Ich stand gerade in meiner Küche und habe Pfannkuchen gebacken, als plötzlich ein fremder Mann meine Wohnung betrat. Das erzähle ich heute jedem, der es hören möchte. Damals war mir natürlich überhaupt nicht zum Lachen zumute. Man stelle sich das vor: Man lebt allein, weiß ganz genau, dass niemand sonst in der Wohnung sein kann und dann auf einmal steht jemand da! Genauso ist es mir passiert.
Mit meinem Mann, Hans, war ich schon fünf Jahre geschieden. Ich, Margarete Schumann, war fast 60 Jahre alt und hatte an neue Beziehungen überhaupt nicht mehr gedacht. Meine Kinder wohnen weit entfernt.
Ich lebte mein Leben, verstand mich bestens mit den Nachbarn. Trotz der unsicheren Zeiten hatte ich mir eine Angewohnheit bewahrt: manchmal die Wohnungstür nicht abzuschließen, falls Ingrid von nebenan schnell reinschaut. An dem Tag hatte ich aber gar nicht mit Besuch gerechnet. Eigentlich war ich nur kurz Müll rausbringen. Dann wusch ich die Hände, fütterte meine Katze Liesel, und an das Abschließen der Tür dachte ich nicht mehr. Angst hatte ich keine es war Tag und das Haus voller Menschen. Kein Vergleich dazu, nachts allein durch den dunklen Wald zu gehen.
Jedenfalls beschloss ich, Pfannkuchen zu backen. Und als ich gerade den nächsten auf den Teller gleiten lassen wollte, stand er plötzlich da ein Fremder in meiner Küche! Als wäre er aus dünner Luft erschienen!
In dem Moment rauschte mein ganzes Leben an mir vorbei vom Kindergarten bis heute. Ich dachte, jetzt ist alles aus. Viel Wertvolles hatte ich nicht, aber gerade vor Kurzem einen neuen Flachbildfernseher gekauft und meinen Lohn bekommen. Die Handtasche lag im Flur, darin die Euros. Ich war mir sicher, der Fremde hatte schon alles gestohlen und sah sich jetzt nach mehr um. Also flüsterte ich: Nehmen Sie alles, nur lassen Sie mich in Ruhe ich habe Enkel, ich möchte gerne noch Zeit mit ihnen verbringen! Ich sage niemandem, dass Sie hier waren!
Doch dann fing der Mann an, sich zu entschuldigen und etwas zu erklären. In meinem Kopf war alles wie Wattebausch, ich nahm kaum etwas wahr. Er riet mir, den Herd auszuschalten, was ich wie im Tran tat, und setzte mich auf einen Stuhl, er auch. Dann erklärte er, dass er draußen unterwegs gewesen war, als ihn eine angetrunkene Gruppe ansprach und nach Geld fragte. Um keinen Ärger zu riskieren, war er weggerannt. Jemand hatte gerade das Haustor geöffnet, er war mit ins Treppenhaus und – die Gruppe direkt hinter ihm – hatte schnell versucht, irgendwo Unterschlupf zu finden. An meiner Tür wackelte er an der Klinke und sie sprang auf klar, ich hatte ja nicht abgeschlossen.
Er bat mich, aus dem Fenster zu schauen. Und tatsächlich: ein paar zwielichtige Gestalten standen draußen herum. Sie zogen dann schließlich ab, aber es war wirklich nicht geheuer, erzählte ich später allen Nachbarn.
Der Fremde stellte sich als Karl Brenner vor. Als die Angst verflogen war, sah ich ihn mir genauer an: groß, etwas tapsig, aber mit freundlichen Augen. Mit langem Mantel hätte er glatt als Nikolaus durchgehen können.
Entschuldigen Sie, aber hätten Sie vielleicht noch einen Pfannkuchen für mich? Die habe ich seit Ewigkeiten nicht mehr gegessen meine Frau ist schon lange tot, fragte Karl.
Er hatte die Schuhe bereits ausgezogen und saß in seiner Jacke auf dem Stuhl.
Und du hast ihm wirklich etwas zu essen gegeben? Du bist verrückt, Margarete! Ich hätte ihn rausgeworfen!, schimpfte später Nachbarin Ingrid lachend.
Aber ich habe mich getraut hab nur gebeten, dass er sich die Hände wäscht. Karl ging sofort ins Bad. Wir tranken lange Tee zusammen, und er erzählte, dass er Witwer ist, kinderlos geblieben und ganz allein lebt.
Als er sich schließlich verabschiedete, hat er sich noch einmal entschuldigt und ging.
Ich kam mir vor wie die Hauptfigur aus einer deutschen Serie. Ich platzte fast vor Redebedarf, rief alle meine Kinder an und erzählte die ganze Geschichte. Doch danach fühlte ich plötzlich eine Leere. Vielleicht hätte ich… das Kennenlernen fortsetzen sollen? Noch mal einladen? Ich mache schließlich fantastische Pilz- und Apfelkuchen.
Aber nun ja, der Zug ist abgefahren. Am nächsten Tag beschloss ich trotzdem, Kuchen zu backen. Da klopfte es, ganz zaghaft. Ich dachte an Ingrid, schaute durch den Spion, strich mir eilig die Haare glatt, schlüpfte flink aus dem alten Bademantel in meinen besten Hausanzug und besprühte mich mit einem Parfüm, das ich fast vergessen hatte. Dann öffnete ich die Tür.
Da stand Karl, mit einem Blumenstrauß in der Hand. Ich wollte mich noch mal entschuldigen. Ich weiß, wie sehr ich Sie erschreckt habe hier, bitte, das ist für Sie. Und dann gehe ich auch gleich wieder, murmelte er verlegen.
Wie, gehen? Ich habe gerade Kuchen gebacken Sie müssen unbedingt probieren!, erwiderte ich.
Schon auf der Treppe habe ich den herrlichen Duft gerochen wie in einer Konditorei. Da dachte ich, hier wohnt bestimmt jemand, der richtig gut backt!, schwärmte Karl.
Ich bin nicht verheiratet. Kommen Sie ruhig rein!, sagte ich.
Seitdem wohnen wir zusammen. Er ist mein fleißigster Helfer im Garten. Meine Kinder haben ihn aufgenommen, die Enkel nennen ihn schon Opa Karl. Er beschäftigt sich liebevoll mit ihnen, als wären es seine eigenen.
Er hat lange allein gelebt, nun ist er bei uns richtig aufgeblüht. Aus dem Fremden wurde ein fester Teil unserer Familie.
Meine Freundinnen sind neidisch. Ein anständiger Mann im Ruhestand, und so eine ungewöhnliche Geschichte er ist dir praktisch zugelaufen!, staunen sie.
Ich stimme ihnen zu, aber eines habe ich mir trotzdem angewöhnt: Die Haustür schließe ich jetzt immer zweimal ab.
Manchmal kommt das Glück einfach dann, wenn man am wenigsten damit rechnet und wagt sich gleich in die Küche.





