Ruf doch in einer Stunde an!
Hallo, Franzi! rief meine Freundin Hannelore, winkte über den Marktplatz.
Ich blieb stehen, drehte mich um und kniff die Augen zusammen. Die Gesichter verschwammen, denn meine Brille lag in der Handtasche
Ach, da war es ja klar, dass mir die Stimme bekannt vorkam!
Hanni, du bist wirklich flink wie ein Reh! lachte ich.
Wir umarmten uns, aber Hannelore machte sich gleich wieder frei.
Uff, was für ein Reh! Erzähl doch keinen Quatsch. Ihr seid einfach nie zu erreichen, da muss man euch schon auf der Straße einfangen!
Wie meinst du das? Ich setzte mich mit ihr auf die Bank, blickte aber gleich auf die Uhr. Die Zeit war knapp.
Na, so wie ichs sage! Du, Carola, Isabell wo steckt ihr alle? Kein Anruf, keine Nachricht: Hallo Hanne, uns gehts gut, alles bestens! Ihr habt geheiratet, Kinder getauft und ab ins Alltagsgetümmel! Meine Jungs haben übrigens Grischas Rücken ruiniert: “Trag uns, Pferdchen, trag uns!” Nun ist er zum Onkel aufs Land gefahren, die wollten ihm Bienen auf den Rücken setzen, so wies die Alten machen. Keine Ahnung, ob er heil zurückkommt… Und ihr? Das ist doch kein Umgang unter Freundinnen! Wie kann man so voneinander verschwinden? Sag mal, hast du Wasser dabei? Ich bin völlig außer Atem, und du redest von Rehen Hannelore schnaufte weiter.
Nein, aber ich kann dir eins holen, wenn du magst. Wo ist denn Ich suchte nach einem Kiosk, kniff erneut die Augen zusammen.
Ach was! Gib dich nicht so, setz dich! Ich komm schon klar, verbot sie mir schroff. Wo sind die Brillen? Du fuchtelst hier wie ein Maulwurf rum. Ehrlich, du erinnerst mich immer mehr an meine Oma Anneliese.
Die Brille ist in der Tasche Ich kann einfach nicht damit, Hanne! Schau mich doch an, jetzt noch eine Brille dazu, dann sehe ich aus wie die Oberlehrerin vom Dienst! Hier, guck! Ich zog ein Etui aus Krokoleder aus der Tasche, klappte es auf und zeigte ihr die goldene Fassung.
Los, setz mal auf! forderte Hannelore.
Gehorsam zog ich die Brille auf.
Na, ist die Welt gleich bunter? Steht dir super, ehrlich! Ganz reizend, ein klein wenig zerbrechlich, sehr weiblich. Ohne bist du wie ein blindes Huhn!
Findest du? Ist mir nie aufgefallen Zögernd zuckte ich mit den Schultern.
Tatsächlich war es so, dass ich mich schon ewig nicht mehr im Spiegel betrachtete. Wozu auch? Zum Ärgern über Falten, das Doppelkinn, ein wenig zu viel hier, zu wenig da nichts mehr vom Pfirsichteint der Jugend, kein Glanz in den Augen. Das wusste ich auch ohne Spiegel. Morgens ein schneller Kontrollblick sitzt das Haar, liegt der Kragen gut, ein bisschen Mascara, Lippenstift. Aber alles ohne Freude, ohne das alte Mädchenhafte.
Früher war das ganz anders. Als Kind liebte ich unser riesiges, hohe Spiegelbild im Schlafzimmerschrank meiner Mutter Karin. Sie schenkte mir Kleider, Zöpfe, lackierte die Nägel, legte Schleifen und alles Mögliche zurecht, und gemeinsam freuten wir uns, wie hübsch die kleine Franziska wieder geworden war. Bunte Bänder, Lackschuhe, Mützen, ein Wintermantel auf Figur (was für andere unerschwinglich war), später die knallbunten Leggings, modische Jeans vom Flohmarkt, sogar ein echtes Alpaka-Mützchen, das mein Vater Uwe wohl von einer Dienstreise aus Süddeutschland mitgebracht hatte
Ein Püppchen, nichts als ein Püppchen, dieses Kind! Ihr glotzt sie ja an, als käme sie von einem anderen Stern. Und dann ruft ihr diese Dinger noch Legging, meckerte Oma Anneliese.
Leg-gings, Oma! So spricht man das! Die sind jetzt eben Mode, das verstehst du nicht! erwiderte ich keck.
Hoffentlich bleibt im Kopf auch was hängen und nicht nur auf den Beinen! Zeig her, dein Zeugnis! Mal sehen, obs da auch was zu sehen gibt! kommandierte Oma.
Ich reichte ihr brav das Zeugnis. Ich war eine sehr fleißige Schülerin, sodass Oma meist nur die Lippen zusammenpresste, die Lesebrille runterschob und nach kurzem Blick-grinsen abwinkte: “Ich komme nächstes Mal auch in solchen Hosen zu Opa! Mal sehen, was er sagt.”
Wieder rückte ich die Hosen zurecht und wir lachten, tranken Kakao und machten gemeinsam Hausaufgaben
Ganz normales Leben eben.
Irgendwann rückte das Abitur näher, inklusive schickem Kleid und eben diesen zarten Riemchensandalen in Größe 36, in die ich mich in dem Laden am Domplatz sofort verliebte.
Franzi, ich sehs doch, die drücken! Und du willst tanzen und feiern, sicher geht ihr noch raus mit der Klasse. Nein, Franziska! Gibts ein größeres Paar? fragte meine Mutter und die Verkäuferin schüttelte bedauernd den Kopf.
Nein, Mama! Ich will genau die. Sie passen mir, ehrlich! behauptete ich stur.
Wir kauften die Schuhe, packten sie vorsichtig ein, zeigten sie Oma, die nur meinte, dass der Absatz zu hoch sei, aber “Jugend von heute ist eben anders”.
Bei der Zeugnisvergabe vergoss mein Vater Uwe einige Tränen, so stolz war er auf seine bildhübsche Tochter, auch wenn ich ständig von einem Bein aufs andere trat wie ein nervöses Pferd.
Was ist los, Franzi? fragte er leise.
Die Schuhe drücken, Papa! Ich kann nicht mehr. Gib mir die alten, eingelaufenen, flüsterte ich.
Er zog die beigen Wildlederballerinas aus der Tüte, ich zog sie dankbar an. Ach, Mode was soll’s.
Hanni, Isa, Carola meine Freundinnen waren genauso toll, aber etwas schlichter. Neid gabs nie, dafür waren wir zu beschäftigt, verbandelt durch allerhand Gemeinsames. Ob Liebeskummer oder Glück, wir schworen uns ewige Freundschaft, flüsterten in meiner Küche, während meine Mutter und Oma im Wohnzimmer “Lindenstraße” schauten. Die trauten sich kaum zu stören, wollten heimlich auch dabei sein
Wir gingen alle auf unterschiedliche Hochschulen: ich zur Uni, die anderen teils Berufsschule oder FH. Ich blieb lebenslustig, zog die Freundinnen zu Partys, schlang ihnen Tücher um den Hals (modisch muss es sein!), erzählte, was man jetzt in Innsbruck trinkt, welche Lieder in der Hitparade laufen. Wir stritten, kicherten, lachten
Dann kam Omas Krankheit, aus heiterem Himmel. Opa starb, Oma Anneliese bekam Angst vor Ärzten, wollte nie ins Krankenhaus, so wie es bei Opa schiefging. Sie zog zu uns, wurde immer gebrechlicher, ließ mich kaum von sich. Sie fragte nach dem Studentenleben, der Welt, ich las und sang ihr vor.
Es war neu für mich ich musste erwachsen werden, helfen, Verantwortung übernehmen.
Mal halfen Hanni oder die anderen, damit ich kurz Boris, meinen späteren Mann, treffen konnte.
Ach, Anneliese, machen Sie sich mal keine Sorgen! Franziska kommt gleich, sie singt bestimmt wieder Ihr Lieblingslied mit Ihnen, beruhigte Hanni sie gern und las aus irgendwelchen Erzählungen vor. Obwohl Oma nichts davon hören wollte, spann Hanni immer neue Geschichten…
Oma erfuhr über Hanni, dass ich verliebt war.
Es folgte die große Familienbesprechung, Oma, Mama, ich. Wer ist Boris, was macht er, gute Familie Schließlich gab Oma grünes Licht.
Na gut. Dann holt das gesparte Geld raus. Für die Hochzeit, nickte sie. Und drückte sich verstohlen ein Taschentuch ins Auge.
Aber in meiner Tasche lag das ärztliche Attest. Oma würde meine Hochzeit nicht mehr erleben
Boris und ich verschoben die Trauung, bis das Schlimmste überstanden war. Wir heirateten erst, als wir fest im Beruf standen.
Omas Tod war für mich ein tiefer Einschnitt. Ich schaute mich nicht im Spiegel an, kümmerte mich kaum um mein Aussehen.
Aber da traten die Freundinnen auf den Plan.
Jetzt ist Schluss! Hanni, immer voran, zerrte mich ins Bad. Mach dich schick, wir gehen ins Kino. Wie siehst du eigentlich aus? Willst du, dass Boris sich erschreckt? Franziska! Wo sind die schönsten Kleider? Carola, such was aus. Los, Franzi, zaubere dich hübsch. Isa bringt ihren Verlobten, wir müssen mitziehen!
Das Reifen, das Lachen, die liebevollen Streitereien das tat gut. Kurze Zeit später waren wir alle verheiratet, bekamen Kinder. Hannelore haderte lang mit ihrem Christian, “nur Freunde, nein, wir haben uns nie geküsst!” rief sie immer, bis sie irgendwann die Hochzeitskarten schickte.
Hannis Hochzeit feierten wir groß im Hotel in München und am nächsten Tag im Dorf bei ihren Schwiegereltern.
Sieben Jahre lang telefonierten wir regelmäßig, dann wurden die Treffen seltener und versiegten ganz. Alle mit Kindern, Alltagschaos, Reisen, Krankheit, Umzügen. Carola ließ sich scheiden, Isa adoptierte ein Kind, ich bekam meine beiden, Hanni hatte plötzlich Zwillinge. Wir murrten über ihre Heimlichtuerei, aber als sie entlassen wurde, kamen wir, verschenkten Babykleidung, umarmten ihre Schwiegermutter und den stolzen Christian, machten die Wohnung babysicher und fuhren dann zu unseren Familien zurück.
Der eine musste zum Kinderballett, woanders war der Mann krank, Carola stürmte aus Liebeskummer ins Kino Hanni jammerte, dass es so kurz war.
Gut, dann lad beim nächsten Mal einfach wieder zu spät ein, dann sehen wir uns erst zur Rente! maulte Carola. Ich ruf dich aber an! Bis dann!
Ich auch! riefen wir und verschwanden im Münchner Nachmittagslicht.
Hannelore blickte uns nach. Wir waren anders geworden. Sie war es auch.
Nein, wir haben uns kaum verändert, tröstete Christian. Schau unsere Jungs an identisch! Das hat nicht jeder.
Er spreizte die Finger, als hätte er die Buben eigenhändig geformt.
Nicht jeder, Chrissi, da hast du Recht! Unsere Kinder sind die besten der Welt, nickte Hanni, küsste ihn.
Aber doch, wir haben uns verändert!, dachte sie. Wahrscheinlich ich auch.
So ging das Leben weiter, warf Feste und Sorgen auf unseren Wagen: Weihnachtsplätzchen, Geburtstagskerzen, seltene Fotos, Krankheiten (Isas Familie erwischte es ganz schlimm mit Masern), Sommergewitter, Erdbeeren am Straßenrand, ein Glas Honig aus Bayern, dann Abschiede, Hochzeiten, Beerdigungen. Die zweite Hochzeit von Carola ganz ohne weißes Kleid. Und diese raschen, flüchtigen Telefonate unter Freundinnen:
Hallo! Wie gehts?
Und dir?
Ach so lala… Die Firma baut ab. Und bei?
Keine Ahnung. Hab lange keinem gesehen. Der Alltag halt Man muss nebenbei noch jobben
Ja, treffen wär schön Also, machs gut!
Der Wagen rollt, wir sitzen darauf, scheinbar nebeneinander streckst du die Hand aus, sind da Carola, Isa, Hanni, Franziska. Doch so richtig greifen lässt sich keiner oder sitzen wir schon in völlig verschiedenen Wagen? Wer weiß.
Ich sag dir, dir stehen die neuen Brillen! zwitscherte Hanni. Aber sonst, Franzi, gehts dir echt mies?
Wieso das? fuhr ich auf. Uns gehts doch ganz gut, Boris verdient auch nicht schlecht!
Ach darum gehts nicht! Weißt du noch, was deine Oma Anneliese immer gesagt hat: Eine Frau vernachlässigt sich, wenn sie innerlich dunkel wird oder
leer, ergänzte ich. Nein, mir fehlt halt die Farbe. Verstehst du? Man nimmt alles hin Mann, Kinder, Job, Gehalt reicht zwar nicht üppig, aber wir sind genügsam. Doch morgens fällt das Aufstehen schwer. Die Jungs haben ein Fest, erwarten, dass ich dabei bin, aber mir ist es egal. Verstehst du das?
Hm…, machte Hanni.
Man kann sich nicht für andere freuen, wenn man nicht selbst erfüllt ist. Für sowas braucht man Kraft. Woher nehmen? Mama ist krank, Papa hält sich tapfer, aber fast achtzig, die Buben sind anstrengend, Boris sieht mich kaum noch
Hanni pfiff leise, hielt sich den Mund zu. Das Pfeifen hatten wir bei mir zu Hause gelernt, Oma bündelte sich immer ein, weil sie meinte, dass dann das Geld ausbleibe…
Ich kann ihn verstehen, sagte Hanni plötzlich, auch bei ihm fehlt sicher die Leidenschaft. Du warst doch die Lebendigste von uns allen Die mit den pinken Leggings!
L E g g i n g s, Hanni. Die heißen Leggings! berichtigte ich. Wir lachten.
Ja, eben. Weißt du, ich hatte auch mal son Durchhänger, bis meine Kinder ausgerechnet die chinesische Vase meines Schwiegervaters zerlegt haben. Dann ist Schluss mit Depri! Ich dachte nach, was mir fehlt. Christian sieht mich längst nicht mehr an wie die Heldin, die Zwillinge zur Welt brachte. Echt enttäuschend. Ist schließlich nicht alltäglich! Wir kicherten. Da beschloss ich: Jeden Tag eine Stunde für mich. Sieben bis acht, ganz egoistisch.
Und wer passt auf die Kinder auf? fragte ich verwundert.
Wieso? Abendessen geht auch mit Papa. Ich leg mich in die Wanne, singe, lese, kaffeetrinke, benutze sündteures Parfüm, lackiere Nägel auch zweimal, wenns sein muss.
Und keiner stört?
Am Anfang drängelte jeder. Christian suchte im Bad nach Essen, die Jungs plapperten unentwegt, sogar die Katze sprang aufs Sofa und wollte gekrault werden. Aber ich sage dann: Kommt in einer Stunde wieder! Das ist Mamas Zeit. Steht sogar in meiner Zeitschrift. Und weißt du was? Es hilft! Erst zwang ich mich, in den Spiegel zu sehen. Ich meckerte, verzog das Gesicht, aber Dann entdeckte ich: ich bin hübsch, wie eine Göttin! Ehrlich!
Tja, weiß nicht, Hanni… Habe für sowas keine Zeit, winkte ich ab.
Dann komme ich eben persönlich vorbei und verschaffe dir Freizeit! Du musst die Leere füllen, Franzi. Sonst bleibts auch für andere leer! Christian schaut mich inzwischen auch wieder ganz anders an. Sagt allen: Ruf später an, Hannelore hat gerade Me-Time! Dann schlürfe ich Kaffee mit Schaumgebäck. So! Liebe, Franzi, muss man manchmal aufwecken, sonst verpennt sie alles
Hanni fröstelte.
Es wird kühl. Musst du noch wohin? fragte sie.
Ich nickte, sah auf die Uhr.
Dann halt ich dich nicht länger auf. Aber Samstag treffen wir uns alle bei mir. Ich ruf die anderen an. Keine Ausrede! Wir essen Torte, trinken Tee, quatschen. Ach, Franzi, ich bin so froh, dich zu sehen! Sie umarmte mich, fröhlich wie immer, gab mir einen Kuss auf die Wange und rannte davon.
Ich holte meine Jungs von der Schule ab, wir schlenderten gemeinsam heim.
Mama, warum lachst du so? fragte mein Ältester.
Ich habe meine Freundin getroffen. Und ich merke gerade, wie sehr ich sie vermisst habe. Am Samstag fahrt ihr mit Papa in den Schrebergarten. Einverstanden? antwortete ich.
Und du?
Ich bleibe bei den Mädels: Hannelore, Isa, Carola. Wir haben uns ewig nicht gesehen.
Siehst du, Gleb, ich habs doch gesagt die Eltern lassen sich nicht scheiden! zischte Michael seinem kleinen Bruder zu. Mama muss nur mal durchatmen!
Brüderliche Einigkeit, das Sorgenthema war vom Tisch. Ich lächelte, legte meinen Arm um die beiden. Wir gingen nach Hause.
Später stand ich lange im Bad vor dem Spiegel, in weichen Flanellpyjamas, das Haar offen. Zuerst gelang das Lächeln nicht recht, aber dann schien hinter mir Oma Anneliese zu erscheinen, die zwinkerte und sagte: Hübsche! Einzige, die pinken Leggings fehlen noch!
Ich lächelte und ging schlafen. So vieles Gutes liegt vor mir. Ich liebe meine Familie! Und bald sehen wir uns wieder, wir Mädels. Wir quatschen, lachen, genießen die Wärme im Herzen. Alle Leere wird verschwinden, stattdessen wird es überfließen und alle um mich herum erfreuen. Manchmal muss man die Liebe einfach aufwecken sie ist halt eine echte SchlafmützeAm Samstag setzte ich die goldene Brille entschlossen auf und lief im Sonnenschein zu Hannelores alter Wohnung. Die Türe stand schon offen, vertraute Stimmen schallten mir entgegen. Carola balancierte eifrig eine Schokoladentorte, Isa wackelte mit flatternden Ohrringen, Hanni winkte wild mit einer Thermoskanne. Wir fielen uns lachend in die Arme, als hätten wir uns gestern erst gesprochen.
Im Wohnzimmer roch es nach Früchtetee und frisch gebackenem Kuchen. Wir hockten auf Hockern, ließen unsere Füße im Kreis tanzen, erzählten, hörten zu, schwiegen manchmal nur und lachten dann doch wieder. Der Alltag fiel in die Garderobe wie ein zu dicker Mantel. Wir redeten uns Mut zu: über kleine Siege, große Sorgen, nie ausgesprochene Träume. Es war, als hätte jemand den unsichtbaren Faden unserer Freundschaft wieder geknüpft, fester als je zuvor.
Hannelore schob irgendwann eine bunte Kiste in unsere Mitte. Darin: alte Fotos, Zettelchen, unsere Teenie-Horoskope, ein Haargummi, und eine knallpinke Leggings, winzig zusammengerollt. Alle quietschten auf.
Wir lachten Tränen, riefen durcheinander: Weißt du noch? und DAS ziehst du an, Franzi! Jemand zog sie mir tatsächlich über den Arm. Ich ließ es zu. Die Farbe leuchtete in die Runde wie damals.
Am Abend, als wir uns verabschiedeten, spürte ich einen neuen Glanz in mir. Die Straßen waren kühl, doch ich war warm, voller Hoffnung und Leichtigkeit. Zu Hause drückte ich meine Jungs, küsste Boris und sah im Spiegel plötzlich wieder diese junge Frau mit den funkelnden Augen.
Vielleicht braucht Glück manchmal nur einen Anruf, einen Nachmittag Tee, oder eine quietschpinke Leggings aus vergangenen Tagen.
Und wenn wir Freundinnen uns wieder aus den Augen verlieren, weiß ich: Der Faden hält. Die Farbe bleibt. Und irgendwo sagt Oma Anneliese: Na also, Mädchen. So ist das Leben. Mach es bunt, solange du kannst.



