Die gestürzte Stute
Sofort, als sie hineinkam, fiel Theresa auf. Sie straffte sich, rückte schnell den Kragen ihrer Bluse zurecht, wischte einen Staubfleck von der Hose, zupfte an ihrer Frisur. Wenn ein Schlagabtausch stattfinden sollte, dann richtig! Aber was konnte ihr Gertrud Wagner eigentlich vorwerfen? Weshalb hatte sie Theresa eingeladen, hierher, in dieses sündhaft teure Restaurant am Gendarmenmarkt? Um zu zeigen, wer hier die Dame und wer die Nebenbuhlerin war? Nach dem Motto: Wach auf, mein Kind, du passt nicht in diese Welt, halt dich gefälligst zurück!
Theresa hatte die Speisekarte, die ihr vom Kellner akkurat zugeschoben wurde, bereits überflogen. Er wartete dienstfertig einige Schritte hinter ihr, immer bereit, herbeizueilen, den kleinen Notizblock zu zücken und zu notieren, zu notieren
Doch Theresa bestellte nur einen Kaffee. Das macht man so, wartet man auf jemanden im Restaurant: Man bestellt Kaffee, bekommt ihn in einer winzigen Tasse und schlürft ihn dann, zieht das Warten in die Länge, Minuten, manchmal Stunden in nervöser Erwartung.
War Theresa aufgeregt gewesen, als Gertrud Wagner, Ehefrau ihres Verehrten und in Berliner Kreisen bestens bekannt, sie selbst um dieses Treffen gebeten hatte? Selbstverständlich. Ist ja kein Spaß, wenn dich die Frau deines Liebhabers anruft und direkt einen Termin vorschlägt, noch höflich nach dem besten Zeitpunkt fragt.
Theresa passte Freitag nach der Arbeit. So blieb genug Zeit für einen Friseurbesuch, für die Maniküre und um ein umwerfendes Outfit zu finden, damit Gertrud sofort verstand, wie verloren sie auf allen Ebenen war.
Gertrud erschien in einem eleganten, streng geschnittenen Kleid mit Taillengürtel, in Lavendel, der ihr unverschämt gut stand. Sie hatte passend Ohrringe, eine Kette und Handschuhe gewählt. Und nicht, um Theresa zu übertrumpfen nein, einfach weil eine Frau, auch jenseits der Vierzig, immer gut aussehen sollte.
Theresa trank ihren Kaffee mit einem einzigen Schluck aus, bitter und unangenehm, stellte die Tasse auf die Untertasse. Der Kellner schlich heran. Möchten Sie noch einen Kaffee? Nein, danke. Theresa hatte nur noch Augen für die näherkommende Gertrud Wagner, war angespannt, nervös, fürchtete einen Skandal. Was, wenn diese so beherrschte Frau sie plötzlich packte Handgemenge mitten im Saal! Welcher Skandal! Und überall Leute, vielleicht auch Journalisten, morgen in der Berliner Zeitung: Familienstreit im Hause Wagner! Und Viktor ihr Viktor würde ihr das nie verzeihen
Die Wagners wohnten in einer riesigen Jugendstilwohnung am Kurfürstendamm. Theresa hatte das Zuhause nie gesehen, Viktor bestand darauf, das Private strikt von der Familie zu trennen. Ab und an erzählte er aber: dass Gertrud die Möbel erneuert hatte, dass sie gerade einen Kamin einbauen ließen, ein riesiges Jacuzzi vom Kran ins Wohnzimmer hieven mussten, weil es nicht durch den Aufzug passte. Gertrud sei leidenschaftliche Hobbygärtnerin, der ganze Wohnbereich mit riesigen Zimmerpflanzen vollgestellt, selbst im Flur standen exotische Gewächse.
Aber Theresa beneidete sie nicht. Sie selbst hatte ihr kleines Nest, wo Viktor einkehrte, wenn ihm das Leben zu viel wurde, und da war es warm und geborgen, ganz ohne Kristalllüster, persische Teppiche und schwere Vorhänge. Soll Gertrud ihre High-End-Möbel und Stoffe selbst staubsaugen.
Gertrud hatte tatsächlich kaum Prunk. Ja, ein paar prachtvolle Kronleuchter, weil die Wohnung zur Schattenseite lag und man ständig Licht brauchte. Sie hatte einen Designer gebeten, für Akzente, für warmes Licht zu sorgen goldgelb, cremig, grünlich, nie dieser kalte Weißton. Anstelle persischer Teppiche lagen überall handgewebte Läufer oder Flickenteppiche aus kleinen Dörfern. Und die schweren, einfarbigen Vorhänge schützten vor Blicken, hielten die Hitze im Winter, die Kühle im Sommer.
Nein, Theresa kannte Gertrud eigentlich gar nicht. Sie beurteilte sie wie jede wohlhabende Ehefrau, machte sich keine Mühe, dahinterzuschauen…
Gertrud Wagner gab ihren Blazer am Eingang ab, schaute sich im Saal um, sah gleich den richtigen Tisch und ging langsam, würdevoll auf Theresa zu, deren Fingerknöchel weiß hervortraten vor Anspannung.
Jetzt kommt der Eklat, jetzt ganz bestimmt! hämmerte es in Theresas Kopf. Ihr Herz raste.
Theresa? Entschuldigen Sie meine Verspätung, Gertrud setzte eine große, runde Brille mit hellblauem Rahmen und kleinen Steinchen auf die Tischplatte, wartete, bedankte sich beim Kellner, als er ihr den Stuhl zurechtrückte, und setzte sich.
Möchten Sie etwas bestellen? fragte der junge Kellner.
Ja, ich denke. Ich habe heute keinen Bissen gegessen. Ein Salat, bitte, dazu Hähnchen und Cranberrysaft aber ohne Eis. Theresa, nehmen Sie doch auch etwas, die Küche ist wirklich ausgezeichnet! bot Gertrud beinahe freundschaftlich an.
Aber Theresa schüttelte nur den Kopf.
Wie Sie wünschen, sagte Gertrud freundlich, reichte die Karte zurück, verschränkte die Hände. Sie war vorbereitet gewesen, hatte ihre Sätze eingeübt und jetzt, wo sie gegenüber saß, hatte sie alles vergessen Nur ein unangenehmes Ziehen vor Aufregung war im Bauch.
Theresa schwieg. Du hast eingeladen, jetzt fang auch an, schienen ihre Augen zu sagen.
Gertrud warf einen prüfenden Blick durch den Saal keiner ihrer Bekannten. Gut. Sie rieb sich den Nacken, ließ den Blick auf ihre Hände sinken und begann:
Theresa, haben Sie schon einmal gesehen, wie ein Pferd stürzt?
Ein Pferd? Theresa runzelte die Stirn.
Ja, ein Rennpferd. Viktor begeisterte sich mal eine Weile für Galopprennen, er nahm mich öfter mit auf die Rennbahn. Das ist furchteinflößend, glauben Sie mir! Es ist unvorstellbar, mit welcher Geschwindigkeit sie dahinpreschen Schrecklich ist es, wenn eines dieser Pferde stürzt. Eben noch hast du jeden Muskel unter der glänzenden Haut gesehen, die stolzen, kräftigen Beine, wie alles an ihr für den Sieg trainiert ist das Tier reißt sich los, schiebt sich voran, überholt die Gegner Und plötzlich, irgendetwas läuft schief, und dieses tonnenschwere Wesen stürzt zu Boden, knickt ein, der Kopf schlägt zur Seite, und mit solcher Wucht, dass sie oft nicht mehr aufstehen kann. Sie werden noch ein Stück über den Sand geschleift, wälzen sich röhrend, dann bleiben sie regungslos liegen der Sturz hat sie verheerend getroffen. Manche kommen irgendwie auf die Beine, humpeln, versuchen weiterzugehen. Andere bleiben liegen.
Und warum erzählen Sie mir das? Gertrud, lassen Sie die Dramen bitte, sagte Theresa angestrengt, beugte sich vor. Vergleichen Sie mich etwa mit dem Pferd, das hinfällt, während Sie mit Pokal und Medaille dastehen? Eine ziemlich geschmacklose Metapher
Sie haben recht, geschmacklos. Aber treffend. Sie vertauschen aber die Rollen. Ich bin das gestürzte Pferd. Meine Beine sind gebrochen, ich sehe schwarz und vor mir liegt nur noch ein kleiner, unendlicher Albtraum, Gertrud zuckte die Schultern, lächelte, als der Kellner den Salat brachte.
Was heißt Albtraum? Ich verstehe überhaupt nicht, weshalb wir hier sind. Was soll das alles? Viktor Theresa stockte. Er hat sich für mich entschieden, ich habe ihn nicht gezwungen oder belästigt. Ein Mann sucht sich eben sein Weibchen aus, das ist sein gutes Recht. Und die Auserwählte darf stolz sein, bemerkt worden zu sein.
Sind Sie stolz? fragte Gertrud ganz ruhig, beinahe beiläufig. Darauf, das Weibchen, die Auserwählte zu sein? Wissen Sie, ich habe um Viktor gekämpft. Ich bin ihm hinterhergelaufen, habe ihm Briefe geschrieben. Kaum zu glauben… Wir kennen uns seit der Uni, aber damals hat er mich kaum beachtet, höchstens bei einer Klausur. Ich habe ihn schließlich überzeugt, dass er mit mir glücklich sein kann. Nicht wegen des Geldes davon hatten wir damals keins. Was er heute hat, ist auch mein Verdienst. Ich war verlässlich, mit mir konnte er er selbst sein. Und so sind wir all die Jahre Seite an Seite marschiert, haben das Leben gemeistert, den Sohn großgezogen, Urlaube, Veranstaltungen Ich war wie ein Rennpferd, habe stolz die Beine geworfen und mich stets nach vorn gestreckt. Aber jetzt ist alles vorbei.
Wegen mir? Theresa blicke auf die funkelnde Reflexion der Kronleuchter im Besteck. Warum komplizieren Sie das alles? Sie werden Ihr Geld behalten, mir geht es darum nicht, ich liebe Viktor einfach so, wie er ist. Vielleicht wird Ihnen sogar leichter ums Herz, wenn Viktor geht Vielleicht
Gertrud lachte plötzlich, warf ihren dichten, dunkelbraunen Schopf leicht zurück, blinzelte. Um ihre Augen legten sich feine Falten: das Alter
Was war denn so witzig? giftete Theresa. Sie hasste dieses Versteckspiel, Andeutungen. Sie wollte klare Worte, lieber ein lauter Aufschrei, ein Schlag, ein Glas ins Gesicht aber keine Pferdegeschichten!
Wissen Sie, was daran komisch ist? Dass Sie denken, Sie seien der Grund meines Sturzes. Da irren Sie. Mein Fall passierte ohne Ihr Zutun. Ich bin gefallen und liege da, wortwörtlich. Und dass Viktor Sie traf, ist eher Folge als Ursache meines Sturzes.
Was meinen Sie mit gefallen? Können Sie einfach mal Klartext reden? fuhr Theresa auf, verzweifelt über ihre eigene Blindheit.
Natürlich. Ich bin krank geworden. Es kommt vor bei Frauen meines Alters. Die Ärzte haben ihr Bestes getan, äußerlich ist alles okay, selbst die Haare sind wieder nachgewachsen, aber ich bin nicht mehr vollkommen. Manche Dinge will ich nicht mehr. Die Unvollkommenheit meines Körpers hat dazu geführt, dass mein Mann Viktor einen Widerwillen gegen mich entwickelt hat. Mit so einer Frau will er sich nicht am Strand zeigen, Gott bewahre, dass jemand merkt, dass ich beschädigt bin! Die Krankheit, die lange Genesung, die ständigen Kontrolltermine Ich habe mich abgefunden. Habe einen Sohn, der in München studiert, wir sehen uns selten, aber ich spüre ihn immer bei mir. Ich habe meine Arbeit, Hobbys das Leben geht weiter. Nur bleibe ich eben das gestürzte Pferd, und Viktor hat mich abgeschrieben.
Suchen Sie Mitleid? Ist das der Grund für Ihr Treffen? Ich bedaure Sie, aber Viktor trifft seine Entscheidungen selbst unterbrach Theresa schroff. Hätte sie doch nie zugesagt!
Darum geht es mir gar nicht. Mitleid demütigt. Es unterstreicht nur mein Defizit. Ich verlange nicht, dass Sie Viktor zurückgeben, verzichten oder ihn wegschicken. Ich brauche ihn nicht mehr. Er ist mir zur Last geworden, unterstützt mich nicht wozu also das Ganze? Überleg dir bloß: Wenn dir einmal so etwas passiert, wirft er auch dich weg. Viktor liebt nur funktionsfähige Spielzeuge. Alles andere landet im Müll.
Oh! Schade, dass Sie keinen Salat genommen haben! wechselte sie plötzlich das Thema. Hier ist wirklich alles fantastisch! Mein Vater kannte den Besitzer ich war schon hier, als sie alles renovierten, die Wände strichen Der Chef, Onkel Anton, gab mir Eis, frisch aus eigener Herstellung. Schön zu sehen, wie etwas aufblüht, dessen Anfänge man miterlebt hat.
Gertrud beendete ihr Essen, trank ein wenig von dem Saft, bezahlte mit einem Fünfzigeuroschein, stand auf, reichte Theresa die Hand:
Entschuldigen Sie, falls ich Sie verletzt habe. Ich wollte nur warnen Und ich habe unsere Begegnung wirklich genossen. Sie sind echt, Theresa. Nicht zurechtgeschnitten, keine aufgesetzte Tändelei, einfach eine Frau. Viktor verdient Sie nicht. Ich verstehe, wie schwer es Ihnen fiel, zu kommen haben Sie gedacht, ich würde einen Krach provozieren?
Natürlich nicht! fuhr Theresa auf. Es ist nur schräg, Frau und Geliebte so zusammen zu setzen. Entschuldigung
Theresa fühlte sich wie ein ertappter Teenager.
Das Leben ist, wie es ist. Anstand ist jetzt kein Thema. Denke einfach gut nach Ich habe Ihnen meine Nummer aufgeschrieben, falls Sie je etwas brauchen, rufen Sie an, ja?
Theresa nahm den Zettel, las lange über den schwungvollen Schriftzug Gertrud. Über vierzig, und immer noch Gertrud, murmelte sie ärgerlich, zahlte und ging
Von ihrem Treffen mit Gertrud sprach Theresa Viktor natürlich nicht. Hin und wieder fragte sie nur, wie es seiner Frau ginge, was bei ihnen los sei Viktor winkte nur ab, seine Frau, das sei wie eine Wand, zur Seite geschoben und fertig.
Aber Theresa konnte sie nicht mehr als irgendeine Ehefrau sehen. Sie hatte Gertrud gesehen, sie kannte ihr Geheimnis: Sie war die gestürzte Stute. Mit diesem Wissen war es schwer, mit Viktor noch unbefangen zu sein.
Eines Tages, Mitte November, platzte Viktor mit einem Blumenstrauß und einer Flasche Spätburgunder in die Wohnung. Er war seltsam laut und überschwänglich.
Ist etwas passiert? fragte Theresa, nahm den Strauß an der Tür entgegen, beobachtete, wie Viktor sich die Schuhe von den Füßen schüttelte.
Wieso? Alles gut! Du kochst was? Ich hab Hunger wie ein Wolf. Ach, Theresa, du wirst immer schöner! Meine Süße mmmh! Er wollte sie küssen, aber Theresa wich aus, winkte ihn in die Küche.
Wasch dir die Hände, Viki. Ich hab dich vermisst
Vermisst? Unmöglich! Weißt du was? Viktor ließ sich auf den Stuhl plumpsen, griff den Weinkorkenzieher. Zieh zu mir! Schluss mit dem Hin und Her, wir machen Nägel mit Köpfen: Du wirst meine Frau.
In Theresa sprangen die Gefühle. Seine Frau Ein schlechtes Gewissen: Sie hatte doch einer anderen den Mann genommen. Fühlte sich mies, aber Viktor liebt sie doch! Gertrud hatte Unrecht, diese ganze Pferdegeschichte war Unsinn!
Bist du geschieden? sie beugte sich vor, schlang die Arme um ihn.
Noch nicht, aber bald. Sehr bald. Gertrud liegt wieder im Krankenhaus. Ach, vergiss sie! Ein Jammer. Du bist was anderes, Theresa. Du bist mein Sonnenschein! Viktor setzte sie auf den Schoß, füllte ein Glas, bot ihr Wein an.
Aber der Wein war bitter, und in Theresas Bauch keimte Unruhe. Im Krankenhaus? Gertrud war wieder krank, und Viktor scherte das nicht?
Sie schickte Viktor gegen Mitternacht fort, lag lange wach im viel zu großen Bett, starrte zur Decke, runzelte die Stirn. Schließlich sprang sie auf, ging in die Küche und warf die Blumen in den Müll.
Gertrud? Gertrud, sind Sie es? Hier ist Theresa. Entschuldigen Sie die Störung in dieser speziellen Situation, aber kann ich irgendwie helfen? Nein, falsch! Darf ich Sie einfach besuchen? Soll ich etwas mitbringen? Und wohin überhaupt? Wirklich, sagen Sie einfach die Adresse! rief Theresa ins Handy, krallte sich ans Fenster, zwang ihre Stimme zu ruhigem Ton. Sie fuhr tatsächlich zu der Ehefrau ihres Geliebten ins Krankenhaus.
Theresa? Ich freue mich. Ja, wirklich! Viele meiner Bekannten meiden mich, als hätte ich etwas Ansteckendes Bringen Sie mir, wenn möglich, bitte Erdbeeren mit. Ich weiß, nicht die Saison, aber mir ist so danach bat Gertrud fast flüsternd. Und es ist unangenehm, aber Viktor will mich nicht besuchen, ich bräuchte jedoch Kleidung. Ich wurde direkt aus der Praxis eingewiesen Haben Sie bitte ein bisschen Verständnis, ich habe keine Freunde hier in Berlin, die meisten sind noch in München, wo ich aufgewachsen bin.
Natürlich! Wo liegen deine Sachen? Ich eile! Schon wechselte Theresa automatisch ins Du, zog sich hastig Jeans an, machte sich auf den Weg zu Gertrud.
Auch Theresa hatte keine Freundinnen. Sie wurde stets für hochnäsig gehalten oder eingeschüchtert ihre charismatische Art war nicht jederfraus Sache. Nun war da Gertrud. Sie verband mehr als Viktor. Irgendetwas Stilles, Ungesagtes vielleicht einfach Einsamkeit
Viktor, schlaftrunken und ungehalten, staunte nicht schlecht, als Theresa in seiner Wohnung Klamotten aus Schränken zog und in eine Tasche stopfte.
Was machst du da? Wir räumen später auf, wenn Gertrud naja, wenn sie weg ist. Dann holen wir den Container und schmeißen alles raus! Lass das, komm zu mir, Kätzchen… raunte er, bekam jedoch einen gezielten Stoß in die Seite.
So redest du nicht! Gertrud wird wieder gesund! Lass mich, ich muss los! Theresa schnappte sich die Tasche, lief hinaus, und Viktor bemerkte nicht einmal, wie ihr Taxi in der Dunkelheit verschwand.
Gertrud empfang sie im Krankenhausflur. Ungeschminkt, blass, im weinroten Bademantel, Socken und grauen Filzpantoffeln wirkte sie müde und als hätte sie geweint.
Die Erdbeeren habe ich gewaschen, sie sind süß, probier! plapperte Theresa nervös, um ihre Angst zu überspielen. Die Sachen, die du wolltest, sind alle drin, du findest dich schon zurecht. Was sagen die Ärzte? Was hast du?
Die entscheidende, die gefürchtete Frage.
Gertrud runzelte erst die Stirn, ihr Gesicht hellte sich dann etwas auf, sie lächelte.
Danke, Theresa. Übermorgen ist die OP. Leider ein größerer Eingriff, gynäkologisch. Aber das bringt mich nicht um, Theresa! Du siehst ja ganz erschrocken aus. Ich glaube daran, dass alles gut wird, hörst du? Dann, wenn ich entlassen bin, fahren wir gemeinsam weg. Urlaub für uns zwei! Viktor? Gertrud flüsterte nur.
Viktor? Ach Viel zu tun, er meldet sich bestimmt bald! Keine Sorge. Theresa sprach ins Leere.
Er will dich heiraten, stimmt’s? erriet Gertrud.
Ja. Also, nein, ich weiß es eigentlich nicht. Nicht jetzt das Thema! Lass uns setzen, esst die Erdbeeren, sonst werden sie schlecht! drängte Theresa, schon wieder ganz hektisch.
Ja, lass uns
Vereinzelte Ärzte, Schwestern, Patienten mit Besuch um sie herum und Gertrud, die mit geschlossenen Augen die süßen, sommerlichen Erdbeeren aß
Gertrud lag nach der Operation lange in der Berliner Charité. Wieder hieß es Wochen Krankenhaus, Reha. Viktor war nur ein einziges Mal zu Besuch gewesen und log Theresa an, er würde regelmäßig vorbeischauen.
Sie glaubte ihm nicht, denn auch sie kam oft zu Gertrud.
Viktor, wir müssen reden, wagte Theresa schließlich. Lass uns irgendwo treffen.
Sie vereinbarten ein Café zum Mittag. Doch Theresa kam nicht. Beim Hinabsteigen im Büro hatte sie sich das Bein gebrochen, landete im Krankenhaus, musste operiert werden. Eine Metallplatte wurde eingesetzt
Wo bleibst du? schimpfte Viktor ins Handy. Wie lange soll ich noch warten?!
Theresa ging es schlecht, sie konnte kaum sprechen, schaltete das Handy einfach aus.
Später, nach der OP, schrieb sie ihm noch eine Nachricht: Holst du mich ab? Ich schaffe das allein nicht! Es kam nie eine Antwort.
So war nun auch Theresa kaputt. Frauen alle nicht mehr zu gebrauchen!
Theresa, warum spielst du die Heldin? flüsterte Gertrud ihr zu, während sie im Rollstuhl durch die Gänge rollten. Geh langsam! Nimm die Krücken richtig! Stütze dich auf mich, du darfst! Gertrud kannte inzwischen alle Ärzte, besuchte Theresa regelmäßig. Perfektes Timing, das mit dem Bein. Krank sein sollte man abwechselnd Ich habe meine Ergebnisse: alles gut bei mir.
Theresa hörte auf, mit den Krücken zu ticken, drehte sich zu Gertrud um, lehnte den Kopf an ihren Hals, wie ein verängstigtes Fohlen, atmete tief durch.
Ich freu mich, Gertrud! Ehrlich! Und du bist kein Pferd, nicht die Bohne Du bist eine Antilope!
Gertrud Wagner lächelte. Vielleicht wirklich eine Antilope. Das klingt schön
Eines Tages betrat Viktor Theresas Wohnung, wollte noch ein paar Sachen holen und traf dort ausgerechnet auch auf Gertrud. Er verzog das Gesicht, stieß Gertruds Schuhe aus dem Weg.
Du auch hier? Verbündet ihr euch jetzt? Fang nicht an, okay? Dein ewiges Gejammer vermiest mir das Leben! knurrte er.
Mach ich gar nicht, sagte Gertrud ruhig. Aber die Wohnung gehört übrigens mir, geerbt von meinem Opa, das hat mit dir nichts zu tun. Ich muss ja irgendwo herumliegen mit meinen Gebrechen. Unser Sohn kommt übrigens zu den Semesterferien. Und Viktor, such dir einen Roboter. Aber die gehen auch irgendwann kaputt. Wie du leben willst, weiß ich nicht. Mit Menschen ist es eben umständlich. Tschüss, die Tür ist da!
Gertrud schob Viktor zur Tür hinaus, kehrte in die Küche zurück, wo Theresa mittlerweile die Krücke fallen und den Tee verschüttet hatte.
Mit Menschen ist es umständlich, anstrengend, man muss sie lieben, Mitgefühl zeigen, sich hingeben Aber dafür lieben sie zurück, stehen hinter einem, wärmen, trösten, freuen sich über jeden Erfolg.
Viktor wollte keinen Aufwand, schonte sich, und wofür, wusste er selbst nicht So hüpfte er sein ganzes Leben über fremde Schicksale hinweg. Und am Ende? Das Alter naht, und niemand bleibt. Mit Menschen, das ist ihm zu mühsam, da hilft vielleicht eine Pflegerin dann zahlt wenigstens jemand für ein bisschen Liebe und Gesellschaft, damit er nicht alleine an die Decke starren mussGertrud hob die Teekanne, trocknete Theresas Hand und lachte leise, ein ehrliches, glockenhelles Lachen. Du bist wirklich ein Unglückrabe, weißt du das?
Und du bist zu nett, Gertrud. Theresa schaute zögernd auf, doch in den Augen der anderen lag keine Spur von Mitleid, nur Verschworenheit.
Draußen begann es sacht zu schneien; das Licht der Straßenlaternen spiegelte tanzende Flocken ins Fenster. Gertrud rückte näher an den Küchentisch, nahm Theresas gesunde Hand in ihre. Sie saßen im warmen Schein, umgeben vom Duft nach verschüttetem Tee und frischen Erdbeeren. Die Wunden, die Viktor in ihren Leben hinterlassen hatte, konnten sie einander nicht nehmen aber sie warfen nun keinen Schatten mehr zwischen sie.
Weißt du, in ein paar Wochen kannst du wieder laufen. Aber zusammen stehen, das schaffen wir schon jetzt. Gertrud blinzelte. Vielleicht laufen wir nie wieder wie Rennpferde, aber Antilopen, hast du gesagt? Die springen auch, selbst wenn sie stolpern.
Theresa schmunzelte, das Herz ruhig wie lange nicht. Sie wusste plötzlich: Es war vorbei, das Warten im Halbdunkel, das Sich-verstecken vor der Welt und vor Viktor. Es war nicht der Sturz, der zählte, sondern wie man danach wieder aufsteht oder eben sitzt, mit einer Freundin am Küchentisch, während draußen die Welt in Schnee versinkt.
Viktors Stimme, sein Lachen, seine Umarmungen sie verblassten in ihrer Erinnerung. Was blieb, war dieses leise Sich-aufrichten, zu zweit, und die Gewissheit, dass kein Mensch unbrauchbar ist, solange jemand da bleibt, Tee einschenkt, zuhört und das kaputte Herz nicht als Makel, sondern als Einladung nimmt.
Als irgendwo eine alte Standuhr schlug, lachten Gertrud und Theresa plötzlich los Befreiung, Erleichterung, Zukunft. Draußen schob ein Windstoß die Wolken beiseite, und für einen Augenblick fiel goldenes Licht auf die Szene, als hätte das Leben selbst einen Scheinwerfer gesetzt: Nicht Sieger braucht diese Welt, sondern jene, die nach dem Fallen wieder leise lachen können.
Und während sie nebeneinander saßen und die Wintererdbeeren teilten, ahnten sie beide: Manchmal sind die Brüche und Narben im Leben keine Schwäche, sondern machen es erst leuchtend.



