Der Verrat

Verrat

Lotti, ich liebe dich so sehr! Ich würde alles für dich tun, wirklich alles, was du willst! flüsterte Jürgen leise, als er im dunklen Kinosaal mit dem Kopf an der Schulter seiner Frau Lotte lehnte.

Mit Charlotte fühlte er sich geborgen, ihr süßer Duft umhüllte ihn vermutlich ihr Parfüm.

Jürgen beugte sich vor und küsste Lotte auf den Mund. Von hinten zischten die Leute, ein strenges Flüstern war zu hören.

Wirklich alles, ja? fragte sie mit einem schelmischen Lächeln.

Alles, bestätigte Jürgen.

Sie waren damals so glücklich, dass es schien, als könne man kein besseres Paar finden sie verstanden sich fast wortlos und schauten sich so an, als könnten sie in der Liebe des anderen versinken.

Wie schön die beiden sind, tuschelten die Freunde hinter ihnen. Noch jung, so ein starkes Paar, und nie haben wir die streiten hören! Die passen einfach perfekt zusammen.

Na, mal abwarten, wie das noch weitergeht, zuckte Marina, Lottes Freundin, mit den Schultern. Für mich ist dieser Jürgen eine lahme Ente, außerdem ist er so viel älter, schon fünfunddreißig, und Lotte gerade mal Anfang zwanzig. Kein Wunder, dass er sich so bemüht, er hat Angst, sie zu verlieren. Vielleicht ist das auch gar nicht so schlecht, Lotti ist ehrgeizig, kommt ganz nach ihrer Mutter, da muss sich Jürgen schon ordentlich anstrengen, um ihr zu gefallen. Aber er tut es ja sogar gerne, der Dussel. Man munkelt, er hat sogar einen zweiten Job angenommen, nur um Lotti etwas mehr Geld zu bringen. Weich wie ein Waschlappen.

Marina lächelte dabei, als würde es ihr gefallen, Schlechtes über den Gatten ihrer Freundin zu erzählen.

Du bist einfach nur neidisch, sagte Galina schulterzuckend, eine sanfte, nachdenkliche junge Frau, die Gedichte liebte und Lieder über die Liebe hörte. Die sind jetzt eins, er tut alles für sie, sie alles für ihn. Das ist doch echte Ehe.

Ach was weißt denn du? Du versuchst doch nur mit deinen schwärmerischen Versen die Wirklichkeit zu verklären. Diese Liebe gibts doch gar nicht! Erst kommt die Leidenschaft, dann der Alltag, und am Ende ist man zufrieden eingerichtet eigenes Nest, Eintopf auf dem Herd, fertig. Albern! Marina zuckte die Achseln. Das ist doch kein Leben.

Galina sagte darauf nichts, sondern zuckte nur die zarten Schultern…

Nach Hause sollten sie mit der U-Bahn fahren, aber Lotte hatte keine Lust.

Ruf uns ein Taxi, Jürgen! gähnte sie und schmiegte sich an ihn.

Ach, mit der U-Bahn gehts schneller, Lotti! Komm schon! wehrte er ab, half ihr aber trotzdem in den Mantel.

Bitte, ich bin so müde und habe Rückenschmerzen. Jürgen vielleicht bin ich sogar schwanger, deshalb fällts mir so schwer. Hab doch Mitleid!

Jürgen erstarrte kurz, Augen weit aufgerissen, ergriff ihre Hände und küsste sie. Dann winkte er ein Taxi herbei, nervös und ganz aufgeregt bei dem Gedanken, dass Lotti ein Kind erwartete nein, dass sie gemeinsam ihr erstes Kind erwarteten.

Im Taxi saß er dann da und grinste ziemlich blöd.

Ob es ein Junge oder ein Mädchen wird? Oder gar Zwillinge? Gibts ja Und was muss man alles tun, wenn die Frau schwanger ist? Wie kann ich helfen, was braucht sie jetzt, welche Sachen muss ich besorgen…?

All das ging ihm auf dem Weg durch den Kopf, und als sie am Haus ankamen, wollte Lotte plötzlich ein Bier.

Lotte, lieber nicht, das ist sicher nicht gut jetzt, schüttelte Jürgen den Kopf.

Für wen nicht? Fürs Baby? Sag mal, bist du übergeschnappt? lachte sie und holte sich am Kiosk ein Bier.

Fürs Kind, murmelte Jürgen und deutete auf Lottes flachen Bauch, auf den sie so stolz war, weil er so schön war.

Ach Jürgen, ehrlich?! lachte Lotte, und ihr Lachen klang wie kleine Glöckchen. Du glaubst wirklich alles! Woher soll ich denn bitte wissen, ob ich schwanger bin? Habs nur so gesagt, damit du in Bewegung kommst. Na los, trink einen Schluck, das ist erfrischend, sie drückte ihm die Dose in die Hand, er schüttelte abwehrend den Kopf. Na also, sei nicht beleidigt, war ein schlechter Scherz, verzeih mir!

Sie versuchte, ihn zu küssen. Doch diesmal wich er aus. Lotte runzelte die Stirn und ging voraus.

Schade, dass es mit dem Kind doch nichts ist aber gut, alles zu seiner Zeit! Jürgen redete es sich auf dem ganzen Heimweg gut zu und spürte, wie etwas Warmes in ihm erlosch, eine Kerze, die so viel Wärme gespendet hatte…

Ein halbes Jahr später sagte die Ärztin zu Lotte, dass sie schwanger sei.

Schwanger, in der achten Woche, verkündete Frau Doktor Ingrid.

Wirklich jetzt? Sie scherzen doch! platzte es aus Lotte heraus, die hinter dem Vorhang gerade mit Strümpfen und Rock rang, außerdem fühlte sie sich so schlapp…

Was gibts da zu scherzen? Hier ist das Ultraschallbild, hier der Blutwert. Wie gehts Ihnen, Frau Berger? fragte Ingrid sachlich und setzte sich an den Schreibtisch.

Ich fühl mich gar nicht, entgegnete Lotte gedankenverloren, dann setzte sie sich Lottes gegenüber, rückte sich die Haare zurecht und warf einen Blick auf die junge Schwester Anna, die im Gläserschrank kramte. Irgendetwas störte Lotte an der Schwester, vielleicht weil sie selbst noch so ein Mädchen war. Kann man das denn noch irgendwie Sie verstehen schon…

Schuldig blickte sie zur Gynäkologin.

Es klirrte im Schrank. Lotte verzog das Gesicht.

Frau Berger, warum denn so? Sie sind verheiratet, was ist denn das Problem? mischte sich Anna mutig und mit strengem Blick ein.

Das geht Sie gar nichts an! Muss ich mich wirklich rechtfertigen? Es ist zu früh für mich, ich will das Kind jetzt nicht, wir haben so viele andere Pläne, daran hat weder Jürgen noch ich jetzt einen Kopf. Also, Frau Doktor, helfen Sie mir? Klar, ich kann auch meine Mutter anrufen, aber ich möchte Sie da nicht in Schwierigkeiten bringen. Ich habe doch das Recht auf… das?

Das haben Sie. Es ist Ihre Entscheidung. Und der Ehemann? Weiß er Bescheid? fragte Anna.

Sagen Sie mal, was kümmert Sie das überhaupt?

Eigentlich gar nicht, Anna beugte sich wieder über ihre Formulare.

Lotte, überlegen Sie noch eine Woche, dann kommen Sie wieder. Es bleibt nicht viel Zeit, aber Sie können noch nachdenken. Machen Sie in der Zwischenzeit bitte die notwendigen Untersuchungen, reichte die Ärztin Lotte die Überweisung.

Lotte warf sie gleich nach der Sprechstunde in den Papierkorb. Sie hatte ohnehin schon einen Plan gehabt, seit sie die Veränderungen an sich bemerkt hatte…

… Anna, stürz dich nicht so auf die Frauen! tadelte Ingrid später ihre junge Kollegin. Es ist ihr gutes Recht…

Aber es ist so ungerecht! Frau Eberhardt kämpft seit Jahren mit ihrem Mann um ein Kind, und nichts funktioniert. Und diese feine Dame bekommt es einfach geschenkt und will nicht. Figur ist wichtiger, alles andere auch. Und sie sagt es ihm noch nicht einmal! Vielleicht träumt er längst von einem Sohn.

Männer träumen immer davon, meinte Ingrid langsam, während sie mit dem Taschenmesser ihre Bleistifte spitzte und die Reste auf Laborpapier fallen ließ. Und dann schieben sie am Ende alles auf die Frau ab. Schön, sich beim Stammtisch zu rühmen: Drei Kinder!, das macht Eindruck. Aber die Frau sitzt dann am Küchentisch, kommt aus dem Brei-Kochen nicht mehr raus und bereut vielleicht ihren Hochzeitstag. Oder, Ingrid hob eine Augenbraue, sie bringt das Kind auf die Welt und gibt es ins Heim. Kennst du doch auch, oder Anna? Ist das besser?

Anna blickte tapfer auf. Sie hatte irgendwann ihren eigenen Weg gefunden.

Frau Doktor, ich habe gelernt, für mich zu leben. Ich lese, gehe ins Museum, kann lieben oder lassen, wie ich will. Einfach, weil ich ein Recht darauf habe. Meine Mutter ob sie es wollte oder nicht hat mir das Leben gegeben, und ich lebe eben. Und was sie gemacht hat, werde ich nicht wiederholen. Aber im Groll schwimmen will ich auch nicht. Es war, wie es war. Nun gut, ich geh dann, Sprechstunde ist ja um.

Anna packte schnell ihre Sachen, zog den Mantel aus dem Schrank und verschwand. Ingrid blieb zurück und war der Klinikbetrieb längst über. Kein Einfühlungsvermögen mehr für frisch gebackene Eltern, keine Freude an Babys und Blumensträußen, die von aufgeregten Männern unter dem Fenster hochgehalten wurden. Für sie war das Kreisssaal ein Fließband. Mitleid? Das bringt doch nichts. Zeugung, Schwangerschaft, Geburt bloß ein physischer Vorgang, nicht immer leicht. In ihrer eigenen Zeit lag Ingrid die ganze Schwangerschaft lang flach, voller Erschöpfung ein zweites Mal würde sie das nicht riskieren. Anna hat ihren Panzer noch nicht, dachte sie, die steckt zu viel Energie ins Überreden von Frauen wie Lotte und brennt am Ende aus. Alles umsonst!..

Zwei Tage später, als Jürgen von der Arbeit kam, erklärte Lotte ihm, dass sie zu Marina nach Offenbach fahren würde, für ein paar Tage.

Ich bring dich doch, wie willst du denn mit dem Koffer in der S-Bahn fahren?! Lass mich wenigstens fahren, ich will nicht, dass du dich abschleppst! Er umarmte sie. Lotte, ist alles gut mit dir? Du wirkst so nachdenklich

Es ist alles okay! Jürgen, brat doch bitte Kartoffeln, ich hab so einen Hunger Sie entwand sich seinen Armen. Ich komm schon klar, keine Sorge. Marina holt mich ab, sie hat ein Auto. Und sag mal, Jürgen, wann kaufen wir eigentlich eins? Du hast doch gesagt, bald…

Herr Meier will mir vielleicht seins verkaufen aber sparen müssen wir noch. Geduld, alles kommt!

Lotte hatte schon vieles, was man haben sollte. Zum Beispiel eine eigene Wohnung. Jürgen hatte seine Oma mühsam überredet, zur Tochter zu ziehen denn Lotte wollte Privatsphäre, ihr eigenes Nest. Jürgen machte es möglich.

…Na, ihr seid jung, lebt gut miteinander. Der Rest wird sich finden, hatte Oma Dora zum Abschied gesagt und sich mit einem letzten Blick von ihrer Wohnung verabschiedet, bevor sie zu ihrer Tochter zog.

Kaum war Lotte eingezogen, stellte sie alles um, schaffte einiges weg sogar die alte Anrichte, das Liebhaberstück der Oma, mit ihren geschnitzten Knäufen, dem charmanten Knarren der Türen.

Lotte, lass sie doch stehen, wir können sie eh nicht ersetzen, bat Jürgen. Oma liebt diese Anrichte.

Dann zieh zurück zu deiner Oma, klar? Ich will kein Geschirr in so einem alten Ding aufbewahren! Jürgen, hör auf! Wir richten uns alles neu ein, feiern dann auch mal eine Party. Sei mal nicht so trübselig! Das Leben ist zum Leben da! Sie zog ihn an sich, vergaß Anrichte, Geschirr, Galina und die ewige Wartezeit auf Möbel. Sie mochte es, wie Jürgen küsste…

Als Jürgen von einer kurzen Dienstreise zurückkam, stand schon ein Pressspanmöbelstück auf dem Platz der alten Anrichte. Sie hatte das von seinem Urlaubsgeld gekauft, das er gerade angespart hatte…

Lotte hatte immer eine passende Erklärung, alles nach dem Recht einer Ehefrau. Die Wohnung für den Hausstand, ein Auto für die Ausflüge ins Grüne, neue Töpfe, Kleider, Stiefel, ein Pelzmantel sollten das Leben nur leichter machen.

Mit dem Mantel aber haperte es. Gemeinsam schlenderten sie durch das Kaufhaus, Lotte probierte einen nach dem anderen.

Jürgen, ich will den hier. Ist der nicht schön? Was? Gefällt dir nicht? schmollte sie.

Doch, aber der ist teuer. Ich hab seit zwei Monaten keinen Lohn bekommen, du weißt das. Wir wollten doch nur schauen. Lass uns sparen, dann…

Aha! Deiner Mutter schiebst du Euros zu, und dir hast du einen Anzug geleistet! Aber ich soll frieren, und zwar im Winter?! zischte Lotte ihm ins Ohr.

Kaufen Sie ruhig, das ist das Beste hier! sprang ein schmaler Verkäufer dabei herum, drehte sich um Lotte, zwinkerte allzeit bereit mit einem Schnauzer und schlauen Augen. Wie heißen Sie? Charlotte? Der Mantel scheint wie für Sie gemacht! Und ihr Mann… also wirklich, gnadenlos sparsam! Der Verkäufer lächelte breit. Solche Frau sollte man tragen!

Lotte hörte geschmeichelt zu, dann nachdem sie Jürgens miesen Blick bemerkte seufzte sie, reichte den Mantel zurück.

Wir kommen wieder, sobald wir gespart haben, erklärte sie. Komm Jürgen, ich habe noch Wäsche zu waschen…

Jürgen lief rot an, entschuldigte sich auf dem Nachhauseweg unablässig, dass sie so in eine peinliche Lage gebracht wurde…

Und nachher wusch und hing er die Wäsche auf, die Frau sprach den ganzen Abend kein Wort mit ihm, saß im Oma-Sessel und seufzte, rief ihre Mutter und Freundinnen an, erzählte, wie sie frieren müsse…

Jürgen brachte eine Woche später den Mantel doch nach Hause. Er tat alles für seine Frau, wirklich alles.

Hast du Lohn bekommen? fragte Lotte mit schmalen Lippen.

Nein, ich habe Geld geliehen. Aber das ist egal, ich habe gesehen, wie sehr du ihn wolltest. Probier schon an! sagte er…

…Und nun fuhr Lotte in ihrem neuen Pelz nach Offenbach zur Freundin, mühsam hatte sie sich die Fürsorge ihres Mannes vom Leibe gehalten. Mal bestand er auf Taxi, mal wollte er den Koffer selbst tragen, mal ließ er sie kaum gehen so blass war sie doch!

Hör endlich auf, mir nachzulaufen! fauchte sie ihn an. Ich habe gesagt, ich fahre allein. Tschüss. Ich rufe an.

Sie hatte Angst, die Reise war nicht umsonst. Marina hatte in einer kleinen Klinik alles arrangiert, niemandem in Frankfurt würde es auffallen. Es war besser so.

Angst vor Schmerzen, vor dem, was nachher sein würde, falls Jürgen es jemals erfährt.

Er, schon 36, eigentlich Zeit für Kinder, und Lotte gerade mal 28, sie wollte noch ihr Leben auskosten und war sich nicht sicher, ob sie überhaupt Familie wollte.

Noch nie hatte Charlotte sich als wirkliche Familie mit Jürgen gesehen. Zusammen wohnen, ja, verheiratet auch, aber das war nebensächlich sie hätte auch einfach so mit ihm zusammenleben können. Für Lotte fühlte es sich immer an wie eine Probe, der Probelauf für ihr Leben, und danach würde das Eigentliche kommen, vielleicht eines Tages mit dem Richtigen.

Liebte sie Jürgen? Auf irgendeine Weise. Er war ihr erster. Sie mochte Küsse, Zärtlichkeiten, mochte es, dass er ihr alles durchgehen ließ und Angst hatte, sie könnte ihn verlassen. Sie mochte die Macht, die er ihr gab.

Ihre Eltern waren streng zu Lotte, besonders ihre Mutter. Aber sie meinte, es diene Lottes eigenem Wohl.

Darin hatte sie gar nicht so unrecht, grinste Lotte, als sie mit Marina in der Küche saß und Likör trank. Dadurch bin ich zu Jürgen gezogen. Er ist so treu, Marina! War er schon beim Kennenlernen. Wenn ich mitten im Winter Ananas will, bringt er sie, nimmt dafür Überstunden, schläft kaum noch. Klar, das ist Ritterlichkeit! urteilte sie. Nur das Kind… kommt einfach zur falschen Zeit!

Und du hast deinem Mann gar nichts gesagt? Stell dir vor, falls es schwer sein sollte man erholt sich unterschiedlich davon. Was dann? Marina zündete sich eine Zigarette an.

Och, hier ist kein Mittelalter mehr. Wir gehen zum Arzt, nicht zur Hebamme, winkte Lotte ab. Notfalls sag ich, ich hätte mich erkältet.

Es war geschehen. Zwei Tage blieb Lotte in der Klinik, dann entließ sie sich selbst. Zuhause angekommen, fühlte sie sich miserabel, Fieber, glühende Wangen.

Ein Virus, Jürgen Marina ist auch krank, lächelte Lotte matt, als Jürgen sie an der S-Bahn abholte. Taxi wäre besser, ich pack das nicht mehr in der U-Bahn.

Jürgen nickte schweigend, packte den Koffer und marschierte voran.

Jürgen, es ist glatt, hilf mir bitte, rief Lotte vorsichtig, rückte am Kragen ihres Pelzes. Ihr Mann war noch nie so kalt zu ihr gewesen.

Er kehrte zurück, packte ihren Arm und zerrte sie zum Taxistand.

Der Taxifahrer plapperte ohne Punkt und Komma, aber die beiden hinten sagten kaum ein Wort.

Irgendetwas ist passiert. Aber was? schoss es Lotte durch den Kopf, sie suchte nach einer Antwort in Jürgens Augen. Doch er tat, als würde er an etwas ganz anderes denken.

Er sprach erst, als sie am Küchentisch waren, einfache Brote aßen, Jürgen hatte sie für die Heimkehr gemacht ungewöhnlich für ihn, der sonst besser kochte.

Lotte verschluckte sich fast, als Jürgen ihr erzählte, die Sprechstundenhilfe aus der Klinik hätte sich gemeldet und gefragt, wann Lotte zur Schwangerschaftsuntersuchung käme.

Schön, dass die sich so kümmern! Lotte zuckte die Schultern. Soll doch jeder machen, was er für richtig hält. Meine Mutter hat vor mir fünf Abbrüche gehabt, weils eben damals so war. Und, was ist daran? Wer hat angerufen? Wahrscheinlich diese Schwester, diese Furie? Was hast du ihr gesagt?

Ich habe gesagt, dass ich nichts weiß, gab Jürgen kühl zurück, stand auf, goss Tee ein, aber Lottes Tasse ignorierte er. Ich wusste ja wirklich nichts. Warum, Lotti? Wieso? Und dann hat Marina neulich angerufen, gefragt, ob du gut angekommen bist sie meinte, du wärst nach na ja. Nach dem Eingriff… Furchtbar, ich kann es kaum aussprechen…

Jürgen erinnerte sich daran…

Jürgen? Sorry, ich weiß, du bist beschäftigt. Sag mal, auf welchem Zug ist Charlotte? Hast du sie getroffen? Pass auf sie auf, sie kommt gerade aus dem Krankenhaus, nach der Ausschabung. Es wird schon wieder, ihr werdet bestimmt noch Kinder haben, nur eben später, okay? flüsterte Marina durch das Telefon. Melde dich einfach, wenn du reden möchtest.

Während sie bei Marina war (die, wie sich herausstellte, doch neidisch auf Lottes Glück war also doch Verrat!), hatte Lotte diesen Moment oft durchgespielt und sich immer vorgestellt, dass er gut endet. Jürgen verzeiht, ist wieder ihr kleiner Hampelmann, sie flattert wie ein Schmetterling um ihn herum. Ja, wie hatte sie sich das zurechtgelegt…

Ach, mach dir keinen Kopf, Jürgen! Das war einfach der falsche Zeitpunkt. Du bist beschäftigt, hast Stress im Büro, warum sollte ich dich noch mit sowas belasten? War doch vernünftig von mir, dass ich das allein geregelt habe! Später bekommen wir unser Kind, wenn ich will. Jürgen, ich hab dich vermisst, weißt du, im Krankenhaus waren lauter unglückliche Frauen, das hat mich erschreckt. Und es riecht da immer so nach Medizin Ich liebe dich, ich will dich jetzt einfach nur küssen…

Sie wollte auf seinen Schoß, sich an ihn schmiegen, doch Jürgen stieß sie weg, stand abrupt auf, ging ans Fenster.

Belasten? Schönes Wort, Lotti! Was heißt: Wenn du willst?! Und wann wirst du denn je wollen? Ich will jetzt! Hab ichs denn nicht mal verdient, wenigstens zu wissen, dass du so etwas entscheidest? Ich war immer ehrlich, habe gesagt, ich will Familie, ich hab fas alles durch, ich will jetzt Familie Er zog die Vorhänge erbost zu und schaute hinaus.

Mir gehts aber auch so gut! knallte Lotte die Faust auf den Tisch. Wegen so einer Kleinigkeit machst du so eine Welle! Ja, ich habe das gemacht, weil ich es für richtig hielt, wie meine Mutter. Und ich bereue rein gar nichts. Du bist ein Schwächling, Jürgen, du kannst nicht mal richtig streiten. Wenn ich mit den Fingern schnippe, tanzt du für mich. Du rennst nirgendwo hin, weil du glaubst an die Liebe. Dabei ist das nichts als Illusion! Und du wirst mir trotzdem die Hände küssen, denn keine andere will einen wie dich, einen alternden, ausgebrannten Geizhals!

Sie schrie ohne Rücksicht auf die dünnen Wände.

Jürgen ballte die Fäuste gleich schlug er zu! Doch nein Er verließ einfach das Haus und schlug laut die Tür zu. Ein Waschlappen.

Drei Monate lebten sie noch zusammen, Jürgen blieb immer länger bei der Arbeit, kam oft betrunken, lärmte und setzte sich abends mit lautem Fernseher an das Bett, wenn Lotte schon schlief.

Bist du jetzt völlig verrückt?! Hör auf! schrie Lotte, doch er warf ihr nur einen verächtlichen Blick zu.

Jürgen hätte ihr alles verziehen die Launen, Frechheiten, sogar, als die Oma bei einem Besuch weinte, weil Lotte alles aus der alten Wohnung entfernt hatte, sogar die Gemälde, die Oma einst im Park günstig erstanden hatte; Lotte ersetzte alles durch moderne Kunst, die ihr Galkas Mann aus irgendeiner drittklassigen Galerie schenkte.

Das alles war Kleinkram, damit kam Jürgen klar, die Liebe zu Lotte war wichtiger.

Aber den Verrat den konnte er nicht verzeihen.

Dass Lotte allein für sie beide, ja, für sie drei alles entschieden hatte, war für ihn echter Verrat.

Im April reichte Jürgen die Scheidung ein und bat Lotte auszuziehen.

Wie jetzt? Alles nur wegen dieser einen Sache? Lotte klammerte sich an einen Strohhalm. Vergiss das doch, wir machen weiter. Wenn du willst, werde ich noch mal schwanger, krieg dir ein Kind, willst du das? Jürgen, wohin soll ich sonst? Zu Mama? Die macht mich fertig, sie sagt immer schon, du bist zu alt für mich, das klappt eh nicht…

Rede dir nichts ein, Lotti! Das spielt keine Rolle mehr. Mir reichts, ich kann dich nicht mehr ansehen. Du hast mich verraten. Das wars. Und jetzt nutze die Zeit, solange ich noch ruhig bleibe, zieh aus!

Er kniff die Fäuste zusammen, bis es weh tat. Lotte flitzte hinaus, packte.

Hinterher nannte Jürgen sie in Gedanken schlimmer als je zuvor. Er hasste Lotte jetzt. Es hieß, sie sei aus Frankfurt weggezogen, irgendwo ins Nirgendwo, auch mit der Mutter zerstritten.

Dem Mann wars egal. Sie hatte ihn verraten.

Eines Tages rief Marina überraschend an und bat um ein Treffen.

Ich bin beschäftigt, keine Zeit, blockte Jürgen ab, doch Marina bestand darauf.

Wie du willst Cafe oder ich komm vorbei. Aber ich muss reden, sagte sie ernst.

Sie trafen sich im kleinen Café neben Jürgens Büro.

Und das isst du alles? fragte Marina, als sie auf die Sushi-Bilder zeigte. Ich trau mich da nicht ran.

Komm zum Punkt, ich habs eilig, Jürgen war kurz angebunden.

Na gut. Lotte ist schwanger, hat’s erst erfahren, als ihr schon getrennt wart. Sie liegt im Krankenhaus, es sieht nicht gut aus. Du solltest sie besuchen, Jürgen Ich kann verstehen, dass du verletzt bist aber es ist auch dein Kind, du wolltest es doch Vielleicht schafft ihr einen Neustart? Die Ärzte sagen, sie soll sich schonen, glücklich sein aber sie ist am Boden zerstört, ich schaffs nicht, ihr zu helfen, sie weist mich ab.

Es tut mir leid, Marina. Aber ich will mit deiner Lotte nichts mehr zu tun haben. Das ist nicht mehr mein Problem. Ob das mein Kind ist, ist auch nicht sicher, weiß der Himmel, mit wem sie noch so problemlos war. Außerdem, ich will keine Kranken, keine Krankenhäuser. Lotte hat es so gewollt, jetzt soll sie damit leben. Ich muss los.

Jürgen stand auf, ließ etwas Geld auf dem Tisch. Warum sich das Leben unnötig schwer machen? Wenn Lotte im Krankenhaus ist, stimmt etwas nicht dann wird das Kind krank. Und Jürgen ist alt genug, um sich das zu ersparen. Seine neue Freundin hat ihm gesunde, starke Söhne versprochen!

Lotte hat damals einen Fehler gemacht das hat sie eingesehen! Verraten? Ja, ganz klar. Aber jetzt braucht sie dich. Und du verrätst. Nicht sie, das Kind! sagte Marina scharf, schob Jürgens Geld zurück und bezahlte selbst für ihren Kaffee. Vielleicht ist es sogar besser so. Dein Verhalten zeigt: Deine Liebe war nie viel wert, Jürgen! Ihr habt dieses Kind, das lässt sich nicht mehr ändern.

Jürgen knirschte mit den Zähnen, atmete schwer, wollte etwas sagen, doch Marina ging schon.

…Lotte bekam eine Tochter früh, schwach, voller Flecken, völlig ohne Haare, aber wunderschön. Diese erste Begegnung, das wird Lotte nie vergessen. Sie nannte das Mädchen Friederike, den Vater ließ sie im Geburtenregister frei.

Jürgen soll die Sprechstundenhilfe Anna geheiratet haben resolut und stark, sie macht mit ihm Dienst nach Vorschrift wie ein Feldwebel. Sollen sie glücklich werden Lotte schafft es auch allein. Für ihre Tochter.

Sie hat sich verändert, ist nun gebrochener, gereifter. Im Krankenhaus, Tag für Tag, hörte sie zu, wie andere Frauen von ihrem Leben sprachen, wie sie sich aufhübschten, um ihre Männer zu empfangen. Lotte weinte, wurde wütend, aber dann biss sie die Zähne zusammen und zwang sich, zu glauben, dass alles gut wird…

Ich liebe dich, Friederike, hörst du? Du bist mein allerbestes Mädchen, flüstert Lotte beim Wiegen.

Vor ihnen liegt ein langes Leben, das möge hell und freundlich werden wie Friederikes Lächeln und alle alten Fehler bleiben Vergangenheit, man muss vergeben, dann wird es leichter…

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Homy
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