Die Gemütliche Blockhütte

Die Hütte

Was ist denn da draußen? Regnet es etwa? Leonie zog sich die Decke über den Kopf, ihre Stimme klang mürrisch aus der Bettburg. Ekelhaft und kalt. Ich steh später auf, wenn das Wetter sich beruhigt hat. Ein dumpfes Rauschen. Wie, Schnee? Schneesturm? Pfui, da bleib ich doch ganz im Bett! Wer, zum Teufel, hat schon wieder den Schnee eingeschaltet, liebe Leute?! Eure Skrupel möchte ich haben! Gerade gestern habe ich mir neue Schuhe gekauft, vorbereitet, heute wollte ich sie ausführen… Und jetzt stehen sie da im Flur die sauteuren Dinger, sollen ruhig alle drüber stolpern! Wegräumen? Nein, Leute, Bären im Winterschlaf räumen nichts weg. Und ich bin praktisch im Winterschlaf so tief, da buddelt mich keiner aus! Nein, ich höre den Wecker nicht! Nein, ich hab gesagt, ich höre gar nichts! Sie hob die Stimme voller Inbrunst. Warum brülle ich? Weil ich nichts höre und ihr mir das nicht abnehmt. Hört auf, mir die Decke wegzuziehen das ist gefährlich! Warum?

Ihr wisst wohl nicht, dass man schlafende Bären nicht wecken darf, sonst werden sie böse? Kennt ihr das etwa nicht? Na, jetzt wisst ihr es! Sie seufzte theatralisch. Doch ich bleibe liegen. Bis zum Sommer… Wintermantel ist in der Reinigung und die schicken Schuhe stehen nur blöd rum. Ich bin nicht bereit für euren komischen Winter. Immerzu kalt, dann plötzlich heiß, habt ihr noch nie von anständigen vier Jahreszeiten gehört? Die sollen sich abwechseln, nicht so hopplahopp! Gilt auch für den Winter! Nein, ich weiß nicht, was März, trag zwei Paar Hosen bedeuten soll, Oma! Ich trage sowas nicht. Nein, die Dinger auf dem Stuhl sind nicht meine Leggings. Und warum schreist du so Unterwäsche ist Privatsache! Ich rufe doch auch nicht laut aus, dass du im Bad Volkslieder schmetterst! Nun reichts! Gib mir die Leggings wieder und geh, wohin du willst. Ich bin der Bär. Ich hab Höhle, Pranke und einen gesunden, tiefen Schlaf. Genug gestampft jetzt! Nur weil du zur Arbeit musst? Müssen alle. Aber keiner stampft so! Oje! Mach das Radio aus, ich schlafe! Was? Das ist nicht das Radio? Der Chef? Warum ruft der auf MEIN Handy an? Nicht deiner? Meiner? Steht da Herr Schneider? Ach du je… Hallo… Halloooo… Leonie setzte sich so ruckartig auf, dass ihr schwindelig wurde. Ich klinge heiser? Nein, Herr Schneider, ich bin kerngesund…

Warum schimpft ihr alle heute? rief sie aufgebracht. Nicht über mich? Ach, Sie stecken im Stau? Ich wo? Leonie sah sich in ihrem Zimmer um. Ich im… Na klar, ich stehe auch im Stau! So viele Autos! Sie glauben gar nicht, Herr Schneider! Die fahren alle, als wären die Straßen aus Gummi! Auf welcher Straße? Mh Und Sie? Auf der Hauptstraße? Echt? Linke Spur blockiert? Ich auch! Genau da, links auf dem Boulevard! Welche Farbe mein Auto hat? Rot natürlich, das wissen Sie doch, mein kleiner Fiat, geschenkt von Papa. Liebt mich Papa? Finden Sie? Ach, ich weiß nicht Mein Vater ist streng. Warum ich so dumpf rede? Stau eben, klemmt total, kann kaum noch den Mund bewegen Sie schob mit einer Hand den Schwanz ihrer Lieblingskatze Minzi aus dem Gesicht. Ein Fiat ist nun mal kein Panzer! Was, warum spreche ich als hätte ich ein Kissen im Mund? Hier gibts gar kein Kissen! Sag ich doch, stecke im Stau! Modell dabei? Was denn, ich gähne doch gar nicht, wie kommen Sie darauf?! Modell hab ich, ja. Eine Hütte. Keine Hütte? Was dann? Ein Herrenhaus. Alles dasselbe Nein nein, das bezieht sich nicht aufs Modell, Herr Schneider, sondern auf den Verkehr. Kaufen einen Führerschein und dann rasen sie rum, pah! Herrenhaus steht hier neben mir, also sitzt, also Warten Sie, ich rufe Sie zurück Minzi, was ist denn los mit dir?

Du hörst wohl nicht, dass ich gerade mit dem Chef spreche? Kleine, wenn der mich feuert, gibts kein Trockenfutter mehr, verstanden? Also lass mich! Er denkt, ich sitze im Auto. Hihi! Sie kraulte hinter Minzis Öhrchen. Wohin sollte ich in so einem Schneegestöber fahren? Später, alles später Jemand soll die Katze füttern! Ich? Kam die Stimme der Großmutter aus dem Flur. Ich hab doch schon angeheizt, soll ich auch noch füttern? Na super, Bären füttern doch keine Katzen! Ich schlafe jetzt weiter. Ist der Winter aus? Nein? Na dann So einen schönen Traum unterbrochen Dabei hab ich… irgendwas Schönes Oh Gott! Herr Schneider?! Was machen Sie in meinem Bett?! Leonie fuhr endgültig hoch, runzelte die Stirn und klemmte sich das Handy ans Ohr. Ihre Arme waren so schlaff, dass sie das Gerät kaum halten konnte.

Sie sind gar nicht im Bett, sondern im Stau? Ah… Hab ich nicht aufgelegt? Warum schreien Sie so, Herr Schneider! Ich… Ich steh doch schon auf! Siehst du, Großmutter, ich bin wach! Mama, Kaffee und Croissant, sofort! Na gut, ohne Croissant… auch ohne Kaffee. Oma, wenigstens du hab Erbarmen! Was? Ich bin faul? Ich? FAUL?! Ich hab gestern Nacht ein ganzes Modell gebaut! Ein echtes Herrenhaus, Herr Schneider! Oma, wenigstens ein Brotkrümel Ja, ein ganz kleines Mh lecker! Wo ist mein Mantel? Oma, wo ist mein Mantel?! Wer hat die Wildleder-Schuhe hier hingestellt diese sündteuren, in Italien gekauften Schuhe?! Ich Ja, das sind sie, die besagten Was, Herr Schneider? Nicht mehr eilig? Schon egal?… Und die Hütte? Nicht mehr nötig… Ich hab die ganze Nacht gesägt, Herr Schneider! Die ganze Nacht! Sie selbst haben gesagt: Notfall! Ich habe Opa aus der Garage vertrieben und selbst… Was? Respekt für Opa? Wo ist er jetzt? Opa! Opa, Herr Schneider will mit dir sprechen! Was? Entschuldigung, Herr Schneider, Opa ist weg. Oma, wo ist er? Brötchen holen? Spaß? Er ist in den Schnee raus, genauer weiß ich nicht. Ich fahre aber gleich los!

Leonie sprang aus dem Haus, den Modell-Herrenhaus vor der Brust, im schlichten blauen Anzug und schwarzen Mantel. Sie setzte die Füße auf gut Glück, denn das Haus aus Sperrholz beanspruchte beide Hände. Im Inneren leuchtete ein warmes Licht, auf dem Fensterbrett saß eine angeklebte Katzenfigur das stand nicht auf dem Auftrag, aber Leonie fand, so eine Katze am Fenster machte alles gleich viel heimeliger.

Fast hätte sie sich langgelegt, doch von hinten griff Oma Margarete nach dem Modell und stützte die Enkelin. In grauem Daunen-Kopftuch, einer Pelzweste überm Hauskleid, barfuß in Filzstiefeln, wirkte sie neben Leonies filigranem Häuschen urwüchsig.

Na komm, gib her, sonst wackelst du das ganze Kunstwerk noch kaputt! schimpfte Oma entschlossen. Wir kennen doch solche Typen. Ach Leonie, Leonie! Was soll aus dir nur werden?! Wo ist dein Wagen? Sag Opa danke, dass er ihn heute früh freigeschaufelt hat! maulte Margarete und stapfte den verschneiten Bürgersteig entlang. Wo ist deine rote Kutsche? Na super, dein Vater, dass ihm einfiel, dir sowas zu schenken! Dir sollte man überhaupt nichts Ernstes anvertrauen! Höchstens Sperrholz und Säge. Die ganze Garage voller Späne, und woher du immer dieses Holz schleppst?! Man hat dich in die Stadt gebracht, du hast Ausbildung, festen Job, und trotzdem knuddelst du Säge und Fräse! Hauptsache, einer heiratet dich mal…

Will wohl niemand, Oma. Da, das Auto! Wohin willst du mit der Hütte? Ab in den Kofferraum. … Also, Oma, Küsschen, ich muss los!

Leonie hielt die Wange hin, erstarrte.

Wohin willst du? Ich komm mit. Keine Widerrede! Fahrst du das Haus kaputt, war die ganze Nacht im Schuppen für die Katz! Ich halte das Modell auf dem Schoß. Kindergarten, ehrlich! Margarete schmatzte ihrer Enkelin einen Kuss auf und setzte sich entschlossen ins Auto.

So direkt fährst du los? In der Weste und den Filzschuhen? grummelte Leonie.

Sie kam aus der Betreuung durch die Alten einfach nicht raus und selbst wenn sie fort wollte, Oma Margarete sagte, sie käme sowieso nach. So lebte Leonie mit der Familie, und alle hielten sie für klein und dumm. Selbst Herr Schneider tat das wahrscheinlich. Aber eins konnte Leonie: sie hatte goldene Hände! Sie spürte das Holz, als sei es ihre eigene Haut, schnitzte, sägte, tüftelte… Zum Geburtstag der Oma hatte sie eine Schmuckschatulle gebaut mit Opas Hilfe, aber die Muster schon selbst entworfen! Für die Mutter eine Walnuss-Anhänger, für den Vater einen Tassenhalter und nun dieses Herrenhaus… wie die Nossmanns es bestellt hatten. Die wollten das in ihrem Wohnzimmer aufstellen: ein Kunstwerk fürs Auge, wie Frau Nossmann, Angelika, so charmant sagte.

…Wissen Sie, Herr Schneider, wir sind in unseren Kreisen bekannt, und man möchte sich doch abheben, nicht wahr? hatte Angelika gesagt, als sie lächelnd Herrn Schneider die Hand drückte. Rings ums Haus Bäumchen, Büsche, kleine Spielzeugautos ein echtes Landschaftsmodell. Können Sie das?

Herr Schneider nickte.

Aber der Zeitpunkt, Herr Schneider! Wir brauchen es schon morgen! rief plötzlich Herr Nossmann theatralisch, so als hinge sein Leben daran.

Reg dich ab, Leo, du darfst dich nicht aufregen! Herr Schneider kriegt das hin! Er ist doch ein Zauberer! Angelika zwinkerte verschmitzt und lächelte, als ob sie mehr wüsste, als sie sagte. Schaffen Sie das? Gut bezahlt wirds auch!

Herr Schneider mochte keine riskanten Manöver, keinen Stress und schon gar keine aufgedrehten Damen. Aber er brauchte das Geld. Die Werkstatt kämpfte ständig ums Überleben denn wer wollte schon reihenweise solche Modelle, Häuschen und Gärtchen kaufen?! Immer musste er improvisieren…

Machen wir. Gibts eine Vorlage? fragte er. Zeichnungen, Skizzen solche Begriffe waren bei Angelika verschwendet. Für Zauberer reichte ein Bild…

Natürlich! Hier, das ist irgendein Haus aus dem Internet, gefällt mir. Und wir behaupten, das bauen wir so auf Leos Heimat. Leo, wo bist du eigentlich geboren? Sie wandte sich an ihren Mann, der mit nervöser Geste zuckte.

In Bielefeld, das weißt du doch! rief er.

Dann sagen wir, auf meiner. Ich bin immerhin aus Osnabrück, mein erster Schrei war im Gartenhaus… Meine Mutter war schon hochschwanger und ach, das ist eine pikante Geschichte! Angelika gluckste. Jedenfalls wir sind uns einig, Herr Schneider? Das Haus muss morgen fertig sein!

Sie verließ das Büro mit einer souveränen Drehung, ihr Mann eilte hinterher.

Nach ihrem Abgang rief Herr Schneider eine Krisensitzung ein, erklärte den Auftrag, mahnte die knappe Zeit. Alle Mitarbeiter, echte Künstler und Individualisten, schüttelten die Köpfe sowas auf die Schnelle, geht gar nicht! Wer kreativ arbeitet, braucht Muße, einen Moment des Innehaltens, Inspiration. Manche fanden sie an der Bar, andere bei Gesellschaft, die Dritten schauten stumpf an die Decke und tranken Kaffee

Und Leonie? Die setzte sich einfach hin und machte. In einer Nacht, fast wie im Märchen. Sogar die Großmutter war fasziniert.

Die Nossmanns war das Innenleben des Hauses egal hätte Leonie noch eine Woche gehabt, es gäbe Esszimmer, Schlafzimmer, Küche Aber wenigstens die Katze auf dem Fenster!

Leonie! Nicht zu schnell, Kind! Nicht so eilig fahren, hörst du?! flüsterte Oma Margarete und hielt das Häuschen fest umklammert.

Keine Angst, Oma! Alles unter Kontrolle! Achtung, Kurve! Ach, welche Deutsche liebt nicht schnelle Fahrten! Leonie lachte. Siehst du, der Schnee hat aufgehört weil du dabei bist!

Margarete stöhnte, schloss die Augen und ließ sich mitfahren

Um zehn parkten sie vorm Büro. Die Nossmanns sollten in einer Stunde erscheinen.

Na los, Leonie, hilf mir! Den Winkel Halte bitte die Ecke! Aber bitte, die Ecke! Margarete stöhnte beim Aussteigen.

Mit viel Mühe wuchteten sie das Modell aus dem Auto Kindergarten, ehrlich! und balancierten es Richtung Haupteingang.

Der Pförtner beäugte Margarete neugierig und wieselt mit dem Metalldetektor um sie herum.

Junger Mann! Wie soll ich denn dein Metall verstecken, etwa in die Filzstiefel? Besser, du hilfst mal anpacken! fauchte Margarete.

Nicht böse sein, Oma, das ist sein Job! Leonie lächelte entschuldigend und rief den Aufzug.

Im dritten Stock glitt Leonie rückwärts aus dem Lift, dann das Modellhäuschen, dann Oma in Pelzweste und Filzstiefeln nach.

Krause! Endlich! Ich dachte, Sie liegen immer noch in der Höhle! Wollten Sie uns heute mal beehren? stichelte Herr Schneider. Gerade so geschafft

Sie, junger Mann, hätten weniger frotzeln sollen! unterbrach Margarete und stemmte die Hände in die Hüften. Das Kind hat die ganze Nacht im kalten Schuppen gearbeitet und ist trotzdem hier. Und was tun Sie? Wer sind Sie überhaupt?

Oma! Das ist mein Chef wurde Leonie knallrot.

Heiliger Himmel! Chefs tragen Anzug und Krawatte, der kommt da in Jeans Margarete schnalzte mit der Zunge.

Jetzt aber zackig, die Nossmanns sind gleich hier! Modell in den Konferenzraum, ich helfe schon! Na los

Sie platzierten das Modellhaus auf dem ovalen Konferenztisch, Leonie kabelte und stöpselte, bald leuchtete das Häuschen in warmem, orangem Licht, die kleinen Lampen am Eingang ebenfalls, sogar das Rundfenster im Dach.

Leonie betrachtete ihr Werk verträumt, Oma Margarete stand ebenfalls beiseite, schaute beglückt. Schließlich betrachtete auch Herr Schneider das kleine Kunstwerk.

Die Katze ist perfekt da! seufzte Margarete, so richtig gemütlich.

Nossmanns wollten keine Katze, schüttelte Schneider den Kopf und meinte dann: Schade eigentlich…

Nun sah er gar nicht mehr auf das Modell, sondern auf Leonies verschmitztes, sommersprossiges Gesicht, das gerade jetzt so wunderschön aussah, dass Wie hatte er das bisher übersehen können?

Ahem! räusperte sich jemand hinter ihnen.

Angelika schwebte herein, hinter ihr Leonhard mit ihrem Mantel.

Störe ich? fragte Angelika.

Nein, ganz und gar nicht! sprang Schneider auf. Wir sind fertig! Leonie Krause hat alles wie gewünscht und schnell erledigt.

Er trat beiseite, Angelika lächelte zufrieden, warf Margarete einen abschätzenden Blick zu.

Und wer ist das da? Die Putzfrau? Warum schaut sie auf MEIN Haus?

Das klang kindisch, aber Angelika blieb unverfroren.

Das ist keine Putzfrau. Das ist unsere Beraterin! improvisierte Schneider.

Mir egal. Sie soll raus. Sie riecht nach Mottenkugeln! fauchte Angelika. Leonhard, bitte entferne die Frau.

Leonhard ließ den Mantel aufs Sofa fallen, seufzte.

Schneider runzelte die Stirn, zwang sich zum Lächeln. Vielleicht stoßen wir auf das vollendete Projekt mit Sekt an? Ich kümmere mich gleich

Ich warte, bis diese Spinnerin in der Weste draußen ist! zickte Angelika, keine Spur von Deeskalation.

Margarete stampfte mit dem Filzstiefel. Es klang etwas dumpf.

Leonie wurde rot, aber nicht vor Scham so rot wurde sie nur, wenn sie wütend war. Sie wollte schon protestieren, da trat Angelika ganz nahe an sie heran.

Und wer hat dieses Häuschen gebaut? Mädchen, hörst du nicht Sekt! Los, nimm deine Oma und ab an die Bar!

Angelika war deutlich angeschickert, torkelte leicht, die Augen etwas glasig.

Entschuldigung, das ist die Künstlerin ihres Auftrags, Leonie Krause. Sie hat das gestern Nacht, wie Aschenputtel, vollbracht, erklärte Schneider mit sonderbarem Seufzer auf vollbracht.

Angelika warf einen kühlen Blick auf Leonie, verzog die Lippen. So ein Mäuschen? Das ist doch ein Witz! Ich dachte, Sie hätten hier echte Künstler Was für eine Hässlichkeit! Herr Schneider, wie konnten Sie unseren Auftrag dieser Fröschin überlassen? flüsterte sie ihm fast ins Ohr, aber laut genug, dass alle es hörten. Sie hauchte ihm ins Gesicht, seufzte bedeutungsvoll. Für diese Frau, so schien es, gab es nie genug Drama.

Da mochte sie das Modell plötzlich nicht mehr, sie wandte sich ab. Das gefällt mir alles nicht, Haus, Katze, Lampen alles zuwider! Bezahlen werde ich nicht. Herr Schneider, Sie werden Ihren Fehler noch bereuen!

Wie? Ich habe den Auftrag ausgeführt. Sogar besser als Ihre Vorlage. Sie, Frau Nossmann, sollten sich gutes Benehmen zulegen. Ich dulde keine Beleidigungen meiner Mitarbeiter und Gäste (der Blick galt Margarete Krause). Wenn es Ihnen nicht gefällt, die Tür kennen Sie.

Mit einem Fingerdeut zeigte er Richtung Ausgang. Angelika zuckte wie vom Schlag getroffen, krallte sich an ihre Handtasche. Leonhard! Wir gehen! Dich hat man falsch beraten, dieser Kerl hat keine Ahnung von Schönheit. Weg da!

Sie stieß Margarete wie ein Möbelstück zur Seite und stolzierte davon. Die Sehnsucht nach Bewunderung kurz angebrochen.

Leonhard schnappte den Mantel, folgte seiner Frau, drehte sich an der Tür noch einmal um, zuckte schuldbewusst mit den Schultern: Verzeihen Sie, meine Frau, hormonell, wurde aber sofort von Angelika weitergezerrt.

Hormonell, mein lieber Schwan! knurrte Margarete, packte nach der Hütte. Los, Kind! Heim mit dem Kunstwerk, stell ich ins Wohnzimmer, wenn auch nirgends Platz ist. Beim nächsten Mal mach doch was kleiner!

Lassen Sie mal!, mischte sich Schneider ein und schob ihre Hände vom Modell. Wenn Leonie Krause entscheidet, das Modell soll zu Ihnen, dann organisiere ich ein Auto. Aber jetzt lassen Sie uns wenigstens das Gelungene feiern das das…

Er stockte. Was war gelungen das Projekt? Der Tag? Nichts passte.

Der Fortschritt war gelungen!, half Margarete nach. Sie werden Leonie doch befördern, Herr Schneider? Geben Sie ihr endlich eine Werkstatt! Sie hat unseren ganzen Keller vollgesägt. Da kann noch was passieren! Hier haben Sie sie unter Kontrolle, warm ist es auch gleich! Und dass wir verschlafen waren, lag nur am Nachtdienst. Leonie war die ganze Nacht fleißig, müde

Oma! Schluss jetzt, bitte!, platzte Leonie.

Kann nicht, Kindchen! Der Goldfisch hört gerade zu jetzt muss man groß wünschen, vielleicht klappts!

Schneider lächelte.

Wie wärs mit einem Café? Ich hab Hunger, ihr? schlug er vor.

Margarete winkte ab, Leonie schob sie los das Mädchen hatte schließlich noch nichts gegessen.

Und Sie? wunderte sich Schneider.

Ich bewache die Hütte! Wer weiß, was sonst passiert. Margarete schmollte.

Das Modell genauer: das Herrenhaus wurde kurze Zeit später von einer Immobilienfirma fürs Foyer gekauft, als Werbemodell für echte Landhäuser. Ihr Chef lobte Leonie, bot ihr einen Job an. Doch sie lehnte ab sie hatte jetzt schließlich Frühling, Aufträge, eine neue Werkstatt und: einfach einen Igor. Ohne Herr Schneider. Denn wie sollte man seinen Verlobten noch beim Nachnamen nennenAuf dem Heimweg saß Leonie vorn hinter dem Steuer, das Radio spielte leise, während draußen der letzte Schnee schmolz. Margarete hielt das Modell zärtlich auf dem Schoß, als wäre es ein lebendiges Geschöpf. Die Welt im Auto duftete nach Sägespänen und frisch gebackenem Brot, nach Zuhause und unaufgeräumter Zukunft.

Kurz vor der Häuserzeile bog Leonie in die Nebenstraße. Die Sonne brach durch die Wolken, warf einen goldenen Streifen aufs Armaturenbrett. Margarete betrachtete ihre Enkelin diesen eigensinnigen, verschlafenen Bären, der sich über Nacht in eine Baumeisterin verwandelt hatte.

Wirst du’s noch einmal tun? fragte sie leise.

Leonie grinste schief, blickte kurz zu ihrer Oma und dann auf das kleine Haus zwischen Margaretes Händen. Na klar, Oma. Vielleicht baue ich dir mal ein ganzes Dorf. Mit Bärenhöhlen, Katzen auf jedem Fensterbrett und Platz für alle, die sich zu Hause fühlen wollen auch für alle, die sonst nirgends hinpassen.

Margarete lächelte zufrieden, zog ihre Filzstiefel fester an. Weißt du, Kind, das ist das Schönste, was du machen kannst: Den Leuten ein Zuhause zaubern. Manche sind eben dafür geboren.

Leonie spürte, wie ihre Müdigkeit verflog. Mit der freien Hand fuhr sie durch die Haare, fühlte das Rauschen von Möglichkeiten, die vor ihr lagen. Sie dachte an all die leeren Schuppen, die nutzlosen Späne, an Modelle, Katzen, Lichter und plötzlich wusste sie: Es war Zeit, eigene Türen zu bauen. Türen zu neuen Geschichten, neuen Träumen.

Sie grinste in den Frühlingshimmel und startete den Wagen nicht mehr auf der Flucht, sondern auf dem Weg nach Hause.

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Homy
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