Meine Nachbarin richtete eine „Rauchecke“ direkt vor meiner Wohnungstür ein. Ich griff hart durch – und sie hätte niemals erwartet, wie das enden würde.

Und wer hat gesagt, dass du allein die Luft hier hast? Das Treppenhaus gehört allen, weißt du. Ich rauche, wenn ich will, ich mache, was ich will. Lern mal die Gesetze, Frau!

Sophie, die zwanzigjährige Tochter der Nachbarin Frau Gerber, blies mit provokantem Lächeln eine süßliche Rauchwolke direkt in das Gesicht von Frau Margarete, die neben der jungen Frau inmitten von zwei lärmenden Burschen stand. Die Jungs hatten es sich auf der Fensterbank zwischen den Etagen bequem gemacht, und der Betonboden war übersät mit Kippen, leeren Dosen von Energydrinks und Sonnenblumenkernschalen.

Frau Margarete, seit Jahrzehnten Hauptbuchhalterin im großen Maschinenwerk am Stadtrand von Leipzig, geriet nicht in Husten, fuchtelte nicht mit den Armen, wie es die Jugendlichen erwartet hätten. Sie schob einfach die Brille zurecht, musterte Sophie mit diesem stählernen Blick, der normalerweise gestandene Werkleiter ins Schwitzen brachte.

Es ist ein Gemeinschaftsbereich, Sophie, sagte sie mit frostiger Stimme. Das bedeutet: Hier wird nicht geraucht, gespuckt oder Dreck gemacht. Du hast fünf Minuten, das zu säubern. Sonst bespreche ich das auf andere Art.

Oh, ich zittere schon! grinste Sophie höhnisch und schnippte demonstrativ Asche auf den gerade von der Putzfrau gewischten Boden. Trink ein bisschen Baldrian, damit der Blutdruck nicht steigt. Gehst du dich bei Mama ausheulen? Die hat mir das Rauchen hier schließlich erlaubt, damit ich nicht in der Wohnung qualme.

Das Lachen der Jungs schallte durchs Treppenhaus, und Frau Margarete schloss die Wohnungstür mit kräftigem Knall hinter sich, das Stimmengewirr verschwand.

Drinnen roch es nach gebratenen Kartoffeln und altem Holz: vertraut und heimisch, aber seit ein paar Wochen mischte sich der Gestank billiger Zigaretten auch durch das Türschloss. In der Küche kauerte Lukas am Tisch.

Lukas war zwar erst zweiunddreißig, sah aber älter aus, mit seinem schütteren Haar und seinem gekrümmten Rücken. Neffe ihres verstorbenen Mannes, lebte er nun schon seit zehn Jahren bei ihr: schweigsam, etwas langsam, mit leichtem Stottern. Lukas arbeitete in einer Leipziger Uhrenwerkstatt, von den Nachbarn als gutmütiger Sonderling belächelt. Er war zum Spottobjekt geworden.

Ma-margarete, schon wieder Lärm draußen? Lukas zog den Kopf ein, als draußen etwas mit Krach zu Boden fiel.

Iss, Lukas. Lass dich davon nicht stören, bestimmte sie und legte ihm Kartoffeln auf den Teller. Doch innen tobte in ihr eine Wut.

Am Abend klingelte Margarete an der Nachbartür. Frau Gerber erschien im Bademantel, Telefon am Ohr, eine Gesichtsmaske im Gesicht.

Gisela, deine Tochter macht das Treppenhaus zum Raucherclub. Die ganze Wohnung stinkt, es wird laut bis Mitternacht. Ich verlange, dass du was unternimmst.

Frau Gerber rollte die Augen und nahm das Handy nicht einmal vom Ohr:

Margarete, sei doch nicht so streng! Wo sollen sie sonst hin? Draußen ist’s kalt, und es sind ja keine Junkies, die unterhalten sich nur. Sei nicht so. Vielleicht bist du nur so grantig, weil du keine eigenen Kinder hast. Und was solls, Lukas ist doch sowieso etwas seltsam, dem macht das nichts aus.

Der Stich saß. Margarete atmete langsam aus.

Ach, jugendliche Sache, und mein Lukas stört dich also auch noch? Gut, Gisela. Ich habe dich verstanden.

Sie kehrte zurück, setzte sich an ihren Schreibtisch und zog eine Aktenmappe hervor. Gefühle sind eher was für Schwache. Für die Starken gibt es das Bürgerliche Gesetzbuch und das Ordnungswidrigkeitengesetz.

In der folgenden Woche verhielt sich Margarete still wie ein Schatten. Sophie wähnte die alte Ziege nun resigniert, das Treppenhaus wurde endgültig ihr Refugium. Sogar ein altes Sesselstück stand jetzt dort, aus dem Sperrmüll gezerrt, und Musik dröhnte fast jede Nacht bis ein Uhr.

Der Wendepunkt kam am Freitag.

Lukas kam von der Arbeit zurück, mit einer Tüte voller Lebensmittel in der einen und einer kleinen Uhrenverpackung für einen Kunden in der anderen Hand. Im Treppenhaus drängte sich die Clique, einer der Jungs Sophies Freund, genannt Sauerkraut stellte den Fuß vor Lukas.

Lukas stolperte. Die Einkaufstüte riss, Äpfel rollten über den dreckigen Boden, mitten ins Kippenmeer, die Schachtel mit einem Uhrwerk schlidderte an die Wand.

Oh, schau mal, der Vogel hebt ab! lachte Sauerkraut laut.

Sophie blies gelangweilt Rauch aus: Sieh zu, kleiner Mann, dass du nicht noch mehr hier rumliegst. Komm, sammel den Kram, solange ich noch nett bin.

Lukas, rot wie eine Tomate, begann zitternd, die Äpfel aufzusammeln. Die Hilflosigkeit stand ihm in den Augen. Er wars gewohnt er war niemand, mit dem man Mitleid hatte, den man einfach schubsen konnte.

Da flog die Wohnungstür auf. Margarete stand auf dem Treppenabsatz mit erhobenem Smartphone, das direkt auf die Clique gerichtet war.

Sachbeschädigung, Beleidigung, Ruhestörung ich habe alles aufgenommen. Gleich verständige ich den Bezirkspolizisten. Das Amtsgericht bekommt das Material morgen.

Nimm das Handy weg, Oma! fauchte Sauerkraut, blieb aber auf Abstand. Margaretes Blick war schärfer als jeder Ordnungshüter.

Lukas, steh auf, sagte sie ohne den Neffen anzusehen. Geh in die Wohnung.

A-aber die Äpfel… stammelte er.

Lass sie. Das ist eh alles Müll hier, wie der ganze Dreck auf dieser Etage.

Nachdem Lukas hinter der Tür verschwunden war, wandte sie sich wieder an die inzwischen blasse Sophie.

Jetzt hör zu, Mädchen. Meinst du, ich hätte diese Woche nur zugesehen? Ich habe Beweise gesammelt.

Welche Beweise? spottete Sophie, die Stimme zitterte aber.

Ich habe Kontakt zum Eigentümer der Wohnung aufgenommen. Deine Mutter ist doch gar nicht als Eigentümerin eingetragen, stimmts? Die Wohnung gehört deinem Vater, der in München lebt und vermutlich glaubt, du bist fleißig und brav, ganz die angehende Medizinstudentin.

Das Gesicht von Sophie wurde bleich. Der Vater war gefürchtet: streng, beinahe tyrannisch, und unterstützte sie und ihre Mutter nur unter der Voraussetzung, dass die Tochter sich mustergültig verhielt.

Du wagst es nicht… flüsterte sie.

Es ist schon passiert. Er hat Fotos und Videos deiner Freizeitgestaltung vor zehn Minuten erhalten. Dazu meine Anzeige bei der Polizei und der Hausverwaltung, samt lückenloser Dokumentation: Zeit, Datum, Lärm, Müll, Rauchen. Die Behörden werden sich kümmern. Die Polizei kommt in einer halben Stunde vorbei. Und dein Vater reist morgen früh an.

Am nächsten Morgen grollte ein Männerbass durchs Treppenhaus.

Margarete trank gerade Tee, als es klopfte. Draußen stand ein breitschultriger Mann im teuren Mantel Sophies Vater, Herr Doktor Gerber. Neben ihm, mit gesenktem Kopf, Frau Gerber. Von Sophie war keine Spur.

Frau Margarete? Der Mann sprach ruhig, aber autoritär. Ich entschuldige mich für das Verhalten meiner Tochter und meiner Exfrau. Die Etage wird derzeit von der Hausdame gereinigt. Die Kosten für den Wandanstrich übernehme ich. Sophie zieht ins Studentenwohnheim. Das Geld streiche ich den beiden.

Margarete nickte, die Entschuldigung annehmend.

Das ist gerecht. Es gibt noch einen Punkt.

Sie rief Lukas. Zögerlich betrat er das Zimmer, als erwartete er eine Standpauke.

Ihr Besuch hat gestern meinen Neffen beleidigt, sagte Margarete ruhig. Außerdem hat er seine Arbeit beschädigt. Lukas ist ein außergewöhnlicher Uhrmacher. Er bringt Mechanismen wieder zum Laufen, die sogar in der Schweiz abgelehnt werden.

Herr Gerber hob überrascht die Augenbrauen.

Uhrmacher?

Re-r-restaurator, korrigierte Lukas leise, stotternd.

Soso… Der Mann trat näher, Lukas wichen die Augen aus, doch Herr Gerber reichte ihm die Hand. Ich habe eine Sammlung von alten Taschenuhren. Eine Breguet ist vor einem Jahr stehen geblieben drei Werkstätten haben abgelehnt. Schauen Sie sich die mal für mich an?

Lukas sah zum ersten Mal jemanden, der ihn als Profi ansah. Nicht als Außenseiter, sondern als echten Handwerker.

Ich… ich kann’s versuchen. Wenn die Feder nicht gebrochen ist…

Abgemacht, sagte Herr Gerber, schüttelte Lukas Hand kräftig. Sorry, Junge, wegen meiner Tochter. Mit der Erziehung habe ich wohl versagt. Nimm’s nicht krumm. Meine Entschuldigung und ein Auftrag!

Nachdem sich die Tür geschlossen hatte, betrachtete Lukas lang seine Rechte. Er richtete sich auf. Zum ersten Mal seit Jahren ging er mit geradem Rücken.

Tante Margarete, sagte er mit fester Stimme, kaum mehr stotternd. Ich geh dann mal die Äpfel holen. Essen soll man nicht verschwenden.

Margarete blickte zum Fenster hinaus, damit er die Tränen in ihren Augen nicht sah.

Mach das, Lukas. Und setz Wasser auf. Heute haben wir einen Festtag.

Draußen roch es im Treppenhaus nach Frische und Farbe, Chlor und Neubeginn. Aus Margaretes Wohnung zog der Duft von Streuselkuchen, während Lukas leise und stolz von Turbillon-Uhrwerken erzählte.

Die Raucher-Ecke war geschlossen. Für immer.

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Homy
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Meine Nachbarin richtete eine „Rauchecke“ direkt vor meiner Wohnungstür ein. Ich griff hart durch – und sie hätte niemals erwartet, wie das enden würde.
Nastja begann mit der Gestaltung des Grundstücks, obwohl dies ursprünglich nicht geplant war