Dreißig Jahre habe ich in einer Fabrik gearbeitet, nur damit es meine Kinder einmal besser haben. Und zu meinem siebzigsten Geburtstag? Haben sie zusammengelegt und mir einen Blumenstrauß mit Lieferservice geschickt.
Ich stand also in meiner leeren Wohnung, mit einem riesigen Blumenkorb vom Kurier, und mir liefen die Tränen. Hätte mir das jemand vor vierzig Jahren erzählt, dass ich an meinem siebzigsten Geburtstag so dastehen würde ich hätte es für einen schlechten Witz gehalten. Aber das Leben spielt eben seine eigenen Streiche, und keiner fragt dich, ob du bereit bist für die Pointe.
An diesem Donnerstagmorgen bin ich wieder um sechs aufgewacht obwohl ich längst nicht mehr rausmuss. Alte Gewohnheit ich bin ja dreißig Jahre lang vor dem ersten Hahnenschrei aufgestanden, um pünktlich zur Frühschicht in die Fabrik zu kommen.
Ich habe Uniformen genäht, Kittel, Arbeitskleidung. Damals gab es in Dresden mehrere Betriebe wie meinen, überall saßen Frauen an ihren Nähmaschinen, Finger vom Faden wund und Herzen voller Wünsche für ihre Kinder. Für wen sonst tut man das alles?
Mein Heinrich Gott hab ihn selig hat bei der Deutschen Bahn gearbeitet. Zusammen haben wir unser kleines Leben gestemmt. Ich will mich gar nicht beschweren wir hatten unser Eigenes. Erst eine Einzimmerwohnung in Johannstadt, später der Tausch in zwei Zimmer mit Küche in Striesen.
Fernwärme, Balkon mit Blick auf den Hinterhof. Aber die Kinder die hatten immer frische Kleidung, ein warmes Mittagessen und Bücher für die Schule. Sebastian bekam Nachhilfe in Englisch, Greta hat einen Computerkurs gemacht. Heinrich hat Überstunden gekloppt, und ich hab nachmittags noch zusätzlich für die Nachbarinnen Gardinen und Hochzeitskleider genäht.
Und weißt du was? Hat sich gelohnt. Sebastian hat Jura studiert, führt heute eine Kanzlei in Berlin. Greta leitet ihre eigene Marketingfirma in München ich habe ehrlich gesagt nie genau kapiert, was sie da macht, aber anscheinend verdient sie damit gutes Geld. Ich bin stolz auf die beiden. Wirklich. Nur dieser Stolz schmeckt inzwischen ein bisschen wie Tee ohne Zucker: ist schon noch Tee, aber irgendetwas fehlt.
Heinrich ist vor acht Jahren gestorben. Herzinfarkt. Schnell und ohne Abschied abends ins Bett, morgens nicht mehr aufgewacht. Im ersten Jahr haben die Kinder jeden Tag angerufen. Dann wöchentlich. Jetzt klingelt sonntags mal das Telefon, wenn Sebastian nicht wieder was vergisst.
Greta schickt SMS kurz und knapp, wie Telegramme: Mama, wie gehts? Kuss. Ich schreibe zurück: Alles gut, mein Kind. Was soll ich auch sonst schreiben? Dass ich abends mit dem Fernseher rede? Dass am Samstag nur die Verkäuferin von Edeka ein Wort mit mir gewechselt hat?
Auf meinen Geburtstag habe ich mich tagelang gefreut. Wie verrückt, nicht? Ich habe einen Käsekuchen gebacken nach Mamas altem Rezept, extra einen neuen Tischläufer gekauft. Das feine Porzellan-Service rausgeholt, das wir zur Hochzeit bekamen und sonst nie benutzt. Vier Gedecke. Denn Sebastian meinte, er versucht zu kommen, und Greta schrieb, sie schaut, was der Kalender sagt.
Am Morgen rief Sebastian an. Klagend, wie nach einer schlaflosen Nacht: Mama, ich schaffs leider nicht, hab im Gericht einen Termin verschoben auf heute. Aber am Samstag, da bin ich sicher da, versprochen!
Eine Stunde später kam eine SMS von Greta. Nicht mal ein Anruf. Mama, große Konferenz in Hamburg, schaffs nicht drück dich, hols am Wochenende nach! Drei Ausrufezeichen. Als könnten Ausrufezeichen ersetzen, dass sie nicht da ist.
Ich stand in der Küche und starrte auf die vier Teller, den Käsekuchen, das neue Sonnenblumen-Tischtuch, das eigentlich fröhlich wirken sollte. Und dann fing ich an, alles wegzuräumen. Teller in den Schrank, das Tuch gefaltet, Käsekuchen mit einem Geschirrtuch abgedeckt.
Um drei läutete der Türsummer. Der Kurier. Ein junger Typ, vielleicht Mitte zwanzig, dunkelblaue Jacke. Hält mir einen riesigen Korb voller Rosen, Lilien und Zeug, das ich nicht mal kannte, und einen Umschlag hin. Liebste Mama, wir wünschen dir Gesundheit und alles Gute! Sebastian und Greta.
Er lächelte und sagte: Alles Gute zum Geburtstag, gnädige Frau! Da denkt jemand sehr lieb an Sie.
Ich nahm den Korb richtig schwer. Abgestellt im Flur, Tür zu, ich auf dem Hocker neben der Garderobe. Fünf Minuten, vielleicht zwanzig, saß ich da. Der Duft von den Blumen war so stark, schon fast zu viel, in diesem engen Flur.
Am Abend rief Hannelore an meine letzte wirkliche Nachbarin, mit der ich noch quatsche. 75, wohnt unter mir, auch allein. Gertrud, hast du Geburtstag? Dann komm rüber auf einen Tee, ich hab Apfelstrudel gebacken. Bin natürlich gegangen. Wir saßen bis zehn in ihrer Küche. Hannelore stellte keine Fragen zu den Kindern. Sie wusste es.
Am Samstag kam dann Sebastian, alleine, ohne Frau und Enkel. Drei Stunden blieb er, saß davon eine Stunde mit Handytelefon auf dem Balkon. Hat einen Umschlag Geld auf die Kommode im Flur gelegt. Greta hat übers Wochenende wieder abgesagt kommt was dazwischen, Mama, aber zu Weihnachten bestimmt.
Da habe ich es begriffen. Es ist nicht so, dass meine Kinder mich nicht lieben. Sie lieben mich halt auf ihre eigene Art, so wie es in ihre Pläne passt, zwischen Gerichtsterminen und Meetings in Hamburg. Sie lieben mich so, wie ich immer meine Arbeit geliebt habe: ehrlich, aber mit dem Kopf bei der Nähmaschine und ständig auf die Uhr schielend. Dreißig Jahre hab ich für sie geschuftet und war stolz, dass sie nicht so hart arbeiten müssen wie ich. Dass der Preis für ihr besseres Leben meine leere Wohnung ist das hat mir keiner gesagt.
Hannelore und ich haben den Käsekuchen zusammen aufgegessen. Die Blumen haben eine Woche gehalten, dann waren sie hinüber. Den Umschlag mit Sebastians Geld steckte ich in dieselbe Schublade, wo Heinrich immer seine Bahn-Unterlagen aufzubewahren pflegte.
Gestern hab ich mir dann ein Ticket für eine Seniorenausfahrt ins Elbsandsteingebirge gegönnt. Zwei Tage, Busreise, Rentnergruppe. Hannelore kommt mit. Als ich Greta am Telefon davon erzählte, war sie ganz perplex. Mama, seit wann bist du denn unterwegs?
Seit meinem siebzigsten, mein Mädchen, hab ich nur gesagt.
Drei Sekunden Stille am anderen Ende. Dann: Schön, Mama. Themawechsel. Aber diese drei Sekunden die haben mehr gesagt als alle Ausrufezeichen in ihren Nachrichten. Ich glaub, irgendwann kapiert sie es. Vielleicht, wenn sie selbst sechzig ist und auf einen leeren Stuhl am Tisch schaut. Aber darauf will ich nicht warten.
Ich bin siebzig, hab gesunde Füße, ein Busticket und eine Nachbarin, die Apfelstrudel backt. Heinrich hätte gesagt: Gertrud, jammer nicht, fahr! Und das tue ich jetzt auch.





