht sogar über die ganzen Feiertage. Doch das Kätzchen kam und warf diesen Plan über den Haufen.
Wie soll ich dich nennen, mein Glück auf vier Pfoten? Johanna lächelte dem Kätzchen zu, als es versuchte, vom Sofa zu springen.
Endlich überwand es seine Angst, landete auf dem Boden und begann seine neue Umgebung zu erkunden.
Du bist mein kleines Pfötchen, lachte Johanna. Pfötchen Ja, das passt! So sollst du heißen.
Mit dem kleinen Pfötchen drehte sich die Zeit auf einmal schneller, die Wohnung war wieder belebt. An ihr Versprechen erinnerte sich Johanna erst spät abends im Bett. Aber sie musste noch einmal aufstehen.
Mit Pfötchen holte sie die Kugeln hervor und schmückte den Baum, wobei das Kätzchen ständig die unteren Kugeln herunterwarf und sie dann erschrocken unters Sofa rollte zu köstlich!
Selbst nachts wurde Johanna ein paar Mal wach, weil wieder etwas zu Boden plumpste: Da sauste Pfötchen wieder um die Tanne.
Na, du kleine Rabaukin! Wird da heute noch Ruhe einkehren? neckte Johanna die Kleine mit erhobenem Zeigefinger.
Miau erwiderte Pfötchen reumütig.
Dann sprang Pfötchen auf das Bett, kuschelte sich an die Kissen und schlief sofort ein.
Johanna nahm das alte Foto mit Tobias in die Hand, strich über das Glas und stellte es zurück auf den Nachttisch. Wieder liefen Tränen. Loslassen fiel noch schwer.
*****
Am nächsten Morgen kam Friederike zu Besuch.
Sie begutachtete zufrieden den geschmückten Baum und grinste breit.
Super gemacht, Josi! Egal, was im Leben passiert, Silvester sollte gefeiert werden. Ich hab dir Mandarinen und Wunderkerzen mitgebracht für die Stimmung.
Danke. Ich weiß gar nicht, was ich ohne dich täte
Na, im Bett liegen und heulen! Das wüsste ich wohl! Sag, willst du nicht doch mit uns feiern? Wulfred und ich sorgen schon für Stimmung!
Danke, aber Silvester ist ein Familienfest. Ich will euch nicht stören. Das ist das eine
Und das andere?
Ich habe schon Gesellschaft. Johanna lächelte.
Was? So schnell einen neuen Freund!? staunte Friederike.
Noch besser! Ich habe ein Kätzchen gefunden. Sie lief ins Schlafzimmer und kam mit Pfötchen zurück.
Oh wie süß! Wo hast du den gefunden?
Vor dem Tiergeschäft. Lag da ganz verloren, hat gefroren und miaut. Ich konnte sie einfach nicht dalassen.
Ich auch nicht Friederike wurde nachdenklich. Weißt du, das ist echt prima. Das Kätzchen wird dich schnell wieder ins Leben holen. Aber ich finde, du solltest dich wirklich endlich von Tobias befreien. Warum noch seine Dinge hier aufbewahren?
Wegwerfen? Das schaffe ich nicht Das ist alles, was mir von ihm bleibt.
Ich begreife das nicht. Er hat dich verlassen für eine andere! Und du hältst an alten Erinnerungen fest?
Johanna schwieg.
Ich kann dich nicht zwingen, aber an deiner Stelle…
Ich weiß, Fredi Aber ich bin noch nicht so weit. Ich brauche Zeit.
Viel Zeit ist nicht! Sie lachte und warf einen Blick auf die Uhr. Ins neue Jahr sollte man frei und glücklich starten!
Friederike verabschiedete sich, und Johanna kam nicht zur Ruhe. Sie wusste, dass ihre Freundin recht hatte: Vergangenes muss man loslassen, um weiterzuleben. Und doch
Ein innerer Zwiespalt: Eine Seite wollte endgültig abschließen, die andere hoffte heimlich, Tobias könnte zurückkommen.
Lange stand Johanna am Fenster. Da plötzlich ein lautes Gepolter im Wohnzimmer.
Pfötchen! Warte, dir zeig ichs!
Sie glaubte, wieder seien Kugeln vom Baum gefallen, aber es war der Bilderrahmen mit dem Foto von Tobias und ihr. Er war heruntergefallen, der Rahmen riss, das Glas zerbrochen.
Was hast du bloß gemacht, du Süße? seufzte Johanna, und Pfötchen lugte verspielt unter dem Sofa hervor.
Pfötchen kam angekuschelt an ihre Beine. Während Johanna die Scherben aufsammelte, überlegte sie, wie sie die kaputte Fassung wieder reparieren könnte. Der Rahmen ließ sich vielleicht noch kleben, aber das Glas?
Pfötchen sprang ihr auf den Schoß, und Johanna sah, dass die Kleine spielen wollte.
Nicht jetzt, Liebling, flüsterte sie. Doch plötzlich
Wozu das alles noch? dachte sie. Wen will ich hier eigentlich noch täuschen?
Wenn einmal ein Riss entstanden ist, wenn die Liebe zerbrochen ist, hält einen nichts zurück
Miau! Pfötchen schien ihr zuzustimmen.
Gut, das wars dann!
Johanna holte von der Abstellkammer die Reisetasche, die sie einst für Tobias gekauft hatte. Dort packte sie alles hinein, was sie an ihn erinnerte: den Bilderrahmen mit Foto, den alten Teddybär, den Aschenbecher, die Kaffeetasse, die Sylt-Magnete vom Kühlschrank, alles Mögliche.
Mit Mühe zog sie die schwere Tasche zur Tür, zog ihren Mantel an und öffnete.
Gleich bin ich wieder da, Liebes! rief sie Pfötchen zu und schleppte die Tasche die Treppe runter.
Der Ballast der Vergangenheit war schwer. Aber Johanna schleppte alles zum Müllcontainer. Die Leute starrten, aber das war ihr egal. Sie musste das tun!
Nachdem sie die Tasche aus alten Erinnerungen endlich losgeworden war, fühlte sie sich zum ersten Mal wieder leicht. Nicht nur körperlich, sondern auch seelisch.
Jetzt bin ich frei! Endlich frei, und sie schenkte den vorbeigehenden Menschen ein Lächeln.
Sie blickte zum Fenster hoch, sah dort Pfötchen sitzen, wie es sie aufmerksam beobachtete.
Ich komme, Liebling! winkte Johanna ihrer Kleinen zu und ging zurück nach Hause.
Innerlich dankte sie Pfötchen, dass dieses kleine Geschöpf ihr geholfen hatte, die wichtigste Entscheidung zu treffen loszulassen, das Leben neu zu beginnen und Vergangenes endgültig hinter sich zu lassen.



