Mein lieber Opa Sonnenschein

Mein sonniger Opa

Wir saßen damals auf der alten Holztreppe vor Opas Haus im Eifeldorf, schauten hinab auf die Ameisen, die zwischen den Planken wuselten.

Was treiben die denn da?, brummelte Opa Karl, zog seinen riesigen, ausgetretenen Schuh mit dem abgewetzten Vorderleder etwas zurück, damit die winzigen Ameisen ihre getrocknete Raupe weiter transportieren konnten. Eigentlich müsste man sie vertreiben. Aber sie tun mir leid, die krabbeln so fleißig! Echte Arbeiter. Sag mal, wohin guckst du eigentlich, Annegret?

Er stieß mich sacht mit dem Ellbogen an. Ich zuckte zusammen.

Was?

Ach, nichts. Es tut mir nur leid, die Ameisen zu vergiften. Ich will, dass alles leben darf, dass es ein Stück Seligkeit gibt… schnaufte Karl und kratzte sich durch das stoppelkurze, schlohweiße Haar. Von Opas Strickweste roch es nach Westfälischem Schwarzbrot, Rauch und Alter. Eigentlich roch das ganze alte Haus so nach feuchten Lappen, die für besondere Anlässe in Truhen lagerten, nach morschem Holz, das einen süßlich-schweren Duft verströmte. Aber ich mochte diesen Geruch. Es war der Duft sorgloser Kindertage, von spätem Frühling und jener Zeit, als bei uns noch alles gut war. Nach Kuchen duftete es nie Opa hatte keine Frau mehr, meine Oma war schon lange gestorben. Die Nachbarinnen schickten uns manchmal Gebackenes, Opa schimpfte dann jedes Mal und tat verlegen.

Im April wurde ich von meinen Eltern aufs Land geschickt, ins Dorf, zum Helfen im Garten, Kräfte sammeln und aus dem Weg gehen, sagten sie. Das Letzte war wohl der eigentliche Grund. Ich war zu laut, zu unruhig, zu lebendig, zu neugierig, zu geschwätzig, aß zu viel, schlief zu wenig, spielte ständig draußen und kam immer schmutzig und nass zurück.

Wenn ich nach Hause kam, stand Mutter im Flur, verschränkte missbilligend die Arme.

Schon wieder im Matsch getollt?, schimpfte sie. Annegret, wie oft noch?! Die Jacke trocknet bis morgen nicht! Und ich hab keine Lust mehr, deine Socken endlos zu waschen! Wie kann man nur so ein Ferkel sein? Martin! Martin, mach du mal sauber, was deine Tochter wieder angestellt hat!”

Vater kam nie. Nie! Brummte höchstens etwas aus dem Arbeitszimmer. Da durfte ich ohnehin nicht rein, sonst gabs einen Klaps.

Merkst du nicht, dass ich arbeite? Wenn ich da einen Fehler mache, ist das ganze Bauzeichnen für die Katz!

Mein Vater saß ständig über riesigen Blättern mit Bauplänen, die er mit Reißnägeln fixierte. Ich wollte immer auch so fein mit dem Lineal über das Papier schaben und dann saubere, dicke Linien ziehen, aus denen später Bauzeichnungen wurden.

Nur einmal durfte ich zusehen, wie Vater arbeitete. Ich war fünf, schlich durch die angelehnte Tür, setzte mich leise auf den Schemel und beobachtete ihn.

Groß und dünn wie ein Heuschreck starrte mein Vater auf den Geodreieck, prüfte, radierte, maß nach und schimpfte vor sich hin.

Er hatte ein eigenes Zimmer, da schlief er manchmal auf dem alten Leder-Sofa. Mutter brachte Kissen und Decke vorbei, warf sie auf das Sofa, schaute streng und flüsterte: Schon wieder unterwegs gewesen, und knallte die Tür zu. So schlief er dort, während wir beide das Schlafzimmer teilten. Wenn sie sich nicht stritten, durfte ich auf der Küchenklappcouch schlafen.

Mutter schimpfte immer über das Chaos in Papas Arbeitszimmer, räumte die Blätter neu, dann kam Vater, zupfte am Bart und schimpfte, dass niemand seinen Kram anfassen darf. Niemals und unter keinen Umständen!

Nichts darf angerührt werden das fand ich seltsam. Entweder darf man etwas nicht, oder man lässt es eben. Dieses nichts verwirrte mich. Aber wahrscheinlich verstand ich Erwachsene einfach nicht…

Da hockte ich also, fünfjährig, kahlgeschoren in Cordhosen mit Hosenträgern, reckte den Hals und traute mich kaum zu atmen, so gebannt schaute ich zu, wie Vater sein Zeichengerät führte, das Federchen in die Tusche tunkte und Linien zog.

Plötzlich musste ich niesen, Vater zuckte zusammen, klecker­te Tusche und schrie: Raus, nimm das Kind hier weg!

Er lief zu mir, hob die Hand, aber ich konnte vor Angst nicht mal mehr weglaufen.

Entschuldige, Papa! Es tut mir leid!, flüsterte ich, die Fäuste ans Kinn gedrückt.

Mein Kopf so rund wie der von Opa. Ich war ihm überhaupt ähnlich, genauso anstrengend, wie Mutter mal sagte.

Margarethe! Nimm sie raus! Ich hab keine Nerven mehr! Guck doch, was los ist. Wegen ihr hab ich Felix Pläne ruiniert! Weißt du, was das bedeutet?!

Das sagte Vater zu Mutter, aber schrie so, dass es in meinem Ohr dröhnte. Ich schluchzte und musste aufs Klo.

Annegret, ab auf die Küche!, zerrte mich Mutter davon. Wart mal ab, im April gehts wieder zu Opa!

Auch ich wartete auf den April, auf das Tauwetter im Hof, wenn Nachbar Wilhelm seine glänzenden Gummistiefel trägt, mich unter die Arme nimmt und zusammen mit mir durch die tiefen Pfützen stapft. Wir hatten dieses Spiel: Pfützen testen wie tief wohl? Wilhelm tat immer so, als würde er gerade in eine sehr große Pfütze springen, dann hob er mich im letzten Moment hoch ich strampelte und wir kicherten.

Wilhelm und ich vertrauten uns grenzenlos. Wenn er ein Körnchen im Auge hatte, durfte ich vorsichtig helfen. Ich hätte auch danebenfassen können und ihm sehr weh tun aber er vertraute. Und ich ihm. Wenn er sagte, da auf dem Ast säße ein Vogelkind, schaute ich automatisch hin und suchte es. Wenn Vater irgendwohin zeigte, drehte ich mich um, aber dann lachte er, weil er mich reingelegt hatte…

Den März und halben April verbrachte ich mit Wilhelm, beobachtete mit ihm die schmelzenden Eiszapfen, die badenden Sperlinge, moosigen Schnee in der Frühlingssonne. Dann packte Mutter den großen braunen Koffer unters Bett vor, zählte meine Unterhemden und Hemden, murmelte, was noch fehlte, und befahl mir, nicht im Weg zu sein.

Ich schlich unermüdlich die Diele auf und ab, konnte das Warten kaum aushalten.

Wenn alles verstaut war, durfte ich ein paar Spielsachen aussuchen. Mutter reichte mir einen groben Stoffsack, wie beim Bund.

Nur das Nötigste, Annchen! Mit all deinem Kram fahr ich nicht in der Regionalbahn!, mahnte sie.

Also überlegte ich gut, nahm ein paar kleine Autos und meinen hölzernen Hahn, den Opa Karl geschnitzt hatte. Der Hahn vermisste bestimmt auch schon das Dorf, das Muhen der Nachbarskuh Frieda, das Geschnatter der Gänse, den Duft von Heu und die tanzenden Schmetterlinge…

Mutter brachte mich immer ins Dorf. Vater hatte Arbeit, auch an Sonn- und Feiertagen.

Wir standen früh auf, frühstückten hastig, Vater strich mir über den kahlgeschorenen Kopf.

Also, Annegret, bleib schön warm da draußen!, sagte er und lächelte Mutter zu, die zurücklächelte, als hätten sie ein gemeinsames Geheimnis.

Ich nickte. Sicher würde ich nicht frieren. Opa heizte abends den Ofen, morgens setzten wir uns draußen auf unseren Baumstamm auf der Wiese und blinzelten wie zufriedene Katzen in die Sonne. Neben Opa wurde mir nie kalt. Wurde es mir nachts unheimlich, schlich ich zu ihm ins Bett und lauschte seinem Schnarchen. Das machte mich ruhig…

Im Regionalzug herrschte wildes Gedränge. Körbe, Beutel, Koffer, Gitarren und fröhliche Studenten, Angler mit ihren Ruten, Frauen mit Milchkannen alles durcheinander, irgendwo klapperte ein Löffel. Ein Soldat kehrte zurück aus dem Urlaub. In der Nähe des Dorfes war eine Kaserne, und oft kamen die Soldaten heimlich zu den alten Frauen nach frischer Milch fragen.

Steh ordentlich, nicht so schlaff!, zischte Mutter; ich straffte mich. Jemand war ihr auf den Fuß getreten, sie biss die Lippe zusammen.

Mutter ertrug die Zugfahrten nicht, den Mief, die Luft, den Tabakgestank aber sie hielt durch. Sie wusste, dass sie den Sommer ohne mich verbringen durfte.

Lassen Sie das Kind doch sitzen!, plapperte eine rundliche Dame, klopfte auf ihre Oberschenkel. So viel Betrieb!

Mutter schüttelte stur den Kopf.

Er muss das ertragen. Er ist ein Junge!

Also ertrug ich. Ich war ja ein Junge…

Opa tauchte am Bahnhof auf, winkte, rannte hinkend über den Bahnsteig, sodass es mir immer vorkam, er könnte hinfallen. Ich rannte ihm entgegen, warf die Arme aus. Unser Zusammenprallen war, als träfe ein Käptn auf einen winzigen Fisch. Opa hob mich mit seinen kräftigen Armen hoch, wirbelte mich herum, küsste meine Wangen. Und plötzlich merkte ich, dass er weinte.

Opa, was hast du denn?, fragte ich erschrocken, wischte seine Tränen ab, sie waren warm und viele. Es tat mir so leid, und ich wusste nicht, wie ich helfen konnte.

War doch son Sehnsucht, Annegret! Hab dich so vermisst!, schluchzte er.

Jetzt reichts, Papa! Immer dasselbe Theater. Der Bus wartet nicht!, mischte sich Mutter ein.

Im Bus ließ Opa mich nicht von seinen Knien, streichelte, drückte mich immer wieder. Mutter kaute auf der Lippe. Vielleicht wollte sie auch einfach bei uns sein, traute sich aber nicht zu zeigen…

Opa fürchtete, mich eines Jahres nicht mehr wiederzusehen. Vielleicht entschieden die Eltern, dass ich in der Stadt bleibe, oder Oder dass ihm selbst noch das Schlimmste zustieß. Am Ende gäbe es dann nur noch das Haus mit dem kleinen Zaun, die knarrenden Stufen, das Wetterhahn-Häuschen, die Rosenstöcke aber Opa wäre fort…

Am Gartentor nestelte Opa stets lange mit dem Schloss, blinzelte, suchte das Schlüsselloch.

Du bist noch jung, hast die besseren Augen, Annegret! Hilf mal!, drückte er mir die Schlüssel in die Hand.

Ich war stolz, als würde ich selbst das Haus öffnen, wie ein kleiner Hausherr.

Mutter war nicht zufrieden. Sie wollte schnell zurück in die Stadt. Papa ist allein!, betonte sie.

Ich wusste nicht genau warum sie misstraute meinem Vater, war eifersüchtig, ahnte wohl, dass er wieder… ja, ausging.

Opa schenkte Mutter einen Becher Wasser ein, sie trank hastig und ich sah, wie ihre Kehle vor Kälte zitterte.

Schade, dass Mutter immer so rasch wieder wegfuhr. Ich hätte ihr gern mein Wald-Erdbeerfeld gezeigt, das erst reif werden musste. Oder an den Fluss gegangen, Karpfen geangelt, zusammen einfach dem Wasser gelauscht.

Opa brachte mir bei, dem Wasser zuzuhören dem Flüstern, Rauschen, den klingenden Lauten über den Steinen zu lauschen, dem Funkeln der Sonnenstrahlen auf den kleinen Wellen…

Doch Mutter ging. Sie winkte vielleicht zweimal, bog dann ab. Sie sah gar nicht, wie Sonnenflecken wie Goldregen über den Fluss tanzten…

…Die Ameisen waren inzwischen auf Opas Schuh geklettert, wir setzten uns woanders hin.

Warum überhaupt vertreiben, Opa?, fragte ich.

Die zernagen uns die Dielen. Und wie sollen wir sonst aneinander vorbeikommen? Sie kommen, diese Winzlinge, und wir gehen nicht, dass noch einer zerdrückt wird!, schmunzelte Opa.

Opa, lieben Mama und Papa mich eigentlich?, fragte ich plötzlich.

Schon zwei Monate hatte ich die Eltern nicht gesehen. Ich vermisste sie.

Dich? Klar lieben sie dich!, murmelte Opa und schaute ausweichend zur Seite.

Und warum kommen sie dann nicht?

Sie haben viel zu tun. Arbeit, weißt doch, wie das ist…

Opa wandte sich ab.

Vermutlich wollte er nicht, dass ich die kleine Lüge bemerke.

Opa?, murmelte ich träge und schläfrig vor lauter Sonne. Erzählst du von damals. Vom Krieg.

Ach, was gibt’s da zu erzählen?!, grummelte er, mochte nicht gern daran denken, tat es aber mir zuliebe.

Wie war das denn? Wie seid ihr gelaufen, und wie ist die Brücke explodiert?, fragte ich nach.

Dann begann Opa zu erzählen. Ich liebte seine Stimme, wie sie manchmal bebte und dann wieder ruhig wurde, wenn er die Erlebnisse aus seiner Soldatenzeit schilderte.

Ich war anfangs Panzerfahrer. Jawoll! Hatte auch so eine Haube, mit feinen Jungs war ich unterwegs, tapfere Kerle Alle gefallen, Annegret. Alle. Morgen gehen wir zu ihnen, ja? Wenn wir schon von ihnen sprechen…

Ich nickte. Nicht weit vom Dorfrand liegt eine kleine Kriegsgräberstätte mit einer steinernen Stele und Eisenplakette. Zu viele Namen darauf, als dass sie wahr sein könnten aber sie sind es. Wir besuchten sie jedes Jahr, brachten Feldblumen, Opa saß lange auf der festgemachten Bank, seufzte und tupfte sich die Augen mit einem riesigen karierten Taschentuch.

Ich spürte, dass ihn das zum Weinen brachte, und dann lehnte ich mich mit der Schulter an ihn, wollte ihn umarmen, legte das Gesicht ganz fest an seine Wange. Ganz rau und trocken war die, kein Stoppelhaar wuchs mehr darauf.

Guten Tag, Burschen Guten Tag! Heute scheint wieder die Sonne, mein Enkelkind ist mit, Annegret. Ein tüchtiges Mädchen, Tochter von meiner Margarethe. Und die Sonne ist so golden, das kann man kaum glauben!, erzählte Opa den gefallenen Kameraden.

Erzähl vom Libellenfang! Du hast den Libellenfang vergessen!, sprang ich auf. In diesem Moment spürte ich, dass es für mich mehr als ein Gräberfeld war es war wie Opas Stammplatz unter Freunden, und manchmal meinte ich, sie säßen wirklich da: der spitzbübische Alex, mit Haaren so golden wie Weizen, spielte früher Akkordeon, war ein Scherzbold. Und daneben der stämmige, schweigsame Holger, riesige Pranken, mehr Mut als Vernunft.

Holger hat uns alle rausgeholt. Nur sich nicht…, flüsterte Opa wieder in sein Taschentuch.

Ihm tat das Herz weh, und ich strich ihm über die Brust, spürte seinen unruhigen Herzschlag.

Am meisten mochte ich Fritz. Opa erzählte am liebsten von ihm, verdrehte die Geschichten, lachte, klopfte sich aufs Bein.

Fritz war ein großer Frauenheld, wie Opa es nannte. Alle Mädchen, die ihm begegneten, brachen dem jungen Panzerfahrer das Herz jede für sich und alle zugleich. Fritz machte Komplimente, bat zum Tanz, flüsterte abends auf der Bank. Verabschiedete sich immer feierlich.

Die Mädchen wussten, dass er schwindelte, keiner kann alle lieben. Doch sie verziehen ihm stets.

Warum? Aber das ist doch Lüge!, runzelte ich die Stirn.

Weil du im Krieg nie sicher sein kannst, ob morgen noch kommt, Annegret. Ein Tag voller Liebe ist dann wie ein ganzes Leben. Vielleicht gibts kein Morgen heute ist alles Glück.

Opa fürchtete das kein Morgen. Manchmal hörte ich, wie er nachts weinte, fluchte über sich und seufzte, dass die Augen schwächer wurden, die Beine versagten.

Ich hab doch Annegret! Was soll denn sonst werden?! Kein anderer braucht das Mädchen, aber ich brauchs. Ich muss ihr doch was beibringen, ihr das Leben zeigen!

Und tatsächlich lernte ich: Opa ließ mich Gedichte auswendig lernen, Diktate schreiben, Kopfrechnen üben.

Ich bockte, fauchte, knüllte das Blattpapier zusammen, rannte davon kam aber immer reumütig zurück, den Kopf gesenkt und die Lippen vorgestülpt.

Hast du dich ausgetobt, kleine Zicke?, schmunzelte mein sonniger, herzlicher Großvater. Komm, lernen wir noch kurz was, danach gehts zum Baden. Einverstanden?

…Na gut, seufzte ich…

Opas Freunde blickten lächelnd aus dem Erinnungfoto, das an der Wand mit einer Reißzwecke heftete. Dann wurde mir leichter.

Ich träumte, auch Panzerfahrerin zu werden, mit Helm auf dem Kopf neben meinem Panzer zu stehen, ein Foto an Mama zu schicken. Sie würde stolz auf mich sein. Akkordeon spielen wollte ich auch lernen, den Mädchen Blumen schenken, ausgelassen tanzen. Und Opa sollte Beifall klatschen und am besten gleich mit mein sonniger, silberhaariger Opa

Unsere heiße, nach Dachziegeln, trockenem Gras und geplatzter Johannisbeere duftende Welt, übergossen mit frischer Milch und dicker, gelber Sahne, heißen Kartoffeln und knackigen Gurken aus Opas Garten, veränderte sich, als eines Mittags plötzlich ein Auto am Gartentor hielt. Papas Auto.

Opa! Schau mal! Sie sind wirklich gekommen! Ich wusste es!, jubelte ich, sprang von der Treppe, rannte zur Pforte. Mama, Mama, schau wie groß ich geworden bin!

Doch Mama reagierte nicht, sie starrte auf den staubigen Weg. Papa, mit der Zigarette im Mundwinkel, wuchtete ihr Gepäck aus dem Kofferraum.

Margarethe? Urlaub?, hörte ich hinter mir Opa fragen. Ich drehte mich um. Er war seltsam bleich.

Ich bleib bei euch, Papa Bis Martin… na, jedenfalls ich bin für den Sommer da. Annegret, komm her!, rief Mama, und ich merkte, dass sie weinte.

So weh tat das! Es tat weh wie in Opas Brust am Grab.

Ich wusste sofort: Papa hatte Mama verletzt, vielleicht sogar geschlagen. Ich verstand den Grund nicht, aber so durfte er nicht sein! Lieber solle er mich schlagen!

He, du! Hast du Mama wehgetan?!, schrie ich, ballte die Fäuste und ging auf Papa zu.

Lass das, verschwinde!, schubste er mich. Ich fiel auf den Weg da ging plötzlich Opa dazwischen.

Opa wurde feuerrot, sein Haar wirkte schneeweiß dazu. Da bekam ich Angst. Die Welt verengte sich auf einen schwarzen Fleck, auf Opas breiten Rücken. Die vertrauten Gerüche alles verschwunden. Ich schloss die Augen…

…Ich spürte, wie man mich trug, hörte Opas Flüstern, dass alles gleich wieder gut wird, roch nach Tabak, Heu. Mein Kopf schmerzte feucht und scharf ich begann zu wimmern.

Papa! Bitte wein nicht!, flüsterte Mama.

Aber Opa weinte heiß und salzig auf meine wunde Kopfhaut.

Margarethe! Was machst du? Was macht ihr da?, zischte Opa und rang mit dem Husten. Dem Kind eine Familie berauben, ein Zuhause! Kein Vater, keine Mutter da ein Waisenkind! Ich werd blind, Margarethe, seh kaum noch meine Hand! Wer ist für Annegret da, wenn ich fort bin? Wartet ihr ihn ab? Schiebt ihr sie ab? Wien heimloser Hund?, japste er. Sie legten mich ins harte Bett, wir warteten auf den Arzt der ließ auf sich warten.

Papa, nicht! Du machst ihr Angst!, flehte Mama. Mir tat sie leid so verloren sah sie aus…

Doch, Margarethe! Ihr… trennt euch endlich. Ich sterbe irgendwann, Annegret braucht beständige Liebe und Geborgenheit. Weißt du, wie sie nachts zu mir kriecht, zitternd wie ein Welpe, der nach der Mutter suchen will? Ich hab Angst, sie zu erdrücken, so schmal ist sie. Was ist, wenn ich weg bin? Martin? So gefühl- und herzlose Menschen hab ich nie erlebt! Und ich hab den Krieg gesehen ohne Gefühl wärs da leichter gewesen! Aber wir sind nicht kalt geworden, daran nie verzagt… Ach, wie ihr es wollt: Ich geb euch Annegret nicht!

Der Arzt kam, bewegte mein Köpfchen, murmelte was und schob mich weiter. Hier warten, Sie haben da nichts zu suchen!

Mutter und Opa blieben zurück…

Ich hatte Schmerzen aber plötzlich spielte Alex auf dem Akkordeon, Holger drückte fest meine Hand, Fritz flirtete mit der Schwester, die aber keine Zeit hatte. Da hauchte Fritz ihr ins Ohr, ich kicherte. Die Schwester zuckte zusammen.

Ziehts von der Fensterseite, murmelte sie. Aber ich wusste das war Fritz. Er zwinkerte mir zu, zeigte das V-Zeichen.

Worüber lachst du, Mädchen?, fragte der Chirurg grinsend.

Ich antwortete nicht. Holger winkte mit der Mütze zum Abschied.

Wann Vater wegging, weiß ich nicht. Mutter blieb. Sie saß oft schweigend auf der Gartenbank und starrte ins Leere.

Opa und ich gingen angeln, badeten, suchten Erdbeeren, knabberten saftige Frühsommeräpfel, füllten die Körbe mit schwarzen Johannisbeeren.

Manchmal setzte ich mich zu Mutter, sah ebenfalls einfach ins Weite.

Mama? Wir bleiben immer zusammen, ja?, fragte ich schließlich.

Sie nickte.

Und Papa?

Der ist erstmal weg. So ists besser für ihn.

Ob mich das enttäuschte? Ich war eher ratlos. Wir waren doch eine Familie Sicher, ich störte wohl Vaters Arbeit und Mama machte ihn manchmal wütend, aber wie sollte er denn allein klarkommen?

Braucht er uns nicht?, fragte ich leise.

Mama zuckte die Schultern.

Vielleicht doch. Ich weiß nicht, mein Herz.

Das sagte sie zum ersten Mal so zärtlich. Opa Karl hatte es gehört, wir zwinkerten uns zu.

Im September fuhren wir Heim. Vater kam damals nicht zurück. Ich spürte, dass zwischen den Eltern ein Riss war, der nicht wieder heilte. Sie liefen auseinander wie die Ameisen, die Opa und ich einst auf der Stufe betrachtet hatten. Verlaufen und nie mehr den Weg zurückgefunden

Zwei Jahre später starb Opa. Wir fuhren zur Beerdigung zurück ins Dorf. Man legte ihn zu seinen Freunden auf dem kleinen Soldatenfriedhof. Er hatte alle überlebt Alex, Holger, Fritz und jetzt schlief auch er, mein sonniger, silberhaariger Opa, überzeugt davon, dass die Welt im Grunde gut ist…

Am Gedenkstein wartete Vater. Mutter weinte an seiner Schulter, ich weinte auch. Alex, Holger und Fritz standen dabei, die Kappen abgenommen, die Köpfe gesenkt. Sie hatten auf ihren Kameraden gewartet. Jahr um Jahr war vergangen er war älter geworden, aber gerecht und gütig geblieben. Sein letzter Auftrag war uns zu helfen, das Leben zu meistern. Und er hat es geschafft: mein sonniger Opa Karl. Von ihm habe ich gelernt, zu lieben, fürsorglich zu sein, zärtlich und geduldig. Nicht von Vater der blieb immer ein wenig fremd, nie ganz bei uns…

Opa hat Mutter dabei geholfen, wieder zu sich zu finden, sich zu wärmen in seiner Fürsorge. Dabei hatte sie einmal geglaubt, alles allein schaffen zu müssen.

Opa ist schon so viele Jahre fort und doch spüre ich ihn immer bei mir. Es kann gar nicht anders sein. Er bleibt, wie die Sonne über dem Kopf, mein sonniger, geliebter Opa

Mit Vater sehe ich mich nur noch selten. Er ist nie zurückgekehrt. Oder Mama ließ ihn nicht Wer weiß das schon.

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Homy
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