Also, ich muss dir was erzählen, was mich echt noch immer nicht loslässt. Stell dir vor, mein leiblicher Vater den hab ich nie kennengelernt. Der war schon weg, bevor ich überhaupt auf die Welt kam. Meine Mutter war schwanger, und er ist einfach abgehauen. Einfach so, als hätte es uns nie gegeben.
Dann kam irgendwann Hermann in unser Leben da war ich ungefähr zwei. Er hat sich nie aufgespielt oder groß Gerede gemacht, sondern ist einfach in unser Haus gekommen, hat Mama geheiratet, ganz ruhig, so als müsse man sein Glück nicht unbedingt jedem verkünden.
Ich kann mich ehrlich gesagt kaum erinnern, wie es vorher war in den frühesten Erinnerungen ist er schon da. Hermann, immer verlässlich, ruhig, bastelt irgendwas im Haus, aber nimmt sich auch Zeit, mich auf den Arm zu nehmen, wenn ichs brauch.
Als ich vier war, ist meine Mutter gestorben. Dieser eine Satz begleitet mich irgendwie seitdem überall. Hermann blieb immer bei derselben Geschichte: Es war eine regnerische Nacht, ein Unfall, ein anderer Fahrer, der zu spät bremste. Alles ging schnell. Mehr hat er nie erzählt, vermutlich, um mir die allerschlimmsten Bilder zu ersparen.
“Es war ein Unfall. Du kannst nichts dafür. Sie wollte, dass du weiterlebst.”
Daran hat er nie gerüttelt, auch ich hab nicht mehr gefragt ich war viel zu klein, total überfordert und auf ihn angewiesen.
Von da an war Hermann einfach alles für mich. Er hat mir Pausenbrote gemacht, ist zu meinen Auftritten gekommen, saß immer in der ersten Reihe, so, als wär ich das Wichtigste auf der Welt. Von ihm hab ich gelernt, selbstbewusst zu sein, ohne hart zu werden.
Wir haben zusammen so viele von diesen kleinen großen Dingen gemeistert: Wie man Fahrrad fährt, wie man einen Reifen wechselt, wie man sich behauptet, ohne andere runterzumachen.
Er hat immer zugehört.
Er hat unser Zuhause wirklich zu einem Ort gemacht, an dem ich Ruhe finden konnte.
Er hat mir geholfen, selbstständig zu werden, ohne mich wegzustoßen.
Wenn jemand gefragt hat, hat er immer direkt gesagt: “Das ist meine Tochter.” Kein “Stieftochter”, kein Drumherum einfach so, als wärs nie anders gewesen.
Ich hab nie einen Zweifel an seiner Liebe gehabt. Nie.
Die Jahre vergingen, wir werden älter ich, und diese kleine Familie, in der er immer das Fundament blieb. Als es ihm gesundheitlich schlechter ging, bin ich näher gezogen. Nicht aus Pflichtgefühl ich konnte einfach gar nicht anders.
Als es dann zu Ende ging er war 78 hatte ich das Gefühl, den einzigen wirklichen Vater zu verlieren, den ich je hatte.
Die Beerdigung war ruhig, die Menschen haben viel Respekt gehabt, Hermann für seine Hilfsbereitschaft bewundert. Immer wieder haben sie betont, was für ein Glück ich doch hatte, dass gerade er mich ausgewählt und sich immer gekümmert hat.
“Auf Hermann konnte man sich verlassen. Solche Leute gibt es einfach kaum noch.”
Nach der Zeremonie, ich war noch ganz durcheinander, kommt so ein älterer Herr zu mir, den ich wirklich noch nie gesehen hatte.
Kein mitleidiges “Mein Beileid”. Stattdessen lehnt er sich ein bisschen zu mir rüber, flüstert ganz leise, fast so als hätte er Angst, dass jemand zuhört:
“Wenn du wirklich wissen willst, was damals mit deiner Mutter geschehen ist, sieh nach in der untersten Schublade im Hermanns Garagenwerkstatt.”
Und dann war er weg. Kein Name, keine Erklärung, keine Chance, ihn noch etwas zu fragen.
Ich war viel zu perplex, um zu reagieren.
Woher weiß der sowas?
Und kann ich ihm überhaupt glauben?
Aber der Satz hat sich festgesetzt in meinem Kopf.
Ich stand einfach da alles andere war plötzlich so weit weg: “unterste Schublade… Wahrheit… Mama…”
Menschen, Musik, Gespräche alles nur noch Hintergrundrauschen.
Später dann, als ich zurück im Haus war, das Hermann mir hinterlassen hat, hab ich versucht, mich selbst zu überreden, das alles einfach abzutun. Auf Beerdigungen wird halt manchmal wirres Zeug erzählt aus Trauer, aus alten Verletzungen, keine Ahnung.
Aber tief in mir wusste ich: Ich werd heute Nacht nicht schlafen können, wenn ich es nicht überprüfe. Nicht, weil ich Hermann nicht vertraue sondern weil in meinem bisherigen Leben bislang nur diese eine Geschichte gezählt hat. Und jetzt warf plötzlich jemand einen Schatten darüber.
Ich bin also durch den Garten, die Garage aufgesperrt, dieser typische Geruch von Holz, Metall, alten Werkzeugen. Alles noch genauso ordentlich, wie Hermann es immer hatte.
Es ist schon verrückt, wie ein einziger Satz alles auf den Kopf stellen kann selbst wenn er nur geflüstert wird.
Also, ich geh zu seiner Werkbank, meine Hände zittern mehr, als mir lieb ist, aber ich bücke mich, ziehe die unterste Schublade auf und öffne sie.
Und ganz egal, was ich dort finden werde, eines ist ab diesem Moment klar: Diese Fremden Worte haben dafür gesorgt, dass ich nie mehr so unerschütterlich sicher wie früher bin.
Fazit für mich: Die Liebe und Geborgenheit, die Hermann mir gegeben hat, das ist mein echtes Fundament. Aber manchmal müssen selbst die stärksten Geschichten eine Frage aushalten und wer eine Antwort sucht, muss mutig genug sein, sie auch in einer alten Schublade zu suchen. Mit dem Griff daran hab ich für mich den ersten Schritt gemacht nicht nur, um die Vergangenheit zu verstehen, sondern auch mich selbst besser kennenzulernen.





