Der Tag, an dem der Schnee fiel
Leonhard Böhm saß auf einer Bank im Park und lächelte selig in sich hinein.
Vom Himmel, schwer behangen mit dichten, frostigen Wolken, wirbelten großzügig Schneeflocken herab zum ersten Mal in diesem Winter. Mal stoben sie geradewegs nach unten, mal ließ der Wind sie zur Seite und sogar nach oben tanzen, als hätten sie das Gesetz der Schwerkraft vergessen.
Schon war Leonhards Hut vom Schnee überzogen, auf den Schultern lag er wie ein leichter Schal, fast so wie der warme, weiche Wollschal, den seine Großmutter in seiner Kindheit getragen hatte nur ein wenig heller. Wenn Leonhard damals krank war, band Oma ihm diesen Schal um, kochte Tee mit Himbeerkompott und las ihm Märchen vor.
Und in allen diesen Märchen siegte am Ende das Gute, Liebende fanden sich im zarten Kuss, und das Böse kroch geschlagen davon, fern und zitternd im Schatten seiner eigenen Ohnmacht. Dann wurde es friedlich, das Zimmer seiner Großmutter verschwamm freundlich vor seinem inneren Auge, und Leonhard schlief ruhig ein…
Sanft hob Leonhard die Hände, die eben noch ruhig auf seinen Knien gelegen hatten, neigte leicht den Kopf und betrachtete die an seiner warmen Handschuhspitze festklebenden Schneeflocken. Jede war einzigartig, vollkommen in ihrem kleinen Kosmos so wie das Leben selbst.
Wieder lächelte Leonhard, wischte den Schnee von seinen Lippen und zog den Mantelkragen höher. Der Schal rutschte von seinen Schultern, zerfiel in tausend weiße Flocken.
Herr Böhm? Sind Sie das? Ein junges Gesicht schob sich unter den Hutrand und strahlte rotwangig, glatt rasiert, freundlich, selbst der kleine Riss in der Wange machte ihn nur interessanter. Was sitzen Sie denn hier? Es schneit doch wie verrückt. Sie sind ja schon halb eingeschneit!
Eine Hand in einer Skihandschuh, tauchte aus dem Schneeschleier auf und begann, den angeschneiten Senior vorsichtig abzubürsten.
Ach ja, Max Es schneit. Und wie! Da hat der Herrgott die Welt wieder einmal eingehüllt. Geh nur, ich bleibe noch etwas, ich genieße die frische Luft.
Leonhard dankte seinem Nachbarsjungen Max, der ihm so oft schon Gesellschaft geleistet hatte, und blickte wieder träumerisch in die Weiße.
Aber wie wollen Sie hier lange bleiben? Ihre Frau Gertrud wartet bestimmt schon! Sie sucht Sie! Sie dürfen sich doch nicht erkälten. Kommen Sie, ich bringe Sie nach Hause. Gertrud macht Ihnen bestimmt einen Tee, es gibt bestimmt gleich Abendbrot. Max zog an Leonhards Mantel, aber der schüttelte entschieden den Kopf, bewegt die Lippen unter seinem noch immer leicht eingeschneiten Schnauzer.
Ich gehe nirgends hin, Max. Setz dich, setz dich doch! Immer rennt ihr alle herum wie aufgescheuchte Hühner. Schau doch mal, was um dich herum passiert Leonhard deutete auf den verschneiten Hof, die tief eingeschneiten Autos.
Nun gut, ich setz mich. Ich seh schon! Max ließ sich neben ihn plumpsen, legte seine Handschuhe unter sich, schlug die Beine übereinander und verschränkte fröstelnd die Arme. Ich schaue, wirklich! Und sah.
Ein Hof wie jeder andere, eng und schmal, aus dem Keller miaut die streunende Katze Frieda. Frieda wird von allen Nachbarn gefüttert, aufsammeln möchte sie niemand, ihr Charakter ist einfach zu launisch.
Ein kleines Kind zieht eifrig einen Schlitten zur Rodelbahn. Die Mutter steht in fetten Schneestiefeln ungeduldig unter dem Vordach des Hauses und redet dem Kind zum Gehen zu, aber der Junge will natürlich jetzt im frisch gefallenen Schnee spielen der ganze Winter war bisher schneelos!
Max schaute eine Weile dem Treiben zu, seufzte.
Warum lächeln Sie denn so? fragte er schließlich.
Ich? Leonhard schien Max schon ganz vergessen zu haben und zuckte zusammen.
Sie. Ich beobachte Sie schon eine Weile, Sie lächeln ständig, nickte Max.
Ich bin einfach glücklich, Max. Sehr glücklich, selbst wenn ich niemanden habe, mit dem ich das teilen kann. Leonhard atmete tief und frei ein, der kalte Frost zog belebend durch seinen Brustkorb, kitzelte und ließ ihn beinahe husten.
Ach? Ist das möglich, dass man sich freut und niemand zum Teilen da ist? Was ist mit Frau Gertrud? Lassen Sie uns gehen, Sie wird sich freuen, Sie anzuhören! Max versuchte nochmal sanft, ihn von der Bank zu locken.
Nein! Gerade ihr darf ich das nicht erzählen. Es würde sie verletzen Geh ruhig allein, ich bleibe noch. So gut war mir schon lange nicht zumute.
Leonhard hob das Gesicht und streckte es den Schneeflocken entgegen. Sie landeten auf seiner Nase, taumelten mit ihren winzigen Armen, schmolzen als Tränchen hinab.
Teilen Sie Ihre Freude doch mit mir. Ich seh doch, Ihnen ist danach! schlug Max vor, neugierig, was den stillen, korrekten Herrn so selig stimmte.
Vielleicht wärmt ja ein Tee im Café mehr? Meine Schuhe sind schon ganz nass, und ich ruf Gertrud an, damit sie sich keine Sorgen macht. Was meinen Sie? bot Max an.
Nein. Ich will sitzen bleiben widersprach Leonhard sanft, Geh nur, Max.
Nein, dann bleib ich eben auch hier. Max rollte einen Schneeball und traf die Laterne nicht.
Weißt du Leonhard beugte sich verschwörerisch zu Max Ich bin Opa geworden! Stell dir vor, Max, ich habe eine Enkelin bekommen! sagte er mit leiser, fast ehrfürchtiger Stimme. Kaum zu fassen! So winzig, wunderschön! Schau, ich kann sie dir zeigen! Er nestelte aufgeregt am Smartphone, suchte und knibbelte nervös, bis er das Bild fand. Hier, sieh doch!
Max sah sich das undeutliche, etwas verschwommene Foto eines Neugeborenen an. Vom Fernseher wusste er, dass Babys meist zerknittert und rot zur Welt kommen, oft wie missmutige alte Leute aussehen, schreien und zappeln. Was fand Leonhard daran schön?
Das Baby auf dem Bild schlief, das kleine Fäustchen neben dem runden Gesicht. Die lustige Mütze saß schief auf dem Kopf.
Ja süß murmelte Max.
SüßE! Ein Mädchen, Max, meine Enkelin! Leonhard klang leicht verärgert ob von Max’ kühler Reaktion.
Ist schon gut. Aber ehrlich gesagt, sehen doch alle Babys gleich aus, zumindest wenn sie im Fernsehen gezeigt werden… Unter Leonhards strengem Blick schwieg Max lieber.
Wie können sie nur gleich aussehen! Schau genau hin, sie hat meinen kleinen Stupsnasenansatz, schau die Bäckchen! Leonhard rückte ihm das Handy fast unter die Nase.
Jetzt seh ich’s. Herzlichen Glückwunsch, Herr Böhm! Das ist wirklich eine Freude. Max klopfte sich auf die Knie. Warum darf Frau Gertrud sich nicht mitfreuen? Es ist doch auch ihre Enkelin
Es ist nicht ihre Enkelin, sie hat nichts mit diesem Kind zu tun. Das ist eine ganz andere Geschichte… Leonhard stand plötzlich auf, lief auf und ab, gestikulierte, der Schnee rieselte aus seinem Mantel, der Hutrand hing schwer herunter, völlig durchnässt.
Wie, nicht ihre Enkelin? Max verstand gar nichts mehr und wich ein wenig zurück.
So ist es, Max. Ich erzähls dir, aber du musst versprechen, es niemandem zu erzählen. Versprich es!
Versprochen, Herr Böhm. Max wackelte mit den Zehen, seine Füße waren ganz durch.
Weißt du, als junger Mann Ach, ich war äußerst beliebt bei den Frauen, Max! Ja, das war ich! Großgewachsen, gepflegt, charmant… begann Leonhard.
Wirklich? Weiß das Frau Gertrud? feixte Max.
Hör auf zu unterbrechen, hör einfach zu! tadelte Leonhard. Ich hatte viele Liebschaften, ich gebe es zu. Anfangs liebten sie mich, doch als ich das Interesse verlor, verfluchten sie mich. Glaub mir, Max, nichts ist gefährlicher als eine verlassene Frau. Manche, wie meine Natalie, weinten, klammerten und flehten, andere, wie die Susanne, schleuderten Vasen nach mir, Dritte, wie Anja, riefen bei der Arbeit an und zerstörten meinen Ruf. Aber ich habe überlebt, irgendwie. Jede hat später ihr Glück gefunden, hat Familie bekommen, und ich habe mich ehrlich für sie gefreut. Aber da war immer diese kleine Sehnsucht hätte ich nicht auch Familie haben können? Ein Kind? Aber das war nicht so, ich blieb allein. Bis Gertrud kam. Sie forderte nichts, hielt Abstand. Ich war wie verloren, ein für alle Mal. Sie hat den Ton angegeben, sie hat mich gezähmt! Wir bekamen unseren Sohn Paul, ich liebe ihn. Aber immer hatte ich dieses Gefühl… Irgendwo gibt es noch ein Kind von mir, ich war doch nie krank, hätte sieben Kinder zeugen können!
Und Sie warteten auf einen Anruf statt sich zu fürchten? Warum wollten Sie denn unbedingt noch Kinder? Sie haben jetzt einen Sohn.
Ihr versteht das nicht… Diese Männer, die meine Ex-Frauen heirateten, waren doch nie so wie ich! Vielleicht erziehen sie heute mein Kind, das meine Talente, meinen Humor, meine Art hat. Und sie, die neuen Männer, reichen mir nicht mal bis zum kleinen Finger!
Sie sind wirklich ein Original, Herr Böhm! Max kratzte sich verlegen an der Nasenspitze. Wie hätte Frau Gertrud wohl auf so einen Anruf reagiert, dass Sie ein weiteres Kind haben?
Das hätte sie niemals erfahren dürfen, Max! Und jetzt, mein Kind hat eine Tochter bekommen meine Enkelin! Ich habe sie nicht aufwachsen sehen, aber sie ist mein Fleisch und Blut. Ja, vielleicht hat man sie mir verheimlicht. Aber jetzt weiß ich es! Ich werde sie kennenlernen, ihnen helfen, ja, sie unterstützen!
In welchem Krankenhaus wars? Wie heißt die Mutter? fragte Max.
Keine Ahnung. Das müssen wir herausfinden. Kannst du bitte gleich anrufen, Max! Der Absender der Nachricht ruf da an, stell dich als mein Assistent vor, frage nach! Hier!
Max betrachtete das Handy, unschlüssig.
War dieser Leitende Herr Böhm etwa doch nicht der verschrobene alte Nachbar, sondern ein richtiger Charmeur? Ihm war nie aufgefallen, dass in Leonhard mal so das Leben brodelte!
Vielleicht hatte Gertrud ihn wirklich umerzogen? Ja, sie hatte ihn fest eingebunden nicht mit Zank oder Tränen, sondern mit geschickten Ratschlägen, Verbindungen und kluger Fürsorge. Sie hatte ihn unterstützt, ihn vital gehalten und ihm eine Familie geschenkt. Trotz allem hatte Leonhard manchmal von seinem wilden, verpassten Leben geträumt.
Würde Gertrud je von einer unbekannten Tochter erfahren oder gar einer Enkelin, dann gäbe es für Leonhard keine Rückkehr mehr…
Zögerlich tippte Max die Nummer.
Wie heißt sie? Ihr Name? zischte er zu Leonhard rüber.
Der zuckte nur die Schultern. Die Namen der Vergangenheit, wer merkte sich das bei so vielen…
Hallo? Guten Tag, hier spricht das Büro von Herrn Leonhard Böhm! stotterte Max, als endlich jemand ans Telefon ging. Bitte leiser? Natürlich.
Wer sind Sie? Was wollen Sie? wisperte eine Frauenstimme.
Ich? Äh, ich rufe im Auftrag von… Ach wissen Sie, am besten sprechen Sie selbst… Max drückte Leonhard das Handy in die Hand.
Also gut. Leonhard straffte sich plötzlich, wie von innen erleuchtet. Verzeih, mein Kind, ich weiß gar nicht, wie du heißt! Deine Mutter hat mir nie von dir erzählt, aber ich bin so froh! Froh, dass es dich gibt, meine Fortsetzung, nun auch ein Enkelkind. Weißt du, ich habe immer gespürt, irgendwo wächst
Moment mal! Wer sind Sie überhaupt? Sie spinnen wohl, oder? Alles verrückt geworden vom Schnee Ach, Sie sind der, dem ich aus Versehen das Foto geschickt habe! Und Sie wissen nicht mal meinen Namen? Aufgelegt, Herr… Bitte rufen Sie nie wieder an.
Die Unbekannte legte auf, und Leonhard erfuhr nicht einmal, wie seine Tochter, die heute seine Enkelin geboren haben sollte, wirklich hieß
Max starrte entsetzt auf Leonhard, dessen Gesicht im Nu aschfahl wurde, plötzlich viel älter wirkte. Und auch der Schnee schien aufzuhören, das Himmelszelt hatte sich geöffnet und zeigte sein dunkles, kaltes Inneres. Der Hutrand hing traurig an Leonards Stirn.
Kopf hoch, Herr Böhm. So ist das manchmal… murmelte Max. Nun durfte er heim und sich unter die heiße Dusche stellen. Aber wie lässt man den Nachbarn so zurück?
Ob ich traurig bin, Max? Ach was! Sie ist nur ein bisschen wütend, meine Tochter! Ich war ja auch nie in ihrem Leben, das Mädchen… Aber sie wird mir vergeben, eines Tages wird sie anrufen! Und das Baby sieht mir wirklich ähnlich! stammelte Leonhard trotzig, und stapfte weiter.
Max nickte, sah das Ähnlichkeit zwar nicht, stimmte aber zu.
Gertrud betrachtete ihren Mann überrascht, nahm ihm Mantel und Hut ab.
Leonhard, wo warst du? Ich hab mir Sorgen gemacht! fragte sie schließlich.
Ich war spazieren, liebe Gertrud. Sieh nur, wie herrlich der Schnee gefallen ist! Er nahm ihre Hände, drehte sie mit ihr im Kreis, bis er am umgefallenen Regenschirm hängengeblieb. Ein wundervoller Abend, einfach wundervoll!
Gertrud zuckte mit den Schultern. Schnee eben… Aber nun müsste sie morgen wieder in all den Schneebergen durch das Viertel waten.
Vor dem Schlafen betrachtete Leonhard noch einmal verstohlen das Babyfoto und lächelte. Wie gut, dass ein neuer Mensch geboren wurde! Gerade an so einem magischen Tag, mit dem ersten Schnee. Vielleicht wird sie so glücklich, wie der Tag weiß ist! Und selbst, wenn sie nicht sein leibliches Kind war wir sind doch alle eine große Familie, alle Kinder von Adam und Eva.
Mit diesem versöhnenden Gedanken schlief Leonhard ein. Gertrud drehte sich noch lange neben ihm, ihre kalten Füße wärmend an seinem Bein.
Alter schützt vor Torheit nicht seufzte sie, schloss dann auch die Augen.
Und vor dem Fenster begann es erneut zu schneien, hielt kurz inne, gönnte der Welt eine theatralische Pause und dann schneite es weiter, nicht etwa zaghaft, sondern kräftig, damit die kleine, neugeborene Frankfurterin ihr allererstes Morgen in einer festlich weißen Stadt begrüßen konnte
Am Ende muss man akzeptieren, was das Leben bringt. Manchmal sind unsere Geschichten voller schimmernder Möglichkeiten, und manches mag sich als Trugbild erweisen. Doch jeder neue Tag schenkt Chancen, sich zu versöhnen nicht nur mit anderen, sondern vor allem mit sich selbst.




