Brief vom Regen
Ich stehe nun schon eine ganze Stunde am Fenster. Einfach dort, blicke hinaus auf die Straße. Im Dunkel bewegen sich schwach umrissene Bäume im Wind, ihre Schatten verwaschen, tanzen und verblassen im Schleier des Regens. Tropfen hüpfen wie kleine Bälle durch die Pfützen und drücken das feuchte Laub fest auf den Asphalt. Rinnsale ziehen Linien am Fenster entlang und laufen nach unten.
Wie Blut in den Adern, murmele ich leise, grinse dabei. Oder wie Milch aus einer undichten Tüte. Es fließt immerfort, unaufhaltsam. Klar, man kann einen Druckverband anlegen, so wie man es gelernt hat, sauber und sicher aber das hält nur kurz, dann geht alles weiter wie zuvor. Blut und Milch, sie werden wieder fließen, oder, wenn der Druckverband zu lange bleibt, stirbt das Gewebe ab. Nekrose nennt das der Arzt. Dann muss amputiert werden, ganz konsequent ein ganzer Körperteil oder ein Organ fehlt dann. Das Leben geht weiter, aber als Krüppel ist das noch Leben? Oder eher ein bedauerndes Dahinvegetieren für einen selbst oder für die, die es nicht geschafft haben, rechtzeitig zu helfen? Wenn man die Flüssigkeit einfach weiterlaufen lässt, mit einem Pflaster drauf: genau dasselbe. Vielleicht läuft alles heraus, bleibt nichts mehr übrig. Das ist noch schlimmer. Und am Ende, egal was man tut, trägt man immer die Schuld daran, dass man jemanden zum Ende begleitet hat…
Ein greller Blitz lässt mich zusammenzucken. Die Adern des Himmels, blassblau und dünn, durchzucken das Gewölk, dann verschwindet der Blitz, als hätte er Angst vor der Nadel im Arm, zurück in die Tiefe des Himmelskörpers, um sich selbst zu schützen.
Ein Windstoß reißt das nur leicht gekippte Fenster auf, fegt durchs Zimmer, wirbelt die Blätter durcheinander, bläst meine Zettel mit Notizen und Ausarbeitungen von meinem Schreibtisch. Ich hörte damals auf meinen Vater, mach endlich was aus deinem Leben, also habe ich mich an den Schreibtisch gesetzt und gearbeitet. Langweilig war das schon, aber vielleicht hatte Vati ja recht, und die verbrachte Zeit zahlt sich noch aus.
…Ich versteh dich nicht, Max!, wetterte mein Vater, Herr Doktor Friedrich Bachmann, während ich gelangweilt einen echten, frischen Zitronensprudel aus dem Glas kostete, ein paar Eiswürfel klimperten dabei, und mir die Augen genussvoll zusammenkniff. Du hast so viel Wissen angehäuft, so viele Möglichkeiten. Was hält dich ab? Soll dein Freund das alles nutzen, dieser… Er schnippte mit den Fingern, wollte so tun, als fiele ihm der Name nicht ein.
Er heißt Jonas, Papa, half ich nach.
Ja. Dieser Jonas, der Gauner! Max, der wartet nicht ab. Weißt du, warum? Weil er Geld liebt! Die Wissenschaft interessiert ihn doch überhaupt nicht, er macht alles nur fürs Konto. Wie ein Mädchen! Friedrich Bachmann verzog das Gesicht. Erinnerst du dich, wie er immer Arbeiten gekauft und als eigene abgegeben hat? Niemand hat ihn erwischt. Oder wollte ihn nicht erwischen. Und du bist ständig hinter ihm hergelaufen. Warum? Was ist an ihm so besonders?
Vater schaute mich prüfend an. Ich zuckte die Schulter.
Wie sollte ich ihm erklären, dass Jonas mein völliges Gegenteil war? Das würde er nicht verstehen und hinter allem wieder geheimnisvolle Gründe sehen
Jonas kann leben er hat immer gute Laune, ist ein Kumpeltyp, kann Witze reißen, man lacht mit ihm. Ich dagegen bin ein Pedant, langweilig, häufig traurig. Jonas sieht alles locker, Schwierigkeiten nimmt er nicht ernst. Ich dagegen stresse mich, mache mir ewig Gedanken, zweifele.
Genau! Das ist das Wort, das mich mit Vater verbindet und von Jonas trennt: der Zweifel. Vater hat mir das beigebracht.
Hast du deine Hausaufgaben gemacht? Sicher? Prüfe das nochmal vor dem Schlafen, bestimmt hast du etwas übersehen. War eine Klassenarbeit? Findest du, sie ist gut ausgefallen? Überlege nochmal, vielleicht war da doch ein Fehler! Bist du nicht zu Hause? Und das Licht? Immer vergisst du das Licht im Bad auszumachen…
Und das hörte nie auf. Vater schien immer an mir zu zweifeln und zog mich so tief in den Strudel hinein, dass auch ich nicht mehr an mich glaubte.
In der Oberstufe, als alles davon abhing, ob ich endlich das Abitur mit Auszeichnung schaffen würde, trieb Vater mich beinahe zum Wahnsinn. Keiner verstand, dass dieser Hautausschlag, den ich plötzlich bekam, keine Allergie, sondern Nervensache war.
Beim Frühstück hämmerte mir Vater jeden Morgen ein: Es hängt vieles von dir, deinen Entscheidungen ab Dein Leben und auch die Ehre unserer Familie alles liegt in deinen Händen. Das Gold zu verlieren heißt, sich zertreten zu lassen! Er predigte beim Rührei, beim Tee, selbst bis er die Zitronenscheibe schmatzend auslutschte, wovon ich jedesmal das Gesicht verzog.
Und immer, schon im Flur, bevor ich zur Schule ging, kam der Nachschlag: Jeder Fehler, Max, macht dich zum Gespött der anderen. Ein Fehler wirft dich sofort nach unten. Das darfst du nie zulassen!
Meist schwieg ich nur. Was solls Abitur, Fehler, diese verdammte Auszeichnung… Soll doch alles dahin sein! Bei Jonas gibts am Wochenende eine Party, viel wichtiger! Aber Papa würde kaum erlauben, dass ich hingehe. Er braucht eh meist Hilfe beim Sichten von Unterlagen …
Zur Schule kam ich meist ohnehin schon gereizt, verkrampft, vergaß zu lächeln. Abends, nach der Klassenarbeit, schickte Vater Mutter raus zum Wäschebügeln und zwang mich, mich an den Tisch zu setzen, alles nochmal durchzurechnen.
Da bekam ich Panik: vielleicht habe ich irgendwo ein Komma vergessen, ein Zeichen übersehen, nicht ordentlich geschrieben Mathelehrer stehen da drauf…
Und, meinst du, es ist perfekt? Wenn ja, ab ins Bett. Wenn nicht, dann wird das mit dem Schlafen auch nichts, junger Mann, triumphierte Vater über meine Angst.
Jonas hätte so jemanden schon längst nach draußen geschickt, aber ich nicht. Respekt, Scham, Papas Erwartungen das alles lähmte mich.
Ich war ständig nicht gut genug. Ja, aber nein; okay, aber hätte besser sein können; bemüht, aber nur mittelprächtig…
Erst fing es an zu jucken an den Füßen, ich kratzte mich sogar blutig, ging nicht mehr ins Schwimmbad. Dann wanderte der Ausschlag an die Hände, und man konnte ihn nicht mehr verstecken.
Der Hautarzt verschrieb Allergiemittel. Die halfen natürlich nicht. Jonas überredete mich, in den Osterferien für eine Woche mit in die Jugendherberge im Schwarzwald zu fahren.
Na klar!, nickte Vater nur spöttisch. Fahr ruhig. Als ob du keine Prüfungen vorzubereiten hättest. Aber glaub ja nicht, dass ich mich dafür einsetze.
Ich dachte gar nicht an die Prüfungen. Wenigstens eine Woche konnte ich mir leisten, nicht an alles zu denken.
Jonas klimperte auf seiner Gitarre, sang leise alte deutsche Lieder. Um uns andere, Mädels, richtige Jugend; ich versuchte zaghaft mitzusingen. Und die Allergie auf meinen Vater verschwand einfach so.
Aber Ferien sind nicht von Dauer. Wieder Zuhause, lernte ich verbissen fürs Abi, dann für die Aufnahme an der TU München.
Als ich nach der Prüfung nach Hause kam, rief Vater extra aus dem Büro an.
Bist du sicher? Alles geschafft? Wirklich? Nein?! Die Kommission? Max, das ist eine Katastrophe! Das ist das totale Aus!, rief er und legte auf.
Für Vater gab es immer nur Erfolg oder eben Totalausfall.
Doch ich gestand nicht, dass Jonas für mich zur Prüfung gegangen war. Ich hatte Panik bekommen, voll die Blockade, und Jonas, der allgegenwärtige Kumpel, gab mir den Tipp, einfach in einer anderen Fachhochschule, mit weniger Konkurrenz, anzutreten.
Und das Passbild?!, protestierte ich. Das steckt doch in der Bewerbung!
Wer schaut denn schon auf diese kleinen grauen Böhnchen-Gesichter? Drück dich nicht, alles easy, winkte Jonas ab.
Seine gesamte Welt war easy. Hat er mal keine Ahnung, kein Plan, Schwamm drüber er konnte jeden Professor in Grund und Boden plappern.
Die Prüfungskommission, die mich oder besser Jonas aufnahm, merkte sich nur einen: offen, charmant, bisschen aufgesetzt, schon, aber originell, wie einer, der mit Wissen jongliert.
Solche Leute braucht die Forschung!, bilanzierte der stellvertretende Dekan, der, wie er zugab, gern bei den Aufnahmetests die Rohdiamanten sichtete.
Also wurde ich zugelassen. Hinterher wunderten sich die Dozenten, wieso ich plötzlich so verändert wirkte:
Ihnen ist sicher in den Sommerferien etwas Schlimmes widerfahren, oder, Herr Bachmann? fragte einer Anteil nehmend.
Ich nickte nur. Ja, ist es, ich zweifle so sehr, dass ich kaum noch leben kann …
Jonas dagegen feierte, brannte nachts Lagerfeuer, das Zimmer duftete nach Damenparfüm, trug Drei-Tage-Bart, weil nach dem Ernteeinsatz in Bayern keine Kraft mehr für die Rasur blieb, trug Schlaghosen, und las Krimis unter dem Kopfkissen. Ein Leben wie aus dem Katalog! Das konnte ich mir nicht mal vorstellen.
Gerade an der Uni lernte ich die Frau kennen, deren Brief jetzt auf meinem Tisch liegt.
Frau Dr. Ilse Steinbach, vom Ministerium, wurde sie uns vorgestellt. Die Uni stand unter Begutachtung alle sollten sich Mühe geben.
Sie, Ilse, war kaum älter als mein Vater. Saß regelmäßig in unseren Vorlesungen, kontrollierte Arbeiten, seziert wie ein Regenwurm jedes Detail, schnüffelte nach Fehlern und Schwächen.
An mir hatte sie besonderen Narren gefressen.
Sind Sie sicher, alles richtig? Das ging aber flott!, tadelte sie, wenn ich als ehemaliger Einser-Abiturient zu früh abgab. Sehen Sie nochmal nach zu viel Selbstsicherheit ist gefährlich.
Also prüfte ich wieder und wieder, während sie mit freundlichem Lächeln zusah.
Sind Sie mit Herrn Dr. Friedrich Bachmann verwandt?, fragte sie eines Tages schnurstracks in der Mensa, wo sie vor sich einen Teller Linsensuppe, zwei Scheiben Roggenbrot, einen vollen Teller Braten und ein Glas Saft tranchierte. Eine richtige Portion. Ich sollte Servietten holen, weil die Suppe überlief.
Und, ist er Ihr Vater?, hakte sie nach und griff nach den Servietten.
Ja, das ist mein Vater.
Aha, der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Sie wissen, ihr Vater war immer schon etwas zerstreut, erstaunlich, dass er dennoch so weit gekommen ist.
Kannten Sie sich? fragte ich vorsichtig.
Natürlich. Wir sind in derselben Siedlung aufgewachsen. Unsere Eltern waren befreundet… Lassen wir das. Sagen Sie Ihrem Vater einen Gruß von mir. Ihrer Mutter aber besser nicht. Sie lachte und stürzte sich auf den Braten: Sie gehen? Dann überarbeiten Sie noch mal Ihre Skizzen. Da ist was zu korrigieren!
So prüfte ich immer und immer wieder, bis ich am Ende vor lauter Korrekturen nicht mehr wusste, was ich eigentlich wollte. Wie viel von allem Papier und Arbeit ist so im Müll gelandet, weil jemand wie Ilse im Kopf flüsterte, dass noch was fehlt
…Mir reichts!, platzte ich eines Tages heraus.
Was denn, Max?, fragte meine Mutter, die ruhige Elisabeth Bachmann. Sie lebte, seit ich aus der Schule kam, ganz in ihrer eigenen Welt, frei von allen Zweifeln, rundum abgeschirmt wie unter einer Glasglocke. Vater hatte sie zwar kurzzeitig mit seinem ewigen Zweifel angesteckt, aber sie schüttelte das rasch ab. Ob Tür offen, Bügeleisen aus, alles egal wenn was ist, Vati kontrolliert sowieso alles hundertfach. Ihre Freundinnen, Arbeit, Familie alle unter der Glocke, nur wir beide, Vater und ich, liefen draußen rum. Ab und zu tauchte ich in ihren Kosmos, doch nie lang von dort zog Vater mich immer wieder raus.
Ich hab genug von all dem! Jeder sagt mir, was zu korrigieren ist! Diese Ilse nervt mich langsam. Immer meint sie, was anmerken zu müssen.
Ilse?, horchte meine Mutter auf.
Ja, die Steinbach. Aus dem Ministerium. Sie kennt Papa.
Elisabeth runzelte die Stirn. Schon wieder musste sie ihren Schutz heben und sich auf die Themen der realen Welt einlassen. Aber auch ich hatte ein Recht zu wissen.
Weißt du, die Ilse und dein Vater, die kannten sich seit Kindertagen. In derselben Siedlung, gleiche Schule, ihre Eltern waren kaum zu Hause, sie war oft bei den Bachmanns, war wie adoptiert… Tante Marta, meine Schwiegermutter, hat sie fast als Tochter behandelt.
Die Nachbarfamilie Steinbach war schwierig, ständig Streit, Ilse war oft allein. Tante Marta half, flechtete ihr die Zöpfe, brachte sie zum Kindergarten, meldete sie später in der Grundschule an mit Friedrich zusammen. Ilse wollte als Kind dazugehören, litt aber darunter, dass ihr die Aufmerksamkeit fehlte. Ihr blieben später auch immer diese kleinen Häme und Sticheleien. So einer wie du taugt nicht, Friedrich. Du wirst nie an die Uni gehen, bekommst keinen Titel.
Vielleicht verliebte sich Friedrich damals sogar in Ilse, aber sie trieb ihm den Selbstzweifel immer tiefer ein. Diese Unsicherheit die kam von ihr. Damals schon nagte sie an seinem Selbstwert.
Als ich einmal das Wesen meines Mannes in unserer Ehe verstand, wurde mir diese permanente Unsicherheit schon fast komisch. Wie ein zerbrechlicher Philosoph, kein Schritt ohne Überlegung. Aber im Alltag ist das anstrengend. Er kontrolliert alles, wie unter Ilses Blicken stehend…
Und nun sitzt sie da, die Ach-so-Kontrollierte. Aber du, Max, lass dich nicht herunterziehen, sie ist uns gar nichts. Hörst du mich? Und Vater soll davon nichts erfahren. Sonst gibts nur wieder Unruhe …
Ein Monat später stand Ilse plötzlich vor unserer Tür, angeblich wegen dienstlicher Dinge von Vater. Niemand verstand, was sie damit zu tun hatte, aber sie drohte: Friedrich werde wegen Korruption angeklagt, aber ihr Mann könne das regeln. Vorausgesetzt, Friedrich zeige sich erkenntlich.
Das ist nicht Ihr Bier, führen Sie mich zu ihm, bestimmte Ilse arrogant, während meine Mutter sie kühl musterte.
Also das ist sie, die große Inspektorin, murmelte Mutter genervt.
Ich lasse mich hier nicht beleidigen! Ihr Mann steht mit einem Bein vor Gericht, und Ihr Sohn sein Schicksal ist auch bald entschieden. Solche Menschen braucht die Wissenschaft nicht!
Raus jetzt! Genug, Klagemauer!, rief Elisabeth, wie sie immer nervige Bettler rauswarf.
Sie schob Ilse hinaus und schloss die Tür. Ich sah, wie Mutter zitterte so lange hatte sie ihre Ruhe unterm Glas versteckt. Jetzt musste sie wieder hinausblicken …
Sag deinem Vater nichts, Max. Sonst hast du noch mehr Theater! Ich brauche jetzt ein Glas Wasser …
Vater kam spät. Setzte sich gleich ins Arbeitszimmer und schloss ab. Mutter klopfte: Komm, Friedrich! Zum Essen! Keine Antwort. Nicht einmal nach meinem Tag fragte er. Du isst doch hoffentlich, sonst wärmt sich das hier keiner hundertmal auf!, rief Mutter zornig.
Matthias öffnete plötzlich die Tür, sah Mutter völlig fremd an: Ich will meine Ruhe! Essen Sie doch alleine! Wie konntest du das nur tun, Elisabeth? Jetzt ist meine Karriere endgültig vorbei! Sie hat bereits bei ihrem Mann gepetzt…
Oje, stöhnte Mutter, sie macht überall Ärger. Verstehst du nicht, dass sie wie eine Klette an uns hängt? Du bist alles andere als schwach! Lass sie doch reden, was macht ihr Gerede schon? Du hast mich, und du hast Max!
Was hast du aus mir und Max gemacht?, fragte Vater leise und schloss sich ein.
An diesem Abend kam Jonas zu Besuch. Er schaute zwischen uns hin und her.
Was geht bei euch denn ab? Kommst du mit zu Lena, die ist heute auch da!
Ich kann nicht. Vater wird abgesetzt, Betrugsvorwurf … schüttele ich den Kopf.
Du musst kämpfen! Finde raus, wer die Anzeige geschrieben hat, schlug Jonas vor. Da kam Vater aus dem Zimmer gestürmt, griff sich an den Hals seines Hemdes: Raus! Angeber, Dampfplauderer, ich kläre das selbst! Und wag es nicht mehr, hier aufzutauchen! Max, lass dich von solchen Typen nicht beeinflussen!
Jonas grinste, hob die Schultern und verschwand. Meld dich mal!, rief er noch im Fahrstuhl.
Er meldete sich drei Jahre lang nicht vielleicht ein kurzes Nicken auf der Straße, aber das wars.
Die Sache mit der Bestechung verlief im Sande, Vater musste dennoch seinen Posten räumen. Er schweigt, leidet, gibt Mutter die Schuld sie hätte Ilse anders behandeln sollen
Sein Herz spielte nicht mehr mit; zweimal rief Mutter den Notarzt, aber er verweigerte die Klinikaufnahme. Also saß Vater zu Hause, ausgemergelt, schwach. Ilse hatte ihn zerstört.
Ich musste mir alles genau ansehen nicht nur im Regen, auch am Arm meines Vaters diese Adern. Zur Kur ließ er sich fahren, widerwillig. Gestern kam jemand nach Hause, brachte einen Brief für ihn vorbei.
Das ist dringend, sagte der Mann und ging.
Als ich das Kuvert auf dem Tisch sehe, weiß ich: Es ist von Ilse. Wieder wird sie ihn quälen …
Dort in der Kur wirkt es, als hätte jemand einen Verband ums Herz gelegt. Alles ruhig. Doch kaum rührt sie sich, sprudelt das Blut wieder …
Vielleicht wäre alles anders, hätte Mutter sie damals nicht rausgeworfen. Soll ich ihm den Brief übergeben? Oder ist es Zeit, den Verband zu lösen? Alte Wunden heilen, zurück bleibt nur der Schmerz.
Ich entscheide mich. Zum ersten Mal ganz allein.
Am nächsten Tag bringe ich Vater den Brief.
Er nimmt das eng beschriebene Papier, setzt sich hinaus in die Sonne und liest.
Ich warte, will nicht stören.
Ich muss in die Stadt! Bist du mit dem Auto da?, sagt Vater plötzlich.
Ich nicke.
Das klär ich besser selbst du würdest das vergeigen. Warte am Tor!, und schon stapft er los.
Ich beobachte ihn. Nach einer Ewigkeit kehrt er zurück, das Gesicht ernst.
Und? War sie dort?
Er nickt. Vierte Stufe. Die Ärzte geben ihr kaum Zeit. Arme Frau …, flüstert er.
Er hat ihr verziehen. Sie bat ihn um Verzeihung, er hat genickt.
Sie gestand, dass sie die Anzeige schrieb. Er schwieg. Dann strich er ihr übers kahl rasierte Haupt. Sie hatte ihn immer brechen wollen, jetzt war sie selbst gebrochen. Reparieren lässt sich das nicht mehr …
Lass uns nach Hause fahren. Ist Mama da? Ich vermisse sie, sagt Vater nach einer Weile sanft. Ich stimme zu.
Und, wie läufts mit der Dissertation? Ich kann gerne helfen, du bringst das sonst durcheinander!, sagt er versöhnlich.
Kein Regen mehr, keine Blitze, keine Verbände, kein Schmerz, keine Stimmen. Nur noch Leben. Für Vater beginnt es ruhiger zu werden Ilse ist Vergangenheit, er muss niemandem mehr beweisen, dass er sein Leben verdient hat. Hauptsache, er macht mich nicht zum neuen Ilse für eine nächste Generation.
Ich selbst frage mich: Wie kann man jemandem vergeben, der einen so behandelt? Vater sagt nur:
Sie wusste einfach nicht, wie man liebt. Sie hat Aufmerksamkeit gebraucht. Arme Seele … Er zuckt die Achseln. Vielleicht war das ihre Art, Liebe zu zeigen.
Was jetzt?, frage ich leise.
Jetzt will ich Mama sehen. Lass uns Blumen kaufen! Und sag mal, hast du eine Freundin? Wie läuft es bei dir, Max?
Glaubst du wirklich, ich mache die gleichen Fehler?
Du wirst es besser machen! Ich hab dich lieb, Junge. Ich bin stolz auf dich.
Vater verstummt. Heute, angesichts des Todes, will er nur eins: leben, und zwar zusammen mit uns. Zeit, wirklich zu leben.
Mein ganz persönlicher Nachtrag heute im Tagebuch: Es gibt Wunden, die nie heilen aber auch keinen Sinn, sein Leben von ihnen bestimmen zu lassen. Das Loslassen war mein größter Schritt und vielleicht mein erster, ganz eigener.




