Die Ex-Freundin

Ex-Freundin

Verzeih mir, Annalena! Ich liebe dich nicht mehr. Ich kann nichts dagegen machen! Sebastian stopfte seine T-Shirts und Jeans in die Sporttasche, ohne seine Ehefrau anzusehen.

Er wusste auch so, dass Annalena am Fenster stand, mit erhobener, sommersprossiger Stupsnase, die er früher mal so mochte.

Vorbei. Ob sein Geschmack sich geändert hatte oder irgendetwas anderes jedenfalls liebte Sebastian jetzt Katharina.

Nicht Kathi, auch nicht Katja Katharina! Probiere mal so eine Frau anders zu nennen, das würde lächerlich klingen.

Katharina war schön. Makellos sogar. Wie eine Marmorskulptur, die ins Museum gehört, so perfekt, beinahe schon künstlich. Figur und Charakter. Das zumindest fand Sebastian. Unglaublich, dass sie sich überhaupt auf jemanden wie ihn eingelassen hatte. Sie war sehr anspruchsvoll, las Gedichte, diskutierte über Philosophie. Klug.

Ganz anders als Sebastian so schlicht wie Schwarzbrot.

So hat es immer seine Großmutter Erika gesagt, und die wusste es am besten. Sie hatte Sebastian aufgezogen. Nachdem seine Mutter sich eine neue Liebe gesucht und sich in Luft aufgelöst hatte, brachte Sebastians Vater ihn zu Oma Erika und vergaß ihn ganz, als hätte es diesen schreienden Wurm, der noch nicht mal ein Jahr alt war, nie gegeben.

Oma Erika widersprach ihrem Sohn nicht. Sie nahm den Enkel an, schloss die Tür hinter ihm ab. Und meinte, selbst wenn die Eltern auftauchten, bekämen sie den Jungen nicht zurück. Sie sollten nicht jammern.

Kind ausgesetzt? Sollten sie sehen, wie sie klarkommen! Es gäbe kein Verzeihen.

Streng war Oma Erika, keine Frage. Aber sie liebte Sebastian. So sehr, dass es einem warm ums Herz wurde! Er bekam immer das größte Stück Kuchen und die meiste Zeit, sie half ihm immer.

Nur in einem Punkt blieb sie hart. Als Sebastian ihr von seiner neuen Liebe erzählte, schickte sie ihn hochkant raus und wollte nicht einmal zuhören.

Schäm dich! Und Sünde ist das außerdem! Was machst du mit deiner Frau, der du ewige Liebe geschworen hast?!

Nichts, Oma! Wir lassen uns einfach scheiden. Machen doch alle so!

Einfach?! Einmal einfach?! Erika drehte ein Küchentuch zusammen und schlug zum ersten Mal im Leben nach Sebastian. Was bist du denn für einer? So hab ich dich nicht erzogen!

Sebastian verstand Oma Erikas Vorwürfe zwar, aber er konnte sie nicht nachvollziehen.

Wofür war er denn schuldig? Dass er Annalena nicht mehr liebte? Oder dass Katharina eben viel besser zu ihm zu passen schien?

Mit Annalena verband Sebastian eine Freundschaft seit Kindertagen. Im Kindergarten hatte er Ohrfeigen von ihr kassiert, wenn er frech zur Erzieherin war oder den Haferbrei verweigerte. Auf seiner allerersten Schulfeier tanzte sie mit ihm, zwickte ihn und befahl ihm, sich zu benehmen. Hübsch, sauber, mit neuen Schleifen und einem riesigen Strauß Annalena war damals wunderhübsch und doch seltsam fremd.

Aber Sebastian kannte sie sie war eine von ihnen! Nach der Schule rannten sie heim, aßen zusammen, kletterten auf den alten Kirschbaum im Innenhof und lachten, wenn Katzen sich prügelten oder Spatzen im Staub um Hirse stritten. Annalena trug die gleichen Shorts und Shirts wie Sebastian. Und die Knie waren genauso aufgeschlagen. Sie sang lauthals alle Lieder, die er mochte, egal, wie falsch Sebastian auch mitsang.

Unzählige solcher Tage …

Dann gingen Annalenas Eltern ins Ausland arbeiten. Sie nahmen sein Mädchen mit ganze drei Jahre nach Namibia! Dort gab es Elefanten und Nilpferde, alle hatte sie gesehen. Als sie zurückkam, erzählte sie ihm Geschichten aus Afrika.

Sie erzählte noch viele andere. Wie sie Sebastian vermisst hatte, wie sehr sie froh war, endlich wieder daheim zu sein, wie sie davon träumte, wieder mit ihm auf dem alten Kirschbaum zu sitzen und Kirschkerne nach Spatzen zu schnippen, auch wenn das ungehörig war.

Sebastian hörte ihr mit offenem Mund zu und war stolz wie Oskar. Annalena war eine andere geworden. Statt einem langen, schmächtigen Sommerkind war sie jetzt schlank und eigentlich eine sehr hübsche junge Frau blauäugig, lockig, immer am Lachen. Alle Jungs im Viertel waren verrückt nach ihr und sie wählte Sebastian.

Annalenas Eltern waren entsetzt, als die beiden als Siebzehnjährige verkündeten, sie wollten heiraten.

Ihre Mutter wäre beinahe in Ohnmacht gefallen, ihr Vater griff zum ersten Mal im Leben zum Gürtel. Doch Oma Erika mischte sich ein.

Sollen sie doch! Aber noch nicht jetzt. Mein Enkel ist jung, meint es ernst, aber denkt noch nicht an morgen. Überleg dir erstmal, wie du sie versorgst! Das reden wir daheim. Aber solange … Ihr habt die Tochter, wir den Bräutigam! Gebt ihr mir eure Annalena, in drei, vier Jahren? Nach der Ausbildung, nach dem Wehrdienst. Dann machen wir ein schönes Fest. Was meint ihr?

Was sollten Annalenas Eltern machen, wenn sie ihre Tochter so glücklich sahen? Sie willigten ein! Sie setzten die Bedingung, dass Sebastian erst mal einen ordentlichen Beruf lernte und nicht drängelte die Tochter sollte gut versorgt sein.

Als ob er es nicht selbst kapiert hätte! Geknutscht haben sie schon, klar, aber weiter ging’s nicht. Sie wussten, sie wären noch keine guten Eltern; Sebastian erinnerte sich zu gut daran, wie das war, ohne Eltern aufzuwachsen, und Oma Erika hätte selbst keine Kraft mehr.

Die Hochzeit später war ein rauschendes Fest.

Verwandte tauchten auf, die sie nie für ihn interessiert hatten, als er als Kind abgestellt wurde. Jetzt waren sie alle da!

Oma Erika nahm es nicht übel, Sebastian schon gar nicht er war zu glücklich. Er konnte seine Augen kaum von Annalena lassen.

Sie schritt ihm entgegen, ein blühendes Kirschbäumchen, eingehüllt in weißen Schleier, und flüsterte ihm zu, dass sie ihn liebe.

Früher hatte sie das auch gesagt, aber da erst begriff Sebastian, wie fest das Band zwischen ihnen war. Unzerreißbar dachte er.

Aber es kam anders …

Mit Katharina lernte Sebastian sich zufällig kennen. Nach Feierabend fuhr er nach Hause, hielt an, weil eine Frau im Regen an der Haltestelle tanzte. So ein nasser Abend, es schüttete wie aus Kübeln!

Als er ihr anbot, sie mitzunehmen, blickte sie ihn spöttisch an, schnaubte und meinte nur:

Wer sagt, dass mir Regen nicht gefällt?

Ihre Augen waren so dunkel, dass Sebastian nicht einmal die Farbe erkennen konnte. Aber ihr Blick berührte ihn seltsam, ließ sein Herz einen Schlag aussetzen und dann schneller schlagen, als ob ein Unglück im Anmarsch wäre.

Katharina stieg nicht bei Sebastian ins Auto. Sie liefen zusammen bis zu ihrem Haus, durchweicht bis auf die Haut, und Sebastian wunderte sich nicht mal mehr, als sie an der Haustür sagte:

Na, kommst du mit?

Da geschah alles. Sebastian war verloren. Er kehrte an diesem Abend nicht nach Hause zurück und auch die Woche darauf nicht. Er sah die verpassten Anrufe von Annalena und Oma Erika, aber es war, als wäre er in den Abgrund gefallen. Da gab es nur noch ein Wort Katharina.

Nach eineinhalb Wochen tauchte Sebastian zu Hause auf. Schubste Annalenas Arme weg und sagte in einem Tonfall wie Katharina:

Nicht jetzt.

Dann sagte er ihr knapp, was passiert war, und erklärte, dass er auszieht.

Annalena widersprach nicht. Sie verstand überhaupt nicht, was vorging. Sie sah ihm zu, wie er seine Sachen in die Tasche stopfte, ordnete sie sogar, hob den tiefblauen Blick und fragte:

Liebst du mich wirklich nicht mehr?

Es regte sich etwas Warmes in Sebastian, doch die Scham packte ihn gleich mit eiserner Hand. Wohin? Du hast sie betrogen! Dich selbst auch… Es gibt keinen Weg zurück! Geh, lass das Mädchen in Ruhe! Sie wird jemanden finden vielleicht wird sie glücklich.

Oma Erika sagte kein Wort zu Sebastian, als sie davon erfuhr. Sie schlug ihm einfach die Tür vor der Nase zu. Über einen Freund ließ sie ausrichten, sie wolle ihn erst wiedersehen, wenn er Verstand und Gewissen gefunden habe.

Aber Sebastian steckte zu sehr in seinem neuen Leben. Niemand wartete mehr abends auf ihn mit einem warmen Abendessen, niemand fragte nach dem Tag. Die Wäsche musste er alleine machen.

Dafür schwebte Katharina durch die Wohnung, in hauchdünnen, durchsichtigen Sachen, und sie blickte nie Sebastian, sondern immer durch ihn hindurch, als wäre er gar nicht da. Und Sebastian redete sich ein, das reiche ihm, um glücklich zu sein.

Niemals nannte er sie Kathi. Sie war eben wie sie war merkwürdig, unnahbar, wortkarg und kalt wie ein Eisblock. Vielleicht hatte er sich deshalb so in sie verguckt? Weil er sie wärmen wollte, zum Lächeln bringen, wie Annalena ihn einmal angelächelt hatte warm und herzlich.

Aber das wollte Katharina nicht. Sie wollte keine Wärme und keine Zärtlichkeit.

Manchmal stieß sie Sebastian fort, dann rief sie ihn wieder zurück, spielte mit ihm wie die Katze mit der Maus. Und er verstand nie, was sie wollte. Er lief ihr nach, als wäre er an einer Leine, und vergaß alles Annalena, Oma Erika, den Rest der Welt.

So gingen zwei Jahre ins Land. Sebastian wurde dürr, erinnerte an einen Windhund, immer bereit, dorthin zu eilen, wo Herrchen befahl. Nachts hatte er Alpträume, rief um Hilfe und merkte, dass er nicht Katharina, sondern Annalena rief. Manchmal träumte er wirklich von Annalena, und dann schlief Sebastian wie ein Kind, die Hand unterm Kopf, leise schnaufend, sodass Katharina wütend wurde und ihn anstieß:

Du schnarchst!

Sebastian schnarchte nicht. Aber wenn er wach wurde, drehte er sich brav um und wagte nicht, wieder einzuschlafen. Er wusste, Annalena würde erst wiederkommen, wenn der Morgen dämmerte, und all die anderen Träume waren grauenvoll. So starrte er in die Wand bis der Tag anbrach und machte sich allein Frühstück. Katharina aß nie etwas am Morgen, nur Kaffeeschwarz, so bitter wie ihre Seele, die nie Liebe oder Mitgefühl kennengelernt hatte.

Noch ein Jahr später warf sie Sebastian raus. Sagte, er ginge ihr schrecklich auf die Nerven, er solle verschwinden. Es kam zum Streit, als sie ihm mit der perfekt manikürten Kralle fast ins Auge fuhr. Sebastian rechnete nicht damit, aber wich aus.

Bist du verrückt?!

Mit dir wird man es! Du bist doch kein Mensch!, brüllte Katharina und riss sich aus seinem Griff.

Was denn dann? Sebastian ließ ihre schmalen Handgelenke los.

Ein Baumstamm!, fauchte sie. Raus aus meiner Wohnung! Du nervst!

Sebastian stand da, ratlos, die gleiche Tasche in der Hand wie einst, die abgetragenen T-Shirts und Jeans wieder eingeräumt, und blickte zu Katharina, ob sie es sich nicht vielleicht anders überlegen würde.

Kannst du dich mal beeilen?

Kathar…

Nicht anfangen! Ich will dich nicht mehr sehen, kapiert? Ach was, mit einem Stein zu reden, wäre einfacher. Der hat wenigstens natürliche Kraft. Aber du hast gar nichts! Geh doch zu deiner Annalena!

Warum ihr dieser Name entfuhr, wusste Katharina selbst nicht. Über die Ex-Frau hatte Sebastian nämlich nie gesprochen, genau wie von der Großmutter. Er tat so, als hätte es die beiden nie gegeben. Und Katharina wusste, wenn ihm eine neue Liebe begegnete, würde er sie genauso vergessen.

Vielleicht machte sie das so wütend.

Und Sebastian? Plötzlich zuckte er auf.

Zu Annalena?

Wieder tauchten die Bilder seiner ersten Liebe auf die Stupsnase, Sommersprossen und die Sonne im Haar. Wie Annalena sich immer eine Strähne aus dem Gesicht strich, wie sie ihn manchmal ansah, als frage sie: Was ist, Basti? Bist du müde?

Müde…, murmelte Sebastian vor sich hin, die gepackte Tasche über die Schulter werfend. Es ist Zeit, nach Hause zu gehen!

Sein Auto sprang aus unerklärlichen Gründen nicht an, also machte er sich zu Fuß quer durch die Stadt dahin, wo er glaubte, dass man auf ihn wartete.

Nur niemand öffnete ihm die Tür, wie sehr er auch gegen Oma Erikas Wohnungstür klopfte.

Was klopfst du denn da, Basti?!, rief die Nachbarin durchs Treppenhaus. Die wohnt hier nicht mehr! Schon lange nicht.

Und… wo ist denn Oma Erika?

Jetzt fällt es dir ein! Und wo warst du? Sag lieber deiner Annalena danke, dass sie Erika nicht hängen ließ, als sie dich nicht erreichen konnte! Deine Oma hatte nen Schlaganfall, Basti! Wusstest du nicht mal!

Die Tasche fiel Sebastian aus der Hand.

Was?! Aber wieso…

Wieso?!, unterbrach die Nachbarin schneidend. Man hat dich gesucht! Aber du hast sogar den Job gewechselt, die Nummer und alles. Warst unauffindbar!

Wann war das?

Ein Jahr ist das schon her!

Und lebt sie noch?

Klappe! Such dir einen anderen Spruch. Natürlich lebt sie noch! Annalena hat sie zu sich geholt, hat sie wieder aufgepäppelt, ganz allein, während du deine Liebschaften gelebt hast. Sie hat nie geklagt, auch wenn es ihr schwer fiel. Ihre eigene Mutter ist krank, der Vater tot, und jetzt noch deine Oma! Aber sie hat es geschafft! Annalena ist stark, Sebastian. Nicht so wie andere!

Die Nachbarin schlug verärgert die Tür zu, Sebastian rannte die Treppe runter, vergaß sogar den Fahrstuhl, stürmte zur Nachbarstraße, zu der kleinen Wohnung, die Annalena von ihrem Großvater geerbt hatte und wo sie einst zusammen gewohnt hatten.

Es wurde geöffnet.

Sebastian setzte sich gleich auf den Boden, die Nase in die Knie gesteckt, und wagte nicht, die Frau anzusehen, die mit dem Jungen auf dem Arm vor ihm stand.

Komm rein. Oma hat auf dich gewartet.

Und du?, platzte es aus Sebastian.

Er konnte sie nicht ansehen.

Ich? Hab längst aufgehört, Sebastian. Liebe kann man nicht zwingen.

Wie heißt unser Sohn?

Niklas.

Guter Name.

Oma hat ihn ausgesucht. So hieß dein Großvater. Ein richtiger Kerl.

Anders als ich …

Du bist noch jung, Basti. Du hast Zeit, was aus dir zu machen.

Und du, Annalena? Weißt du jetzt, wo du stehst?

Aber klar! Annalena lachte leise, so echt, dass Sebastian das Herz aufging. Das hier ist mein Leben!

Sie küsste Niklas auf den Kopf, stellte ihn hin und schob ihn zu Sebastian:

Geh. Begrüß deinen Vater!

Ein wütendes Gekreische war seine Begrüßung, als Sebastian den Sohn an sich drücken wollte.

Siehst du, Vater! Reiß dich zusammen!, nahm Annalena den Jungen wieder und trat zur Seite, ließ Sebastian herein. Besuch Oma, hol dir die Schlüssel die alte Wohnung steht leer. Da kannst du bleiben.

Annalena, können wir vielleicht …

Nein, Sebastian, schüttelte Annalena den Kopf. Was war, ist vorbei. Wenn du Zeit mit Niklas verbringen willst sehr gern. Ein Junge braucht seinen Vater. Mehr aber nicht.

Du hast mich nicht vergessen …

Nein, sagte Annalena schlicht. Es ging nicht, obwohl ich es versucht hab. Dafür hast du zu sehr wehgetan.

Danke für alles mit Oma …

Dafür dankt man nicht. Es ist selbstverständlich.

Sebastian wollte widersprechen, aber dann verlor er sich wieder im tiefen Blau von Annalenas Blick und schwieg.

Einige Jahre später begegnen sich zwei Familien im Stadtpark.

Papa!, ruft Niklas und winkt seinem Vater, zieht die Hand seiner noch wacklig laufenden Schwester.

Hallo, mein Sohn! Sebastian drückt den Kinderwagen, schlingt den Arm um seine Frau Maren, und nickt Annalena zu, die mit ihrem Mann Arm in Arm auf sie zukommt.

Karussell und Eis?, lacht Annalena, als ihre Tochter versucht, den flinken Bruder zu überholen.

Oma hat ihren Spaß!, Niklas rennt vor zur Bank, auf der Oma Erika sitzt. Aber das Eis suche ich dieses Mal aus die Mädels packen sich sonst wieder von oben bis unten voll!

Lachen hallt durch den Park, Annalena schreit erschrocken auf, als ihr Mann sie zu einer Achterbahnfahrt überredet, und nur Sebastian wird ab und an nachdenklich, während er Annalena betrachtet, wie sie lachend die Kinder umarmt.

Warum guckst du so finster, Basti? Oma Erika hakt sich bei ihm ein und passt ihren Schritt seinem an. Hast du dein Glück verpasst? Es ist dir wie ein Vögelchen davongeflogen.

Musst du mich so daran erinnern, Oma?

Ja, haut Erika mit dem Stock auf den Weg. Wir schätzen nicht, was wir haben. Verlieren wirs, jammern wir. Du bist immer erst hinterher klug! Schau Maren doch an. Was fehlt dir bei ihr? Sie ist das Glück, das du vielleicht gar nicht verdienst! Also willst du das auch versauen? Guck nicht zurück! Schau nach vorn, wie Annalena es damals tat. Sie hat den Schritt nach vorn geschafft, geht ihren eigenen Weg. Die erste Liebe vergisst man nie, aber sie hat nach vorne geblickt und nicht gejammert. Und euren Sohn erzieht sie anständig. Ich weiß das sicher. Und du … du kannst schlauer werden, Basti. Oder genauso dumm bleiben. Deine Entscheidung!

Oma Erika läuft zu ihren Urenkeln. Sebastian blickt gen Himmel, versteckt Tränen, dann ruft er seiner Frau zu:

Maren! Willst du ein Eis?

Sebastian …

Später kannst du Diät machen! Aber wozu? Für mich bist du sowieso die Schönste weit und breit!Maren lacht, ihr Haar glitzert in der Sonne. Sie stößt ihn spielerisch an. Dann mit Sahne, Basti. Und du du nimmst auch eins.

Sebastian nickt, löst sich endlich von alten Schatten und eilt durch den Park zu den Kindern und Oma Erika. Sein Sohn drängt sich an seine Seite, Marens Hand ist warm in seiner.

Zum ersten Mal seit Jahren spürt Sebastian Leichtigkeit den Mut, Fehler einzugestehen, und die Freiheit, sie hinter sich zu lassen.

Vielleicht, denkt er, ist Glück kein Ziel, sondern ein Weg, den man immer neu beginnt. Mit geschenktem Eis, stolzen Kindergesichtern, mit altem Kummer, der zu neuen Geschichten wird. Mit einer Großmutter, die ihm zublinzelt, und Annalena, die im Park mit ihrem Mann tanzt mutig und versöhnt.

Sebastian streckt das Gesicht der Sonne entgegen. Auf dem Karussell lacht sein Sohn. Maren drückt seine Finger. Da weiß er: Zuhause ist nicht ein Ort, sondern die Menschen, die bleiben.

Und der Wind trägt Kirschblütenduft durch den Sonntag, als wäre alles vergeben, alles neu.

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Homy
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