Sein Kind retten
Ihr Kind trug Katharina mit besonderer Fürsorge aus sorgfältig, wie ihr Mann Markus es verlangte. Nach zwei Fehlgeburten waren sie vorsichtig in allem. Sie erzählten niemandem von der Schwangerschaft, schmiedeten keine Pläne für die Zeit, wenn das Baby da sein würde.
Während Katharinas Freundinnen schwanger fröhlich durch Cafés zogen, ans Meer fuhren oder bis zum letzten Tag arbeiteten, hütete sie das Haus. Markus bestand darauf, dass sie sich schonte, machte Druck, dass sie einen Krankenschein nach dem anderen einreichte.
Schwangerschaft ist keine Krankheit, Markus! Sei nicht so!, lachte Katharina noch bei der ersten Schwangerschaft, betrachtete ihren runden Bauch im Spiegel. Auch bei der zweiten laughte sie. Doch wenn etwas geschah, saß sie zusammengerollt und machte sich Vorwürfe.
Sie schwor sich, nie wieder schwanger zu werden es tat zu sehr weh, ein Kind zu verlieren, das man gar nicht erst in den Armen hielt. Aber Markus wollte Kinder. Und so stimmte Katharina wieder zu.
Beim dritten Mal war Januar, draußen tobte ein Schneesturm, man konnte kaum das Nachbarhaus erkennen. Katharina sollte zurück in die Arbeit eine wichtige Besprechung stand an. Auf dem Tisch lag das Attest, das sie ins Personalbüro bringen sollte.
Du gehst nirgendwohin. Auf der Arbeit sind viele Menschen, und damit viele Infekte!, tadelte sie Markus streng. Weißt du nicht, wie gefährlich Viren in deinem Zustand sind? Ruf an und sag, du bist krank. Ich bring dir den Krankenschein.
Ach Markus… ein einziges Mal noch, bitte. Ich will die Kollegen nicht im Stich lassen.
Katharina, Schluss jetzt. War nicht genug, was passiert ist? Du bist doch nicht aus Schmerz klug geworden!, fuhr Markus sie heftig an. Es war kein böser Wille er hatte Angst um seine Frau, machte sich Sorgen. Doch Katharina hatte das Gefühl, er könnte sie schlagen. Bald wissen wir das Geschlecht, es wird bestimmt ein Mädchen. Sie muss es, Früher waren es Jungs, die brauchen wir nicht mehr. Ein Mädchen muss es sein.
Warum sind Jungs nicht gut genug?, Katharina drückte schützend ihren Bauch. Jedes Kind ist willkommen, Markus. Sprech so nicht! Es hört alles!
Schweig, Katharina. Du verstehst nichts. Ein Mädchen muss es sein. Je früher wir es wissen, desto besser.
Katharina schüttelte den Kopf.
Du redest dir alles ein Junge oder Mädchen, Hauptsache gesund. Und wenn? Auf Arbeit gehst du doch selbst und bringst mir Küsse, ob’s nun Viren gibt oder nicht. Mach dir nicht so viele Sorgen, ich bin vorsichtig, versprochen. Katharina lächelte, drehte sich zu Markus, umarmte ihn Denk an das Gute. Kuss jetzt! Sofort!
Sie stand vorsichtig auf, umarmte ihn.
Jetzt gehts nicht, ich muss los!, Markus drehte sich weg. Mädchen. Fertig.
Wieso bist du so stur?, Katharina seufzte. Gerade aus dem Krankenhaus entlassen, hatte sie auf einen schönen Tag gehofft. Zu Hause hätte sie gern Kakao getrunken und mit Markus einen Film geschaut. Der Kakao, den er selbst kochte, war ihr geliebtes Ritual. Er nannte sie immer mein Mädchen. Andere fanden das altmodisch, sogar etwas herablassend, doch Katharina mochte es. Zärtlichkeit kannte sie so kaum von ihrem Vater, der meist wenig Zeit und für Worte der Liebe noch weniger Gespür hatte. Er nannte sie Kathi oder manchmal Schwalbe”, was für ihn schon das höchste der Gefühle war.
Im Haus, einem alten Backsteinbau am Stadtrand von München, nisteten Schwalben unter dem Dach. Sie machten Lärm, wenn Tauben oder Krähen vorbeizogen. Kleine Katharina konnte mittags deshalb nur schwer einschlafen und rief den Vögeln zu. Einmal wäre sie beinahe aus dem Fenster gefallen, als sie die Schwalben sehen wollte. Im letzten Moment kam ihr Vater herein. Sie drehte sich zu ihm, erzählte keck, sie wolle die Vögel aus der Nähe sehen.
Nie hatte sie ihn so erschrocken gesehen. Stillhalten, Katharina, flüsterte er. Es ist ein Spiel, sonst erschrecken die Vögel.
Er sprach leise, Katharina nickte, lächelte. Als sie in seinen Armen war, hörte sie, wie er schluckte, dann schimpfte, aber schlug sie nie. Sie weinte, verstand nicht, warum er so wütend war. Danach durfte sie nie mehr allein am offenen Fenster stehen. Ihr Vater montierte eiserne Gitter. Katharina protestierte Dann sehe ich ja gar keine Vögel mehr!
Du wirst sie schon noch sehen, meinte er mürrisch. Er führte sie zum Dachboden, zeigte ihr die Taubennester, fuhr mit ihr an einen alten Baggersee, wo die Schwalben ihre Höhlen bauten. Aber an das Fenster durfte sie nie mehr.
Als Kind hatte Peter einen guten Freund, Niklas. Sie angelten zusammen an der Isar, verirrten sich einmal im Wald und wurden vom strengen Wachmann am Truppenübungsplatz hinausgewiesen. Gemeinsam gingen sie zur Impfsprechstunde, beide hatten Angst, doch schämten sich nicht.
Dann zog Niklas in einen der neuen Hochhaustürme am Stadtrand. Plötzlich war er weg tragisch, er fiel eines Tages aus dem Fenster.
Peter konnte lange nicht glauben, dass es sowas gab eben noch war jemand da, und dann nicht mehr. Das Bewusstsein kam später, wie ein schwerer Schatten.
Von da an hasste er offene Fenster, Hochhäuser. Als er seine Tochter am Fenster sah, wurde er wieder zum kleinen Jungen, der seinen Freund verloren hatte.
Peter liebte seine Tochter, sie war sein ganzer Halt nach dem Tod seiner Frau Nina, die starb, als Katharina noch ein Säugling war. Katharina sah ihr so ähnlich die Augen, das schiefe Neigen des Kopfes beim Nachdenken, das offene, leichtgläubige Lächeln.
Als sie Markus nach Hause brachte, war Peter unsicher würde Markus seine Katharina genauso lieben, wie er selbst? Doch Markus schien die Erwartungen zu erfüllen. Er achtete peinlich genau auf gesunde Ernährung, behielt im Auge, dass Katharina nie über ihre Grenzen ging, nahm ihr Bücher ab, falls sie mal wieder völlig vertieft las.
Schone deine Augen, leg das Buch dahin. Hör auf zu widersprechen, sagte er bestimmt.
Katharina murrte oft, gab aber meist nach, ließ es ihm durchgehen. Sie war ja sein Mädchen. Dieses Spiel der Schwäche gefiel ihr sie wurde umsorgt.
Vater, er passt so auf mich auf als wäre ich aus Porzellan!, lachte sie. Weißt du noch, am Bodensee? Er ließ mich nicht allein vom Steg aus schwimmen, dabei kann ich besser schwimmen als er! Ich hab ihn geneckt.
Gut so. Du bist meine einzige Tochter, es ist gut, wenn du beschützt wirst. Zuerst habe ich auf dich aufgepasst, jetzt tut es Markus. Hör auf ihn, ja? Peter Ferdinand streichelte den Kopf der erwachsenen Tochter, so wie früher. Draußen hörte man wieder Schwalben, die aber durch die Gitter und dichten Vorhänge unsichtbar blieben.
Katharina war daran gewöhnt, hinter Gittern zu leben wie ein kleiner Vogel im Käfig. Man hatte ihr immer beigebracht, dass das sicherer sei, und daran glaubte sie.
Als Markus vom dritten Mal erfuhr (das glückliche Mal, wie er es nannte), schloss er den Käfig enger. Über den ersten Kindern trauerte er nicht männlicher Fötus im Ärztebericht, das reichte für ihn, um froh zu sein, dass kein Junge geboren war. Katharina verstand nichts. Er sagte ihr nichts sie würde ihn sonst für irre halten, dachte er. Ein Mädchen musste es werden.
Und noch etwas! rief Markus im Flur. Keine Besuche mehr von dieser Birgit, die raucht und riecht nach Parfüm, das ist schädlich fürs Kind.
Du übertreibst, Markus… Und wenn es ein Junge wird ich würde es so sehr wollen. Und er
Katharina erschrak, als Markus mit der Faust gegen die Wand schlug. Dann trat er zu ihr, sagte langsam und mit Nachdruck: Du trägst meine Tochter aus, also halte dich an die Vorschriften. Katharina, ich kann nicht mehr, du schaffst es ja nie, ein Kind zur Welt zu bringen! Alle anderen könnens, nur du nicht. Glaubst du, es macht mir Freude? Mach einfach, was ich sage. Wie viel Geld sollen wir noch in deine Behandlungen stecken?!
Er ging, und Katharina saß verloren in der Küche. Sie fühlte sich schuldig, warum nur? Die Ärzte sagten, es sei einfach Pech gewesen… Vielleicht sollte sie mit Birgit reden.
Birgit…, sagte Katharina müde ins Telefon.
Was ist los, Kathi? Klingst so traurig?, keuchte Birgit hektisch, war wieder unterwegs. Katharina erwischte sie bei der Arbeit.
Es ist… ich bin schwanger, flüsterte sie.
Na Glückwunsch!, antwortete Birgit demonstrativ gut gelaunt; sie wusste genau, das war ein Pulverfass. Warum also schwarzer Schleier? Schluss mit den trüben Gedanken! Lass uns später spazieren und ich lese dir Märchen vor, kuschele dich ein. Hm, Katharina?
Markus will nicht, dass ich mich mit dir treffe. Du rauchst, und… Er sagt, das gefährdet das Baby. Vielleicht rufe ich dich einfach nur noch an. Er ist grad so angespannt… Hat gestern gesagt, einen Jungen brauchen wir nicht, hat geschrien…
Und was hast du ihm geantwortet?, fragte Birgit leise. Sie mochte Markus nicht, fand ihn irgendwie unheimlich. Findest du das okay, dass er für dich entscheidet, mit wem du befreundet bist und wen du zur Welt bringst?
Ich hab nichts gesagt, murmelte Katharina.
Birgit schwieg, dann lachte sie kurz und bitter: Also passe ich nicht mehr als Freundin zu dir. Markus sagt so, du schweigst dazu. Wie du meinst, Katharina. Ruf lieber nicht zu oft an nicht, dass ich noch schade. Aber merke dir eins, Markus ist gestört. Bald sperrt er dich zu Hause weg! Und geh nicht zu Dr. Abel, die ist fies. Such dir Frau Krause, tolle Ärztin. Und bitte, schreib mir Briefe da steckt sich niemand an.
Aber Birgit! Das meinst du doch nicht ernst…, wollte Katharina noch sagen, doch sie hörte nur den Freiton.
Birgit stand da, das Telefon in der Hand und kämpfte mit den Tränen. Die Schuldige war ausgemacht dabei hatte sie sie liebevoll aufgefangen nach all dem Schlimmen, hatte sie immer wieder aufgebaut!
Die normale Frauenarztpraxis verbot Markus ihr zu viele Keime. Stattdessen kutschierte er sie wöchentlich in eine exklusive Privatklinik. Dort flüsterte er mit den Ärzten, während Katharina ständig neue, teure Untersuchungen absolvieren musste. Widersprach sie, zischte Markus: Willst du schon wieder alles kaputtmachen?!
Katharina gab nach.
Ständig kamen neue Laborwerte, Kontrolluntersuchungen, Ängste. Ich will alles unter Kontrolle!, rief Markus. Das Kind muss gesund sein. Und ein Mädchen! Katharina, warum isst du eigentlich diesen Apfel? Nur grüne sind erlaubt! Verstanden?
Sie nickte, aß nachts heimlich Süßes.
Dann kamen die Klinikaufenthalte. Mal war ihr Teint Markus zu blass, mal hörte er angeblich Röcheln. Plötzlich entdeckte er ein höheres Risiko wieder wurde sie in die Spezialklinik gebracht. Dort roch alles nach seltsamen Ölen, überall gabs heilende Steine. Die Einzelzimmer waren mit Gittern gesichert.
Machen Sie sich doch keinen Kopf!, wunderte sich eine Schwester. Hier wird für alles gesorgt, TV, bestes Essen. Wir hatten gar keine Ausstattung früher! Und hier Paradies!
Katharina hörte nur für Idioten. Warum die Gitter?, fragte sie.
Noch von früher, war mal Nervenklinik. Die Chefin wollte wegen der Renovierung nichts abbauen. Ach, so bleibts jetzt s ist sicherer, Sie fallen nicht raus. Im Frühjahr nisten Schwalben. Aber die werden leider vertrieben Nun richten Sie sich ein ihr Mann hat gleich drei Wochen Aufenthalt gezahlt!
Allein schaute Katharina die Zimmerwände an: Palmen, Seen, Felder alles aus Zeitschriften zusammengeschnitten. Nach einer Woche konnte sie die Idylle nicht mehr sehen, räumte die Bilder ab. Die Schwester schimpfte, Katharina zuckte nur mit den Schultern. Gefangene dürfen nicht selbst entscheiden?
Was soll das heißen! Sie leben hier wie die Prinzessin! Die Schwester schnaufte. Ihr Mann war vorhin hier, hat aber nicht nach Ihnen gefragt nur Laboraufträge zu Sex-Bestimmung und Störungen abgegeben. Ein Test, den es offiziell gar nicht geben dürfe
Warum? Ist mit mir etwas nicht in Ordnung? Katharina wurde panisch, sie wollte zu ihrem Vater, nach Hause, zu den Schwalben.
Er denkt wohl. Männer erleben Schwangerschaft anders. Für uns ists sichtbar für sie nicht. Die nette Schwester erzählte, sie heiße Simone. Sie setzte sich zu ihr. Such dir eine gute Ärztin, Mädchen. Nicht diese wohlangepinselten Wunderpraxen. Und lies was Anständiges.
Mir ist Lesen verboten. Markus hat alles verboten. Katharina schob wehmütig die Tasse mit dem Igel, ein Geschenk von Birgit zum Geburtstag, hin und her. Können Sie bitte meinen Vater und Birgit anrufen?
Simone nickte, notierte die Nummern. Dann musste sie eilig weg Geburtsalarm im Nachbarzimmer
Zwei Tage regnete es. Katharina stellte sich ans Fenster, fasste die Gitter.
Wie die Prinzessin im Turm!, flüsterte sie sich zu.
Hey, Gefangene!, rief von draußen jemand.
Birgit? Birgitchen?! Hol mich hier raus! Ich ich
Katharina weinte. Sie weinte in letzter Zeit oft die Hormone, sagten die Ärzte.
Was bist denn du für ein Weichei, Katharina!, rief Birgit. Pack deine Sachen, ich hol dich hier raus! Dein Vater dreht schon durch! Ich bin deine Schwester, ohne dich gehts nicht!
Katharina stopfte ihre Sachen ins Gepäck, zog sich an und ging entschlossen zum Schwesternzimmer.
Frau König, Mädels, was machen Sie? Bleiben Sie liegen!, rief die Schwester.
Ich geh heim fassen Sie mich nicht an!
Ihr Mann hat uns beauftragt, Sie dürfen nicht gehen! Das Kind könnte
Die Schwester stockte.
Was könnte? Katharina drehte sich langsam um.
Der Arzt soll das Geschlecht bestimmen. Ists ein Junge, begann die Schwester und schwieg dann.
Auswählen wie auf dem Markt? murmelte Katharina fassungslos. Birgit kam dazu, packte die Schwester am Kragen: Was ist das hier für ein Wahnsinn?!
Simone kam vorbei Haben Sie auch genug? Raus hier! Sie sind Mutter, verhalten Sie sich auch so. Sie sind nicht das hilflose Mädchen, sondern halten Sie durch!
Birgit zog Katharina raus.
Wir schaffen das. Mein Gott, Kathi, bist du naiv! Tummelst dich wie ein Küken unter lauter Raubvögeln. Woher hat Markus eigentlich das Geld für diese Wunderklinik? Na egal. Jetzt erstmal schlafen.
Peter Ferdinand hockte erschöpft bei Birgit in der Diele, eingefallene Wangen, spröde Lippen. Katharina, wie kannst du nur! Ich sorge mich! Ich liebe dich!, wiederholte er atemlos, drückte sie.
Auf der Küchenbank trocknete er ihr die Tränen, Birgit kommandierte: Nun, rein! Kind muss umsorgt werden, keine Dramen!
Peter führte sie, redete ihr Mut zu.
Schließlich suchten sie Frau Dr. Krause auf, strenge, aber warmherzige Frauenärztin. Und warum bist du nicht zu einer richtigen Heilpraktikerin auf dem Land? Komm, jetzt mal ernst: Du bist doch selbst noch ein Baby!, schimpfte sie.
Katharina murmelte: Ich war in einer teuren Privatklinik, mein Mann hat das organisert
Stille! Du bist Mutter, verhalte dich entsprechend. Geh spazieren, lache, denk nicht an Unsinn! Und Markus entscheide, ob du dir das weiter antust. Oder willst du dich weiter verstecken?, forderte sie auf.
Katharina schüttelte den Kopf. Nein, sie wollte keine Gefangene, keine Dschungelgeburt. Sie wollte einfach nur ein wenig Normalität.
Markus aber wollte sich nicht trennen, hetzte sogar die Polizei auf sie, drohte das Kind nach der Geburt wegzunehmen. Bis Birgit ins Spiel brachte, das Baby sei ein schwer behinderter Junge alles sei bestätigt und Katharina wolle keinen Cent Unterhalt, wenn er nur endlich unterschreibe.
Markus bekam Panik, setzte seine Unterschrift zitternd darunter. Einen Jungen konnte er unter keinen Umständen brauchen.
Mama, wie konnte das passieren?!, schrie Markus wenig später in der elterlichen Küche. Ich wollte doch nur ein Mädchen! Ich hätte es großgezogen, zu Gehorsam erzogen, Respekt beigebracht wie ihr es bei mir gemacht habt Hätt ich nur nicht auf die Ärzte gehört!
Seine Mutter, Vera Siegfried, stand am Fenster, tupfte Tränen ab und schwieg. Sie hatte immer gewusst, dass Markus einen Schatten hatte den Rauchunfall als Kind hatte ihn verändert. Von da an las er nur noch griechische Sagen, glaubte sich von Göttern auserwählt. Der Vater war früh weg, Vera schleppte alles alleine. Nach Katharinas Einzug schien es, als würde Markus normal. Doch dann kam alles zurück.
Markus, beruhige dich. Ich finde dir eine neue Frau. Ihr bekommt ein Mädchen, alles gut. Komm, ich mach Abendbrot.
Markus nickte, setzte sich hin wie ein kleiner Junge. Vera streichelte ihm den Kopf.
Katharina gebar schließlich einen kerngesunden Jungen robust mit großen Ohren.
Ein richtiger Siegfried!, jubelte Peter Ferdinand bei der Abholung. Schau nur, wie er schielt! Gib her, ich trage ihn. Birgit, bring die Blumen! Was für ein Kerl! Wie dein Urgroßvater, Katharina! Gut gemacht, kleines Schwalbenkind. Mager bist du… Das wird schon. Nun haben wir endlich einen Enkel, Nina! Hörst du, Nina?
Peter schwieg dann, drehte sich weg, er weinte. Auch Katharina weinte oft in jener Zeit.
Was ist los?, fragte die Bettnachbarin.
Angst. Wie soll ich ihn alleine großziehen?
Hast du niemanden?
Doch meinen Vater, Freunde.
Na siehst du. Keine Angst. Sonst gibts keine Milch!
Katharina nickte. Sie hatte ihren Vater, Birgit, Tante Toni, die Schwalben das ganze Leben. Den Jungen nannte sie Niklas, nach dem Urgroßvater.
Als sie ins Auto stiegen, sah Katharina einen Mann am Zaun des Krankenhauses. Angstverzerrtes Gesicht. Es war Markus. Er wich aus, stolperte über einen alten Reisigbesen, schimpfte und lief davon. Er meldete sich nie wieder. Katharina war froh.
Sie lernte, selbstständig und mutig zu sein, zog Niklas mit Liebe, aber nicht verhätschelnd, groß Birgit achtete darauf.
Heiraten wollte sie nie wieder. Zu groß die Furcht.
***
Hey! Alles okay? Jungs, da liegt ein Mann im Schnee!, rief Niklas eines Winterabends.
Komm weiter, Nik! Bestimmt besoffen oder obdachlos. Egal!, drängten ihn seine Freunde.
Ich rufe trotzdem den Notarzt. Es ist eiskalt!, sagte Niklas, rannte zur Telefonzelle.
Die Rettungskräfte fragten: Hast du einen Ausweis gefunden?
Nein, zuckte Niklas die Schultern.
Markus König öffnete kurz die Augen, wollte sich wehren.
Bleiben Sie ruhig! Der Junge hat Sie gefunden seien Sie dankbar!, tadelte der Sanitäter. Jetzt ab ins Auto. Sie überleben hier nicht!
Markus starrte Niklas an, verwirrte Gedanken mischten sich. Er sehnte sich so sehr nach seiner Mutter, nach Kakao, nach Lesestunden mit griechischen Mythen In seinem Kopf war Sommer.
Du kannst gehen, wir übernehmen, sagte der Sanitäter freundlich zu Niklas. Niklas nickte.
Mama, heute hab ich einen Mann im Schnee gefunden, hab den Notarzt gerufen, sie haben ihn mitgenommen, berichtete Niklas zu Hause.
Das hast du gut gemacht, mein Junge. Ich bin stolz auf dich. Alkoholiker oder krank, solche Leute haben es schwer. Sie seufzte.
Vor kurzem hatte Vera Siegfried angerufen alt, erschöpft. Markus sei verschwunden… Dabei war er schon lange verloren. Sie hatte ihn nie retten können und auch nicht den Mut, das nach außen zuzugeben…
Das Leben lehrt nicht alles können wir kontrollieren. Vertrauen, Freundschaft, Mut und die Kraft, zum eigenen Wohl Grenzen zu setzen das ist es, was zählt. Wer lernt, seine eigenen Flügel zu entfalten, erlebt die größte Freiheit.




