Kornblume

Kornblume

– Ach, du mein kleiner Ben-Kornblume! Wie bist du denn bloß so tollpatschig geworden?! Und jetzt auch noch einen Hund?! Hast du überhaupt nachgedacht?

– Maaama… Ben war den Tränen nahe und drückte den kleinen Welpen ganz fest an sich, den er auf dem Heimweg von der Schule gefunden hatte.

Der Welpe war winzig und wimmerte so herzerweichend, dass es mir innerlich fast die Knie wegsog. Ich wusste nicht, ob ich am liebsten in den Kittel meiner Mutter, der immer ein bisschen nach Seife und angerösteten Zwiebeln roch, weinen oder lauthals lachen sollte so sehr trieb das kleine Wesen mit seiner Lebendigkeit mein Herz zu wilden Kapriolen, zitternd schmiegt es sich an Bens schmutzige, nasse Jacke, für die er sicher noch Ärger bekommen würde, wohl aber nicht sofort.

Katharina verzog das Gesicht, packte den zappelnden Welpen am Nacken und nahm ihn dem Sohn ab.

– Ab ins Bad! Wasch dir erst mal die Hände! Wer weiß, was der da alles an Krankheiten anschleppt!

– Mama!

– Was denn?

– Schmeißt du ihn raus? Ben blickte seine Mutter ratlos an, hilflos, wie er den kleinen Findling noch retten konnte.

– Sag mal, gehts noch?! Katharina war so über die Frage ihres Sohnes verwundert, dass ihr der Welpe beinahe aus der Hand fiel das Tierchen spürte längst, dass es keine Gefahr mehr gab, und baumelte entspannt. Warum erzählst du so einen Unfug?!

– Entschuldige, Mama! Bens Miene hellte sich auf. Ich wollte nur…

– Nur du! Katharina war empört. Bin ich ein Unmensch? Es regnet draußen! Ach du lieber Himmel! Warum stehe ich hier eigentlich noch rum? Du bist ja klatschnass! Sonst holst du dir noch was. Ab ins Bad, aber dalli! Ben-Kornblume…

Als Ben in den langen, mit allerlei Krimskrams vollgestellten Flur der Altbauwohnung verschwand, dachte Katharina daran, dass ihr dafür mit dem Hund von den anderen Bewohnern sicher kein Lob bevorstand.

Frau Irmgard, mit leuchtend rotem Lippenstift zur noch röteren Lieblingsbluse, würde die Lippen zusammenpressen und mit ihrer rauen Stimme raunzen:

– Sie müssen Ihren Sohn besser erziehen, Katharina! Der Junge sorgt ständig für Unruhe!

Herr Leopold, der pensionierte Schlosser mit dem buschigen Schnurrbart, würde Ben zuzwinkern und die Stirn streng runzeln:

– Wenn ich auch nur eine Pfütze sehe, wirst du sechs Monate lang den Hausflur schrubben, Ben! Mindestens!

Und die heitere Toni würde erst den Welpen knuddeln und dann Ben den Kopf tätscheln:

– Du bist ein feiner Junge, Benny! Und ein gutes Herz hast du! Hoffentlich verlierst du das nie davon gibts schon zu wenig auf der Welt…

Katharina seufzte und warf einen Blick auf die geschlossenen Nachbarschaftstüren. Vorsichtig strich sie dem kleinen Tier über die Stirn.

– Jetzt wird gebadet, mein Sorgenkind! Hast bestimmt Flöhe, was uns gerade noch gefehlt hat!

Der Welpe, der wohl spürte, dass er bemitleidet statt ausgeschimpft wurde, strampelte freudig los, und Katharina packte ihn kurzerhand und drückte ihn an sich.

– Wohin so eilig? Na warte, Ausreißer! Du sollst doch einen guten Eindruck machen sonst werden wir beide noch rausgeschmissen!

Eilig ging Katharina ins Bad, wo Ben länger als gewöhnlich geblieben war, öffnete die Tür und lachte zufrieden.

– Du wirst erwachsen! sagte sie, als sie das Becken mit warmem Wasser und dem bereitgelegten Stück Kernseife entdeckte. Hol noch schnell dein altes gelbes Handtuch aus dem Zimmer, na los!

– Das, mit dem du mich früher abgetrocknet hast, als ich klein war?

– Genau! Beeil dich, bevor Frau Irmgard von der Arbeit kommt.

– Gibts Ärger, Mama?

– Weiß nicht. Hoffentlich nicht. Aber du wirst mit ihr selber reden müssen, verstanden?

Ben senkte den Kopf.

– Ich habe Angst.

– Das kann ich verstehen. Aber sie wohnt auch hier und hat ein Mitspracherecht. Hast sie ja nicht gefragt, ob du einen Hund nach Hause bringen darfst, was? Jetzt musst du es ausbügeln!

– Mama, was, wenn sie dagegen ist?

– Dann, mein Lieber, musst du eben die passenden Worte finden, damit sie dich doch lässt. Übernimm Verantwortung! Hast das Kerlchen nach Hause geschleppt, also kümmer dich! Jetzt ist es deine Aufgabe.

Der Welpe genoss das warme Wasser und schleckte leise Katharinas Hände, während sie vorsichtig die schmutzige Wolle abwusch. Das graue Fell wurde langsam hell, und tatsächlich war der Hund eigentlich weiß, nur draußen im Straßendreck hatte er seinen Glanz verloren.

– Reicht! Katharina wickelte ihn ins Handtuch und gab ihn dem Sohn. Ab ins Zimmer, trockne ihn ab. Ich wärme in der Zeit Milch für deinen Wolfshund. Hat sicher Hunger.

Ben verschwand, Katharina ließ das Wasser ab und setzte sich plötzlich erschöpft auf den Badewannenrand. Tränen traten ihr in die Augen. War es der Blick des Sohnes beim Gehen, die Wärme dieses knopfäugigen Tierchens, die Mutterliebe, die sich in ihr regte? Sie dachte zurück an ihren allerersten Tag in dieser Wohnung.

Frisch nach München gekommen, jung, unerfahren, mit Kind auf dem Arm, war sie zu ihrer Großtante Martha gezogen die einzige Verwandte, die half.

– Wer bist du denn?! Frau Irmgard war damals schon die gefürchtete Herrin der Altbauwohnung im Herzen der bayerischen Landeshauptstadt. Und was schleppst du da an? Babys brauchen wir hier ja gerade noch! Martha, ist das deine Verwandte?

– Ja, meine! hatte Tante Martha geantwortet, entfernte Verwandte, aber mütterlicherseits die Einzige, die den Kontakt hielt; Katharinas Mutter kam im Sommer oft mit ihr nach München, weil Martha sonst niemand hat und ein Besuch schadet nie, meinte sie immer. Der Großstadt-Flair, das Fenster zum belebten Boulevard, die Museen, Märkte und Parks, die gemütlichen Nachmittage mit Tante Martha prägten Katharina nachhaltig. Während die Mutter einkaufen ging, ließ sich das Mädchen willig von Tante Martha mit Geschichten und Ausflügen in die Welt des Schönen entführen.

Doch irgendwann hörten diese Besuche auf. Die Gründe blieben im Dunkeln, vielleicht Streit, vielleicht war die Mutter zu erschöpft. Der Kontakt verlief sich schließlich in Briefe, die Katharina gerne schrieb, obwohl die Mutter das wenig unterstützte.

Mit sechzehn wurde das Dilemma der Mutter plötzlich offenbar.

– Du bist groß genug. Zeit, ans Leben zu denken!

– Nach München? Zum Lernen? Katharina klatschte vor Freude in die Hände.

– Nein! Du bleibst im Dorf und gehst arbeiten. Vielleicht kannst später eine Ausbildung machen. Jetzt solltest du dir eher überlegen, wen du heiratest. Es gibt genug Burschen bei uns!

– Aber ich will nicht heiraten, Mama!

– Das fragt dich keiner. Willst du wie Tante Martha alt werden? Unsinn! Du suchst dir jemanden!

Doch Katharina träumte nur von der Großstadt und Bildung nicht von Heirat.

Ihre Mutter bestimmte anders, arrangierte klammheimlich eine Ehe mit Thomas, den Katharina von Kindheit an kannte und sympathisch fand. Die Hochzeitspläne überschlugen sich, dem Dorfgeschwätz wollte sie sich nicht entziehen. Bald wurde Katharina Mutter aber die Ehe zerbrach schnell. Thomas suchte Unterhaltung, war kaum daheim. Bald tuschelte das ganze Dorf über seine Seitensprünge; und als schließlich eine Freundin zugab, mit ihm zusammen zu sein, gaben alle Katharina die Schuld Hättest du ihn besser behandelt, hätte er nicht woanders gesucht!

Eines Tages kam alles raus Katharina wandte sich an ihre Mutter:

– Was erwartest du von mir? Du hast ihn doch gewählt! Jetzt leb auch damit!

– Aber er hat mich betrogen!

– Männer sind eben so. Wusstest du das nicht? Dein Vater war auch keiner, der treu war. So läuft eben das Leben.

– Und die Liebe?

– Liebe? Hauptsache, du hast ein Dach und ein Kind mit dem Rest kannst du dich abfinden!

Katharina war stumm vor Entsetzen. Nun verstand sie erst, dass das Leben ganz woanders abbog, als sie gehofft hatte. Sie sah ein, dass nur sie selbst Verantwortung übernehmen konnte; ihr Leben, ihr Sohn den sollte sie besser das lehren, was der Vater wohl nie begriffen hatte: Dass man seine Nächsten nicht betrügt und für sein Handeln gerade stehen muss.

– Geh nach Hause, Katharina! Ich habe mein eigenes Leben. Deine Schwiegermutter soll helfen, wenn du wieder arbeitest. Ich bin zu kaputt von der Feldarbeit vielleicht finde ich ja nochmal mein eigenes Glück…

Katharina ahnte, dass die Mutter längst einen neuen Mann hatte. Sie spürte deutlich: Hilfe würde sie dort keine mehr finden. Also packte sie ihren Sohn und versuchte es bei anderen Verwandten. Doch die hatten auf Geheiß der Mutter keine Unterstützung übrig.

Also schrieb sie Tante Martha in München, gab der Schwiegermutter Tante Marthas Nummer und zog aus dem Dorf weg einen klaren Strich unter ihr früheres Leben.

Tante Martha freute sich sehr, weinte noch, als sie den Grund hörte.

– Wie traurig das alles ist, Katharina! Aber es muss weitergehen. Du hast Ben, für den du sorgen musst. Zum Glück bin ich in Rente, dann kann ich euch helfen.

– Tante Martha, nur für den Anfang…

– Kein Wort mehr! Ihr gehört zur Familie! Erst mal meldest du Ben ordnungsgemäß an, dann kommt er in den Kindergarten und du kannst, wenns passt, arbeiten gehen.

Katharina wollte erst selbstständig werden. Sie fand einen Job als Reinigungskraft in zwei Nachbarhäusern, während Martha abends auf Ben aufpasste. Es reichte für das Notwendigste. Nach einem Jahr, als Ben größer war, meldete Katharina sich zum Fachabitur an und fand bald darauf einen Beruf, der ihr lag. Mit ihrer offenen Art und Energie machte sie schnell Karriere, bis alle sie Frau Schmidt nannten, und Ben zurecht stolz auf seine kluge, schöne Mutter sein konnte.

Schwieriger war es mit den Nachbarn.

Tante Martha wohnte mit drei besonderen Gestalten zusammen:

Frau Irmgard, resolute Geologin, die vor Familie und Kindern zurückschreckte (Das ist alles nichts für mich ich kenne den Unterschied zwischen Fisch- und Fleischgabel nicht).

Herr Leopold, ewig Junggeselle und alter Industriemechaniker, der nach einer Betrugsgeschichte nur noch bei den Mitbewohnerinnen in der Hausgemeinschaft Frauen akzeptierte.

Und Toni, die lebenslustige Malerin, deren Wunsch nach Kind, Mann und Frieden nie ganz in Erfüllung ging. Sie geriet regelmäßig an die falschen Männer, verlor aber nie ihren Humor.

Als Katharina mit Kind einzog, waren manche skeptisch. Toni freute sich, sie liebte Kinder und sehnte sich nach einem eigenen. Frau Irmgard jedoch stellte Forderungen:

– Wer nur zu Besuch ist, meinetwegen! Aber wohnen geht nicht ich brauche meine Ruhe!

Den drohenden Streit schlichtete Leopold gewohnt gelassen:

– Irmgard, wir sind doch keine Tiere. Sollen wir Mutter und Kleinkind auf die Straße setzen?

– Im Sommer vielleicht aber es kommt auch wieder Winter!

– Sag was du willst, aber ich wette mit dir wenn der Kleine uns wirklich stört, geht er. Aber wenn er erst mal Kornblume genannt wird, dann fress ich meinen Hut!

Natürlicherweise begann bald jeder den Jungen liebevoll Kornblume zu rufen, allen voran Frau Irmgard, die ihm heimlich Süßigkeiten zusteckte und auf Mutterliebe schimpfte.

Ben wuchs artig und freundlich auf. Er besuchte den Kindergarten, schlenderte mit Mama und Oma Martha durch den Englischen Garten und störte die Nachbarn kaum. Der endlose, mit lauter Krempel vollgestellte Flur der Altbauwohnung war für ihn ein Abenteuerspielplatz mal fuhr er im Waschzuber zur See und verlangte Rum wie die Piraten in seinem Lieblingsbuch; mal versteckte er sich im Kleiderschrank von Herrn Leopold, wo eine zerzauste Pelzmütze als gefährlicher Bär herhalten musste. An Tonis Zimmertür stand eine Kommode, voller Farbtöpfe und Pinsel groß war das Geschrei, als Ben die Tür bunt bemalte. Nach der Standpauke durften am Ende doch noch kleine Wolken dekorativ hinzumalen.

– Talentiert bist du, Kornblume! Dich muss man in die Kunstschule schicken!

Katharina stellte ihn in die Ecke dafür, dachte dann aber tatsächlich nach. Sie brachte Ben zur Malschule; zu jung offiziell, aber ein Dozent, gerührt von seinen Zeichnungen, bot privaten Unterricht an.

Bald hingen in der Wohnung Bens kleine Kunstwerke: Toni wählte die schönsten aus, Leopold bastelte Rahmen, Irmgard stolzierte wie eine Museumsdirektorin über den Flur und rief:

– Kornblume, du wirst berühmt! Hör auf mich, und auf niemanden sonst: Male!

Ben hatte riesigen Spaß daran und vergaß so manche Angst, etwa die vorm Urteil der Nachbarn, als er den zitternden, frierenden Welpen nach Hause brachte.

Und tatsächlich, seine Furcht war unbegründet.

– So eine Überraschung! Kornblume, wo hast du das her? Frau Irmgard hob das müde, volle Welpenbäuchlein prüfend an. Ich werde zur Dame mit Hund zauberhaft! Katharina, die Abendspaziergänge gehören mir! Ich wollte immer schon mit einem Hund an der Isar entlang spazieren! Vielleicht finde ich ja doch noch den passenden Herrn zum Lebensausklang!

– Frau Irmgard!

– Ich bleibe dabei! Katharina, kümmern Sie sich um ihren Sohn!

– Huch!

– Kein Huch! Unser Junge wächst zu einem Guten heran das ist wunderbar! Ich weiß nicht, was Leopold und Toni meinen, aber ich stimme zu, Kornblume. Gib dem Wuschel einen Namen! Und Katharina, bitte einen schicken Hundeleinen kaufen, wir müssen Eindruck machen!

– Wir?

– Ich und dieser Moppel!

Leopold verlor kaum Worte nickte, tapselte Ben über den Kopf und bat um Tee. Am nächsten Tag brachte er ein schönes Halsband und eine Leine für Hundespaziergänge.

Toni machte kaum Notiz vom Hund sie war frisch verliebt, trippelte anmutig auf neuen Schuhen durch die Wohnung, zufrieden mit jedermann.

Tante Martha kam aus dem Bad Reichenhaller Sanatorium zurück, staunte über den neuen Mitbewohner, drohte Ben scherzhaft mit dem Finger:

– Der Hund ist jetzt deine Verantwortung, mein Lieber! Lass uns nicht im Stich!

Viele Jahre später hing in Bens Atelier ein Gemälde: Ein zotteliger weißer Hund mit einigen Menschen. Wenn Schüler Ben-Schmidt, mittlerweile gefeierter Dozent, neugierig fragten, was es damit auf sich hätte, antwortete er knapp:

– Das sind die, die mir zeigten, was Liebe bedeutet. Und wie Verantwortung aussieht.

– Und was hast du gelernt?

– Drei Dinge. Du musst die schätzen, die bei dir sind; und immer für dein Tun geradestehen.

– Das dritte?

– Nie Ölfarben nehmen, wenn Aquarell reicht! Jetzt an die Arbeit, Freunde die Welt wartet auf eure Meisterwerke!

– Und wenn wir scheitern?

– Dann versucht gar nicht erst. Gelingen kanns nur, wenn man immer wieder probiert, sucht und nicht aufgibt. Wer früh aufgibt, lernt nie! Ben lächelt, blickt aus dem Fenster zur Isar und auf das München seiner Kindheit. Ihr solltet wirklich loslegen, das Licht ist gleich weg. Und eins noch: Ich glaube an euch wie einst andere an mich glaubten. Ihr schafft das, keine Sorge!

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Homy
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