Zweite Chance

Zweite Chance

Das Café Glashaus an der Ecke von Kantstraße und Hohenzollernring vollkommen durchsichtig, leuchtend wie ein Aquarium vibriert an diesem schwülen Mainachmittag unter lauter Musik. Man feiert Juttas Hochzeit.

Jutta, im kurzen weißen Kleid, schon ohne Schleier, der eben noch symbolisch ihre Reinheit unterstrichen hatte, strahlt jene besondere Schönheit aus, die nur Bräuten an ihrem großen Tag eigen ist. Neben ihr sitzt am Tisch ihr Ehemann, Torsten.

Nicht weit entfernt haben Juttas Eltern, Klaus-Dieter und Margarete, ihren Platz.

Hätte ich dir nicht gesagt, Klaus, es wäre besser, wir wären nicht hier, flüstert Margarete ihrem Mann beständig zu, packt ihn am Ellbogen und möchte gehen.

Doch Klaus zuckt nur mit den Schultern, blickt auf die in die Höhe fliegenden Beine der Freundinnen seiner Tochter, auf die rossgesichtigen, bereits zerzausten Jungs, klopft mit dem Lederabsatz im Takt unter dem Tisch und greift ab und zu nach der Karaffe mit Korn.

Es reicht jetzt, Klaus! Wirklich, Schluss! Wir müssen noch heimfahren. Das ist doch peinlich!, wird Margarete immer lauter.

Warum bohrst du so auf mir herum? Fahr halt allein heim, wenn es dir nicht passt!, klirrt Klaus und haut auf den Tisch, Besteck springt. Einige der Jungen blicken kurz herüber.

Nicht so laut. Um Gottes willen, nicht streiten! Ach, Klaus, das ist unangenehm, Margarete vergräbt das Gesicht in den Händen.

Sie sind die ältesten Gäste hier, darauf hat Jutta bestanden.

Torstens Eltern, Gertrud und Lothar, wollten gleich gar nicht kommen, verabschiedeten sich bereits beim Standesamt, stiegen in ihren alten 5er BMW und verschwanden. Sie feiern lieber für sich.

Juttas Entscheidung, so schnell Torsten zu heiraten (ob die Tochter etwa schwanger ist?), hat Margarete ohnehin nie gutgeheißen. Sie begegnet dem Schwiegersohn mit Misstrauen.

Ihr seid doch so verschieden, Kind! Du gehst überstürzt vor!, Margarete bemüht sich, das drohende Unheil zu verhindern.

Mich störts aber nicht, Mama, erwidert Jutta. Wir haben den Antrag gestellt, nach der Trauung ziehe ich zu meinem Mann, klar. Dann hast du mehr deine Ruhe.

Jutta sieht die Mutter fest an, doch die wendet sich ab.

So, nun bin ich also die Böse, die dich rauswirft? Du heiratest also den Erstbesten, nur um mir zu gefallen? Torsten, sag auch mal was!, bittet Margarete, doch Klaus-Dieter antwortet nur mit einem brummenden Ach und winkt ab.

Wieder ich allein gegen alle. Und was ist mit Benni? Ihr wart doch zusammen. Ist das vorbei? Das ist doch Unsinn, Jutta. Dein Leben soll’s doch nicht ruinieren!, lässt Margarete nicht locker.

Benni? Was soll denn mit Benni sein?, lacht Jutta, nimmt einen Apfel vom Teller und schlendert zum Fenster. Benni und ich sind Freunde. Der gönnt mir mein Glück und kommt sogar zur Hochzeit.

Du hast ihn eingeladen? Das ist doch grausam, Jutta! Was soll das?, fährt Margarete aufgebracht hoch.

Ach, Blödsinn, Mama. Benni kommt damit klar. Der weiß doch, dass Torsten ganz andere Möglichkeiten hat. Und wenn du ihn so bemitleidest, soll er doch endlich Sonja heiraten die läuft ihm eh schon seit Kindertagen wie ein Hündchen nach. Passt doch, schließt Jutta das Fenster, zieht den Vorhang zu. So, Antrag ist gestellt, regelt das Geld. Torsten kriegt von seinen Eltern die Wohnung, wir haben wenig. Für euch bleibt die Feier. Das Restaurant such ich aus.

Margarete blinzelt hektisch und sieht zu ihrem Mann, der in ein Kreuzworträtsel vertieft ist. Wieder bleibt alles an ihr hängen. Immer sie allein

Jutta hat Torsten vor vier Monaten auf einem Konzert kennengelernt. Erst fand sie ihn nicht mal besonders attraktiv, aber er blieb dran, konnte charmant Komplimente machen, brachte Blumen mit. Torsten hatte immer Geld, seine Eltern versprachen ihm eine Eigentumswohnung, sollte er heiraten.

Also hat er es getan. Der Schwiegertochter war Gertrud restlos zufrieden. Fakultät für Fremdsprachen; keinen Abschluss mit Auszeichnung, aber das war Gertrud egal. Sie würde helfen, falls es nötig sein sollte. Jutta ist hübsch, gesund das bedeutet schöne Enkel, Spaziergänge durch den Park, stolz Nachbarn und Bekannten vorführen.

Zwillinge wären ideal!, träumt Gertrud abends, während Lothar Kaffee kocht. Kolumbianischen, wie immer durch Beziehungen, direkt vom Flughafen abgeholt. Gemahlen wird er von Hand Gertrud hasst elektrische Mühlen wegen des Lärms. Die helle Küche, Kaffeeduft, Lothar und gemeinsame Träume das sind für Gertrud perfekte Abende.

Warum denn Zwillinge? Das ist für Jutta schwierig, und mehr läuft immer schief. Lieber zwei knapp nacheinander. Ach, warten wir’s ab! Willst du Kuchen?, fragt Lothar und gießt einen starken Kaffee ein.

Klar. Mit Erdbeeren. Du hast doch die mit Erdbeeren gekauft? Prima, gib schon her!, lächelt Gertrud weiter und spinnt ihre Zukunftsbilder. Keine unserer Freunde hat Zwillinge. Torsten wird welche haben! Ach, Lothar du glaubst immer noch an Schicksal? Wer Kinder will, der sorgt schon dafür, du wirst sehen. Die Medizin kann das heute alles regeln.

Gertrud lacht laut über ihre Bemerkung, Lothar schüttelt den Kopf. Seine Frau war stets realistisch bis zum Zynismus.

Den Abend der Hochzeit ihres Sohnes verbringen sie zu Hause, hören Strauss-Walzer, trinken Granatapfelwein und blättern mit Wehmut im Familienalbum. Gertrud seufzt bei jedem Foto, Lothar kocht Kaffee. Die Schlange vor dem Standesamt, die laute Hochzeitsgesellschaft, Reis, welkes Blumenwerfen, Glasscherben, Zoff mit der Putzfrau all das hat sie erschöpft. Doch zu Hause ist es ruhig und friedlich. Zeit zum Träumen

Komm, Klaus, lass uns gehen!, drängt Margarete ihrem Mann immer wieder, Ich halte es nicht mehr aus. Unsere Pflicht haben wir erfüllt.

Gleich, gleich. Guck doch bloß, wie die tanzen! Unfassbar! Und dort Benni! Sieh mal, Klaus deutet auf den Jungen am Nebentisch. Benni! Komm her!

Dort sitzt Benni, mit gesenktem Kopf, das Sakko schick, Schuhe poliert, die Krawatte feierlich aber sein Blick ist traurig.

Neben ihm quengelt eine sommersprossige, rothaarige junge Frau im schlichten Kleid: Benni, trink nicht noch mehr! Mein Vater hat Taxi-Geld gegeben. Es ist spät bitte

Sie sieht den Begleiter hilflos an, doch der ballt nur die Fäuste.

Wir feiern bis zum Ende, Sonja. Hochzeit ist nur einmal! Willst du Sekt? Kellner! Ja, Sie da!, Benni winkt, zieht einen 50-Euro-Schein aus der Tasche. Schenk ihr Sekt ein, und für mich Sie wissen schon. Ach, diese Hochzeit, Hochzeit, Hochzeit!, er wirft den Arm hoch, singt schief. Geld nimm, stoß mit an meine Liebste hat heute einen anderen geheiratet, kapiert?

Sonja läuft feuerrot an, die Ohren glühend. Doch der Kellner winkt ab.

Nicht erlaubt auf der Arbeit, murmelte er und füllt Benni nach.

Benni verzieht das Gesicht, kippt das Schnapsglas und greift nach Wurst.

Noch einen und dann sing ich! Letztes Lied für die Liebe!, ruft er, schnappt die Karaffe, verschluckt sich, hustet. Nicht anfassen, ich habs gesagt ich singe! Also los!

Er wird es tatsächlich tun! Peinlich, alle werden lachen. Ihm gehts so schlecht Weshalb hat Jutta ihn überhaupt eingeladen?!, denkt Sonja, springt auf und hängt sich an Benni, um ihn abzuhalten.

Lass mich, du Klette! Was willst du eigentlich? Jutta! Meine liebe, beste Freundin, mein Täubchen!, ruft Benni mit tränenerstickter Stimme, greift nach dem Mikrofon und stellt sich in den Saal.

Die Gäste werden ruhig, einzeln klatscht jemand. Solche Clowns gehören zu jeder Hochzeit bringen Stimmung.

Jutta lächelt bezaubernd.

Jutta, das Lied Für dich, murmelt Benni, das Einspielen beginnt Braut, an diesem Tag bist du die Schönste, doch Benni verstummt, sieht nur Jutta, dazwischen Tamara, die sie mutig in einer innigen Umarmung küsst ob es ihr gefällt, ist unklar. Ihr Gesicht ist für Benni schon verschwommen, wie durch einen Schleier, Nebel. Sonja zerrt an seinem Arm, verheult und verzweifelt, doch Benni bleibt einfach stehen. Er ist gekommen, weil Jutta es wollte. Er hat ihr Blumen geschenkt, mit ihr getanzt und alle Spiele mitgemacht.

Ein fröhlicher Kerl, der Benni, nickt Klaus-Dieter. Tanzen kann er, und mit dem Anstoßen hast dus gehört, Margarete? ‘Bitter!’ hat er gebrüllt! Die anderen sind nur zum Essen hier, die kennt Jutta kaum. Alles Show Komm, weg hier. Verabschiede dich.

Margarete atmet tief durch, steht auf.

Wie, ihr geht schon?, Jutta kommt herüber, gerötet vor Glück. Bleibt noch, es gibt gleich Torte! Ihr habts doch versprochen

Entschuldigung, Jutta, dein Vater hat Migräne, das geht nicht. Und vergiß nicht eure Geschenke, da liegen viele Umschläge nicht dass die Kellner, Margarete deutet besorgt zum Tisch am Ausgang.

Keine Sorge, wir nehmen alles mit. Bis dann! Ich tanz jetzt!

Jutta küsst ihre Mutter, streckt die Arme in die Höhe, zu Benni in die Mitte. Der wirbelt nun wild über das Parkett, macht Sprünge, witzige Moves. Torsten bringt noch mehr Schnaps.

Was soll das, ihn so abzuschießen? Der ist doch kein Zirkustier! Lass gut sein. Benni, komm! Es reicht!, Sonja versucht zu helfen, Benni stößt sie weg.

Nicht stören, Sonja! Wir feiern!, ruft Jutta und hängt sich im Tanz an Bennis Hals, lachend. Dann stößt er sie plötzlich weg, schnappt seine Jacke und verlässt taumelnd den Saal.

Benni! Bleib doch! Benni, bleib! Sing noch was!, hört man hinter ihm, doch Benni hört nicht mehr.

In seinen Ohren rauscht es, der Boden wankt, ein leuchtend roter Schopf zieht ihn weiter, Sonja zerrt ihn durch den Regen nach draußen. Sie stolpert, knickt um, schluchzt.

Benni erschrickt.

Sonja, hast du Schmerzen? Lass mich helfen, ich trag dich! Oder ein Taxi, er sieht sich suchend um. Willst du? Nicht weinen, bitte!

Ich brauch nichts, sagt Sonja und hinkt weiter. Benni trottet ihr nach

Als sie bei Sonjas Haus ankommen, holt Benni sie unvermittelt ein, drückt sie eng an sich, küsst sie heftig. Seine Hände tasten grob nach ihrem Kleid, warm und unsicher.

Was soll das?! Lass das! Fies, eklig!, trommelt Sonja mit den Fäusten auf ihn ein.

Eklig?, fragt Benni, auf einmal nüchtern. Läufst du nicht dauernd hinter mir her, seit der neunten Klasse? Weißt du was, jetzt bin ich bei dir, passt das? Du und ich, er lächelt traurig, hat Seitenstechen.

Mir egal. Denkst du, ich bin deine Notlösung? Der Backup? Nein, Benni. Ich bin kein Trostpreis. Ich will Ehrlichkeit und Respekt. Gute Nacht.

Er sieht zu, wie sie im Hausflur verschwindet, der Laternenkegel tanzt auf dem nassen Beton, immer wieder trifft er Bennis Gesicht, dann wird es wieder dunkel. Dann bleibt nur noch er, der draußen steht, bitterlich und hoffnungslos weint.

Jutta ist verheiratet, das lebensfrohe Mädchen. Er hat sie verloren. Wie soll es weitergehen?

Sonja verlässt am nächsten Tag die Stadt. Die Nacht hindurch hat sie geweint, den Vater mit ihrem Kummer schmerzlich mitgenommen, dann die Tasche gepackt, verabschiedet sich und sagt, sie gehe zu einer Freundin.

Ihr Vater, Herr Förster, hält sie nicht auf.

Benni, noch im Rausch, merkt erst, als es zu spät ist.

Sagen Sie mir wenigstens die Adresse!, schnauzt er Herrn Förster an, der in der Werkstatt am Fräsgerät arbeitet, Funken sprühen.

Wozu? Sie wollte es nicht, meint der knapp.

Ich muss mit ihr reden, habe sie verletzt, Benni erklärt leise.

Zu spät, Junge. Sie war lang genug hinter dir her, du ach. Dummes Mädchen, Sonja, ohne Mutter aufgewachsen, zu naiv, verlorene Zeit. Jetzt ist Schluss. Wo sie ist, sag ich nicht. Tschüs, Benni, lebe dein Leben.

Herr Förster deutet auf die Tür, Benni streift allein durch die Stadt. Seine Schicht ist erst morgen, die Uni-Prüfungen alle bestanden. Er weiß nicht wohin und hat auf nichts Lust.

Benni, bist dus?, ruft Tante Sigrid, als er heimkommt. Wieder besoffen? Na, dann schweig halt, du Taugenichts!

Neulich hat er alle Ersparnisse für die Wohnungsrenovierung gedacht ausgegeben, kaufte dafür den Anzug, Blumen für Jutta, der Tante sagte er, er würde das Geld wieder verdienen. Aber man fürchtet schon, er rutscht ganz ab, diese Mädchen bringen Männer völlig durcheinander, und die Jungs leiden.

Sigrid bejammert ihr Leid oft bei den Nachbarinnen, lässt kein gutes Haar an Jutta.

Stellen Sie sich vor, beginnt Sigrid jedes Mal, wenn sie auf der Bank vorm Haus sitzt. Kam sie immer rüber, aß mir die Kuchen weg, weil ihre Mutter nie was buk, und wie sie Benni doch angeblich liebte! Am Ende läuft sie mit einem anderen fort! Und mein Benni läuft seit Wochen durch die Gegend wie ein begossener Pudel. Nur die Rothaarige, Sonja, steht noch herum. Dabei interessiert sie Benni null. Ach, armes Mädel. Hab ihr mal die Wahrheit gesagt, da weinte sie. Mädchen müssen den Kopf auf den Schultern haben!

Die Nachbarinnen stimmen zu, wissen aber nicht, wem sie mehr Mitleid schenken Benni, der beide Mädchen verloren hat, oder Tante Sigrid, die in alle Ereignisse mit hineingezogen ist.

Kurz darauf verschwindet Benni ganz, holt die Unterlagen von der Hochschule, verabschiedet sich, geht irgendwo jobben.

Auf gut Deutsch: alles kaputt gemacht nur aus Dummheit!, schimpft Sigrid, schnappt ihre Einkaufstasche und geht ins Haus. Sie wird Benni nicht zurückhalten.

So vergehen die Jahre ganze Flüsse Zeit. Sie hätten sich vielleicht nie wiedergesehen, wäre Benni nicht zufällig Sonja vors Auto gelaufen.

Mensch, sind Sie lebensmüde?! Es war Rot! Sie können doch nicht einfach Haben Sie Schmerzen ins Krankenhaus?, ruft Sonja, nachdem sie abrupt bremst.

Ringsum staut es sich. Eine Traube Schaulustiger glotzt. Die Frau hat ihn fast überfahren, ich sahs!, Aber er steht ja noch. Hübsches Mädel! Wären Sie nicht am Handy oder beim Schminken, knurrt Benni. Na, wer fährt so Auto!? Sonja?

Er erkennt sie, sieben Jahre sind vergangen. Sie sieht anders aus, andere Frisur, ein bisschen fülliger steht ihr gut.

Benni? Oh, unglaublich Jetzt fahren Sie endlich!, Sonja winkt, öffnet die Tür. Steig ein, ich nehm dich mit.

Alle beobachten interessiert, wie das Opfer in den Golf einsteigt. Manche wittern eine stille Übereinkunft, dass die Sache so rasch und diskret geregelt wird, vielleicht mit Bestechung. Eine Frau lächelt neidisch was für ein Mann!

Hübscher Wagen, sagt Benni und schaut sich um. Fährst du schon lange?

Vier Jahre etwa. Papa hat mich noch fahren gelehrt weißt du es noch? Aber du warst beschäftigt. Wohin soll’s gehen? Und, Benni, entschuldige das heute, ich muss gleich los” Sie schaut auf die Uhr.

Benni zuckt die Schultern. Sonja, die so viel Zeit hinter ihm her war Als sie ging, wars plötzlich leer. Niemand, der an der Seite schnitzt, der Blätter wirft oder auf den Rodelberg zerrt, niemand, der im Flur nasse Wollsocken hinterlässt. Selbst Tante Sigrid schaut nicht mehr aus dem Bad, um zu prüfen, welche Strümpfe Sonja trägt Ja, sie hat ihn gestört. Und nun merkt er, sie fehlte.

Warum schweigst du?, fragt Sonja.

Fahr mich zur nächsten U-Bahn, bitte. Vielleicht gehen wir mal einen Kaffee trinken? Irgendwann, murmelt Benni. Schlechte Idee, oder?

Sonja zuckt gleichgültig die Schultern.

Benni weiß nicht, ob er sich entschuldigen soll oder so tun, als wäre damals nichts gewesen. Ob er wirklich nichts versäumt hat, als er sie trinken, tanzen, wegschieben ließ.

Wie gehts Herrn Förster?, fragt er endlich.

Weißt dus nicht?, Sonja schluckt, biegt durch eine Seitenstraße. Papa ist tot. Seit einem halben Jahr.

Es tut mir leid Er war ein guter Mensch.

Plötzlich kommt die Scham, auch ihn verletzt zu haben. Kein Abschied.

Sonja bist du weggezogen damals, weil? Es tut mir leid, ich kam später nochmal, hab gefragt, dein Vater gab die Adresse nicht raus. Ich war schrecklich

Sonja lächelt.

Wahnsinn, wie ihr Männer immer Ausreden habt Schuld habt ihr irgendwie nie. Sagst, mein Vater gibt die Adresse nicht raus, aber immer gibt es ein Aber. Egal, Benni. Ist Vergangenheit. Ich hab lange nicht mehr an (diesen Tag) gedacht und bin froh, dass es vorbei ist. Ich bin geheilt, frei, gehöre nur mir selbst. Kennst du das: wirkliche Liebe entsteht erst nach Jahren zusammen davor ist es Schwärmerei, dann folgen Gewohnheiten, Respekt, Stolz, Schutzwille Aber nicht bei uns. Ich war ein verliebtes Mädchen, mehr nicht. Hier ist die U-Bahn.

Benni öffnet die Tür.

Sonja! Es geht doch nicht darum! Nur ach, egal. Ja, ich steige aus. Mein Beileid zum Tod deines Vaters. Und

Es tut mir leid, ich muss los. Leb wohl!, ruft Sonja, fährt davon und winkt mit den Scheinwerfern zum Abschied.

Irgendwo wartet auf sie ein anderer, Jutta wartet ein Mann, auf Benni wartet niemand. Vielleicht der Chef, der noch den Bericht will aber der wird heute nicht mehr gemacht.

Torsten, ich versteh ja, aber nun sind Jahre vergangen! Keine Enkel. Ist Jutta wieder auf Dienstreise? Wie oft eigentlich? Kommt die überhaupt nach Hause?, Gertrud fixiert besorgt ihren Sohn, der erneut allein zum Tee kommt.

Sie gießt ihm wie gewohnt Schwarztee in das feine Porzellan, mit Zitrone. Es ist fast ein Ritual, so wenig Teeblätter wie möglich, kein Krümel im Glas, das mag er nicht.

Mama, fang bitte nicht damit an. Wenn sie zurück ist, reden wir. Für Kinder haben wir jetzt keine Zeit. Später, blockt Torsten ab. Ein Monat ist seit dem letzten Gespräch vergangen. Eigentlich wollten beide die Scheidung aber Jutta hatte immer erst zu tun. Welche, das bleibt ihr Geheimnis.

Was heißt später?! Du bist erwachsen, Torsten. Jutta soll kündigen, zuhause bleiben, endlich ein Kind bekommen. Sie wird nicht jünger!, tadelt Gertrud. Sie nutzt die Flucht nach vorn, Lothar gießt den mittlerweile äthiopischen Kaffee ein Kolumbianischer ist kaum mehr zu bekommen.

Ich will keinen Kaffee, Lothar! Lass stecken! Torsten, dann trenn dich, such ein kräftiges Mädel! Eines, das gleich erkennt man, dass sie Kinder kriegt, ordentlich gebaute Frau!, regt sich Gertrud auf.

Mama! Ich bin kein Zuchtbulle. Kinder bekommt man aus Liebe, in einer Familie. Nicht als Zweckgemeinschaft, verstanden?

Gertrud zuckt die Achseln. Für sie war klar: Kinder kommen irgendwann. Torsten war da, weil auch Lothar Aber das ist vergangen, Lothar hat wenigstens geheiratet.

Ich fahr, vielleicht ruft Jutta an, hab das Handy zuhause vergessen, lügt Torsten und verschwindet schnell.

Elternbesuche zehren zunehmend. Alle wissen, wie er zu leben hat, nur er selbst nicht. Außer Jutta braucht er niemanden aber ihre Liebe ist vorbei. Sie schweigen darüber und machen weiter. Zusammen lebt es sich leichter.

Er wählt ihre Nummer, hört die endlosen Töne, dann die Ansage: Teilnehmer nicht erreichbar, bitte hinterlassen Sie eine Nachricht. Torsten schaltet das Handy aus und steckt es ein.

Er geht zu Fuß nach Hause, tritt gedankenverloren durch die Pfützen. Plötzlich meint er, Benni in der Menge zu erkennen. Doch das war wohl nur Einbildung.

Und Jutta? Sie ist nicht auf Geschäftsreise besucht heimlich ihre Eltern, sitzt daheim, denkt nach, fährt dann wieder nach Hause zu Torsten. Das, was sie mit Übersetzungen verdient, und das, was Torsten gibt, reicht für ein selbstbestimmtes Leben. Mehr ist da nicht. Bei anderen ist es Familie, Zuhause, Beschäftigung bei ihr nur Existenz.

Wie ein Klassentreffen! Kaum daheim schon begegnet man alten Freunden!, spottet Benni, als er Jutta im Supermarkt an der Kasse sieht. Hast mich erkannt?

Jutta zieht die Stirn kraus, braucht einen Moment, dann lächelt sie.

Benni? Tatsächlich, du bist’s!, sagt sie.

Kann ich dir helfen?, fragt er und nickt auf ihre kleine Bananenstaude und ein paar Orangen.

Hilf ruhig. Komm, gehen wir zu dir. Nicht in der Schlange reden Ich bin erst morgen wieder verplant. Du siehst ziemlich allein aus, Juttas Stimme klingt lauernd.

Na schön Und Torsten? Störts ihn nicht?

Sie will antworten, dann ist sie an der Reihe zum Zahlen, das Gespräch muss warten.

Richtiges Junggesellenloch?, sieht sich Jutta in der kleinen Wohnung um. Weißt du, es ist so gemütlich wie früher, damals bei Tante Sigrid! Gott, Benni, ich hab mich ewig nicht mehr geborgen gefühlt!

Im nächsten Moment wirft sie das Mantel ab, schlingt die Arme um Bennis Hals, fingert nach dem Lichtschalter. Dunkelheit und ihr Lachen, unterbrochen von Küssen, füllen das Zimmer.

Stop! Lass uns erst essen, stößt sie Benni plötzlich weg wie damals, Jahre zuvor, flirten, reizen, Hoffnung wecken und dann abwimmeln. Kochst du was? Torsten ist bei uns der Koch. Ich fasse nichts an. Gibts Wein? Ich will betrunken sein und na, du weißt schon!, sie lacht.

Sorry, Jutta. Ich bin verheiratet, sagt Benni überrascht von sich selbst.

Jutta stockt, zieht eine Augenbraue hoch.

Du? Wer denn? Ach, quatsch nicht. Wer will dich schon

Sie lacht spöttisch.

Bist beleidigt? Ich mache nur Spaß. Und du doch auch Keine Frau, kein Ring, Jeans zerknittert, glücklicher Familienvater siehst du nicht aus. Gibts überhaupt was Essbares? Ich brate was, ruft sie Richtung Küche.

Hab nur Buchweizen, zeigt Benni die saubere Vorratsreihe.

Buchweizen? Bist du krank?, mustert Jutta ihn.

Nein. Das hat Sigrid gebunkert für schwere Zeiten sozusagen. Jetzt sind sie da, die schwarzen Tage meiner Biographie, einer nach dem anderen.

Buchweizeeeen Nun gut, dann ist heute dein Glückstag. Komm, führ mich, wo ist dein Bett?

Nein. Willst du Tee? Hier sind Kekse. Benni legt ein Paket Haferkekse hin.

Tee? Benni, mach nicht auf brav. Ich will dich., Jutta springt auf, wirft sich an seinen Hals.

Jutta, ich bin müde, außerdem Du bist verheiratet, Torsten ist okay, auch wenn wir nie Freunde wurden. Ich rufe dir ein Taxi, löst Benni sie sanft ab.

Verheiratet Das hat dich früher gestört, nicht wahr?, sagt Jutta leise, dann lacht sie spöttisch. Bravo auf der Hochzeit damals, dein Clown-Act! Und deine Sonja? Ist das was geworden? Die war immer hölzern, aber besser als gar nichts…

Sie steht am Fenster, sieht im Spiegel, wie sich Bennis Gesicht verhärtet. Das gefällt ihr. Vielleicht ja vielleicht sollte sie von Benni ein Kind wollen? Gertrud gäbe endlich Ruhe, Torsten na ja, das regelt sich. Und Benni würde ihr gehören.

Dieses Angebot will sie machen, aber Bennis Stimmung kippt. Er wirft sie hinaus.

Hör auf! Das war vor Ewigkeiten wir sind erwachsen, Jutta!, Benni hat die Fäuste geballt, sieht sie mit verkniffenem Gesicht an. Doch sie redet weiter, redet sich um Kopf und Kragen.

Weißt du, warum ich es damals so gemacht habe? Ich sag’s: du mit Fernstudium und Job auf dem Werksgelände das war mir nichts. Mir war das Studium zu schwer, dann kam Torsten zur rechten Zeit. Er war so schüchtern das war niedlich. Und du, Benni, solltest mein Freund bleiben. Dann bist du abgehauen, Sonja dachte ich schon, ihr seid zusammen. Aber als ihr Vater gestorben war, merkte ich: sie ist allein. Dein Fall war sie auch nicht, stimmts? Wo ist sie überhaupt?

Wie gesagt, sie wohnt auf der Falkenstraße. Hab gerade Grütze geholt. Für die Kleinen, Benni erklärt. Die Beerdigung von Herrn Förster hab ich verpasst, war unterwegs, Sonja war traurig

Das glaubst du doch selbst nicht. Traurig? Ich war damals bei meinen Eltern, hab Herrn Förster draußen sitzen sehen, wie immer, ganz verwahrlost Ich bin einfach gegangen. Erst später merkte ich, dass es ihm schlecht ging. Hätte doch heimgehen können, Arzt rufen… na, egal. Ach, Benni

Moment! Du bist damals einfach weg?

Woher hätte ich es wissen sollen?! Machs gut. Torsten und ich, keine Kinder. Nie Zeit, wie du siehst Wollen wir nicht eines haben? Mir reichts mit Torsten und seiner Mutter. Benni, erinner dich: uns gings gut!

Sie versucht, ihn zu küssen, aber Benni schiebt sie resolut Richtung Tür.

Hier ist dein Mantel, Tasche, vergiss das Obst nicht. Komm nie wieder, verstehst du? Zum Glück hab ich dich nicht geheiratet! Torsten tut mir leid. Du bist eine richtige Schlange, Jutta. Raus!

Jutta versteht nicht, wie sie draußen mit ihrem Einkauf steht.

Teilt nicht mal den Buchweizen, schnaubt sie. So sind sie bei Ärger jeder geht seine Wege

Sie zückt ihr Handy, wählt Torsten:

Torsten, holst du mich ab? Ich war kurz bei Mutter und Vater, jetzt steh ich hier und friere. Holst du mich?

Nimm dir ein Taxi.

Torsten, ich will mit dir

Jutta, ich reiche die Scheidung ein. Mutter und ich haben entschieden, es ist besser so. Bleib erstmal bei deinen Eltern. Es ist besser. Komm nicht

Jutta steht einen Moment ratlos da. Scheidung? Warum? Sie dachten doch, man lebt eben, stört sich nicht gegenseitig Was wird nur aus ihr? Sie ist doch so frei aber wenn Torsten sie verlässt?

Jutta bleibt ein paar Minuten, überlegt, ob sie zu ihrem alten Freund Andreas gehen soll der ist jetzt Anwalt, könnte helfen…

Sonja hat sich früher freigenommen, besucht die Wohnung ihres verstorbenen Vaters, um ein paar Sachen zu holen. Der Tee dampft in dessen Lieblingstasse, aus dem Fenster blinken fremde Lichter.

Früher saß sie oft mit dem Vater so und stellte sich vor, wer hinter den blauen oder grünen Vorhängen wohl lebt.

Das ist eine Krankenschwester, sag ich!, beharrt der Vater. Kommt immer spät.

Oder kommt von weiter weg, widerspricht Sonja und runzelt die Nase.

Papa lässt sich nicht umstimmen, grummelt vor sich hin, klopft mit der Tasse. Dann seufzt er und sagt: Du bist wie deine Mutter, immer diskutieren

Nicht Papa, lass gut sein. Noch einen Tee? Ich hab Brezeln gekauft!”, unterbricht sie ihn.

Er nickte

Auch heute, als säße er noch mit am Küchentisch, den Bleistift spitzend, obwohl kein Fernseher da ist, blättrt er in der Programmzeitschrift.

Papa, ich hab neulich Benni getroffen, flüstert Sonja. Nicht erschrecken, ich hab ihn fast angefahren

Wäre der Vater da, er hätte gesagt, er habe Benni unter die Räder geschubst.

Wieso?, hätte Sonja erschrocken gefragt, und der Tee wäre übergelaufen.

Er hätte geantwortet: Weil ihr nichts selbst hinbekommt, du und Benni. Ihr wartet auf Zeichen dabei steht das Glück längst direkt vor euch. Stell dich endlich deinem Leben.

Doch er sagt es nicht, und Sonja hört es nicht.

Als sie gerade gehen will, klingelt es.

Benni?

Ich… Ein Mann rief mich an, meinte, du erwartest mich. Sorry, ich plappere wieder, steht Benni im Flur, in der Hand ein paar Lindenäste mehr war nachts nicht zu finden und eine Tüte Buchweizen. Was soll er damit machen?

Hast du Eisenmangel?, fragt Sonja mit Blick auf Tüte und Zweige.

Nein, aber… Das ist eine lange Geschichte. Ich kann einfach nicht mehr so weitermachen! Wir haben so viel Zeit vertan, ich unsere Hochzeit ist im August, und ich geb dich nicht mehr her!

Benni wagt einen Schritt, Sonja hält ihn auf.

So einfach ist das nicht Du sagst, du hast dumm gelebt, und jetzt? Warum sollte ich dich heiraten? Vielleicht bist du wieder betrunken, geh nach Hause, nimm deinen Strauß auch mit. Und den Buchweizen!

Sie schiebt ihn nach draußen, geht selbst auch, springt leichtfüßig die Treppe runter.

Aber ich liebe dich, Dummerchen! Muss man euch alles sagen?, ruft Benni, rennt hinterher.

Was schreist du denn?!, taucht die Nachbarin im Hausflur auf. Wenn du sie liebst dann ist gut! Ihr Männer macht uns fertig Sonja! Dein Kavalier kommt schon kaum noch mit. Wartest du noch auf mich?, faucht sie Benni an. Jetzt aber los. Sonst verpasst du wieder alles!

Herr Förster lehnt sich im Himmel an eine Wolke, wischt sich den Schweiß von der Stirn. Es ist schwer, Seelen wieder zusammenzubringen… Jetzt heißt es, aufpassen: Benni wird sie gleich küssen wollen, Sonja ihn abwehren, und alles dreht sich… wie früher, ihre Mutter war auch so stur. Aber er hat sie geliebt, mehr als alles, und jetzt liebt er Sonja, wünscht ihr nur Glück.

Entscheiden aber müssen sie selbst.

Herr Förster schließt die Augen und schläft auf der Wolke ein.

Unten, auf der Erde, stehen zwei, in Umar-mung. Die Laterne flackert, mal beleuchtet sie die zarten Küsse, dann versinkt alles wieder in Dunkelheit. Und schließlich erlischt das Licht, müde, weiter das Glück anderer zu beleuchten.

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Homy
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