Katrin – Eine bewegende Geschichte über Mut, Freundschaft und neue Anfänge in Berlin

Lena.

Hallo! strahlte Max, als er seine Tochter vor dem Schultor mit dem großen Ranzen auf dem Rücken herauskommen sah. Wie war dein Tag?

Lena und ihr Vater Max stiegen ins Auto.

Ach, Papa, heute war so viel los, so viel! Ich zeig dir später was, es ist eine Überraschung! Und ich war heute dran, die Kaninchen zu füttern, und dann hat auch noch Johann Süßigkeiten verteilt, weil er Geburtstag hatte, und dann noch

Lena plapperte ohne Unterlass, sie wollte in der kurzen Zeit mit ihrem Vater einfach alles erzählen, was ihr auf dem Herzen lag. Zu selten konnten sie solche Momente gemeinsam verbringen. Auch diesmal musste Max Lena nach Hause bringen und dann gleich weiter zur Arbeit fahren.

Max warf einen Blick auf den Tacho. Der Zeiger näherte sich ruhig der Begrenzung. Im Rückspiegel sah er, wie Lena auf dem Rücksitz mit ihren Puppen spielte. Das Radio berichtete über das Wetter für morgen und pries neue Vitamine an.

Der Aufprall kam seitlich. Ein Ford schoss über die Gegenfahrbahn. Der Fahrer sah vom Schrecken entstellt aus, suchte panisch nach einer Möglichkeit auszuweichen, aber der Strom der Fahrzeuge ließ keine Lücke.

Max spürte einen brennenden Schmerz in der linken Schulter, wurde nach vorne geschleudert und verlor für einen Augenblick das Bewusstsein. Als er wieder zu sich kam, wollte er sich umdrehen, doch das verbogene Metall bewegte sich keinen Millimeter. Er hörte Lenas Stimme von hinten, sie schrie, weinte, rief nach ihrer Mutter, flehte ihren Papa um Hilfe an.

Menschen hasteten herbei, rüttelten an den Türen, aber alles war verbogen.

Halt durch, mein Schatz, halt noch ein wenig durch! Es wird alles gut!

Max wollte zu seiner Tochter, aber es gelang ihm nicht. Lena wurde leiser. Dann hörten sie endlich die Sirenen der Feuerwehr.

Julia saß neben dem Krankenhausbett und hielt Lenas Hand. Das Mädchen hatte Glück gehabt, der Ernst ihrer Verletzungen hielt sich in Grenzen, doch einige Knochenbrüche würden ihren Aufenthalt verlängern. Julia hoffte inständig, dass das Schlimmste nun vorbei war. Sie strich über die kleinen Finger ihrer Tochter, auf denen noch Reste blauer Tinte und Wasserfarben zu sehen waren. Ihr Kinn begann zu zittern. Julia atmete tief ein und versuchte, sich zu fassen.

Ein Arzt trat ein, Dr. Heinrich Wallner.

Frau Julia Meisner, würden Sie bitte mit mir in das Arztzimmer kommen? Ich muss mit Ihnen sprechen.

Vorsichtig legte Julia Lenas Hand auf die Bettdecke, ihre Tochter schlief, erschöpft von den Erlebnissen.

Dr. Wallner führte Julia durch einen hellen Flur in sein Büro. Dort saßen mehrere Menschen in weißen Kitteln, ganz in ihre Akten vertieft. Einen kurzen Moment blickten sie auf, dann arbeiteten sie weiter.

Frau Meisner, hatte Ihre Tochter je Beschwerden im Rücken?

Julia überlegte. Ihre Gedanken wirbelten durcheinander.

Nein, eigentlich nie. Warte doch! Vor etwa zwei Monaten ist sie morgens aufgewacht und klagte über starke Rückenschmerzen. Wir dachten, es sei was Nervliches. Die Schmerzen waren mittags wieder weg. Warum fragen Sie?

Dr. Wallner machte eine Pause, dann sprach er leise:

Die MRT-Untersuchung hat eine kleine Raumforderung in der Nähe der Wirbelsäule gezeigt. Wir wissen nicht genau, was es ist.

Was? Ein Tumor? Aber Lena hatte doch nur einen Unfall! Julia schüttelte ungläubig den Kopf Ist das wegen des Unfalls?

Nein, der Unfall hat damit nichts zu tun

Stille breitete sich aus. In diesem Augenblick änderte sich das Leben der Familie unwiderruflich, es brauchte Zeit, um zu begreifen, um dann handeln zu können.

Was sollen wir tun? fragte Julia schließlich leise.

Wir werden einen Spezialisten hinzurufen, der sich alle Befunde anschaut. Aber, Frau Meisner, bitte verstehen Sie: Noch wissen wir nicht, was für eine Raumforderung es ist! Alles andere wäre Spekulation.

Ja Darf ich zu Lena zurück?

Natürlich.

Max lag im Koma. Im Traum rief Julia ihn und bat ihn zum Essen zu kommen, aber Lena war nirgends zu sehen. Sie war irgendwo auf dem Grundstück versteckt, und als er sie rief, blieb es still.

Julia stand auf der Veranda und redete zu Max, aber er verstand sie nicht, sie schüttelte traurig den Kopf. Max fühlte sich hilflos, er wusste, dass seine Familie ihn braucht, gerade jetzt, doch er konnte nicht zu ihnen gelangen.

Zwei Tage später kam der Spezialist, den Dr. Wallner angekündigt hatte. Ein freundlicher Mann mit Haube voller bunter Planeten, in grüner OP-Kleidung und mit einem aufgestickten kleinen Astronaut auf der Brust: Dr. Friedrich Berger. Lena mochte ihn sofort. Lange betrachtete er die MRT-Bilder, die Laborwerte, rief andere Ärzte an, konsultierte Kollegen.

Sonnenstrahl, darf ich deinen Rücken anschauen? fragte er mit einem Lächeln.

Ja, Lena drehte sich brav auf die Seite.

Warme, raue Finger tasteten ihren Rücken ab, schließlich hielt er inne.

Tut das hier weh? fragte Dr. Berger.

Ein bisschen, wenn Sie drücken. Was ist da?

Julia stand angespannt daneben. Bitte lass alles nur ein Irrtum sein!, betete sie still.

Frau Meisner, kommen Sie bitte mal mit? Ich habe ein kleines Geschenk für so eine tapfere Tochter wie Ihre! Er schaute Lena tief in die Augen. Du magst doch Überraschungen, oder?

Lena lachte und nickte sofort.

Dr. Berger sah Julia an.

Sie hat verstanden. Ich kann so was einfach nicht verbergen , dachte er.

Julia küsste Lena und folgte Dr. Berger hinaus.

Wir gehen kurz ins Arztzimmer, schlug er vor.

Julia vermochte ihn kaum anzusehen. Sie ahnte, dass sein nächster Satz alles verändern würde.

Setzen Sie sich. Möchten Sie Tee? Nein? Gut. Also ich halte eine zeitnahe Entfernung des Tumors für notwendig. Er ist zu klein für eine gezielte Biopsie, wenn Sie verstehen, was ich meine.

Julias Hände zitterten.

Ich verstehe. Es gab Krebsfälle in der Familie

Ich behaupte nicht, dass es bösartig ist. Das wird die Histologie klären. Aber abwarten wäre fahrlässig. Mein Vorschlag: Morgen bereiten wir alles für den Transfer ins Kinderzentrum vor, übermorgen die Operation.

Aber Mein Mann ist hier im Krankenhaus. Er liegt auf der Intensivstation. Können wir nicht bleiben?

Sobald er wieder wach ist, können Sie ihn besuchen. In der Kinderklinik sind wir aber besser ausgestattet. Glauben Sie mir, es ist das Beste.

Lena und Julia wurden am nächsten Tag verlegt.

Fahren wir jetzt nach Hause, Mama? fragte Lena munter. Ist Papa schon dort?

Nein, Liebling, Papa ist noch im Krankenhaus. Uns bringen sie jetzt in ein anderes Krankenhaus.

Und warum? Ist es dort schöner? Gibt es dort Fernseher?

Ja, mein Schatz, es wird dir gefallen. Obs dort Trickfilme gibt, sehen wir uns an! Julia lächelte.

Lena betrat das Zimmer an der neuen Klinik Hand in Hand mit ihrer Mutter. Zwei Kinderaugenpaare musterten die beiden aufmerksam.

Hallo! sagte Lena tapfer. Wird abends auch Fernsehen gezeigt?

Die Mädchen in den Nachbarbetten grinsten.

Na klar, aber nur abends

Während die Operation lief, lief Julia nervös im Flur auf und ab.

Keine Sorge! Dr. Berger ist ein ganz hervorragender Arzt! hörte sie plötzlich neben sich und drehte sich um.

Eine schlanke junge Frau stand dort, wiegte einen kleinen Jungen im Arm, der unruhig schlief, manchmal zusammenzuckte. Sie flüsterte ihm etwas Tröstliches zu.

Er hat auch unseren Sohn operiert. Es wird alles gut, sitzen Sie sich!

Julia hatte sich längst daran gewöhnt, dass Mütter hier wir und uns sagen, wenn es um ihr Kind ging, doch heute störte es sie nicht. Hier, wo das eigene Kind auf dem OP-Tisch lag, zählt jede Regung, jeder Atemzug des Chirurgen. Heute durfte man wir sagen als beneidenswerte Einheit.

Sind Sie schon lange hier? fragte Julia.

Seit einem halben Jahr. Aber bald dürfen wir heim, Fritz erholt sich. Nur die Medikamente, die bekommt er schlecht Und Ihre Tochter? Gibt es schon einen Plan?

Noch warten sie die Operationsergebnisse ab. Es ist alles so absurd! Lena hatte einen Unfall mit ihrem Vater, und plötzlich entdecken sie einen Tumor! Max weiß noch gar nichts davon, er liegt im Koma

Ruhig, ruhig! flüsterte die andere Frau Ihre Tochter spürt alles, selbst, wenn sie nicht hört, was sie sagen. Bleiben Sie stark für Ihr Kind.

Julia blickte in das junge Gesicht, auf dem schon Lebensspuren zu sehen waren. Hier wusste jemand wirklich, wovon sie sprach.

Julia nickte dankbar.

Danke!

Lena lag auf dem OP-Tisch. Sie hatte Angst. Fremde Menschen mit Masken beugten sich über sie, redeten, lächelten ihr durch die Augen zu. Dann roch es plötzlich nach Kaugummi, alles wurde bunt und Drehend sie schlief ein.

Im Traum sah sie sich als kleines Mädchen mit einer Musikdose in der Hand. Auf einer zarten Glaslilie drehte sich eine Porzellanballerina zu leiser Musik. Heute war ihr Geburtstag, der Vater hatte ihr die Dose geschenkt.

Merke dir diesen Moment, mein liebes Mädchen! sagte Max und nahm sie liebevoll in die Arme. Merke ihn dir für immer!

Lena verstand, dass sie müde war, gehen wollte, dass sie Angst hatte. Doch ihr Vater war da, hielt sie fest, während die Ballerina weiter tanzte

Sag Mama, sie soll sich keine Sorgen machen! flüsterte er ihr ins Ohr. Ich komme bald zurück. Versprochen?

Versprochen, Papa! Lena umarmte ihn fest.

Eine halbe Stunde später brachten die Ärzte die schlafende Lena zurück ins Zimmer.

Frau Meisner, wandte sich Dr. Berger an Julia, jetzt mit einer Haube voller bunter Tiere, die OP ist gut verlaufen. Jetzt wartet nur noch die Histologie. Ich gebe Bescheid, sobald das Ergebnis da ist.

Danke, Julia suchte in seinen Augen nach Antworten. Doch sie fand keine.

Lassen Sie Lena jetzt schlafen. Möchten Sie etwas aus der Cafeteria? Kaffee vielleicht?

Verblüfft blickte Julia auf.

Doch, gern einen Kaffee hätte ich nötig. Wenn es Ihnen keine Umstände macht

Gar kein Problem! Bleiben Sie bei Ihrer Tochter, sie braucht Sie, sobald sie aufwacht.

Er verschwand.

Max schlief noch. Im Traum hörte er Lenas Lachen und den Duft nach Kaugummi in der Luft. Er spürte ihre Angst und wollte sich schützend vor sie stellen. Er sah, wie die Ärzte sie aus dem OP schoben und wollte zu ihr rennen, etwas hielt ihn zurück. Er wollte schreien, schaffte es aber nicht.

Lass sie, Freund! hörte er den Anästhesisten. Sie hat alles gut überstanden, aber du musst jetzt wieder gesund werden. Lena wartet auf dich!

Dunkelheit senkte sich herab.

Herzstillstand! Los jetzt, Leute! Max! Kämpfen Sie, Ihre Tochter und Frau brauchen Sie! riefen die Ärzte, schlugen um jede Minute

Guten Tag! Max Meisner, bitte. M-e-i-s-n-e-r! buchstabierte Julia am nächsten Tag am Telefon, als sie nach ihrem Mann fragte. Immer noch im Koma kritischer Zustand

Sie wiederholte mechanisch die Worte der Sprechstundenhilfe. Noch nie war ihr so schwer zumute gewesen. Als wäre das dünne Eis, über das sie ging, plötzlich geborsten, das Leben riss sie in kaltes Wasser hinab. Sie wollte das alles nicht, dieser Tag hätte anders enden sollen. Die Melodie ihres Lebens war zerbrochen. Nun musste sie allein weiter spielen und schaffte es kaum.

Lena wachte bald auf. Sie musterte das Zimmer, entdeckte ihre Mutter und sprudelte sofort los:

Mama! Erinnerst du dich an die Spieldose, die Papa mir geschenkt hat? Mit der Tänzerin? Kannst du sie mir mitbringen? Papa hat mich daran erinnert! Und er hat gesagt, du sollst dir keine Sorgen machen. Er ruht sich kurz aus und kommt bald. Glaubst du das?

Julia wollte sich weigern, aber sie glaubte. Weil ihr nichts anderes übrig blieb.

Es wurde Abend. Lena wurde unruhig, ihr Rücken und der Arm schmerzten, sie fragte immer wieder nach Papa im nächsten Zimmer. Schließlich schlief sie ein.

Julia saß am Bettende und betrachtete unterwegs ihre Tochter. Es war nie leicht gewesen mit Lena. Nach der Geburt weinte sie viel, und Julia wusste oft nicht, was das Mädchen brauchte. Später war Lena störrisch, wollte immer ihren Willen. Jeder Tag ein kleiner Kampf: mit sich, mit ihrem Kind, mit ihrer Rolle als Mutter.

Max war anders. Er konnte Lena erreichen, sie zum Lachen bringen, beruhigen. Julia bemüht sich immer, schaffte es aber selten.

Max, komm bitte zurück! Wir brauchen dich! flüsterte Julia im Dunkeln, während Lena schlief. Ohne dich tanzt unsere Ballerina nicht mehr, Liebling. Deine Hilfe fehlt.

Julia schlief ein.

Halt durch, Julie, ich kann jetzt noch nicht. Ich muss etwas fertig machen, noch etwas reparieren. Sei morgen besonders stark, ich fühle, es wird wichtig! hörte Julia im Traum Max Stimme, so klar, als wäre er im Raum.

Erschrocken richtete sich Julia im Bett auf. Kein anderer war da. Nur Lenas leises Stöhnen und ein Alarm im Flur.

Am Morgen kam das Histologiergebnis. Dr. Berger erläuterte alles in Ruhe. Julia nickte nur, verstand beinahe nichts. Ihr Verstand schaltete lautlos auf Durchzug.

Julie! ertönte plötzlich die Stimme ihres Mannes in ihrem Kopf. Komm zu dir! Frag nach den Medikamenten, der Ernährung, schreib alles auf für mich und Oma!

Max innere Stimme brachte Julia zurück. Sie bat den Arzt, langsam zu sprechen, damit sie alles für Max mitschreiben konnte.

Dr. Berger wiederholte alles behutsam.

Meisner, du, Meisner! Was machst du da nur mit uns! murmelte der Arzt scherzend am Krankenbett in der Intensivstation. Immer auf Achse! Wird wohl nie ein ruhiger Dienst für mich werden?

Max Herzschlag beschleunigte sich. Im Traum sah er Julias Gesicht, die Sorge, die Dr. Berger in ihr auslöste. Er war dabei, bei seiner Familie. Zurück in den angeschlagenen Körper gehen war noch zu früh.

Für Lena begannen die ersten Behandlungen. Die Nebenwirkungen, von denen Mütter im Flur tuschelten, stellten sich bald ein. Lenas große Augen wirkten noch größer, das Gesicht erschreckend schmal. Der Frühling kam draußen kehrten Straßenkehrer die Wege, Straßenarbeiter malten frische Zebrastreifen. Lena konnte das alles nur durch das Fenster beobachten. Nur ihre Oma durfte sie winken aber auf Papa wartete sie Tag für Tag vergebens. Mama sagte, Papa sei krank, aber er würde bald kommen.

Mama, weißt du, Papa kommt nachts immer zu mir. Er sitzt hier am Bett und erzählt mir Geschichten. Hörst du die? Er flüstert so leise, damit Schwester Rita ihn nicht rausschmeißt denn die ist streng

Lena seufzte. Julia dachte an ihre eigenen Träume, in denen Max auftauchte, und sie einfach still beieinander saßen. Worte wirkten dann so müßig. Da tanzte die Ballerina immer weiter auf der Lilie im Takt der Melodie

Lena vertrug die Behandlung erstaunlich gut. Hoffnung keimte auf. Julia fürchtete sich nicht mehr vor dem Anblick des gelb-blauen Kliniktrakts aus dem Fenster. Dorthin brachte man die Schwersten, drei Kinder hatten sie auf ihrer Station bereits verabschiedet. Die Mütter packten wortlos ihr Hab und Gut und beteten für ihre Kinder.

Julia bemerkte, dass ihr Graue Haare wuchsen. Es war ihr egal. Sie kämmte sich nur noch aus Gewohnheit. Für Julia stand die Zeit still, auch wenn Lena an den Gruppen im Krankenhaus teilnahm, mit anderen Kindern spielte, jeder Tag entgegenlächelte.

Papa! Mama ist sehr traurig! Ich hab gehört, wie sie Oma gesagt hat, wie schwer es für sie ist! Komm bitte schnell, ich hab Angst um sie! flüsterte Lena ihrem Vater nachts zu.

Ich beeil mich, Kleine! Aber Mama muss jetzt durchhalten!

Julia litt an dem Verlust ihres alten Lebens, verfluchte den Tag des Unfalls, ohne zu erkennen, dass er ihnen auch eine neue Hoffnung brachte. Sie wollte die Wirklichkeit nicht annehmen, wehrte sich und litt darum umso mehr.

Julie! Genug jetzt! Hör auf zu jammern, denk nicht nur an dich! Lena trägt so viel mehr, sie freut sich über jeden Tag! Und du knabberst an alten Kindheitswunden! Werd endlich erwachsen! Puste auf die Knie wie damals, Pflaster drauf, Kopf hoch und geh weiter! Keiner weiß, wie lange wir haben, verschwende nicht deine Zeit! schimpfte Max im Traum und stampfte energisch auf dem Boden.

Er schimpfte, und sein Zorn mischte sich mit Musik: der Tanz der Ballerina, die drehende Lilie Julia griff nach der Spieldose; sie wollte sie am liebsten auf den Boden werfen.

Plötzlich war Stille. Julia sah erschrockene Lenas Augen, das flehende Gesicht ihres Mannes, sich selbst, verzerrt vor Angst. Wenn sie die Spieldose jetzt zerstörte, würde nichts bleiben außer Dunkelheit und Schmerz

Im Traum stellte sie die Ballerina langsam wieder auf den Tisch. Etwas in Julias Seele schien sich zu drehen wie ein Uhrwerk, das Mechanismus in Gang. Max nickte zufrieden und verschwand. Julia spürte, wie ihr Herz raste, als sie aufwachte.

Meisner! Max! Können Sie mich hören? rief laut ein Arzt, schlug Max sanft auf die Wange. Jetzt wirds Zeit aufzuwachen! Zeit zur Arbeit! Auf jetzt, Augen auf!

Max hörte ihn. Er kehrte zurück. Nun wusste er, dass Julia es alleine schaffen würde. Aber Lena wartete er musste schnell wieder gesund werden. Sogar das Fenster zur Lenas Zimmer kannte er jetzt ganz genau.

Mama! rief Lena glücklich. Mama, schau, Papa kommt! Da ist Papa!

Sie schaute auf die Zufahrt und winkte aufgeregt zum Fenster hinaus. Über den Asphalt kam langsam ein Mann auf Krücken. In seinen Händen ein Blumenstrauß. Für seine Lena, die so lange auf ihn gewartet hatte Lena drückte ihr Gesicht an die Fensterscheibe. Julia sprang auf, riss das Fenster weit auf, rief nach unten:

Max! Endlich!

Er blickte hinauf, seine Augen voller Tränen. Der Duft frischer Tulpen stieg zu den beiden auf, als Max langsam, Schritt für Schritt, näherkam. Hinter ihm wehte eine einsame Plastiktüte über den Hof, und ein Sonnenstrahl brach durch die grauen Wolken ein Zeichen des Frühlings, das allen Mut schenkte.

Am Krankenbett hielt Max Lenas Hand so fest, als könne er nie wieder loslassen. Julia stand neben ihnen, die Müdigkeit von Wochen wich langsam aus ihrem Gesicht.

Papa, erzählst du mir eine Geschichte? bat Lena leise.

Max setzte sich neben sie, beugte sich vor und begann zu erzählen: von einer kleinen Tänzerin auf einer Glaslilie, die fest daran glaubte, dass Musik in ihr Leben zurückkehren würde sogar nach dem schlimmsten Sturm. Lena lauschte, lächelte in ihren Augen spiegelte sich die Hoffnung.

Draußen zwitscherten die ersten Meisen. Im Gang klapperten Schritte, irgendwo wurde leise gelacht.

Julia schloss für einen Moment die Augen. In dem Zimmer voller Schmerz, voller Sehnsucht und Hoffnung, drehte sich die unsichtbare Ballerina weiter, ihre Melodie wurde wieder hörbar. Und für einen langen, kostbaren Moment war alles gut.

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Homy
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Katrin – Eine bewegende Geschichte über Mut, Freundschaft und neue Anfänge in Berlin
Er lud ein obdachloses Mädchen zum Gebäck ein – Jahre später traf ihn die unglaubliche Wahrheit, wer die Behandlung seiner geliebten Frau bezahlt hatte…