Ich werde auf dich warten

– Mama, ich ruf’ zurück! rief Erik, warf sein Handy auf den Beifahrersitz, riss das Lenkrad nach rechts und trat ordentlich auf die Bremse.

Der betagte VW Golf zitterte, schlenkerte, schaffte es aber, anständig auf dem Standstreifen zum Stehen zu kommen. Die vorbeirauschenden Fahrer allesamt hupsüchtig signalisierten unisono ihre Unzufriedenheit: Man solle doch gefälligst vernünftig fahren, Menschenskinder!

Einer hielt sogar an, riss die Fahrertür auf und rief barsch:
Wo hast du denn deinen Führerschein her? Ausm Kaugummi-Automaten?!

– Das geht dich gar nichts an! maulte Erik zurück und stieg schnell aus seinem Golf, jetzt war echt keine Zeit für Stammtischparolen.

Er stapfte am Seitenstreifen entlang, den Blick fest auf den Hund gerichtet, der im Staub am Straßenrand lag und schwer atmete. Das weiße Fell war von roten Flecken durchzogen.

War ja klar, dass das wieder schiefgeht…, dachte Erik zynisch, während er näher kam.

Schon aus der Entfernung hatte er gesehen, wie zwei Männer den Hund an den Pfoten packten, wie nen ollen Lumpensack auf die Böschung warfen und sich dann Hals über Kopf in ihren schwarzen SUV warfen.

Der SUV war genau der, der kurz vor Erik auf der Landstraße mit V-Max und ohne Rücksicht auf Gegenverkehr an ihm vorbeigedonnert war. Erik hatte schon damals ordentlich geflucht, denn er wollte eigentlich selbst gerade überholen. Noch mal Glück gehabt.

Kein Wunder, dass er schimpfte von solchen Heißspornen auf der Straße konnte man alles erwarten, meistens nichts Gutes.

Erik hatte zwar nicht gesehen, was mit dem Hund passiert war, aber fest stand für ihn: Der Hund lag wegen des SUV-Fahrers jetzt da. Wer sonst? Zu spät gebremst das war das Resultat.

Ein trauriges Resultat.

Er hockte sich neben den Hund, wischte sich mit der verschwitzten Hand die Stirn und streichelte zaghaft übers Fell.

– Wie hast du es denn nur geschafft, hier zu landen?

Der Hund hob mühsam seinen Kopf, blickte Erik an ein Blick, der durch Mark und Bein ging. Für einen Moment hatte Erik das Gefühl, in die Augen eines Menschen zu blicken. Eines Menschen, der genau weiß: Es geht dem Ende zu.

Ja, Erik hatte tausendmal gehört, man solle Tiere nicht vermenschlichen. Ein Hund ist eben nur ein Hund, basta.

Aber wie soll man das verhindern, wenn einem in diesen Augen Schmerz, Traurigkeit und vor allem eine einsame Verzweiflung entgegenschlagen? Wenn der Hund da wie ein alter, vom Leben gezeichneter Opa liegt und keiner braucht ihn mehr. Und dabei ist er uns doch im Grunde ziemlich ähnlich. Auch er will leben. Will Liebe, Aufmerksamkeit, ein wenig Geborgenheit.

Erik musste sich wirklich zusammenreißen, um nicht gleich loszuheulen. Aber keiner verlor die Fassung weder der Hund, noch Erik selbst.

Stattdessen schwiegen sie sich an. Und im Blick des Hundes verschwand die Hoffnung nicht ganz: Vielleicht hilft ja doch noch jemand? Vielleicht bleibt einer wenigstens bei mir, sagt ein freundliches Wort, bevor es zu Ende geht…

– Keine Sorge, alles wird gut versprach Erik nach einer Weile. Ich lass dich hier nicht allein, ja? Halte noch ein bisschen durch, gib jetzt nicht auf…

Der Hund versuchte, seinen Schwanz zu heben, ein dankbarer Blick und dann

…schloss er die Augen.

– He, jetzt nicht einschlafen, ja?!

Erik wischte sich die Tränen aus dem Gesicht, sprang auf, rannte zum Kofferraum, kramte nach einer alten Decke, sprintete zurück, legte die Decke um den Hund, hob ihn behutsam hoch und verfrachtete ihn in den Golf. Schon in der nächsten Sekunde drückte er fest das Gaspedal durch.

Eigentlich war Erik ein braver Autofahrer; Tempolimits einzuhalten, war quasi Teil seines Lebensmottos. Aber die Situation ließ kein Taktieren zu: Das Leben des Hundes lag in seiner Hand.

Ich muss es schaffen Ich muss es schaffen! grübelte er und schaute immer wieder nervös auf den Navigationsbildschirm das Ziel: die nächste Tierarztpraxis. Nicht mal mehr zehn Kilometer entfernt.

Der Hund öffnete die Augen kein einziges Mal. Aber er atmete noch. Also, Hoffnung!

Erik merkte, wie der Puls stieg, als plötzlich aus dem Nichts ein Polizist auf der Fahrbahn auftauchte, die Kelle schwingend als wäre sie der Zauberstab von Harry Potter.

Fluchen wollte Erik lauthals. Wo kommst du jetzt her?! Warum hältst du ausgerechnet MICH an und nicht den Irren im SUV?! Und dann ausgerechnet jetzt…

Ignorieren kam nicht in Frage. Wer in Deutschland ein Polizeisignal missachtet, ist geliefert. Schweren Herzens lenkte er den Wagen an den Rand, blieb stehen.

– Hauptkommissar Weber! stellte sich der Ordnungshüter vor, als er ans Auto trat. Sagen Sie mal, was soll denn der Stress? Die Tempo-80-Schilder stehen ja nicht zum Spaß!

– Tut mir leid antwortete Erik trocken. Aber verstehen Sie, es ist eine absolute Notlage…

– Ja, ja, Notlage… grinste Weber. Da hat jeder seine Story: Die Frau kriegt grad ein Kind, einer will den ICE bekommen Und bei Ihnen?

– Sehen Sie mal auf die Rückbank.

Der Kommissar sah hin und seine Augenbrauen schossen nach oben.

Zwei Minuten später raste die Polizeistreife mit Blaulicht in Richtung Stadt gefolgt vom alten Golf.

Weber war zum Glück ein Hundemensch:

– Ich hab selber einen zu Hause meinte er, als er sich anbot, Erik zur Tierklinik zu lotsen. Wir Hundebesitzer müssen zusammenhalten.

Vor der Praxis TIERisch Gut sprang der Kommissar gleich raus, hielt Erik die Tür auf und wünschte Glück.

Und versprach noch:

– Den Fahrer vom schwarzen SUV schnappe ich mir. Der ist bestimmt auf irgendeiner Kamera zu sehen!

– Vielen Dank! rief Erik dem Kommissar nach und rannte mit dem Hund auf dem Arm in die Klinik insgeheim hoffte er, dass wirklich noch Hilfe möglich war.

*****

Monate waren vergangen, seit Erik von seinem letzten Außendienst nach Hause fuhr und anhalten musste, um zu helfen. Der Hund hatte tatsächlich Glück im Unglück.

Keine offensichtlichen Brüche, die Wirbelsäule sieht gut aus, meinte die Tierärztin Dr. Siebert nach dem Röntgen. Großer Bluterguss, aber sonst alles okay. Sie haben ihn gerettet wäre er liegengeblieben, keine Chance.

Fast zwei Wochen lang lag der Hund in der Klinik, liebevoll umsorgt vom Team, bevor Erik ihn nach Hause holte zwecks Rehabilitation. Zu Hause erklärte er seiner Frau:

– Anna, wenn ich schon die Verantwortung übernommen hab, dann zieh ich das auch durch. Sie braucht noch Zeit, um fit zu werden. Ich hoffe, du bist einverstanden!

– Ich bin ja nicht dagegen meinte Anna. Aber wer passt denn auf? Ich habe genug zu tun im Büro, du bist ständig unterwegs…

– Schon gut… Wir holen uns Hilfe! Hauptsache, wir lassen sie jetzt nicht im Stich. Keiner sonst kümmert sich um sie.

– Stimmt, du hast ja recht.

Fritzi, wie die Tierärztin den Hund liebevoll getauft hatte, kam nur mühsam wieder auf die Beine. Verständlich laut Arzt war sie mindestens zehn Jahre alt.

In dem Alter, wissen Sie selber, dauert alles ein bisschen länger. Aber keine gravierenden Verletzungen, Gott sei Dank. Ich empfehle Geduld!

Erik hörte zu, nickte brav aber innerlich wälzte er Sorgen: Wie löst man das mit dem Hund, wenn beide Eheleute durchs Berufsleben rotieren?

Weder er noch Anna konnten unbezahlten Urlaub nehmen; seit einem Jahr läuft schließlich der Immobilienkredit. Wer in Deutschland eine Wohnung finanziert, weiß, was das heißt: ätzend lang abbezahlen und arbeiten wie ein Weltmeister, am besten rund um die Uhr.

Familie gründen, Kind kriegen das stand auch noch auf der Agenda. Kurz: Der Stresspegel war permanent auf Vollausschlag.

Selbst zu seiner Mutter Ingrid, die allein im Schwarzwald wohnte, schaffte es Erik kaum noch.

– Na, kommt ihr wenigstens am Wochenende vorbei? Ich hab Maultaschen gemacht, Frikadellen, und als Nachtisch Rhabarberkompott! rief Ingrid am Telefon.

– Mama, das klappt leider nicht sorry. Auch nächstes Wochenende nicht. Zu viel zu tun im Büro…

– Ach, schade… seufzte die Mutter traurig. Ich vermisse euch beide. Aber wenn ihr es mal schafft, sagt Bescheid, damit ich den Tisch decken kann.

– Versprochen.

Wochen und Monate verstrichen, doch Erik und Anna kamen nie. Arbeiten, funktionieren, fertig. Mit Ingrid gab es nur kurze Telefonate Erik war einfach zu erschossen nach den langen Tagen.

Natürlich nagte das schlechte Gewissen, schließlich hat man nur eine Mutter. Doch das Leben spielte gerade anders, und bis der Kredit getilgt war, gabs keine Pausen.

Wenn Ingrid dann doch nach Glasbehältern für ihre Einmachkünste rief, willigte Erik ein: Klar, bring ich mit, wenn ich Zeit hab! Aber dann kam wieder Fritzi dazwischen und die Gläser gingen per Taxifahrer an die Mama. Ingrid freute sich höflich, aber eigentlich wollte sie ihren Sohn sehen und suchte nur einen Vorwand.

Fast ein Jahr hatte sie Erik nicht mehr live gesehen. Die Zeit verstrich, sie wurde auch nicht jünger.

– Mama, ich versuche, bald vorbeizukommen, versicherte Erik am Telefon in einem müden Tonfall.

Aber wieder verstrich ein ganzer Monat, in dem Fritzi ganztägig Fürsorge und Brei brauchte sie konnte noch nicht richtig kauen. Gut, dass Annas Büro nicht weit weg war. Wenn sie nicht nach Hause flitzen konnte, sprang Erik selbst ein: mal mit dem Auto, mal mit der S-Bahn alles damit das Tierchen versorgt ist.

Langsam, aber stetig wurde Fritzi wieder fit. Erik dachte sogar daran, einen neuen Platz für sie zu suchen, obwohl sie ihm echt ans Herz gewachsen war. Aber was für ein Leben ist das denn für eine alte Hundedame, wenn Halter früh aus dem Haus gehen und erst abends wieder auftauchen?

Doch einen guten Platz fand er nicht. Niemand wollte eine betagte Hündin, die mal unter die Räder gekommen war.

Abends saß Erik dann auf dem Sofa, zappte lustlos durch die Kanäle und war völlig ratlos. Einfach aussetzen? Unvorstellbar, auch wenn Kollegen meinten: Och, die war doch eh mal Straßenhund, packt sie schon wieder!

Nein, das packt sie eben nicht, dachte Erik. Sie ist zu alt und noch nicht wieder ganz gesund.

Fritzi spürte, was bei Erik los war und wurde noch trauriger. Aber statt den Lebensmut zu verlieren, genoss sie einfach jeden Tag mit Anna und Erik und versuchte, fröhlich zu sein.

– Erik, warum bringst du Fritzi eigentlich nicht zu deiner Mutter auf den Hof? fragte Anna eines Abends.

– Meine Mutter?

– Na klar. Sie wohnt allein, freut sich bestimmt. Und für Fritzi ists auf dem Land eh schöner als in der Stadt.

– Mensch, du hast recht… Wie konnte ich da nicht dran denken?! Erik war sofort Feuer und Flamme.

So fuhren Erik, Anna und Fritzi am nächsten freien Wochenende Richtung Schwarzwald zu Ingrid.

Ingrid wirbelte inzwischen vergnügt durch die Küche, kochte Riesenportionen Linseneintopf, schwäbische Maultaschen und Frikadellen. Sie war direkt bereit, Fritzi zu adoptieren, freute sich aber am allermeisten auf ihren Sohn und die Schwiegertochter.

Geplant war ein Tag, geblieben sind die drei dann das ganze Wochenende. Wegfahren? Wollten sie gar nicht mehr. Endlich mal raus aus dem Alltag das tat richtig gut!

Als sie wieder losmussten, standen Ingrid und Fritzi am Gartentor und winkten beide mit einem erwartungsvollen, leisen Lächeln im Gesicht.

Erik sah durchs Rückspiegel zwei Blicke, die alles sagten: Ich warte auf euch. Und plötzlich wusste er: Es ist einfach schön, einen Ort zu haben, an dem man immer erwartet wird.

– Weißt du was, Anna, lass uns nächste Woche spontan zu Mama fahren einfach so, als Überraschung! Grillfleisch nehmen wir mit, dann machen wir ein Barbecue im Garten. Da freuen sich sicher nicht nur Mama, sondern auch Fritzi!

– Coole Idee! lachte Anna. Aber meinst du, dein Chef gibt frei?

– Alles schon geklärt. Klar, machen wir Minusstunden, aber weißt du was Geld ist auch nicht alles im Leben.

– Da hast du recht. Ich ruf auch gleich meine Mädels an, dass ich weg bin übers Wochenende.

*****

Als Erik am Wochenende auf den Hof fuhr, traute er seinen Augen nicht: Ingrid und Fritzi warteten schon mit bester Laune am Tor.

– Mama, alles okay? rief Erik überrascht.

– Klar, mein Junge! Wir haben auf euch gewartet!

– Aber woher…?

Erik blickte zu Anna, die genauso verdutzt war.

– Wieso wusstest du, dass wir kommen? fragte Erik, während er Ingrid fest umarmte.

– Ach, das hat mir Fritzi verraten! grinste Ingrid. Heute früh saß sie vorm Tor und hat immer in Richtung Straße geguckt. Ich habs mir schon fast gedacht, dass ihr kommt!

– Kaum zu glauben… lachte Erik und ging in die Hocke, um Fritzi zu kraulen. Dabei wollten wir euch überraschen, haben extra Fleisch eingekauft für Grill und Garten.

– Das wird schon, meinte Ingrid schmunzelnd. Aber erst gibts Mittagessen. Ich hab alles vorbereitet!

Seitdem fuhren Erik und Anna nun jedes Wochenende raus zu Ingrid auf den Hof.

Erik schämte sich ein wenig, dass er das nicht früher gemacht hatte. Aber nach allem, was passiert war, wusste er auf einmal wieder eines ganz genau: Man schafft nicht alles Geld der Welt ran aber solange die wichtigsten Menschen (und Hunde) noch da sind, sollte man zu ihnen halten.

Denn sie warten auf einenDer kleine Hof im Schwarzwald wurde zum Wochenendparadies einer Insel im stürmischen Meer des Alltags. Nach kurzer Zeit kannten sich Fritzi und Ingrid besser als jeder Hund und jede Oma auf diesem Landstrich. Ingrid erzählte beim Kaffeetrinken Geschichten von früher, teilte heimlich Würstchen unter dem Tisch aus, bis Anna lachend schimpfte.

Erik merkte, wie ruhig das Herz schlug, wenn er unter der knorrigen alten Eiche im Garten saß Anna lesend neben ihm, Fritzi schlafend zu seinen Füßen, irgendwo aus der Küche der Duft nach Maultaschen und Apfelkuchen. Die Arbeit in der Stadt schien auf einmal so fern wie ein anderes Leben.

Und als irgendwann im Herbst ein Regenbogen über dem Hof stand, Fritzi etwas steif, aber mit wedelndem Schwanz hinter Ingrid herlief, begriff Erik, was zählt: Dass Liebe und Zeit niemals warten und dass Glück manchmal ganz einfach ist. Es liegt in einer warmen Stimme am Telefon, einem aufmerksamen Hundeblick, in einem gedeckten Tisch. Und im friedlichen Wissen, endlich angekommen zu sein zu Hause, am richtigen Ort, bei denen, die einen erwarten.

Fritzi schüttelte sich, schnappte sich einen Stock, rannte zum Gartentor und blickte Erik an. Als hätte sie sagen wollen: Siehst du das Leben kann doch wunderbar sein.

Und für einen Moment war wirklich alles gut.

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Homy
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Ich werde auf dich warten
Trotz allem, die Mutter