Warum bist du eigentlich zu mir gekommen, Mama? Dein ganzes Leben lang hast du doch nur Anna geholfen, dann geh jetzt zu ihr, wenn du Hilfe brauchst! sagte mir mein Sohn. Matthias bot mir nicht einmal an, das Haus zu betreten, sprach mit mir im Türrahmen, seine Worte waren eiskalt, sein Blick fremd.
Mein Sohn, willst du deine eigene Mutter etwa nicht hereinlassen? Ich konnte meine Tränen nicht zurückhalten und begann zu weinen.
Mama, ich verstehe nicht, warum du so sentimental wirst. Ich habe jetzt keine Zeit für leeres Geplauder, Matthias wollte gerade die Tür vor meiner Nase zuschlagen, als plötzlich die Stimme meiner Schwiegertochter ertönte.
Matthias, mit wem redest du da? fragte Katharina, die in den Flur kam.
Oh, Mama? fragte sie erstaunt. Warum stehen Sie denn draußen in der Kälte? Kommen Sie doch bitte herein!
Matthias winkte nur ab, drehte sich und verschwand im Wohnzimmer. Ich war dankbar, dass wenigstens Katharina mich hereinbat, denn ich hatte ihr wirklich etwas Wichtiges zu sagen.
Vor Matthias hatte ich tatsächlich Schuld auf mich geladen, und erst jetzt begriff ich, wie sehr. Ich habe zwei Kinder: meinen Sohn Matthias und meine Tochter Anna. Und irgendwie habe ich mein ganzes Leben lang immer nur Anna unterstützt und dabei meinen Sohn vergessen.
Ich dachte, er käme auch allein zurecht, doch er hat sich alles selbst erarbeitet, wahrscheinlich nur, um mir zu beweisen, dass er auch ohne meine Unterstützung zurechtkommt.
Ich hatte Geld, weil ich schon seit zwanzig Jahren als Pflegekraft in München arbeitete. Trotzdem half ich finanziell immer nur Anna und heute bereue ich das zutiefst. Denn Anna hat es weder geschätzt, noch ist sie mir jemals dankbar gewesen und hat sich in meiner schwersten Zeit komplett abgewandt.
Ich ging damals nach München, da war Matthias 18 und Anna 16. Unser Leben war nicht leicht, mein Mann hatte uns lange verlassen, nur meine Mutter blieb noch bei den Kindern. Wir lebten in Armut, darum war die Arbeit in der Fremde für mich die einzige Hoffnung.
Von meinen ersten verdienten Euro renovierte ich unser Haus im Allgäu. Meine Mutter war überglücklich endlich gab es fließend Wasser und sogar ein richtiges Bad.
Dann kündigte Anna an, sie wolle heiraten. Ich fand sie mit 19 zu jung, versuchte sie aber nicht umzustimmen. Ihr Mann kam aus dem Dorf. Die beiden zogen nach der Hochzeit zu uns.
Matthias verstand sich mit seinem Schwager überhaupt nicht, also verlobte er sich bald und zog aus. Seine Frau, Katharina, war im Heim aufgewachsen und bekam vom Amt ein kleines Zimmer. Dort lebten sie zusammen.
Für Anna war bald klar:
Mama, ich bin die Einzige, die hier geblieben ist, das Haus und dein Geld sollten mir gehören, meinte sie.
Matthias schwieg zu dem Thema, bat nie um Hilfe, und für mich passte das. Ich schickte jeden verdienten Euro zu Anna, sie gab das Geld nach eigenem Belieben aus. Matthias verdiente sich selbst etwas und sorgte für seine Familie.
Dann änderte sich alles. Meine Mutter starb, und kurz darauf verkündete Anna, dass sie sich scheiden lassen werde. Anna war immer schon jemand, der bekam, was er im Kopf hatte.
Was machst du jetzt? fragte ich sie.
Ich gehe mit dir nach München, antwortete sie.
Also kamen wir beide nach München. Nur leider wollte Anna dort nie richtig arbeiten. Sie putzte hier und da, das meiste Geld ging für Miete und Essen drauf.
Ich pflegte weiterhin, brauchte auch kein Geld für Miete oder Lebensmittel. Meinen Lohn von etwa tausend Euro monatlich nahm Anna mir ab sie träumte davon, in München etwas Eigenes zu kaufen.
Da Anna nicht mehr ins Dorf zurück wollte, überzeugte sie mich, unser Haus zu verkaufen. Mit dem Geld würde es schneller klappen, meinte sie.
Natürlich reichte es trotzdem nicht. Ich verkaufte das Haus, wir hatten auch etwas gespart. Den Rest wollte sie per Kredit finanzieren. Doch dann heiratete sie wieder, und ihr neuer Mann steuerte das fehlende Geld bei, sodass sie bald eine kleine Eigentumswohnung hatten.
Solange ich arbeiten konnte, machte ich mir keine Sorgen bis ich schwer erkrankte und nicht mehr weiterarbeiten konnte. Ich bat Anna, wie abgesprochen, bei ihr wohnen zu dürfen. Sie aber sagte, es sei zu eng, ich solle mich auskurieren und danach wieder arbeiten gehen.
Ich hörte nicht auf sie, fuhr zurück ins Dorf nur dass es kein Zuhause mehr für mich gab, da das Haus verkauft war. Im Ort besaß ich zwar noch fast einen Hektar Land, aber das müsste entweder verkauft oder mit einem Haus bebaut werden wovon aber?
So ging ich schließlich zu Matthias und hoffte, er könnte mir beim Verkauf helfen, auch wenn ich nicht wusste, wie es weitergehen sollte.
Er war so verletzt, dass er kaum ein Wort mit mir wechseln wollte. Doch Katharina ließ mich herein, gab mir zu essen, bereitete ein Bett und brachte gleich eine Idee ein.
Mama, Matthias und ich suchen gerade ein Grundstück, wir möchten ein Haus bauen. Wenn Sie einverstanden sind, würden wir dort bauen und, wenn alles fertig ist, leben Sie bei uns, schlug sie freundlich vor.
Matthias murrte erst, aber schließlich gefiel ihm die Idee seiner Frau, und noch an diesem Abend vergaß er seinen Ärger über mich.
Katharina ließ mich dann gar nicht mehr gehen, kümmerte sich rührend um mich, am nächsten Morgen gingen wir gemeinsam zum Arzt.
Warum tust du all das für mich? fragte ich sie.
Weil ich nie eine richtige Mutter hatte. Jetzt habe ich endlich eine, lächelte sie.
So kam es, dass meine eigene Tochter mich vergaß, meine Schwiegertochter aber ein wirkliches Zuhause gab.
Manchmal wird Familie dort gefunden, wo man sie nicht erwartet gegenseitige Fürsorge und ein offenes Herz zählen mehr als bloßes Blut.





