Letzter Einsatz
Schon am frühen Morgen hatte Emilia ein seltsames Gefühl als ob irgendetwas passieren würde.
Etwas Schlimmes…
Sofort wählte sie die Nummer ihrer Mutter. Renate Hoffmann überzeugte sie, dass alles in Ordnung sei:
Mein Blutdruck ist wie bei den Astronauten, kein bisschen Kopfschmerzen. Warum fragst du?
Ach, nur so, sicherheitshalber…, antwortete Emilia. Na gut, ich muss mich für die Arbeit fertig machen. Ruf mich an, wenn irgendwas ist.
Mach ich.
Eigentlich hätte sie sich nach dem Telefonat entspannen sollen, aber das flaue Gefühl blieb als würde sich irgendwo in ihrem Inneren eine schwarze Wolke zusammenbrauen.
Aus welchem Grund, das wusste Emilia selbst nicht. Echte Sorgen gab es keine. Aber bei ihrem Job konnte ja immer irgendetwas passieren, besonders montags. Jeder Deutsche weiß: Montag ist kein Sonntag.
Sie trank ihren Kaffee aus, betrachtete kurz die Uhr halb sieben, schon zog sich schnell an und griff nach einer Semmel, ehe sie in den frühen Tag hinausging, der in Berlin wie ein zerfließendes Gemälde dalag.
*****
Im Hof der Rettungswache traf Emilia auf Dietmar, den Fahrer, mit dem sie heute durch die Straßen fahren würde vorbei an fragmentierten Straßenschildern und blinkenden Ampeln wie in einem Traum. Dietmar winkte ihr mit einer Zigarette zu; sein Grinsen wirkte wie aus einer anderen Zeit.
Mensch, Emilia, warum so trübselig? lachte Dietmar, während Rauchkringel seltsam langsam über den Asphalt drifteten. Ist was passiert?
Noch nicht, Dietmar. Aber ich weiß, dass heute noch was schiefgehen wird. Sie blickte nachdenklich über den Hof, wo das Licht wie ein blauer Nebelfilm hing.
Himmel hilf… Woher kommen diese Gedanken am Morgen? Nicht ausgeschlafen, was?
Schweigend wandte Emilia den Blick zum Himmel. Über Berlin spannte sich ein graues Betttuch, das sich langsam schwer und nass auf die Stadt legen wollte.
Regen mochte sie schon als Kind nicht…
Vielleicht ist das ja alles nur schlechte Laune wegen des Wetters? Kein schlechtes Gefühl, sondern mieses Berliner Wetter? Schon wollte sie erleichtert aufatmen, aber die Unruhe kehrte wie ein Bumerang zurück.
Da stürmte auch schon eine junge Kollegin vorbei, das Haar wild, und rief: Gute Schicht euch beiden!
Dietmar hustete sich am Rauch fast die Seele aus dem Leib und drohte lachend mit der Faust. Die Kollegin erschrak und murmelte schuldbewusst: Oh, sorry! Schon wieder vergessen, das war ein Ausrutscher…
Erst seit letzter Woche arbeitete sie als Notfallsanitäterin auf der Wache und hatte diese uralte Regel Wünsch nie einer neuen Schicht Glück noch nicht verinnerlicht. Ein schlechtes Omen, das wussten doch selbst Kinder.
Jetzt wusste Emilia, dass heute etwas passieren würde eine kleine Gänsehaut rollte über ihren Rücken.
Da hast dus, grummelte Dietmar und trat seine Kippe in den Eisen-Abfalleimer.
*****
Jedes Mal, wenn die Leitstelle den nächsten Einsatz meldete, knabberte Emilia nervös auf ihrer Unterlippe herum und schaute auf den eigenen Schatten, der sich wie ein Fleck an ihrem Kittel festsetzte. Von irgendwo klang durch die Lautsprecher:
Mann, 35, starke Kopfschmerzen, die Sprache verwaschen Verdacht auf Schlaganfall.
Gerade das fehlt mir noch…, schoss es ihr durch den Kopf. Rettungsdienst heißt, auf alles gefasst zu sein doch Emilia litt mit jedem Fall mit, besonders, wenn der Tod im Raum stand. Bei Schlaganfall war das ja möglich. Gerade an so einem Tag.
Doch es stellte sich heraus, dass bei diesem Mann weit und breit kein Schlaganfall war bloß Kater. Die letzte Nacht hatte er bei einer Geburtstagsparty durchgefeiert. Emilia gab ihm eine Tablette und empfahl Schlaf:
Und Bier, hilft das vielleicht? fragte der Mann leise hoffnungsvoll.
Besser nicht! Das macht alles nur schlimmer. Wenn Sie gesund und glücklich bleiben wollen, dann lassen Sie am besten den Alkohol gleich ganz weg.
Erleichtert atmete Emilia auf, als sie die Wohnung verließ. Noch war nichts passiert…
Vielleicht hatte Dietmar recht, und ihre düstere Vorahnung war bloß Müdigkeit. Sie fing an, ruhiger zu werden, doch dann funkte die Leitstelle wieder Ziel: Friedhof.
Wie bitte? staunte Dietmar.
Friedhof, erwiderte Emilia tonlos, während ihre Finger sich in den Tablet gruben.
Heute sollte auf dem städtischen Friedhof ein bekannter Schauspieler beerdigt werden, ein Berliner, von dem sie nie zuvor gehört hatte. Die Szenerie wirkte bizarr: Junge mit roten Nelken, ältere Damen, manche weinten, andere standen schweigend, der Regen wurde dichter. Doch die Hilfe des Rettungsdienstes wurde nicht benötigt.
Der restliche Tag blieb beinahe banal Routineeinsätze, Träume, die sich wiederholten, wie alltägliche Rituale. Fast zwölf Stunden vergingen wie im Flug, und Emilia sah bereits das Licht der Wache am Horizont.
Noch zehn Minuten bis Feierabend.
Sie begann, von zu Hause zu träumen von Dusche und Bett, mit Bims Geruch noch an ihrer Haut. Morgen, so hoffte sie, würde ihr Stimmung besser sein als heute.
Sicherheitshalber rief Emilia erneut bei ihrer Mutter an.
Alles gut, mein Schatz, meldete Renate. Gleich gibts Abendessen, dann seh ich, was heute im Fernsehen läuft.
Und? Alles in Ordnung bei deiner Mutter? fragte Dietmar, als sie das Handy wegsteckte.
Alles prima.
Siehst du!, lachte Dietmar. Sag ich doch. Heute passiert nichts Schlimmes! Immer diese düsteren Ahnungen…
Aber weißt du, Dietmar, das Gefühl ist immer noch da. Ich versteh nicht, warum…
Hol dir doch ein Haustier das bringt den Kopf wieder ins Lot!
Du meinst das ernst?
Natürlich! Mein Kater Oskar wartet auf mich. Wenn ich heimkomme, springt er auf meinen Schoß und schnurrt das Beste gegen Sorgen. Danach schlaf ich wie ein Baby.
Dietmar, wann denn? Ich arbeite Schicht. Für einen Hund oder Kater hab ich wirklich keine Zeit. Du hast Frau und Kinder ich wohn allein.
Emilia wollte noch etwas erwidern, da erwachte plötzlich der Tablet zum Leben die Stimme der Leitstelle:
Emilia, es tut mir leid, du bist noch nicht ganz durch für heute. Noch ein Einsatz: Ludwigstraße 23, Wohnung… einen Moment…
Nicht etwa achtundvierzig?
Ja, stimmt! Wohnung 48. Woher weißt du das? wunderte sich die Leitstelle.
Da wohnt doch Herr Faulhaber. Ich komme mir schon wie eine Freundin vor, so oft war ich bei ihm. Was ist los, Herzbeschwerden?
Emilia hörte, wie die Leitstellenfrau schwer durchatmete.
Er ist tot, Emilia… Schon heute früh. Die Polizei ist bereits da, und du weißt, warum du kommen musst…
Ich weiß…, antwortete Emilia wie im Traum.
Mit zitternder Hand legte sie das Tablet auf die Knie und sah Dietmar an. Er nickte nur.
Schade um Herrn Faulhaber. Nach dem, was du erzählt hast, war er ein guter Mensch. Aber, Emilia, du bist nicht schuld. Er wollte nicht ins Krankenhaus, ist selten zum Arzt du kannst da nichts für, verstanden?
Emilia lehnte den Kopf an die Scheibe; Berlin schien auf einmal dunkler, als hätte jemand das Licht heruntergedreht.
*****
Vor eineinhalb Monaten hatte Emilia Herrn Faulhaber kennengelernt, der unter starken Brustschmerzen litt.
Die Tür ist offen, Sie können einfach reinkommen, hatte die Leitstelle damals gesagt.
Im Flur der Wohnung saß ein winziger, schwarz-weiß gefleckter Welpe auf den kalten Fliesen und knurrte sie an, als wäre sie ein Traumgespenst. Dann kam Herr Faulhaber ins Zimmer schwebend und lächelte:
Hab das Hundchen draußen gefunden und aufgenommen. Jetzt bewacht er mich.
Bleiben Sie ruhig liegen, sagte Emilia. Der kleine Kerl ist wirklich süß. Würd ich mir auch wünschen, ginge es nur.
Na, warum nicht?
Eher schlecht bei meinem Job. Aber jetzt erzählen Sie mal seit wann haben Sie die Beschwerden?
Herr Faulhaber klärte sie auf: Seit dem Tod seiner Frau vor einem Jahr spürte er die Schmerzen häufiger, aber das Krankenhaus nein, das kam für ihn nicht in Frage. Meditation, Herztabletten, noch mehr Meditation.
Der EKG zeigte echte Herzprobleme. Ins Krankenhaus, Herr Faulhaber.
Doch er weigerte sich immer.
Und Bimi, wer kümmert sich? Geben Sie mir lieber etwas für den Moment.
Auch nachfolgende Einsätze verliefen ähnlich. Kein Krankenhaus, kein Arzt. Stattdessen: Bimi, Bimi, Bimi.
Einmal pro Woche stand Emilia bei ihm vor der Tür. Immer das gleiche kleine Wohnzimmer, immer Bimi. Was, wenn Sie eines Tages nicht mehr zurückkommen? fragte Emilia einmal.
Da gibts doch Nachbarn, Frau Gruber zum Beispiel. Der hab ich was Geld abgelegt, falls sie Futter holen muss.
Warum? fragte Emilia.
Nicht jeder nimmt einen Hund auf, weil das Geld knapp ist, antwortete der alte Mann.
Ja, er war ein guter Mensch.
Heute sollte sie ihn nicht mehr sprechen. Heute würde sie nur Abschied nehmen.
Der letzte Einsatz war wirklich der letzte.
Und sie widersprach Dietmar innerlich: Ein Stück Schuld blieb hätte sie ihn doch überreden sollen. Hätte, hätte…
Emilia, wir sind da.
Was?, fragte sie und spürte Dietmars große Hand auf ihrer Schulter.
Der Aufgang war leer, wie ausgewaschen; Emilia stieg die drei Stockwerke hoch zur Wohnung, in der schon die Nachbarin Frau Gruber und der Streifenpolizist warteten. Die Erinnerungen an vergangene Besuche wogen schwer.
Guten Abend, Emilia, begrüßte Frau Gruber sie. Ich hab die Polizei gerufen. Heute früh hat Bimi wie verrückt gebellt und Herr Faulhaber war nicht draußen wie sonst. Hab erst später nachgesehen…
Mit einer schnellen Bewegung zeigte sie auf das Schlafzimmer. Emilia kniff die Lippen zusammen, tat ihre Arbeit.
Als sie fertig war, überkam sie die Angst: Wo war Bimi? Sie durchsuchte Küche, Bad, Balkon.
Der Streifenpolizist lachte: So ein schwarzer Hund? Der hat sich hier herumgetrieben, ist dann aber mit Frau Gruber gegangen glaub ich jedenfalls.
Gott sei Dank! flüsterte Emilia. Das Herz schlug wie in weiter Ferne.
Sie verabschiedete sich, und beschloss, noch kurz bei Frau Gruber zu klingeln, die schon wieder eilig verschwunden war.
Emilia? Was gibts?
Ich wollte mich nur bedanken, dass Sie Bimi aufgenommen haben. Geht es ihm gut?
Wen Bimi? Ach, der Hund? Nein, ich hab ihn rausgelassen. Was soll ich mit so nem Hund?
Aber Herr Faulhaber hat gesagt, dass Sie sich kümmern würden. Auch das mit dem Geld fürs Futter!
Frau Gruber zuckte zusammen: Davon weiß ich nichts. Ich hab keine Abmachung mit ihm gehabt, mit Sicherheit kein Geld gesehen.
Er hat es mir aber gesagt…
Tut mir leid, Emilia, ich hab jetzt wirklich zu tun. Der Hund der kommt schon klar. In Berlin helfen viele Leute.
*****
Emilia stürmte hinaus. Der Regen klatschte jetzt richtig auf die Straßen, der Himmel war tief und tropfte auf alles.
Emilia, steig ein! Was machst du da im Regen? rief Dietmar.
Doch sie schüttelte den Kopf und stellte die Medikamentenbox ins Auto.
Dietmar, fahr du schon mal zurück zur Wache, ich muss noch was erledigen.
Was denn?
Den Hund finden.
Welchen Hund? Was ist denn jetzt los?
Sie erzählte Dietmar in kurzen Sätzen, was passiert war. Er rauchte, hörte zu, nickte.
Bimi kann nicht weit weg sein. Ich bleib bei dir.
Aber du kannst doch nicht die Rettungswagen dürfen nicht ohne Fahrer!
Psst, ist unser Geheimnis. In Berlin gibts schlimmere Dinge.
Gemeinsam suchten sie, dann auch der Polizist. Minuten verstreichen wie in einer anderen Zeitrechnung. Die Straßen: leer. Das Licht: merkwürdig bunt.
Gefunden! rief Dietmar laut, und Emilia rannte los.
Da war er, unter einer Bank gegenüber von Herrn Faulhabers Wohnhaus. Dietmar sprach lachend mit dem Welpen, der ihn argwöhnisch anknurrte.
Als Emilia näher kam, kroch ein Stück Wärme durch ihre Brust. Bimi, mein Guter!, rief sie. Vielleicht weinte sie niemand hätte es gesehen im Berliner Regen.
Der kleine Hund kannte sie natürlich, kam vorsichtig hervor, sah sie traurig an und wimmerte.
Ich weiß, du hast deinen Menschen verloren…
Dietmar wandte sich ab, der Polizist blinzelte in den Regen. Männer weinen nicht, jedenfalls nicht in Uniform.
Ich kann dir deinen Herrn Faulhaber nicht zurückbringen, flüsterte Emilia, aber vielleicht kann ich für dich da sein, Bimi. Möchtest du mit mir nach Hause kommen?
Und Bimi ging mit.
Denn er spürte, dass Emilia ein guter Mensch war. Außerdem er hasste Regen.
*****
Die ersten Wochen zweifelte Emilia, ob sie alles schaffen würde. Aber ihre Mutter Renate half ihr. Wenn Emilia arbeitete, fütterte und spazierte Renate mit Bimi.
Am Wochenende schlenderten sie gemeinsam durch den Tiergarten: Emilia, ihre Mutter und Bimi. Ein Pakt der kleinen Glücksmomente.
Sie bereute es keine Sekunde, Bimi übernommen zu haben. Mit dem kleinen Hund kehrte Sinn in ihren Alltag zurück, und sie verstand nun auch Herrn Faulhaber besser auch wenn sie als Ärztin seine Sturheit nicht teilen konnte.
Einige Monate später kam noch jemand dazu: Der Polizist, den sie bei Herrn Faulhaber kennengelernt hatte Volker, der immer zuhörte und dann auftauchte mit einem Strauß Tulpen.
Bimi begrüßte ihn an der Tür, schnupperte, bellte und entschied: Dieser Mann war in Ordnung.
Damit konnte Emilia sicher sein: Niemand konnte ihr Glück jetzt mehr vertreiben. Nur der Traum, Regen und Licht blieben und das war gut so.




