Lenchen sang vor Glück – und wie!

Mensch, Julia war einfach überglücklich, kannst du dir vorstellen! Sie hatte endlich ihre eigene Wohnung wirklich IHRE! Keine nervige Vermieterin, die abends um elf das Licht ausschaltet, einem buchstäblich im Nacken sitzt und das Gas unter’m Kochtopf zudreht, wenn sie meint, es reicht jetzt.

Kein Verbot, Fön oder Glätteisen zu benutzen man weiß ja nie, was da passieren kann. Baden ging auch nicht, nur duschen, und das auch bitte nur einmal am Tag, ob morgens oder abends, egal Frau Zimmermann stand garantiert vor der Badezimmertür und hämmerte an die Tür, damit Julia das Wasser leiser macht.

Ein Jahr hat Julia das durchgehalten, unter dem fast schon diktatorischen Regime von Frau Zimmermann, die glaubte, sie sei Julias Lebensberaterin. Kaum war Julia achtzehn, hat sie ihre Eltern angefleht, ins Studentenwohnheim ziehen zu dürfen.

Und das, glaub mir, war auch nicht gerade ein Wellnessurlaub. Bettwanzen und Kakerlaken waren das eine dass ihre Brutzelpfanne mit brutzelnden Bratkartoffeln geklaut wurde, als sie sich einmal nur kurz umgedreht hatte, war das andere.

Die Mitbewohnerinnen brachten ständig Jungs mit oh man, die waren vielleicht drauf. Julia hielt ein Jahr durch, bis ihr Vater sie besuchte und das totale Chaos im Wohnheim sah. Da durfte sie keinen einzigen Tag mehr bleiben und zog wieder aus diesmal in die Wohnung von Oma Gerda.

Oma Gerda war lieb, ein bisschen schrullig, aber sie meinte es gut. Nach dem Studium fing Julia an zu arbeiten, wohnte weiterhin bei Oma Gerda und sparte fleißig auf eine Anzahlung für die eigene Wohnung. Das war ihr großer Traum. Während andere Mädels auf Dates gingen und ihre Kohle für teure Klamotten oder Trendtaschen ausgaben, arbeitete Julia ohne Pause und legte jeden Cent auf Seite.

Sogar Oma Gerda sagte manchmal: Kind, ruh dich doch mal aus, racker dich nicht so ab! Aber Julia war stur und ließ sich nicht beirren.

Und dann haben ihre Eltern irgendwann gesagt, sie wollen ihr helfen sie, Mama und sogar Großtante Hannelore. Die Hannelore, das war so eine entfernte Verwandte von Papa, eine richtige Charakterfrau. Familie hatte sie nie, sie war ewig Lehrerin, bis sie stolze 85 war, hat sich mit fast allen Verwandten verkracht. Der einzige, auf den sie ein bisschen hörte, war Julias Papa. Julias Mama mochte sie aber tatsächlich, sie war ja auch Lehrerin.

Bei einem Besuch bat Hannelore dann Papa, sie ins Seniorenheim einzuweisen. Aber Papa und Mama schauten sich das Heim an und buchten stattdessen Julias altes Zimmer für Hannelore frei. Julias Zimmer war eh leer, weil sie inzwischen in einer anderen Stadt lebte.

Hannelore war sogar ganz erleichtert, meinte, sie weiß selbst, wie grässlich sie manchmal sein kann, und dass sie niemandem zur Last fallen will. Aber Papa und Mama bestanden darauf quasi zur Beruhigung aller, schließlich haben sie selbst Katze Minka und Wellensittich Fritz, die sonst immer irgendwo untergebracht werden müssen, wenn sie verreisen.

So passte Hannelore auf Tiere und Haus auf, und meine Eltern mussten sich keine Sorgen mehr machen. Außerdem konnte jeder gemeinsam essen, keiner musste Sprit verfahren, Oma hatte Gesellschaft, wenn Papa mal zum Angeln fuhr Win-win für alle.

Und obwohl Hannelore anfangs zögerte, merkte sie schnell: Sie war doch nicht allein auf der Welt. Sie lebte noch ein paar schöne Jahre mit ihren Lieben zusammen, wurde wirklich von Liebe umsorgt und als sie ging, vermachte sie alles Julias Papa.

Julia bekam extra ein Collier von Hannelore, das sogar in schweren Zeiten nicht verkauft wurde. Sie trug es mit Freude und erinnerte sich jedes Mal an die liebe alte Dame.

Dann schlug Papa vor, Hannelores alte Wohnung zu verkaufen und Julia im neuen Wohnort eine zu kaufen, wenn es ihr da so gefiel. Und zack, hatte Julia endlich ihre eigene Zwei-Zimmer-Wohnung in Nürnberg. Die Vorbesitzerin schwor, sie lasse gute Energie zurück und Julia legte gleich mit Renovieren los, Eltern natürlich an ihrer Seite.

Julia hatte immer neue Vorstellungen, Papa setzte alles um, ganz geduldig. Am Ende war die Wohnung ein Traum. Sogar Mama bekam Lust, zuhause umzubauen, und Julia versprach, sich was Tolles fürs elterliche Haus auszudenken.

So lebte Julia sich in Nürnberg ein und schloss die Stadt richtig ins Herz. In der Arbeit lernte sie Annika kennen, die beiden wurden Freundinnen, Annika kam oft zu Besuch.

Julia erzählte irgendwann, wie sie als Kind mit ihrer Freundin Jule und Nachbarin Miriam immer aufs Dach des Mietshauses stieg und da sonnenbadete.

Annika fand das total cool und wollte das auch machen. Hoffentlich sperren die uns nicht da oben ein, wie bei dir damals! erzählte Julia. Ihr alter Hausmeister, Herr Schäfer, war schwerhörig und hatte das Dach einfach abgeschlossen, während sie noch oben waren. Ihr Vater natürlich ein siebter Sinn kam eher heim, spürte, dass was nicht stimmt, und befreite die Mädels.

Und, gabs ordentlich Ärger?, fragte Annika. Ach, Quatsch, lachte Julia. Mein Vater hat mich immer vor Mama beschützt. Die war streng und weiß bis heute nicht alles, was ich als Kind angestellt hab.

Annika seufzte, sie selbst habe als Kind immer ordentlich Ärger bekommen. Vielleicht sollten wir gleich mit dem Hausmeister reden und uns den Schlüssel holen, dann weiß jeder Bescheid. Gesagt, getan. Der Hausmeister, Herr Rasim, zögerte, erst wegen der Hausordnung, dann wegen Sicherheit: Ihr müsst aufpassen, ist gefährlich da oben!

Die beiden versprachen, brav zu sein und blieben dann stundenlang auf dem Dach in der Sonne liegen. Mehrfach borgten sie sich den Schlüssel noch aus.

Eines Tages hörten sie plötzlich das Quietschen der Dachluke. Neugierig schlich sie zum Eingang und sah eine gepflegte ältere Dame, ordentlich angezogen, die da saß und ganz in Ruhe ein Butterbrot aß.

Entschuldigung, wer sind Sie denn?, fragten die beiden. Ich?, die Dame schluckte und stellte sich vor: Ich bin Frau Irma König. Irgendwie kam Julia ihr bekannt vor und dann fiel es ihr ein: Sie waren doch mal meine Vormieterin?

Irma König nickte, ganz verlegen, und die Tränen liefen ihr übers Gesicht. Sie erzählte ihre Geschichte:

Ich habe meinen Sohn Felix alleine großgezogen sein Vater hat uns für eine andere verlassen, ganz klischeehaft. Felix war oft krank, ich habe alles für meinen Jungen gemacht, mehrmals pro Woche in die Uniklinik, Nachhilfe, alles. Er hat studiert, einen guten Job bekommen, aber mit den Frauen naja, es lief nicht so.

Irgendwann kam dann Lisa dazu, eine sehr liebe, praktische junge Frau, immer am Arbeiten sie hat gekocht, geputzt, für Felix gesorgt. Da dachte ich, jetzt kann ich mal zur Ruhe kommen, Felix hatte ja schon längst eine große Wohnung für uns beide gekauft, aber wollte noch nicht ausziehen.

Mit Lisa und den Enkelkindern zuerst Emma, dann Ben und dann noch Mia schien alles perfekt. Aber bald wollten die beiden, dass ich meine Wohnung verkaufe. Sie meinten, ich wohne ja ohnehin bei ihnen, helfe, da könne ich auch alles zusammenlegen.

Was dann folgte, war die Hölle. Lisa wollte wieder arbeiten, Felix und Lisa haben mich gebeten, die Kinder ganztags zu hüten. Aber dann wurde ich schwer krank zu hoher Blutdruck, der Hausarzt hat mir dringend Ruhe verordnet. Aber wie sollte ich mich erholen, mit drei wilden Enkelkindern zu Hause?

Lisa kümmerte sich nur abends kurz, ansonsten sollte ich kochen, aufräumen, Kinder sauber machen und ins Bett bringen. Erziehen durfte ich sie nicht nur alles in Schuss halten.

Abends nach dem ganzen Programm wollte ich nur noch schlafen. Felix meinte immer nur: Mama, Bewegung hält fit! Du machst das alles so toll, ich esse gern dein Essen!

Und dann letztes Jahr im Sommer fuhren die beiden in Urlaub, ließen mir die Kinder und ich dachte ehrlich, ich schaffe das nicht. Ich hab meine Enkel lieb, aber ich war total am Ende. Da habe ich Felix gesagt, dass ich übers Wochenende zu einer Freundin aufs Land fahre. In Wahrheit bin ich einfach durch die Stadt gelaufen, in Ausstellungen, am Fluss entlang.

Übernachten? Ach, im Sommer kann man schon mal auf einer Bank am Fluss sitzen und die Nacht genießen.

Heute bin ich einfach mal wieder zum alten Haus, hab geschaut, ob die Dachluke offen ist. Da hab ich mich erinnert, wie Felix als Kind immer hier Verstecken spielte. Kurz dachte ich, ich bleib einfach mal über Nacht hier.

Julia und Annika konnten das gar nicht fassen und nahmen Irma spontan zu sich nach Hause. Die war hin und weg: Boah Julia, du hast ja alles so schön umgebaut, ich bereue es so, damals Felix und Lisa alles überlassen zu haben. Ach, bitte denkt nicht schlecht von mir

Annika fragte irgendwann: Wissen Sie, was aus dem Geld vom Wohnungsverkauf wurde?

Klar, meinte Irma. Felix hat versprochen, mir die Hälfte als Rücklage zu belassen, die andere Hälfte hat er behalten.

Mit dem Geld könnten Sie sich hier eine Einzimmerwohnung kaufen, meinte Annika, die Juristin ist. Und wir helfen beim Renovieren!, warf Julia sofort ein.

Zuerst war Irma skeptisch, aber Annika griff das praktisch an und einen Monat später zog Irma König wieder in ihr altes Viertel, in eine kleine eigene Wohnung. Was Annika zu Felix im Büro gesagt hat, bleibt ein ewiges Geheimnis, aber er wurde ziemlich kleinlaut.

Lisa schmollte erst und brach mit Irma, aber nach einiger Zeit arrangierten sie sich, die Enkel kamen abwechselnd zu Besuch und waren happy, auch mal ihre Oma für sich zu haben. Die Eltern brachten die Kinder schließlich in den Kindergarten, alles fügte sich zum Guten.

Irma und Julia besuchten sich regelmäßig, gingen zusammen in Ausstellungen und Cafés. Und Annika meinte: Wenn ich mal alt bin, bleib ich in meiner eigenen Wohnung, lass mich zu nichts überreden, damit ich nachts nicht auf irgendeiner Parkbank schlafen oder übers Dach schleichen muss!

Da sag ich nicht nein!, lachte Julia.

Guten Morgen, ihr Lieben,
schön, dass ihr da seid. Ich drück’ euch ganz fest!

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Homy
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