Vom Hass zur Liebe

Vom Hass zur Liebe

Früher, als ich noch ein kleiner Junge war, hieß ich Rudolf und konnte Hunde nicht ausstehen. Es begann damals, als ich, ein rundlicher, sommersprossiger Erstklässler mit dicken Brillengläsern und einem prall gefüllten Ranzen, hinter den Reihen altmodischer Mietshäuser im Schatten der großen Linden Berlins von einem Rudel Straßenhunde gestellt wurde.

Der Anführer drahtig, schwarz mit rostroten Abzeichen im Gesicht sah mir direkt in die Augen. Ich weinte, flehte um Gnade und warf ihnen meine verbliebenen Pausenbrote mit Leberwurst hin. Aber die Hunde waren unerbittlich. Bei jedem Versuch, wegzugehen, hob der Leithund seine Oberlippe und zeigte mit tiefem Knurren seine schiefen, gelblichen Zähne.

Mehr als zwei Stunden hielten sie mich umzingelt. Plötzlich drehte der Anführer ein Ohr nach hinten, lauschte und schlich dann wortlos mit dem Rudel Richtung Stadtwald davon der Rest folgte im Gänsemarsch und verschwand schließlich zwischen den Bäumen.

Ich wischte mir die Tränen ab, klammerte mich fest an meinen Ranzen und rannte so schnell ich konnte Richtung Zuhause.

Doch auch Zuhause fand ich nie mehr. Unser altes Fachwerkhaus, in dem meine Familie mit wenigen Nachbarn lebte, war gerade dabei, nach einer Gasexplosion auszuglühen. Bei dem Brand kam mein Großvater ums Leben mein Opi, wie ich ihn nannte. Opi hatte einst als Matrose auf großen Schiffen gearbeitet, wettergegerbt vom Wind der Nordsee. Er trug einen schneeweißen Bart, den er jedes Jahr nach Neujahr komplett abschnitt. Sobald der Bart wieder wuchs, flocht Opi daraus einen kleinen Zopf, steckte ein buntes Gummiband darum oder warf den Zopf neckisch hinter sein Ohr.

Nach Opis Tod und der Begegnung mit den Hunden habe ich lange gestottert.

Ein zweites Mal kreuzte eine Straßenhündin meinen Weg, als ich, längst ein dünner, lang gewachsener Siebtklässler, seit kurzem ohne Brille und mit Kontaktlinsen, nach dem Unterricht Clara Heim, das hübscheste Mädchen der Klasse, nach Hause begleiten wollte. Clara war die Schwärmerei von allen, besonders von Torsten, einem Raufbold, der schon seit zwei Jahren in der neunten Klasse saß und die ganze Schule in Angst und Schrecken versetzte. Trotzdem wagte ich es, neben Clara herzulaufen.

Da trat er plötzlich vor uns auf: ein riesiger Hund, der bellend und bedrohlich knurrend zwischen mich und Clara drängte. Ich wich zurück, bis Clara hinter der nächsten Ecke ihres Wohnblocks verschwand und die Bedrohung sich verlagerte.

Am nächsten Tag fand ich während der Mathematikstunde einen Zettel auf meinem Tisch, auf dem in hastiger Schrift stand:
Folge mir nicht. Gestern wollte Torsten dich zusammenschlagen. Tut mir leid.

Die Freundschaft zu Clara verlief im Sande, und mein Groll gegen Hunde wurde nur noch größer.

Viele Jahre vergingen. Ich wurde erwachsen, studierte mit Auszeichnung in München, machte mich selbständig und wurde ein erfolgreicher Geschäftsmann. Beruflich lief alles rund, ich verdiente gut, knüpfte die richtigen Kontakte. Schließlich fand ich auch im Privaten mein Glück: Die einstige Clara Heim wurde meine elegante Ehefrau, und unser Sohn genannt Lenz, zu Ehren meines geliebten Opis war unser Sonnenschein. Mit acht Monaten konnte er noch nicht sprechen, doch wann immer wir draußen waren, lächelte er allen Hunden entgegen und rief fröhlich:
Wuff, wuff!

An einem sonnigen Frühlingssonntag spazierte ich mit Lenz durch den Schlosspark Charlottenburg, schob den Kinderwagen gemächlich vorbei an singenden Amseln, und fütterte mit ihm die Meisen und Eichhörnchen. Eine besonders mutige kletterte an meiner Hand herunter und holte sich ein Nussstück direkt aus meiner offenen Hand.

Es war Zeit für den Heimweg. An der Ampel wartend, wartete ich auf das grüne Signal, schob dann den Wagen entschlossen auf die Straße. Doch plötzlich sprang eine verrückt aufgeregte Dackeldame mit rotbraunem Fell vor uns und bellte wie wild, als wolle sie uns am Überqueren hindern. Im selben Augenblick rauschte ein Auto wenige Zentimeter an Lenz Kinderwagen vorbei und krachte jenseits der Kreuzung gegen eine Straßenlaterne.

Schreiend sprangen die Jugendlichen aus dem Auto und liefen davon. Ich stand starr, das Herz schlug so laut, dass ich es im ganzen Körper spürte.

Der Dackel war verschwunden, Menschen rannten zum Unfallort. Ein Passant fasste mir besorgt an den Arm.
Alles in Ordnung? Die Karre hat den Wagen nicht erwischt? Seine ängstlichen Augen blickten mir entgegen.

Ich schüttelte den Kopf, murmelte kaum hörbar, dass alles gut sei.

Wie ich nach Hause kam, weiß ich heute nicht mehr. Clara habe ich von diesem Vorfall nie erzählt wozu sie unnötig beunruhigen? Doch an jenem Abend spürte ich erstmals so etwas wie Dankbarkeit dem Dackel gegenüber, der unseren Sohn gerettet hatte.

Stumm dachte ich bis zum Abend immer wieder an die drei Hundebegegnungen meines Lebens. Sie hatten mir nie Angst gemacht, mir nie drohend nachgestellt sie hatten mich auf ihre Weise beschützt. Clara beobachtete mich fragend, fragte aber nicht weiter nach.

Nach dem Abendessen machten wir einen Spaziergang durch unseren Innenhof. In der Nähe der hintersten Bank hatten sich die Nachbarn versammelt. Als wir vorbeikamen, hörte ich Flüstern:
Was machen wir jetzt? Wer nimmt den so?

Ich lugte über die Schulter eines Nachbarn und sah eine Kartonschachtel auf der Bank stehen. Drinnen lag ein winziger Welpe. Er hatte keine Augen vermutlich eine Laune der Natur. Die Leute beratschlagten leise. Clara schob den Kinderwagen ein Stück voraus, blieb aber in Sichtweite.

Was machen wir nur mit ihm?
Wohin jetzt mit so einem armen Kerl?
Ich könnte so einen sicher nicht nehmen , tuschelten manche.

Ich trat näher zur Bank. Der kleine Welpe war schokoladenbraun. Er winselte leise, bewegte sein Köpfchen suchend hin und her, auf der Suche nach vertrauter Wärme.

Aber seine Mutter war nirgendwo zu finden.

Für einen Moment stand ich ganz still, dann nahm ich entschieden meinen Schal ab obwohl es Frühling war, war es abends noch recht frisch. Mit beiden Händen hob ich das Hundekind vorsichtig hoch und bemerkte, dass auch seine Hinterbeinchen verkrümmt waren.

Hinter mir schluchzte eine Frau, ihre Stimme zitterte.

Behutsam wickelte ich den blinden Welpen in meinen Schal, nahm ihn wie ein Baby auf den Arm und sagte leise:
Na, mein Kleiner, anscheinend bin jetzt ich an der Reihe Komm, ich stelle dich unserer Mama vor. Sie ist freundlich und schon im Kühlschrank wartet für dich ein bisschen Milch.

So ging ich los, zu der jungen, hübschen Frau mit dem Kinderwagen, die mich mit warmen, liebevollen Augen empfing.

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Homy
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