Beim alten Ulmenbaum
Weißt du, ich erzähle dir mal die Geschichte vom alten Emil, der jeden Morgen seine kleine rustikale Holzbank zur Seite vom alten Kiosk am Bahnhof in einem Dorf bei Kassel schleppte. Immer stand er schon früh da, setzte sich langsam, stützte sich an der weiß gestrichenen Wand ab, zog die Schultern hoch, blinzelte in die Sonne und verharrte einen Moment.
Wenn das Sonnenlicht dann auf ihn zukroch, wurde es ihm irgendwann zu heiß und er rutschte samt Bänkchen in den Schatten der riesigen Ulme. Es war fast schon ein Spiel zwischen ihm und der Sonne wie Fangen spielen, ganz kindisch, weißt du? Die Sonne schickt ihre Strahlen, Emil weicht aus, zieht seine Bank in das dunkle Fleckchen unter der Ulme und glaubt, er sei sicher. Aber die Sonne bekommt ihn doch, immer wieder
Die uralte Ulme war vermutlich ebenso alt wie Emil, vielleicht sogar älter. Jeden Frühling warf sie Unmengen ihrer kleinen Samen sie sahen aus wie winzige, durchsichtige Herzchen oder auch ein bisschen wie Münzen überall auf den Boden. Sie klebten in den Haaren, klemmten in den Schuhen, wurden vom Wind aufgeweht wie Mädchenperlen, klapperten und wirbelten durch die Gassen, flogen in die Fenster, türmten sich in den Hausecken, überall waren diese Samen.
Und manchmal stand Emil dort und erinnerte sich an das furchtbare Jahr, als das ganze Dorf schlagartig anders wurde. Die Straße, die Felder, das war auf einmal fremd, weil fremde Soldaten alles in Beschlag nahmen. Im Juni 1941 das vergisst man nicht mehr kamen sie, und seine Tochter Hannelore mit ihrem Mann Gustav mussten an die Front. Emil und seine Frau Grete blieben mit Enkel Karl zurück, diesem blonden, flinkäugigen Bub, der eigentlich im Herbst in die Dorfschule gehen sollte.
Erinnere dich: Grete backte ihm Kartoffelklöße, Karl kuschelte sich abends an sie, bekam rote Wangen und war glücklich. Keiner hatte so recht geglaubt, dass das Dorf plötzlich besetzt werden würde und dass da Menschen mit so hassvollen Gesichtern das Sagen hätten.
Manchmal, wenn Emil wütend wurde beim Gedanken an die Soldaten, fluchte er: Das sind doch keine Menschen mehr! Tiere sind barmherziger! Die sind wie vom Teufel besessen. Grete wies ihn dann immer zur Ruhe an, man musste sich ja zusammenreißen schließlich durfte mit Karl nichts passieren.
Eines Tages holten die Soldaten alle Kinder auf dem Dorfplatz zusammen, trennten sie von ihren Müttern, führten sie auf den festgetretenen Lehmboden. Die Schreie, die Emil da hörte er hörte sie nie wieder los. Ein Mark und Bein durchdringender Schrei, verzweifelt wie das Miauen eines Kätzchens, das ins Wasser geworfen wird.
Grete hatte Karl im Keller versteckt. Als die Soldaten kamen, warf sie sich ihnen in den Weg, schrie, dass sie ihr Kind niemals hergeben würde. Aber plötzlich konnte sie nicht mehr stehen etwas Kaltes, Schmerzhaftes hatte sie getroffen, und sie sackte auf den Boden. Emil konnte nichts tun, als er Karl wegführen sah oh, das nagte an ihm, Jahre später noch.
Weil er nach dem Jungen gesucht hatte, bekam auch Emil Prügel, aber merkwürdigerweise ließen sie ihn am Leben. Wahrscheinlich, weil er als einziger im Dorf Autos reparieren konnte die alte Werkstatt bei der Scheune, weißt du?
Und seitdem lag Grete viele Wochen, fast monatelang, als wächserne Gestalt danieder, und Emil hämmerte Tag für Tag an Brettern herum, bis der Stall voller Späne war. Er war eine gebrochene Seele, sagte sich immer wieder: Gustav hat mir den Jungen anvertraut, er hat mir geglaubt! Und ich habe versagt Manchmal schlug er die Faust auf den Tisch, dann schüttelte Grete den Kopf, als hätte sie keine Kraft mehr zu trauern.
Die beiden standen morgens auf, aßen geschmacklosen Haferschleim, gingen in den Gemüsegarten, und nachmittags schnitzte Emil an irgendwas herum. Die Dorfbewohner fanden, er sei komisch geworden ständig am Bahnhof, auf der Bank, Auge auf die Züge gerichtet. Grete scheuchte ihn heim: Emil, komm! Du brauchst was Warmes, im neuen Kulturhaus am Hauptplatz spielt Musik, lass uns mal hingehen.
Oft gingen sie nebeneinander schweigend, jeder in seinem Kopf, der Blick unsicher, als sähen sie alles zum ersten Mal. Und Grete: Schau nur, sie tanzen dort, wo sie unsere Kinder damals zusammengetrieben haben Weißt du, Emil, lass uns fort irgendwo, ich halte das nicht mehr aus.
Eigentlich hätte Emil längst abreisen sollen. Nach Osten, zur Verwandtschaft an die Oder. Aber man wartete zuerst auf Gustav und Hannelore, nun hielt sie doch die Hoffnung auf Karl fest. Dann war plötzlich auch noch ein Lebenszeichen bei der Nachbarin Lotte: Stell dir vor, unsere Pauline ist aus Frankreich zurückgekommen! Heimgekehrt, nach all den Jahren!
Gemeinsam liefen sie zu Lotte und sahen dieses abgemagerte Mädchen an, die zurück war, voll Nostalgie und Trauer in den großen Augen. Grete küsste ihren Scheitel und Emil fragte leise: Weißt du etwas von den anderen Kindern? Pauline schüttelte den Kopf.
Danach fast täglich dasselbe Ritual: Emil stapfte zum Bahnhof, setzte sich auf seine Bank. Viele Zugreisende waren von weit her, junge Leute, manche richteten sich an ihn, ob er etwas wüsste. Stets sagte er: Ich warte auf meinen Enkel, Karl. Weiß nicht, wann er kommt, aber eines weiß ich gewiss: Er kommt!
Manchmal übernachtete er dort. Einmal kam er in der Dunkelheit fast unter die Räder ein paar randalierender Jungs, sie warfen seine Bank um, verspotteten ihn, bis zwei Polizisten einschritten und ihm rieten: Gehen Sie heim, wenn Ihr Enkel kommt, sorgen wir dafür, dass er Sie findet!
Zuhause kamen jetzt oft junge Burschen, die auf dem Weg suchten, irgendeinen Unterschlupf für eine Nacht Grete ließ sie nicht gehen, setzte ihnen das beste Essen vor, redete ihnen Mut zu, Emil meinte dann: Gutes wird mit Gutem vergolten! Wer weiß, vielleicht wärmt jemand anders auch einmal Karls Füße.
So vergehen die Jahre Emil lebt immer noch, die Ulme steht, obwohl sie damals bei einem Brand fast zerstört worden wäre. Emils Augen sind trüb geworden, die Hände zittern. Aber seine Bank bringt er immer wieder.
Und Grete, die ihn ein ums andere Mal nach Hause zerrt, schimpft: Du verschreckst die Leute mit deinem Starren! Komm heim, Emil! Sonst schlepp ich dich am Kragen rein und mach die Tür zu!
Aber Emil bleibt sitzen, schaut zu den Samenkapseln, die wie Märchenmünzen vom Baum flattern: Weißt du noch, als Karl klein war? Hier bei der Ulme haben wir ihn immer getroffen damals. Ich kaufte ihm einen Bonbon, während er die Ziegen anschaute. Und weißt du noch, als sie die Ulme fällen wollten wegen des Bahnhofs? Ich habe sie verteidigt mein Baum, mein Leben! Karl wird ihn wiedererkennen, wenn er kommt.
Grete steht noch eine Weile, lauscht den Samen im Wind, denkt: Wie winzig so ein Samenkorn ist, aber sie haben Flügel keimend, wie aus Seide. Hoffentlich hat Karl solche Flügel, hoffe Gott schickt ihm seinen Schutzengel
Nachts dann ein Donner, das erste schwere Mai-Gewitter, wie das Grollen der Front. Blitze zuckten über Kassel, der Wind riss die letzten Tulpenblättchen fort, peitschte gegen die Scheibe.
Kaum lag Grete schlaflos im Bett, klopfte es plötzlich an die Haustür, mehrmals, ein leises Kratzen, dann ein Ruf von draußen jung, zögernd: Oma Grete?
Barfuß, im Nachthemd, öffnete Grete. Im Regen stand ein schlaksiger Junge, völlig durchnässt. Ich bins, Karl Sie haben mich aus dem Kinderheim gelassen, Tante Anna hats erlaubt! Ich hab alles wiedergewusst! er stürzte ins Haus, umarmte erst Grete, dann Emil, der aus der Stube taumelte, überwältigt. Ich hab auf dich gewartet, Opa bei der Ulme, wie damals!
Bei heißem Tee erzählte Karl stockend: Erst war da ein älteres Mädchen, Paula aus dem Nachbarhaus, die immer wieder alles abfragte Name, Adresse, Dorf und jeden Tag fragte: Denk dran, vergiss es nicht. Nach ihrem Tod sei alles verschwommen, aber ab und zu habe Mama ihn im Traum besucht.
Nach der Befreiung kamen viele Kinder erst ins eine Heim, dann ins nächste bis eines Tages der Name ihres Dorfes wieder auf einer Karte auftauchte, nicht weit von Kassel, nur zwei Stationen entfernt. Da bat Karl, ob er laufen dürfe. Und nun war er da: Holt ihr mich zu euch und lasst mich nie wieder gehen?
Da brach Grete zum ersten Mal seit Jahren in Tränen aus. Der Stein in ihrer Brust löste sich endlich in einer salzigen, heißen Flut, die gar nicht mehr enden wollte.
Draußen verzog sich das Gewitter Richtung Osten, nach Kaufungen, Lohfelden, Bettenhausen vielleicht brachte sie auch dort jemandem ein kleines Wunder.
Die alte Ulme rauschte immer noch, aber Emil brauchte sie nicht mehr als Zuflucht.
Ist er gestorben?, fragen manche.
Ach was, der hat doch jetzt was zu tun! Der Enkel ist wieder da, jetzt fängt das Leben erst richtig an für Emil und seine Grete!, sagt Bahnhofswärter Onkel Willi.
Und unter der Ulme, da wird er bald eine neue Bank zimmern. Man weiß ja nie, wer sonst noch kommt vielleicht hat ja jeder in Deutschland irgendwo seine Ulme, und irgendwer wartetNoch am nächsten Morgen, als die aufgehende Sonne wieder ihre ersten Strahlen auf das Dörfchen warf, hörte man aus dem Garten das Kichern von Karl und das vertraute Räuspern von Emil, der seinem Enkel zeigte, wie man mit dem Taschenmesser aus einem Ast eine Pfeife schnitzt. Karl lachte so hell, dass sogar die alten Nachbarn innehielten und an bessere Zeiten dachten.
Das Leben im Haus atmete auf, wie wenn nach ewigen Wintern endlich Tauwetter einkehrt. Grete füllte die Kanne mit dem guten Sonntagskaffee und stellte drei Tassen auf den Tisch, als hätten sie niemals weniger gebraucht. Emil drückte Grete die Hand, der Blick schwer vor Dankbarkeit. Sie wussten, dass nicht alle Verluste gutzumachen waren doch an diesem Morgen war Hoffnung wieder ein Gast in ihrer Welt.
Und die Ulme? Die ließ weiter ihre Samen tanzen, jetzt aber um drei Menschen, die endlich wieder zusammen atmen, lachen und schweigen konnten. Emil klopfte Karl freundschaftlich auf die Schulter. Weißt du, Junge jetzt hol ich uns noch ein paar Bretter. Morgen baust du deine erste eigene Bank.
Irgendwo im Wind unterwegs zu den nächsten Städten trug das Wetter die Nachricht fort: Daheim ist da, wo jemand auf dich wartet und manchmal beginnt das Glück einfach wieder.




