Ich bin erst zum Arzt gegangen, als ich die Schmerzen nicht mehr aushielt. Drei Tage am Stück – das war zu viel. Ein heftiger Kopfschmerz, gegen den keine Tablette geholfen hat.

Ich sag dir, wies wirklich war: Ich bin erst zum Arzt gegangen, als ich die Schmerzen überhaupt nicht mehr ausgehalten hab. Drei Tage am Stück das war wirklich übertrieben. Schreckliche Kopfschmerzen, egal welche Tablette ich genommen hab, nichts hat geholfen. Sogar nachts konnte ich kein Auge zumachen. Und dann kam die noch schlechtere Idee: Natürlich hab ich das Internet durchforstet, um herauszufinden, was schlimmes bitte dahintersteckt.

Google war gnadenlos. Sofort tauchten so Sachen auf wie: Wie erkennt man den Unterschied zwischen Migräne und Hirntumor? du kannst dir vorstellen, was für Schreckensszenarien da abgingen. Nachdem ich alles gelesen und meine Symptome abgeglichen hatte, hätte ich direkt bei der Bestattungsfirma anrufen können ganz ohne Umweg über die Hausarztpraxis.

Erinnerst du dich noch an den Typen von Jerome K. Jerome, der ein medizinisches Lexikon durchstöbern wollte und plötzlich lauter Krankheiten entdeckte, nur das Kindbettfieber nicht? Sogar Cholera, Anämie, Veitstanz, Maul- und Klauenseuche, alles dabei und am Ende war er fast gekränkt, dass ausgerechnet Kindbettfieber ihm fehlte (nur Typhus hatte er). Genau so ergings mir: Internet rauf und runter, und am Ende war ich sicher, ich hab ALLES auf einmal.

Da war dann Schluss. Mein Entschluss: Genug jetzt! Morgen robbe ich zum Arzt, komme was wolle!

In der Arztpraxis gibts immer diese herzigen Begegnungen im Wartezimmer. Da saß eine ältere Dame neben mir und fragte:
Haben Sie etwa was getrunken?
Ich war total verdattert:
Wie bitte? Was denn getrunken?
Na, gestern Abend, haben Sie Wein getrunken?
Nee! Ich war echt etwas beleidigt.
Ihre Augen sind ganz rot. Sie schauen aus, als hätten Sie einen Kater
Ach herrje. Manchmal hab ich das Gefühl, ich sollte lieber Psychologin sein anstatt selbst zur Psychologin zu gehen, um zu lernen, mit genau solchen Kandidaten umzugehen.

Danke für die Fürsorge, murmel ich und rolle innerlich die Augen.

Im Sprechzimmer dann hab ich, ganz in Conférencier-Manier, meine Symptome aufgezählt. Den Abschluss machten meine Kirschenaugen so knallrot, ich schimpfte:
Ich seh aus, als hätt ich gesoffen! Dabei hab ich nix genommen!

Die Ärztin musterte mich und meinte dann nur:
Ach, alles normal, Sie übertreiben.

Na toll, sag ich doch manchmal gehen einfach die Falschen zum Psychologen.

Sie checkte Blutdruck, Puls, Sauerstoffsättigung, stellte Fragen. Laut ihren Bemerkungen sah es, ehrlich gesagt, nicht nach einer harmlosen Migräne aus. Ich bekam richtig Sorgen, es könnte schlimmer sein.
Wollen wir nicht ein MRT vom Kopf machen? Ich zahl das auch selbst, wenns sein muss hab ich gestern Nacht noch gegoogelt! Ich war ja mittlerweile fast zertifizierte Hausärztin, Neurologin UND Gefäßspezialistin, virtuell um drei Uhr morgens!

Die Ärztin blieb aber ganz ruhig:
Immer mit der Ruhe erstmal die Gefäße untersuchen und Blut abnehmen. Falls es dann schlimmer wird, machen wir weiter.

Ganz ehrlich, in dieser Internetnacht dachte ich schon, schlimmer kanns ja nun wirklich nicht werden. Ich hab sogar ein paar Tränen verdrückt und überlegt: Ich habe nur zwei Kinder groß bekommen und zehn Bücher geschrieben. Ist das eigentlich genug? Oder doch irgendwie zu wenig? Die Kinder sind ja noch klein noch nicht fertig erzogen

Meine Bücher auch nicht perfekt. In dem Neuen ist auf Seite 16 sogar schon ne blöde Druckfehler! Da hab ich noch ne Menge Arbeit vor mir, an Kindern und Lektoren gleichermaßen

Nach dem Arzttermin hab ich auf dem Rückweg die Kids von der Schule abgeholt, die Medikamente aus der Apotheke geholt, brav gleich die Tabletten eingenommen und mich zu Hause völlig platt aufs Bett geworfen.

Die Kinder kamen sofort angestürmt:
Gibts was zu essen?
Klar, aber ich muss erst noch was kochen
Mir tat der Kopf nicht mehr so doll weh, aber ich war absolut erschöpft, nach drei Tagen im Halbkoma.

Simon, mein Großer, hat dann einfach selbst das Abendessen gemacht. Rührte Eier in der Pfanne und hat die Nudeln von gestern aufgewärmt. Er hat gesagt: Ich hab Ella schon was zu essen gebracht. Soll ich dir das Abendessen ans Bett bringen, Mama?

Ich war so gerührt. Mensch, mein Sohn, fast erwachsen! Er kommt schon klar, da verhungert keiner!
Nein, danke, brauchst du nicht. Ich steh gleich auf. Du bist ein Schatz!

Alles klar, sagt er und bringt mir noch einen Teller mit kleingeschnittenem Obst. Mama, im Kiwi ist mehr Vitamin C als in Orangen. Dann habe ich noch Äpfel genommen wegen dem Eisen. Und ne Mandarine weil sie einfach hübsch aussieht. Sonst gammelt sie nur rum

Nicht zu fassen, wie stolz ich war! Mein fürsorglicher Simon. Mein Zustand wurde sofort besser.

Später ist er noch schnell zum Supermarkt los.
Wohin gehst du denn jetzt?
Katzenfutter ist alle, meint er.

Bring ein Eis mit! ruft Ella hinterher. Das ist bei mir nämlich auch gerade aus!

Und du glaubst nicht, wie süß Ella dann auftrat. In Bademantel und Brille, mit so einem kleinen Koffer voller Spielzeuginstrumente. Dr. Ella, Kinderärztin im Einsatz.

Na, dann wollen wir mal die Patientin behandeln!
Ey, nenn mich Mama, nicht Patientin
Wirst schon wieder Mama, wenn du gesund bist. Mund auf!

Also mach ich den Mund auf.
Was, ihr habt Kiwi gegessen? Und mir nichts abgegeben?
Hier, nimm ruhig! ich halte ihr den Fruchtteller hin.

Ach, jetzt will ich auch nicht mehr. Ich hatte grade Rührei. Jetzt freu ich mich auf Eis. So, jetzt will ich mal abhören Sie hängt ihr quietschpinkes Stethoskop um.

Und ich renn dir abends immer mit nem Buch hinterher, damit du mich auch mal anhörst!
Ohje, alles ganz schlimm sie lauscht meinem Hals. Sie reden zu viel. Und sie rennen zu viel Kindern hinterher. Ich verschreib Ihnen eine Spritze und Eis. Falls Simon für alle kauft. Wenn nur die Eis bekommen, die es bestellen, tja Pech gehabt.

Oha, teilst du dein Eis nicht mit deiner kranken Mutter?
Statt einer Antwort, sticht sie mir lachend mit der Spielzeugspritze ins Bein.
Autsch!
Muss so, ist ja für die Genesung!

Ganz ehrlich: Mir gings danach schon fast super. Nach dem Eis war ich wie neu geboren. Simon hat uns allen eins mitgebracht. Der Kopf tat nicht mehr weh, die Energie kam zurück. Die Augen waren wieder blau, nicht rot.

Aber, ich hab noch ein bisschen die kranke Mama gespielt, damit Ella abends von Simon ihre Gutenachtgeschichte bekommt. Diesmal hat sie sich eine Zyklopädie gewünscht.

Das ist eine Enzyklopädie über Zyklopen, Simon grinst.

Die beiden lesen also über Saturn, dann über Dinosaurier und später über Milchzähne. Später gehts ein bisschen heiß her, als sie streiten, ob Dinosaurier-Babys auch Milchzähne hatten.

Ich hör zu, völlig beseelt, voller Glück und Liebe und diesem Lebenssinn, der manchmal schwer greifbar scheint Aber genau dann so klar ist.

Danach hab ich noch das Bett frisch bezogen, weil der Fruchtteller natürlich umgekippt ist und wir überall voller Kiwi waren.

Am Ende schlafen wir alle zusammen, drei Kuschler, ein Nest.

Und am nächsten Morgen fragt mich die Ärztin:
Und? Haben die Tabletten geholfen?

Ich nicke. Aber ehrlich: Geholfen haben andere Tabletten meine Zucker-Mäuse. Die, die einen mit Energie statt Schmerzen füllen, mit Freude statt Traurigkeit, mit Glück statt Ärger.
Drück deine Kinder mal ganz fest, selbst wenn sie schon größer sind als du. Es gibt echt kein besseres Heilmittel. Na gut, vielleicht noch Kiwi Hauptsache, reich an Vitamin C!

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Homy
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Ich bin erst zum Arzt gegangen, als ich die Schmerzen nicht mehr aushielt. Drei Tage am Stück – das war zu viel. Ein heftiger Kopfschmerz, gegen den keine Tablette geholfen hat.
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