Der Brief

Brief vom Regen

Ich stehe nun schon eine ganze Stunde am Fenster. Einfach dort, blicke hinaus auf die Straße. Im Dunkel bewegen sich schwach umrissene Bäume im Wind, ihre Schatten verwaschen, tanzen und verblassen im Schleier des Regens. Tropfen hüpfen wie kleine Bälle durch die Pfützen und drücken das feuchte Laub fest auf den Asphalt. Rinnsale ziehen Linien am Fenster entlang und laufen nach unten.

Wie Blut in den Adern, murmele ich leise, grinse dabei. Oder wie Milch aus einer undichten Tüte. Es fließt immerfort, unaufhaltsam. Klar, man kann einen Druckverband anlegen, so wie man es gelernt hat, sauber und sicher aber das hält nur kurz, dann geht alles weiter wie zuvor. Blut und Milch, sie werden wieder fließen, oder, wenn der Druckverband zu lange bleibt, stirbt das Gewebe ab. Nekrose nennt das der Arzt. Dann muss amputiert werden, ganz konsequent ein ganzer Körperteil oder ein Organ fehlt dann. Das Leben geht weiter, aber als Krüppel ist das noch Leben? Oder eher ein bedauerndes Dahinvegetieren für einen selbst oder für die, die es nicht geschafft haben, rechtzeitig zu helfen? Wenn man die Flüssigkeit einfach weiterlaufen lässt, mit einem Pflaster drauf: genau dasselbe. Vielleicht läuft alles heraus, bleibt nichts mehr übrig. Das ist noch schlimmer. Und am Ende, egal was man tut, trägt man immer die Schuld daran, dass man jemanden zum Ende begleitet hat…

Ein greller Blitz lässt mich zusammenzucken. Die Adern des Himmels, blassblau und dünn, durchzucken das Gewölk, dann verschwindet der Blitz, als hätte er Angst vor der Nadel im Arm, zurück in die Tiefe des Himmelskörpers, um sich selbst zu schützen.

Ein Windstoß reißt das nur leicht gekippte Fenster auf, fegt durchs Zimmer, wirbelt die Blätter durcheinander, bläst meine Zettel mit Notizen und Ausarbeitungen von meinem Schreibtisch. Ich hörte damals auf meinen Vater, mach endlich was aus deinem Leben, also habe ich mich an den Schreibtisch gesetzt und gearbeitet. Langweilig war das schon, aber vielleicht hatte Vati ja recht, und die verbrachte Zeit zahlt sich noch aus.

…Ich versteh dich nicht, Max!, wetterte mein Vater, Herr Doktor Friedrich Bachmann, während ich gelangweilt einen echten, frischen Zitronensprudel aus dem Glas kostete, ein paar Eiswürfel klimperten dabei, und mir die Augen genussvoll zusammenkniff. Du hast so viel Wissen angehäuft, so viele Möglichkeiten. Was hält dich ab? Soll dein Freund das alles nutzen, dieser… Er schnippte mit den Fingern, wollte so tun, als fiele ihm der Name nicht ein.

Er heißt Jonas, Papa, half ich nach.

Ja. Dieser Jonas, der Gauner! Max, der wartet nicht ab. Weißt du, warum? Weil er Geld liebt! Die Wissenschaft interessiert ihn doch überhaupt nicht, er macht alles nur fürs Konto. Wie ein Mädchen! Friedrich Bachmann verzog das Gesicht. Erinnerst du dich, wie er immer Arbeiten gekauft und als eigene abgegeben hat? Niemand hat ihn erwischt. Oder wollte ihn nicht erwischen. Und du bist ständig hinter ihm hergelaufen. Warum? Was ist an ihm so besonders?

Vater schaute mich prüfend an. Ich zuckte die Schulter.

Wie sollte ich ihm erklären, dass Jonas mein völliges Gegenteil war? Das würde er nicht verstehen und hinter allem wieder geheimnisvolle Gründe sehen

Jonas kann leben er hat immer gute Laune, ist ein Kumpeltyp, kann Witze reißen, man lacht mit ihm. Ich dagegen bin ein Pedant, langweilig, häufig traurig. Jonas sieht alles locker, Schwierigkeiten nimmt er nicht ernst. Ich dagegen stresse mich, mache mir ewig Gedanken, zweifele.

Genau! Das ist das Wort, das mich mit Vater verbindet und von Jonas trennt: der Zweifel. Vater hat mir das beigebracht.

Hast du deine Hausaufgaben gemacht? Sicher? Prüfe das nochmal vor dem Schlafen, bestimmt hast du etwas übersehen. War eine Klassenarbeit? Findest du, sie ist gut ausgefallen? Überlege nochmal, vielleicht war da doch ein Fehler! Bist du nicht zu Hause? Und das Licht? Immer vergisst du das Licht im Bad auszumachen…

Und das hörte nie auf. Vater schien immer an mir zu zweifeln und zog mich so tief in den Strudel hinein, dass auch ich nicht mehr an mich glaubte.

In der Oberstufe, als alles davon abhing, ob ich endlich das Abitur mit Auszeichnung schaffen würde, trieb Vater mich beinahe zum Wahnsinn. Keiner verstand, dass dieser Hautausschlag, den ich plötzlich bekam, keine Allergie, sondern Nervensache war.

Beim Frühstück hämmerte mir Vater jeden Morgen ein: Es hängt vieles von dir, deinen Entscheidungen ab Dein Leben und auch die Ehre unserer Familie alles liegt in deinen Händen. Das Gold zu verlieren heißt, sich zertreten zu lassen! Er predigte beim Rührei, beim Tee, selbst bis er die Zitronenscheibe schmatzend auslutschte, wovon ich jedesmal das Gesicht verzog.

Und immer, schon im Flur, bevor ich zur Schule ging, kam der Nachschlag: Jeder Fehler, Max, macht dich zum Gespött der anderen. Ein Fehler wirft dich sofort nach unten. Das darfst du nie zulassen!

Meist schwieg ich nur. Was solls Abitur, Fehler, diese verdammte Auszeichnung… Soll doch alles dahin sein! Bei Jonas gibts am Wochenende eine Party, viel wichtiger! Aber Papa würde kaum erlauben, dass ich hingehe. Er braucht eh meist Hilfe beim Sichten von Unterlagen …

Zur Schule kam ich meist ohnehin schon gereizt, verkrampft, vergaß zu lächeln. Abends, nach der Klassenarbeit, schickte Vater Mutter raus zum Wäschebügeln und zwang mich, mich an den Tisch zu setzen, alles nochmal durchzurechnen.

Da bekam ich Panik: vielleicht habe ich irgendwo ein Komma vergessen, ein Zeichen übersehen, nicht ordentlich geschrieben Mathelehrer stehen da drauf…

Und, meinst du, es ist perfekt? Wenn ja, ab ins Bett. Wenn nicht, dann wird das mit dem Schlafen auch nichts, junger Mann, triumphierte Vater über meine Angst.

Jonas hätte so jemanden schon längst nach draußen geschickt, aber ich nicht. Respekt, Scham, Papas Erwartungen das alles lähmte mich.

Ich war ständig nicht gut genug. Ja, aber nein; okay, aber hätte besser sein können; bemüht, aber nur mittelprächtig…

Erst fing es an zu jucken an den Füßen, ich kratzte mich sogar blutig, ging nicht mehr ins Schwimmbad. Dann wanderte der Ausschlag an die Hände, und man konnte ihn nicht mehr verstecken.

Der Hautarzt verschrieb Allergiemittel. Die halfen natürlich nicht. Jonas überredete mich, in den Osterferien für eine Woche mit in die Jugendherberge im Schwarzwald zu fahren.

Na klar!, nickte Vater nur spöttisch. Fahr ruhig. Als ob du keine Prüfungen vorzubereiten hättest. Aber glaub ja nicht, dass ich mich dafür einsetze.

Ich dachte gar nicht an die Prüfungen. Wenigstens eine Woche konnte ich mir leisten, nicht an alles zu denken.

Jonas klimperte auf seiner Gitarre, sang leise alte deutsche Lieder. Um uns andere, Mädels, richtige Jugend; ich versuchte zaghaft mitzusingen. Und die Allergie auf meinen Vater verschwand einfach so.

Aber Ferien sind nicht von Dauer. Wieder Zuhause, lernte ich verbissen fürs Abi, dann für die Aufnahme an der TU München.

Als ich nach der Prüfung nach Hause kam, rief Vater extra aus dem Büro an.

Bist du sicher? Alles geschafft? Wirklich? Nein?! Die Kommission? Max, das ist eine Katastrophe! Das ist das totale Aus!, rief er und legte auf.

Für Vater gab es immer nur Erfolg oder eben Totalausfall.

Doch ich gestand nicht, dass Jonas für mich zur Prüfung gegangen war. Ich hatte Panik bekommen, voll die Blockade, und Jonas, der allgegenwärtige Kumpel, gab mir den Tipp, einfach in einer anderen Fachhochschule, mit weniger Konkurrenz, anzutreten.

Und das Passbild?!, protestierte ich. Das steckt doch in der Bewerbung!

Wer schaut denn schon auf diese kleinen grauen Böhnchen-Gesichter? Drück dich nicht, alles easy, winkte Jonas ab.

Seine gesamte Welt war easy. Hat er mal keine Ahnung, kein Plan, Schwamm drüber er konnte jeden Professor in Grund und Boden plappern.

Die Prüfungskommission, die mich oder besser Jonas aufnahm, merkte sich nur einen: offen, charmant, bisschen aufgesetzt, schon, aber originell, wie einer, der mit Wissen jongliert.

Solche Leute braucht die Forschung!, bilanzierte der stellvertretende Dekan, der, wie er zugab, gern bei den Aufnahmetests die Rohdiamanten sichtete.

Also wurde ich zugelassen. Hinterher wunderten sich die Dozenten, wieso ich plötzlich so verändert wirkte:

Ihnen ist sicher in den Sommerferien etwas Schlimmes widerfahren, oder, Herr Bachmann? fragte einer Anteil nehmend.

Ich nickte nur. Ja, ist es, ich zweifle so sehr, dass ich kaum noch leben kann …

Jonas dagegen feierte, brannte nachts Lagerfeuer, das Zimmer duftete nach Damenparfüm, trug Drei-Tage-Bart, weil nach dem Ernteeinsatz in Bayern keine Kraft mehr für die Rasur blieb, trug Schlaghosen, und las Krimis unter dem Kopfkissen. Ein Leben wie aus dem Katalog! Das konnte ich mir nicht mal vorstellen.

Gerade an der Uni lernte ich die Frau kennen, deren Brief jetzt auf meinem Tisch liegt.

Frau Dr. Ilse Steinbach, vom Ministerium, wurde sie uns vorgestellt. Die Uni stand unter Begutachtung alle sollten sich Mühe geben.

Sie, Ilse, war kaum älter als mein Vater. Saß regelmäßig in unseren Vorlesungen, kontrollierte Arbeiten, seziert wie ein Regenwurm jedes Detail, schnüffelte nach Fehlern und Schwächen.

An mir hatte sie besonderen Narren gefressen.

Sind Sie sicher, alles richtig? Das ging aber flott!, tadelte sie, wenn ich als ehemaliger Einser-Abiturient zu früh abgab. Sehen Sie nochmal nach zu viel Selbstsicherheit ist gefährlich.

Also prüfte ich wieder und wieder, während sie mit freundlichem Lächeln zusah.

Sind Sie mit Herrn Dr. Friedrich Bachmann verwandt?, fragte sie eines Tages schnurstracks in der Mensa, wo sie vor sich einen Teller Linsensuppe, zwei Scheiben Roggenbrot, einen vollen Teller Braten und ein Glas Saft tranchierte. Eine richtige Portion. Ich sollte Servietten holen, weil die Suppe überlief.

Und, ist er Ihr Vater?, hakte sie nach und griff nach den Servietten.

Ja, das ist mein Vater.

Aha, der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Sie wissen, ihr Vater war immer schon etwas zerstreut, erstaunlich, dass er dennoch so weit gekommen ist.

Kannten Sie sich? fragte ich vorsichtig.

Natürlich. Wir sind in derselben Siedlung aufgewachsen. Unsere Eltern waren befreundet… Lassen wir das. Sagen Sie Ihrem Vater einen Gruß von mir. Ihrer Mutter aber besser nicht. Sie lachte und stürzte sich auf den Braten: Sie gehen? Dann überarbeiten Sie noch mal Ihre Skizzen. Da ist was zu korrigieren!

So prüfte ich immer und immer wieder, bis ich am Ende vor lauter Korrekturen nicht mehr wusste, was ich eigentlich wollte. Wie viel von allem Papier und Arbeit ist so im Müll gelandet, weil jemand wie Ilse im Kopf flüsterte, dass noch was fehlt

…Mir reichts!, platzte ich eines Tages heraus.

Was denn, Max?, fragte meine Mutter, die ruhige Elisabeth Bachmann. Sie lebte, seit ich aus der Schule kam, ganz in ihrer eigenen Welt, frei von allen Zweifeln, rundum abgeschirmt wie unter einer Glasglocke. Vater hatte sie zwar kurzzeitig mit seinem ewigen Zweifel angesteckt, aber sie schüttelte das rasch ab. Ob Tür offen, Bügeleisen aus, alles egal wenn was ist, Vati kontrolliert sowieso alles hundertfach. Ihre Freundinnen, Arbeit, Familie alle unter der Glocke, nur wir beide, Vater und ich, liefen draußen rum. Ab und zu tauchte ich in ihren Kosmos, doch nie lang von dort zog Vater mich immer wieder raus.

Ich hab genug von all dem! Jeder sagt mir, was zu korrigieren ist! Diese Ilse nervt mich langsam. Immer meint sie, was anmerken zu müssen.

Ilse?, horchte meine Mutter auf.

Ja, die Steinbach. Aus dem Ministerium. Sie kennt Papa.

Elisabeth runzelte die Stirn. Schon wieder musste sie ihren Schutz heben und sich auf die Themen der realen Welt einlassen. Aber auch ich hatte ein Recht zu wissen.

Weißt du, die Ilse und dein Vater, die kannten sich seit Kindertagen. In derselben Siedlung, gleiche Schule, ihre Eltern waren kaum zu Hause, sie war oft bei den Bachmanns, war wie adoptiert… Tante Marta, meine Schwiegermutter, hat sie fast als Tochter behandelt.

Die Nachbarfamilie Steinbach war schwierig, ständig Streit, Ilse war oft allein. Tante Marta half, flechtete ihr die Zöpfe, brachte sie zum Kindergarten, meldete sie später in der Grundschule an mit Friedrich zusammen. Ilse wollte als Kind dazugehören, litt aber darunter, dass ihr die Aufmerksamkeit fehlte. Ihr blieben später auch immer diese kleinen Häme und Sticheleien. So einer wie du taugt nicht, Friedrich. Du wirst nie an die Uni gehen, bekommst keinen Titel.

Vielleicht verliebte sich Friedrich damals sogar in Ilse, aber sie trieb ihm den Selbstzweifel immer tiefer ein. Diese Unsicherheit die kam von ihr. Damals schon nagte sie an seinem Selbstwert.

Als ich einmal das Wesen meines Mannes in unserer Ehe verstand, wurde mir diese permanente Unsicherheit schon fast komisch. Wie ein zerbrechlicher Philosoph, kein Schritt ohne Überlegung. Aber im Alltag ist das anstrengend. Er kontrolliert alles, wie unter Ilses Blicken stehend…

Und nun sitzt sie da, die Ach-so-Kontrollierte. Aber du, Max, lass dich nicht herunterziehen, sie ist uns gar nichts. Hörst du mich? Und Vater soll davon nichts erfahren. Sonst gibts nur wieder Unruhe …

Ein Monat später stand Ilse plötzlich vor unserer Tür, angeblich wegen dienstlicher Dinge von Vater. Niemand verstand, was sie damit zu tun hatte, aber sie drohte: Friedrich werde wegen Korruption angeklagt, aber ihr Mann könne das regeln. Vorausgesetzt, Friedrich zeige sich erkenntlich.

Das ist nicht Ihr Bier, führen Sie mich zu ihm, bestimmte Ilse arrogant, während meine Mutter sie kühl musterte.

Also das ist sie, die große Inspektorin, murmelte Mutter genervt.

Ich lasse mich hier nicht beleidigen! Ihr Mann steht mit einem Bein vor Gericht, und Ihr Sohn sein Schicksal ist auch bald entschieden. Solche Menschen braucht die Wissenschaft nicht!

Raus jetzt! Genug, Klagemauer!, rief Elisabeth, wie sie immer nervige Bettler rauswarf.

Sie schob Ilse hinaus und schloss die Tür. Ich sah, wie Mutter zitterte so lange hatte sie ihre Ruhe unterm Glas versteckt. Jetzt musste sie wieder hinausblicken …

Sag deinem Vater nichts, Max. Sonst hast du noch mehr Theater! Ich brauche jetzt ein Glas Wasser …

Vater kam spät. Setzte sich gleich ins Arbeitszimmer und schloss ab. Mutter klopfte: Komm, Friedrich! Zum Essen! Keine Antwort. Nicht einmal nach meinem Tag fragte er. Du isst doch hoffentlich, sonst wärmt sich das hier keiner hundertmal auf!, rief Mutter zornig.

Matthias öffnete plötzlich die Tür, sah Mutter völlig fremd an: Ich will meine Ruhe! Essen Sie doch alleine! Wie konntest du das nur tun, Elisabeth? Jetzt ist meine Karriere endgültig vorbei! Sie hat bereits bei ihrem Mann gepetzt…

Oje, stöhnte Mutter, sie macht überall Ärger. Verstehst du nicht, dass sie wie eine Klette an uns hängt? Du bist alles andere als schwach! Lass sie doch reden, was macht ihr Gerede schon? Du hast mich, und du hast Max!

Was hast du aus mir und Max gemacht?, fragte Vater leise und schloss sich ein.

An diesem Abend kam Jonas zu Besuch. Er schaute zwischen uns hin und her.

Was geht bei euch denn ab? Kommst du mit zu Lena, die ist heute auch da!

Ich kann nicht. Vater wird abgesetzt, Betrugsvorwurf … schüttele ich den Kopf.

Du musst kämpfen! Finde raus, wer die Anzeige geschrieben hat, schlug Jonas vor. Da kam Vater aus dem Zimmer gestürmt, griff sich an den Hals seines Hemdes: Raus! Angeber, Dampfplauderer, ich kläre das selbst! Und wag es nicht mehr, hier aufzutauchen! Max, lass dich von solchen Typen nicht beeinflussen!

Jonas grinste, hob die Schultern und verschwand. Meld dich mal!, rief er noch im Fahrstuhl.

Er meldete sich drei Jahre lang nicht vielleicht ein kurzes Nicken auf der Straße, aber das wars.

Die Sache mit der Bestechung verlief im Sande, Vater musste dennoch seinen Posten räumen. Er schweigt, leidet, gibt Mutter die Schuld sie hätte Ilse anders behandeln sollen

Sein Herz spielte nicht mehr mit; zweimal rief Mutter den Notarzt, aber er verweigerte die Klinikaufnahme. Also saß Vater zu Hause, ausgemergelt, schwach. Ilse hatte ihn zerstört.

Ich musste mir alles genau ansehen nicht nur im Regen, auch am Arm meines Vaters diese Adern. Zur Kur ließ er sich fahren, widerwillig. Gestern kam jemand nach Hause, brachte einen Brief für ihn vorbei.

Das ist dringend, sagte der Mann und ging.

Als ich das Kuvert auf dem Tisch sehe, weiß ich: Es ist von Ilse. Wieder wird sie ihn quälen …

Dort in der Kur wirkt es, als hätte jemand einen Verband ums Herz gelegt. Alles ruhig. Doch kaum rührt sie sich, sprudelt das Blut wieder …

Vielleicht wäre alles anders, hätte Mutter sie damals nicht rausgeworfen. Soll ich ihm den Brief übergeben? Oder ist es Zeit, den Verband zu lösen? Alte Wunden heilen, zurück bleibt nur der Schmerz.

Ich entscheide mich. Zum ersten Mal ganz allein.

Am nächsten Tag bringe ich Vater den Brief.

Er nimmt das eng beschriebene Papier, setzt sich hinaus in die Sonne und liest.

Ich warte, will nicht stören.

Ich muss in die Stadt! Bist du mit dem Auto da?, sagt Vater plötzlich.

Ich nicke.

Das klär ich besser selbst du würdest das vergeigen. Warte am Tor!, und schon stapft er los.

Ich beobachte ihn. Nach einer Ewigkeit kehrt er zurück, das Gesicht ernst.

Und? War sie dort?

Er nickt. Vierte Stufe. Die Ärzte geben ihr kaum Zeit. Arme Frau …, flüstert er.

Er hat ihr verziehen. Sie bat ihn um Verzeihung, er hat genickt.

Sie gestand, dass sie die Anzeige schrieb. Er schwieg. Dann strich er ihr übers kahl rasierte Haupt. Sie hatte ihn immer brechen wollen, jetzt war sie selbst gebrochen. Reparieren lässt sich das nicht mehr …

Lass uns nach Hause fahren. Ist Mama da? Ich vermisse sie, sagt Vater nach einer Weile sanft. Ich stimme zu.

Und, wie läufts mit der Dissertation? Ich kann gerne helfen, du bringst das sonst durcheinander!, sagt er versöhnlich.

Kein Regen mehr, keine Blitze, keine Verbände, kein Schmerz, keine Stimmen. Nur noch Leben. Für Vater beginnt es ruhiger zu werden Ilse ist Vergangenheit, er muss niemandem mehr beweisen, dass er sein Leben verdient hat. Hauptsache, er macht mich nicht zum neuen Ilse für eine nächste Generation.

Ich selbst frage mich: Wie kann man jemandem vergeben, der einen so behandelt? Vater sagt nur:

Sie wusste einfach nicht, wie man liebt. Sie hat Aufmerksamkeit gebraucht. Arme Seele … Er zuckt die Achseln. Vielleicht war das ihre Art, Liebe zu zeigen.

Was jetzt?, frage ich leise.

Jetzt will ich Mama sehen. Lass uns Blumen kaufen! Und sag mal, hast du eine Freundin? Wie läuft es bei dir, Max?

Glaubst du wirklich, ich mache die gleichen Fehler?

Du wirst es besser machen! Ich hab dich lieb, Junge. Ich bin stolz auf dich.

Vater verstummt. Heute, angesichts des Todes, will er nur eins: leben, und zwar zusammen mit uns. Zeit, wirklich zu leben.

Mein ganz persönlicher Nachtrag heute im Tagebuch: Es gibt Wunden, die nie heilen aber auch keinen Sinn, sein Leben von ihnen bestimmen zu lassen. Das Loslassen war mein größter Schritt und vielleicht mein erster, ganz eigener.

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Homy
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Der Brief
Die Überflüssige Im alten Fachwerkhaus saß Klara am Fenster, blickte nachdenklich auf die Straße hinaus. Ihr ging es nicht gut, zu oft schlief sie angezogen ein, aus Angst, am Morgen nicht mehr aufzuwachen. Obwohl sie noch nicht alt war, fragt das die Krankheit nicht. Ihre Gesundheit hatte sie eingebüßt, seit sie ihren Mann zu Grabe getragen und mit zwei Söhnen zurückgeblieben war. Damals schien sie sich noch zu fangen, arbeitete, aber mit den Jahren fühlte sie sich immer schlechter. Zwei Brüder – der ältere Sebastian und der jüngere Tim, waren grundverschieden. Sebastian war stets ernsthaft, zurückhaltend und von warmherziger Güte. Je älter er wurde, desto mehr liebte er Bücher, war ein guter Schüler und half der Mutter, wo er nur konnte. Tim, den alle Timo nannten, war von klein auf ein Wirbelwind, immer voller Unsinn im Kopf. Wo immer im Dorf etwas los war, war Timo mittendrin – kletterte in fremde Gärten, band irgendwo eine Ziege los, trampelte mit den Jungs die Blumenbeete platt. Klara liebte beide Jungs auf ihre Weise, auch wenn sie wusste, wie unterschiedlich sie waren. Timo schimpfte sie öfter: „Sieh dir doch mal Sebastian an – die Lehrer sagen nur Gutes über ihn! Bei dir schäme ich mich, möchte am liebsten im Boden versinken. Noch nie habe ich ein Lob für dich gehört.“ Timo winkte nur ab und verschwand aus dem Haus. Nach dem Schulabschluss ging Sebastian zum Studium in die Stadt. Er wurde Ingenieur, kam zu Besuch nach Hause und zeigte stolz sein Diplom. Die Mutter freute sich. „Mama, ich will heiraten, meine Marie und ich haben uns schon angemeldet, sie konnte aber diesmal nicht mitkommen. Ihr Vater ist schwer krank, sie ist abwechselnd mit ihrer Mutter bei ihm im Krankenhaus“, berichtete Sebastian beim Holzhacken im Hof, während seine Mutter die Scheite in den Schuppen tragen wollte, was er ihr aber nicht erlaubte. „Mama, ich bin ein kräftiger Kerl, du brauchst das Holz nicht zu schleppen. Ruhe dich aus, ich mache das!“ „Na gut, mein Sohn… Ich freue mich, dass du heiratest, ich möchte deine Braut unbedingt kennenlernen.“ „Zur Hochzeit kommst du, dann lernst du sie kennen. Nächsten Monat ist es so weit.“ Timo kam von der Arbeit und staunte: „Alle Achtung, alles Holz gespalten und eingeräumt! Das lag hier schon ewig, hab’s nie geschafft.“ Er hatte die Schule nicht ordentlich beendet, verzichtete aufs Lernen, blieb im Dorf und arbeitete als Landmaschinenmechaniker. Wie immer sorglos, willenlos, unzuverlässig. Klara trieb ihn an, das Haus instand zu halten – alleine machte er nichts ernsthaft. Der Vater hatte zwei Häuser hinterlassen. Eines stand abseits, alt, mit knarrender Veranda, schiefen Türen und dunklen Zimmern. Seit Jahren wohnte dort niemand, nur die Katzen gingen hinein. Daneben ein ordentliches Haus, in dem sie alle lebten. Jetzt waren nur noch Klara und Timo da. Zur Hochzeit von Sebastian fuhren Klara und Timo in die Stadt. Marie gefiel Klara sehr, ein freundliches, hilfsbereites Mädchen. Glücklich kehrte Klara nach Hause zurück, gab Auskunft an die neugierigen Nachbarn. „Marie ist ein Glücksgriff für meinen Basti: schön, zart, klug, und vor allem herzensgut. Die beiden sind auf Urlaub versprochen“, erzählte sie glücklich. Eines Tages kam Timo nach Hause und kündigte an: „Na Mutter, ich heirate jetzt auch!“ Klara konnte es kaum glauben, denn ihr leichtlebiger Sohn hatte nie Anstalten gemacht, sesshaft zu werden. „Gott sei Dank, mein Junge – heirate ruhig! Dann habe ich jemanden im Haus, mir geht’s ja nicht gut, bin frühberentet. Aber wen willst du denn heiraten? Kenne ich sie?“ „Nein, sie kommt aus dem Nachbardorf – Larissa. Die ist quirlig und frech, aber genau das brauche ich…“, lachte Timo. Im Dorf rätselten alle, wie Larissa es geschafft hatte, Timo zu kriegen – und er wusste es selbst nicht. Sie heirateten, Sebastian konnte nicht kommen, da Marie kurz vor der Geburt der Zwillinge stand. „Herzlichen Glückwunsch, Bruder! Werde glücklich! Geld schicke ich, komme später, grüsse Mama!“, rief Sebastian am Telefon. Nach der Hochzeit sah sich Larissa rasch als die neue Herrin im Haus. Die Schwiegermutter war krank, der Mann willensschwach – was sie sagte, wurde gemacht. Sie stammte aus einem Dorf, in dem sie keiner heiraten wollte, zu aufmüpfig war sie. Mit Klara verstand sie sich nie recht. Anfangs klappte alles noch recht gut – sie standen früh auf, molken die Kuh, fütterten das Vieh, Wasser trug Timo. Larissa wusste sich zu helfen, nichts zu beanstanden. Aber je länger sie mit Klara unter einem Dach lebten, desto missmutiger wurde sie. „Timo, schau deine Mutter an, schon wieder hat sie Milch auf den Boden geschüttet und ich darf es aufwischen. Ich bin doch nicht ihr Putzmädchen! Beim Essen krümelt sie alles voll, der Tee steht auf dem Tisch, Zucker verstreut, alles mit ihren zitternden Händen. Hat nicht mal den Suppentopf zugemacht – gleich kommen Fliegen. Unmöglich! Die soll besser gar nicht mehr in die Küche kommen.“ Timo versuchte zu erklären, dass seine Mutter krank und vergesslich ist, aber Larissa blieb beharrlich. „Ich sage ja nicht, dass sie auf die Straße soll – wir haben doch das alte Haus, da kann sie wohnen. Dach ist dicht, wir helfen beim Essen, du machst die Heizung fit.“ Timo seufzte. Das Haus war klamm, alt, die Dielen morsch. „Im Winter ist es kalt“, versuchte er. „Dann heiz richtig ein und mach ein bisschen Renovierung. Es ist doch keine Bruchbude – und hier sind zwei Herrinnen einfach zu viel“, entgegnete sie forsch. Klara merkte, dass die Schwiegertochter etwas plante, ahnte aber nicht was. Sie sah aus dem Fenster, wie Timo mit Werkzeug zum alten Haus ging. Zwei Wochen später war alles fertig – wenn auch ungemütlich und feucht. „Mama, wir müssen reden. Pack deine Sachen und zieh ins andere Haus. Da ist jetzt alles gerichtet. Ich helfe dir beim Umzug, zum Essen komm ich rüber. Es ist doch nur zu deinem Besten.“ Klara sagte nichts, packte schweigend. Timo schleppte alles hinüber: „Leb wohl, Mama. Ich komm morgen vorbei. Wir sind ja auf demselben Hof.“ Timo kam selten. Klara heizte selbst, kochte sich was. Manchmal brachte Timo Kartoffeln, Milch, Brot, Zucker. Im Dorf ließ sie sich kaum blicken – sie wollte nicht angesprochen werden, blieb lieber allein. Sie saß oft am Fenster, trat abends in den Hof, horchte auf jeden Schritt. Der Herbst kam, ihre Gesundheit wurde schlechter, das Herz schwächer, die Hände zitterten. Immer öfter vergaß sie, die Tür zu schließen, Holz nachzulegen, konnte sich nicht erinnern, warum sie in den Hof gegangen war. „Wie konnte es so weit kommen?“, dachte sie. „Hat mein Sohn mich aus dem warmen Haus geworfen, habe ich vielleicht einen Fehler gemacht? Mit Larissa habe ich mich nie gestritten…“ Immer öfter dachte sie an Sebastian – bestimmt hat Marie die Zwillinge bekommen. Aber seit Wochen hatte er nicht mehr angerufen – früher hatte sie noch mit ihm sprechen können, als er den Timo anrief. Sebastian war in der Stadt mit der Familie beschäftigt, fand kaum Zeit, rief aber den Bruder regelmäßig an. „Timo, wie geht’s Mama?“ „Alles bestens, Bruder, sie geht raus, läuft spazieren!“ „Lass mich sie sprechen, ich will ihr von den Zwillingen erzählen!“ „Gerade nicht da, ist draußen“, log Timo. „Ist mit Mama wirklich alles ok? Kauf ihr ein einfaches Handy, ich überweise dir Geld!“ „Wozu, ich habe doch eins – sie ist zufrieden. Uns geht’s gut!“ Timo log, ohne die geringsten Skrupel. Log dem Bruder genauso wie früher der Mutter über die Schule. Und schämte sich noch nicht mal. Aber Sebastian machte sich Sorgen, denn jedes Mal, wenn er mit Klara sprechen wollte, gab es eine neue Ausrede. Larissa aber bestärkte Timo: „Gut gemacht, alles richtig“, und Timo glaubte es irgendwann selbst. Klara saß weiter am Fenster und wartete. Der Sohn kam selten, und wenn, blieb er nur kurz. Sebastian machte sich immer mehr Sorgen. „Sebastian, quäl dich nicht, fahr zu deiner Mutter, dann weißt du es selbst. Um die Kinder kümmere ich mich, die Jungs sind drei Monate alt – das schaffe ich, und Mama hilft auch. Du bist ja nicht lange weg!“, beruhigte Marie ihn. „Ich habe ein ungutes Gefühl, Mama hat mit mir nicht einmal gesprochen. Timo weicht immer aus, mal schläft sie, mal klappt das Telefon nicht…“ Timo rechnete nicht mit dem Bruder. Als Sebastian vorfuhr, stürmte Timo blaß auf die Veranda. „Wo ist Mama?“ – Timo zögerte, die Lippen zuckten. „Da… im anderen Haus…“, murmelte er leise. „Wie bitte? Du hast Mama ins alte Haus abgeschoben? Ich habe dich gebeten, auf sie zu achten – dafür habe ich dir Geld geschickt! Und du hast mich belogen …“ Larissa platzte heraus, die Haare zerzaust, ärgerlich: „Was hast du erwartet? Sie stört nur, diese alte Frau. Schüttet alles um, die Hände zittern, jetzt soll sie in ihrer Hütte sitzen. Ist doch besser für uns alle! Immerhin haben wir sie nicht auf die Straße gesetzt.“ „Halt den Mund!“, fuhr sie Sebastian scharf an. Er trat vor Timo, hob drohend die Hand, der wichen zurück zur Frau. „Du bist nicht mein Bruder – du bist ein Verräter, herzlos!“ Timo stand schweigend, den Blick gesenkt. Sebastian ging zu seiner Mutter ins Haus. Klara hatte ihn durchs Fenster gesehen, fürchtete, er könne Timo schlagen – doch es ging gut aus und sie begrüßte ihren Sohn. „Basti, was machst du denn hier? Bei dir daheim ist doch genug zu tun, die Zwillinge, und jetzt du hier?“, sagte sie, in eine warme Stola gehüllt, im klammen Zimmer. Sebastian umarmte die Mutter. „Vergib mir, Mama. Dass ich nicht aufgepasst habe. Ich habe Timo geglaubt, er sagte, es sei alles in Ordnung. Es tut mir leid.“ „Wie geht es Marie, wie den Enkeln? Wachsen sie?“ „Ja, Mama, es geht ihnen sehr gut. Jetzt hast du zwei Enkel, Michael und Anton. Bald siehst du sie selbst!“ Nach einer Stunde hatte Sebastian alles eingepackt und brachte seine Mutter in die Stadt. Mit Timo sprach Klara kein Wort mehr – er und seine Frau verabschiedeten sie nicht mal. Nun hilft Klara, auf die Zwillinge aufzupassen, ihr Bett steht im Kinderzimmer. Die Jungen erinnern sie an Basti als Kind. Alles ist gut. Klara lebt voller Liebe und Zuwendung, aber Ruhe findet ihre Seele nicht: Noch immer hofft sie, der jüngere Sohn kommt und bittet um Verzeihung. Aber sie hofft vergeblich. Er wird nicht kommen. 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