Wirf ihn auf die Straße. Unter dem Schnee fand ich den Nachbarskater, aber die Besitzerin weigerte sich, ihn zu retten.
Annegret begegnete dem Kater der Nachbarn stets mit Vorsicht. Sie hatte nichts gegen Katzen, doch dieser dicke, gestreifte Kerl hatte sie einmal ernsthaft zur Weißglut gebracht. Das ist eine Geschichte darüber, wie wichtig es ist, Mensch zu bleiben ganz gleich was kommt.
In jenem Sommer hatte der Nachbarskater Ludwig Gefallen daran gefunden, Annegrets kleine Gemüsebeete als Toilette zu benutzen. Nicht selten ertappte sie ihn dabei, wie er konzentriert mit den Pfoten die Erde umgrub als suche er uralte Fundstücke. Annegret stürmte dann mit einen Ruf auf den Eindringling los, doch Ludwig trottete unbeirrt davon. Ihr Schrebergarten war nicht groß, aber robust ein Erbe von der Großmutter, am Rande einer Kleinstadt in Nordrhein-Westfalen, nur einen Steinwurf vom Stadtzentrum entfernt.
Ging man die Straße weiter, befand man sich plötzlich mitten auf einem echten Dorfplatz. Wer aber um die Ecke bog, konnte bereits die Bushaltestelle mit Verbindungen Richtung Köln sehen. Zu Großmutters Zeiten war dieser Platz für Annegret ein kleines Paradies gewesen. Auch nach dem Tod der Oma kam sie häufig an den Wochenenden mit Freundinnen. Sie heizten die Sauna an, grillten Würstchen, pflückten Himbeeren. Im nahegelegenen Wald füllte Annegret in einer Stunde einen Korb voller Steinpilze. Ruhe, frische Luft, Weite alles, was das Herz zum Auftanken braucht. Gleich um die Ecke wohnte ihre Cousine Tochter von Onkel Bernd, dem Bruder ihrer Mutter, von klein auf eine enge Freundin. Garten, Bach, Abenteuer Langeweile gab es nie.
Annegret pflanzte jedes Jahr ein paar Reihen Radieschen und Schnittlauch, auf einer anderen Reihe wuchs Borretsch. Nicht viel, aber ihr eigener Garten. Genau hier schritt Ludwig zur Tat. Sie nahm sich des Problems an, und beschwerte sich bei Ludwigs Besitzerin Tante Hedwig. Die schüttelte missmutig den Kopf und winkte ab: Was kann ich machen? Soll ich dem Kater etwa nachlaufen? Wirf ihm einen Tannenzapfen an den Kopf, wenn du ihn erwischt!
Die Kälte in Hedwigs Brust hatte ihren Grund: Ludwig war Kater ihres verstorbenen Mannes, Wilhelm. Hedwig hatte, wie sie ständig betonte, nie etwas mit Katzen am Hut und nannte sich stolz Hundemensch. Seitdem Wilhelm aber fort war, blieb sie auf Ludwig sitzen.
Um Fürsorge bat Ludwig nie. Er fing die Dorfmäuse, es hieß sogar, er hole Forellen aus dem Bach. Früher begleitete er Wilhelm stets zum Angeln. Er verlangte nicht viel nur ein Dach über dem Kopf und eine warme Fensternische bei Frost.
Zwischen Annegret und Ludwig entbrannte ein wortloser Kleinkrieg. Sie sprach ihm gut zu, bot ihm Frankfurter Würstchen an, aber die ignorierte er nur. Ihre Streicheleinheiten quittierte er mit Argwohn, hielt stets fünf Meter Abstand.
Einmal schüttete Annegret ihm kaltes Wasser aus dem Gartenschlauch auf den Rücken. Ein anderes Mal, beim Unkrautjäten, pfiff sie energisch auf einer Trillerpfeife, als sie den Störenfried entdeckte, und jagte ihn wie ein Schiedsrichter quer durch die Beete. Nachdem sie erschöpft im Gras lag, musste sie über sich selbst lachen. Ludwig war mit einem Satz über den Zaun und blickte sie dann entrüstet über die Schulter an, als wolle er sagen: Unfaire Methoden! Mit steil aufgerichtetem Schweif verschwand er im Fliederbusch.
Tante Hedwig beobachtete amüsiert das Geschehen von ihrer Terrasse, war aber zu beschäftigt mit Lucki, dem kleinen Zwergdackel, den ihre Tochter zur Betreuung mitgebracht hatte. Annegret löste das Beet-Problem pragmatisch: Sie brachte drei Säcke Sägespäne mit und schüttete sie in eine freie Ecke des Gartens unter der alten Linde.
Ludwig nahm das Geschenk an und grub ab sofort nur noch dort. Annegret atmete auf. Doch sie merkte, dass der Kater sie weiterhin aus dem Schatten beobachtete vom Dach, aus den Sträuchern, durch Ritzen im Zaun. Einmal, spät abends, erschrak sie fast zu Tode, als zwei glühende Augen aus der Finsternis auf sie starrten. Ihr Aufschrei weckte vermutlich halb ganz Herten auf. Zwischen ihr und Ludwig herrschte höfliche Distanz man wusste nie, wo er als Nächstes auftauchte.
Bis zum Herbst wohnte Annegret im Häuschen der Großmutter. Dann begann wieder die Uni, und sie kam nur noch an den Wochenenden.
Eines Morgens im November entdeckte sie jenes sonderbare Bild: Auf der Hintertreppe, zugedeckt von Pulverschnee, saß Ludwig ein starrender Schneehügel, selbst die Schnurrhaare vereist. Er regte sich kaum, richtete keinen Laut an sie. Sie strich den Schnee ab keine Reaktion. Als sie ihn sanft aufhob, bewegte er seine Lippen, doch kein Miauen kam. Kein Atemhauch dampfte in der klaren Luft.
Annegret trug den starren Kater nach drinnen, wickelte ihn in eine Wolldecke, taute seine Schnauze mit einem warmen Handtuch auf. Ludwig wehrte sich nicht. Sie legte Wärmflaschen um ihn und lief eilig zu Tante Hedwig.
Doch die Empfang ihr eisig: Der lebt im Schuppen! Im Haus hat das Vieh alles vollgepinkelt mit mir nicht mehr! Nach der Geschichte mit Lucki ist Ludwig rausgeflogen.
Der Sommer ging irgendwie vorbei, aber die feuchte, kalte Holzhütte wurde nun zum Verhängnis. Annegret wollte einlenken der Kater war früher ein Jäger, jetzt aber gibt es nur Kälte und Eis… Doch Hedwig war unerbittlich: Trockenfutter steht ihm immer im Napf er kann Schnee zum Trinken nehmen! Verhungern soll er nicht! Schmeiß das Biest raus!
Da begriff Annegret, dass Ludwig sein schwaches, zittriges Köpfchen nicht zufällig an ihre Schwelle getragen hatte. Aus Enttäuschung über das Ende aller Hoffnung beim einstigen Frauchen war er zu seiner Sommer-Rivalin gekommen.
Annegret rief überall herum, ob jemand einen alten Kater aufnehmen wollte. Niemand wollte. Selbst die Cousine sagte nur, er könne in den Stall zu Kuh und Schwein dort ist es immerhin wärmer als draußen. Im Wohnhaus? Unmöglich, sie hatten schon beide: Katze und Kater.
Ludwig, inzwischen halb aufgetaut, schleppte sich aus der Decke, setzte sich langsam vor ihre Füße, schaute Annegret fest in die Augen. Er wusste, hier entscheidet sich etwas für ihn.
Annegret seufzte und rief ihre Mutter an. Die war immer strikt gegen Tiere im Haus gewesen aber bei der Erinnerung an Wilhelm, an die Zeiten im Schrebergarten und wie Ludwig ihm immer zur Seite gesessen hatte, wurde sie weich. Sie erinnerte sich an frische Forellen, an Nachmittage in der Sonne und daran, wie niemand das alte Tier jetzt mehr brauchte. Fassungslos und mit Tränen in den Augen meinte sie: Vielleicht ist es jetzt an der Zeit, ihm einen Platz zu schenken.
Manchmal entscheidet sich das Schicksal plötzlich.
So kaufte Annegret beim Edeka eine große Transportbox und bettete Ludwig vorsichtig in die neue Höhle. Sie nahm ihn mit in die Stadt und ein neues, ganz eigenes Leben begann für Ludwig in Düsseldorf.




