Das Glück der Tochter
Es ist alles andere als leicht, meine Tochter Annchen unter die Haube zu bringen. Höchste Zeit wäre es aber! Ihre innere Uhr rennt nicht einfach, sie überschlägt sich förmlich, verzieht Zeiger aus Tinte, stöhnt und ächzt wie Annas Mutter.
Anna, verstehst du, ich will endlich Enkelkinder! Ich möchte, dass es im Haus lebendig ist, dass morgens eine Schlange vor dem Bad steht, dass auf dem Herd alle Platten belegt sind, weil du für die Kinder Grießbrei kochst, für deinen Mann Rührei machst und ich den Kaffee aufbrühe… Darum geht es doch im Leben! philosophiert Karin, Annas Mutter, setzt ihre Brille ab und schaut ihre Tochter ernst an.
Mama! Soll ich jetzt den Erstbesten nehmen, nur damit du morgens kein ruhiges Bad mehr hast? Ich weiß gar nicht, wie und wo ich überhaupt jemanden kennenlernen soll! Ich arbeite jeden Tag bis sieben, bin total eingespannt. Im Bus rede ich mit niemandem, ins Kino oder in Bars gehe ich nie. Warum guckst du so? Such dir besser selbst etwas, womit du dich beschäftigen kannst! Anna schiebt die Tassen auf dem Tisch umher, richtet den längst angetrockneten Käse und tippt an die Teekanne kalt.
Könnten sie nicht einmal friedlich frühstücken, wie zwei erwachsene Frauen, ohne diese endlosen Diskussionen, ohne das mütterliche Nörgeln und Annas immergleichen Ausflüchte? Ist das zu viel verlangt?
Natürlich nicht
Da schlurft Annas Opa, Herbert, in die Küche. Seit er verwitwet ist und Karin ihn aus seinem Häuschen im Sauerland in ihre Wohnung nach Münster geholt hat, ist er schweigsam, seufzt meist, trinkt stundenlang Tee am geöffneten Fenster, wandert und stöhnt nachts durch das Gästezimmer.
Es ist schwer, Kindchen. Ich kann mich nicht gewöhnen. Bring mich wieder zurück murmelt er immer mal wieder, aber Karin bleibt bestimmt.
Es ist besser so, Papa. Hier bist du in meiner Nähe, und ich kann mich kümmern. Nach Borken zu fahren geht nicht jeden Tag. Was wäre denn, wenn was passiert? Nein, hier bleibst du! Sie nimmt ihm die Zigarette ab. Die Ärzte haben gesagt, das ist nichts für dich! Ich muss jetzt los zur Arbeit.
Und sie geht. Herbert bleibt, winkt Anna nach und sinkt wieder an sein Fenster, runzelt die Stirn…
Karin ist seit Jahren alleinstehend. Niemand zum Erziehen und Aufpassen, außer ihrer Anna und seit kurzem eben dem Vater.
Ein paar Mal hat Anna versucht, auszuziehen und alleine zu leben, jedes Mal ging es daneben: Karin bekam prompt gesundheitliche Probleme, irgendwas ging schief und Anna kehrte zurück.
So leben sie also, zum Glück hat der Ex-Mann die großzügige Altbauwohnung in Münster nach Scheidung Karin überlassen, zog mit Koffer aus und ließ alles zurück…
Irgendwann merkt Karin, dass sie von Anna wohl keine Initiative zu erwarten hat, dass es ihr mit der Familiengründung vollkommen egal ist. Und so beschließt sie, selbst das Glück der Tochter in die Hand zu nehmen.
Warum denn nicht? wendet sich Karin kopfschüttelnd an ihren Vater. Es gibt doch heute noch Heiratsvermittlerinnen, ich gehe zu einer, die hat bestimmt Kandidaten, und der Rest ergibt sich dann!
Herbert, auf dem Hocker am Fenster und vertieft in ein Kreuzworträtsel, verliert vor Schreck seinen Stift, grummelt, kramt unter dem Tisch, rafft sich auf, schaut seine Tochter an.
Karin, was treibst du da? Du organisierst doch nicht die Hochzeit deiner Tochter, sondern eine Schafszucht! Vergiss diese Vermittlerinnen! Lass das Mädel in Ruhe, lass den Dingen ihren Lauf. Oder hast du zu viel Zeit? Wenn ja, dann komm mit raus aufs Feld, Kartoffeln ausstechen. Herr Siebert braucht Hilfe. Dann bist du so k.o., dass du von deinen Heiratsplänen ohnehin die Finger lässt. Na?
Papa! Anna ist deine einzige Enkelin. Und du ist egal, wie es mit ihr weitergeht? Egal?! Karin geht in den Sopran, fängt an zu husten, Herbert reicht ihr Wasser.
Sie trinkt schnell und fährt dann unbeirrt fort:
Willst du etwa, dass mit uns die Beckers aussterben? Anna wird bald vierzig…
In zehn Jahren, korrigiert Herbert.
Und? Bei den Nachbarn in Haus Nummer sechs sind bereits Enkel in der Schule, die anderen haben auch längst Nachwuchs. Papa, erinnerst du noch an die Schulzes? Liesel und Peter? Sie fuchtelt in die Luft. Deren Ältester ist frisch verheiratet, sie erwarten das erste Kind. Nur bei uns ist Niemandsland. Mir ist es schon peinlich, in die Bäckerei zu gehen. Elli, die Verkäuferin, die Anna noch als Kind kannte, fragt mich immer nach der Hochzeit. Ich winke dann einfach ab…
Sag ihr, das geht sie nichts an! rüffelt Herbert. Was mischt sich eine Bäckereifachverkäuferin in dein Leben ein! Kauf woanders dein Brot, ich esse die Brötchen nicht mehr!
Er schiebt Tellers mit Hefestücken beiseite, dreht sich weg.
Komm, iss, Papa! Du magst sie doch. Aber recht hat Elli, wir sollten ein bisschen Gas geben! Karin beißt in ein Brötchen und überlegt, wo man so eine Vermittlerin findet…
Die Empfehlung für eine passende Heiratsvermittlerin bekam Karin von Ursula, Köchin in der Kantine ihres Betriebs.
Zu Frau Schwabe musst du, Karin, unbedingt! nickt Ulla wichtig.
Ist sie Profi? Karin kaut auf ihrem Brillenbügel herum.
Profis sind Karin wichtig ganz gleich ob Zahnarzt, Musiklehrer (bei Anna hats nur zur pensionierten Clara aus dem Erdgeschoss gereicht, die aber angeblich ein tolles Abschlusszeugnis der Musikschule hat) oder Klempner, es muss etwas vorzuweisen sein.
Also muss auch der Heirats-Vermittler was taugen!
Ein Profi? Naja, das kann man so nicht studieren. Aber Frau Schwabe hat viel Erfahrung, war mal Krankenschwester, kennt sich mit Leuten aus, kann dir was zum Gesundheitszustand sagen…
Das ist gut. Anna braucht kein Wrack, um das sie sich kümmern muss, nickt Karin, nimmt die Adresse und geht in ihr Büro zurück.
Karin, dein Kompott! eilt Marina, die Bedienung, Karin hinterher.
Keine Zeit. Danke, Mäuschen! winkt Karin majestätisch ab. Sie hat Wichtigeres zu bedenken, als Obstkompott
Frau Schwabe öffnet, zwinkert Karin verschmitzt an, ein leichtes Schwanken lässt auf Schnaps schließen. Oder es scheint Karin nur so.
Karin Becker. Wir hatten einen Termin. Erinnern Sie sich? bleibt Karin in der Diele stehen.
Vergess ich so was? Sie haben eine Tochter, ich Kandidaten wir finden was. Frau Schwabe mustert Karin, zupft ihren Morgenmantel und steckt eine Haarspange fest.
Genau deswegen bin ich hier Darf ich Ihre Kartei sehen? krempelt Karin die Ärmel hoch wie zum Melken.
Sie erwartet Aktenregale mit Fotos von Kandidaten, Kurzprofile, Lebensläufe Aber da ist nichts. Im Wohnzimmer steht ein runder Tisch mit verblichenem rotem Samttuch, leicht abgewetzt am Rand. Rechts ein Schrank mit Porzellan und Gläsern, daneben ein kleines Bücherregal, links ein altes Klavier, darauf Gipsbüsten Mozart vielleicht? Anna hat als Kind mal so eine zerbrochen.
In der Ecke ein Schreibtisch, darauf eine Zeichenplatte, Lampe mit grünem Schirm. Auf dem Boden ein oller Läufer, auf dem sich der Staub sammelt.
Wo setze ich mich hin? Karin wundert sich über den musternden Blick der Vermittlerin.
An den Tisch. Setzen Sie sich, setzen Sie sich, wir haben zu tun! ruft Frau Schwabe und fängt an.
Sie fragt alles: Annas Ausbildung, Aussehen, was sie trägt, Vorlieben, Arbeitsplatz und Wochenendgestaltung, ob sie einen Schrebergarten hat, Musik mag.
Anna ist eine herzensgute Pianistin, aber das Klavier haben wir verkaufen müssen…
Verkauft? Sind Sie bankrott? Frau Schwabe runzelt die Stirn.
Nein! Bei der Scheidung blieb die Wohnung bei mir, aber ein paar Dinge musste ich veräußern. Anna spielt trotzdem glauben Sie mir! Gibts bei Ihnen Musiker?
Sicher… Sagen Sie, will Ihre Tochter überhaupt heiraten?
Wie meinen? Karin ängstlich.
Alle meine Männer meinten es ernst. Ich investiere meine Zeit nur, wenn Ihre Tochter wirklich will! Die jungen Frauen heute bauen lieber Karriere auf, rennen, kaufen Wohnungen und sitzen dann abends allein da! Ist das gut, Ihrer Meinung nach? Das Leben bei Mama, so lange es geht?! Die Zeit drängt! Aber schuld sind die Mütter! Frau Schwabe schnieft plötzlich, holt ein Taschentuch.
Karin sackt ein wenig zusammen.
Aber die Männer schützen sich auch selbst! Meine Anna, sie ist intelligent, liebevoll, hübsch, kinderlieb. Aber seit der Scheidung Karin bekommt feuchte Augen, die Tränen rollen, ihr Make-up verläuft.
Hier, nehmen Sie ein Taschentuch. Nicht weinen! Frau Schwabe reicht Karin ein Papiertuch, schnieft selbst, dann donnert sie mit der Faust auf den Tisch. Wir lassen unseren Stamm nicht enden! Wir müssen unsere Kinder glücklich machen. Ja?
Ja Karin schnieft, würde jetzt gern Tee trinken und eine schöne Strickjacke anziehen.
Packen wirs an! ruft Frau Schwabe und läuft im Zimmer auf und ab, begutachtet Karin von der Seite. Und Sie? Was machen Sie im Leben?
Ich? Es geht um meine Anna, nicht um mich… Karin verwirrt.
Na gut. Ich hätte da einen Kandidaten… Frau Schwabe legt ein Schwarz-Weiß-Foto auf den Tisch. Thomas. Abteilungsleiter, angesehener Mann. Herzensgut und kann Marmelade kochen wie kein Zweiter. Möchten Sie probieren?
Was?
Die Marmelade natürlich! Ich habe noch ein Glas…
Kurze Zeit später trinken sie Tee, essen Marmelade aus kleinen Schälchen, reden und lachen. Dann singt Frau Schwabe ein melancholisches Volkslied über Kinderfüße im Bach, eine Katze in der Sonne und einen Bräutigam auf Wanderschaft.
Karin fühlt sich verstanden.
Sie sind eine gute Frau, Frau Schwabe. Glauben Sie, wir schaffen das?
Die Vermittlerin nickt.
Diese Zahlen werden wir nie schaffen, so sehr Sie es wollen! Die Belegschaft läuft am Limit, und Sie erhöhen das Pensum. Sagen Sie… Anna blickt dem Chef direkt ins Gesicht.
Sie haben die Vorgaben zu erfüllen. Diskussion zwecklos! Er springt auf und starrt Anna an, die nicht senkt den Blick.
Sie werden am Monatsende Hunderte Kündigungen auf dem Tisch haben. Auch meine! Anna richtet sich auf, verlässt das Büro.
Sie hat heute noch genug zu tun. Die Mutter will Erdbeertörtchen, die Stiefel aus der Reparatur sollen abgeholt werden, Opa braucht Medikamente. Wo ist nur das Rezept?
Anna findet das zusammengefaltete Blatt in der Tasche. Ein Glück! Sonst gäbe es einen Aufstand.
An der Pforte trifft sie den Chef.
Schon so früh weg, Frau Becker? Sie wollten doch noch…
Ich habe mich abgemeldet, Sie haben es vergessen, Herr Dr. Schäfer! Ich muss in die Apotheke, auf Wiedersehen! Anna rauscht hinaus.
Morgen zehn Uhr, Besprechung! ruft der Chef ihr nach. Sie winkt und ist schon weg.
Überall heute Menschenschlangen, auch in der teuren Konditorei. Aber wenn die Mutter die Törtchen möchte, werden sie gekauft.
Hallo schon wieder! Anna schreckt auf. Dreht sich um.
Sie? Was machen Sie denn hier? fragt sie ungehalten. Sollten Sie nicht…?
Ich hab auch frei. Die Mutter schickt mich zu einer Bekannten. Fernseher kaputt. Ich bin gelernter Elektroniker… Oh, diese Törtchen bitte mir! ruft er zum Verkäufer, doch Anna kassiert das letzte Tablett.
Tut mir leid, die Dame hat schon bezahlt, zuckt die Verkäuferin mit den Schultern. Probieren Sie die mit Blaubeeren.
Thomas seufzt. Diese Anna Becker scheint ihm überall zuvorzukommen. Und dann noch die Aussicht, sie ausgerechnet am Abend besuchen zu müssen…
So viel Süßes ist ungesund! Und Sie wollten doch zur Apotheke? Thomas hält ihr die Konditoreitür auf. Ach ja, haben Sie was vor heute Abend?
Das geht Sie nichts an. Lassen Sie mich einfach in Ruhe!
Sie geht schnellen Schrittes davon, Thomas biegt ab, wenigstens nicht in dieselbe Richtung…
Karin Becker bearbeitet ihren Vater seit einer Stunde, er solle sich wenigstens eine anständige Hose anziehen, ein Hemd, vielleicht sogar mit Krawatte.
Wozu, Karin? Ich fühle mich wohl! murmelt er, sucht nach dem nächsten Kreuzworträtselwort.
Papa, bitte! Wir wollen doch einen guten Eindruck machen! Karin beginnt zu jammern.
Was für ein Eindruck? Ich muss niemandem gefallen. Nimm diese Hose da weg! Leg die beiseite.
Ach Papa! Es kommt nachher ein Gast. Ich will…
Ist doch gut, du siehst prima aus, Karin. Sogar abgenommen. Wo ist eigentlich das Schachspiel? Spielen deine Gäste?
Keine Ahnung. Dafür sind die nicht eingeladen… Papa!
Aber Herbert ist schon im Abstellraum, räumt dort, poltert mit alten Töpfen und ruft dann: Gefunden! Schachspiel! Komm, Karin, wir machen eine Partie!
Karin entfleucht in die Küche sie muss noch alles herrichten.
Anna kommt gerade recht. Sie ruft ins Haus, übergibt Opa die Medikamente, verschnauft auf dem Flur.
Bist kaputt, was Libelle? Herbert schmunzelt. Karin! Die Anna hat deine Törtchen gebracht. Ach Anna, deine Mutter macht mich noch verrückt! Hat mich feingemacht, als wär’s für ‘ne Parade! Sogar den Aufstrich durfte ich nicht öffnen, weil’s riecht. Wen erwarten wir?
Anna zuckt mit den Schultern.
Irgendwelche Bekannten, glaub ich. Mach dir keinen Stress, Opi! Sie umarmt ihn und setzt sich an den Tisch. Schachpartie?
Opa nickt, stellt die Figuren, doch da stürmt Karin herein.
Anna! Ich schaff gar nichts heute! Kannst du nicht bitte die Wurst schneiden? Bist vor Stress ganz blass. Nimm mal Rouge. Und hör auf, an den Nägeln zu knabbern!
Ach, hör doch auf! Du bist wieder aufgeregt, versetzt alle um dich herum… Wen erwarten wir eigentlich? Herbert schlägt aufs Schachbrett.
Spielt keine Rolle. Kommt jemand, trinken wir Tee. Anna, bitte hilf mir!
Die Frauen verschwinden in der Küche, Herbert schiebt das Schach beiseite und blickt aus dem Fenster. Wieder so eine Aktion von Karin… Wer braucht das bloß alles? Vielleicht ist es ja ganz gut, dass er jetzt bei ihr wohnt.
Den Gast soll Opa hereinlassen.
Er richtet sich auf, streicht die wenigen Haare glatt, öffnet die Tür und will schon fast Salut machen aber das geht in Hausschuhen natürlich schief und tut weh.
Herzlich Willkommen bei uns! sagt Herbert und mustert den Mann, der vor ihm steht und einen Kuchen in den Händen hält. Herbert, Vater des Hauses. Und Sie sind?
Anna und Karin hören das Getrappel, dann das Lachen. Schon stehen sie in der Küche.
Karin strahlt, breitet die Arme aus.
Ach, guten Abend! Setzen Sie sich, Herr Thomas! Anna, nimm bitte dem Gast die Torte ab, das ist doch höflicher… Vielen Dank, wirklich großzügig! Wir sind gerade alle von der Arbeit, hungrig! Anna, warum stehst du da wie angewurzelt?
Guten Abend, Frau Becker, schmunzelt Thomas.
Anna nickt und wendet sich ab.
Ihr kennt euch? Karin ist verblüfft.
Ja, wir arbeiten zusammen. Ihr Fernseher ist also nicht kaputt? Thomas knallt die Blaubeertorte auf den Tisch, wirft versehentlich das Salz um.
Herbert seufzt umgekipptes Salz bringt Streit!
Arbeiten Sie für Anna? stammelt Karin. Und der Fernseher… Wissen Sie, er spinnt wirklich!
Schauen wir uns das gleich an. Wäre meine Mutter nicht dahinter, würde ich meine Zeit dafür nicht opfern. Thomas versteht selbst nicht, warum ihn das so ärgert. Fast hat er Mitleid mit dem schnaufenden Opa und fühlt sich klein vor Anna.
Weshalb, bloß aus Verlegenheit?
Zeigen Sie das Gerät! Ich mag nichts essen. Thomas ist noch angriffslustiger.
Im Gästezimmer, sagt Anna leise. Herr Schäfer, das ist nicht, wie Sie denken! Ich wusste nicht, dass meine Mutter Sie einladen würde!
Klar, ich kann ja nichtmal einen Fernseher reparieren, aber ein Team leiten… machen wir’s kurz! brummelt Thomas und verschwindet mit Herbert.
Anna, bleib du lieber in der Küche… brummt der Opa und lässt sie nicht vorbei.
Thomas schraubt am Fernseher, Herbert reicht Werkzeug, Thomas pustet den Staub weg.
Am besten saugen wir durch, dann sehen wir weiter, murmelt er zu den Leiterplatten.
Gut, hole den Staubsauger… eilt Herbert los. Vielleicht klappt es ja doch, vielleicht versöhnen die beiden sich nachher
Karin greift tatsächlich zum Telefon.
Frau Schwabe? Guten Abend, hier ist Karin. Was heißt das bitte? Die beiden zanken sich! Sie sind Kollegen! Sie erklären und verteidigen sich, und am Ende sagen Sie noch, der Mann ist Ihr Sohn? Sie haben mich angelogen, Sie machen Vermittlerin und schwindeln? Sagen Sie bloß, ich soll nichts unternehmen! Nein, ich brauche keinen weiteren Besuch. SIE haben das verbockt! Karin legt auf, blickt Anna an.
Die schaut sie traurig an.
Mama, ich will nicht heiraten. Ich will nicht, dass alles wieder so wird wie bei euch… Ihr habt euch getrennt, das Klavier verkauft, und ich hab das nie verstanden.
Karin will etwas sagen, aber Anna schüttelt den Kopf.
Es ist zu spät. Ich bin erwachsen, ich weiß, was ich will. Papa hat jetzt eine neue Frau, du hast mich. Du hast immer mich getragen und in deinem Eifer willst du mir dein Bild vom Glück überstülpen. Aber das brauch ich nicht.
Karin will sich rechtfertigen, aber Anna verlässt das Zimmer, setzt sich mit etwas Salat an den Esstisch. Was soll’s, muss ja nicht hungrig bleiben!
Karin sitzt ihr gegenüber, beobachtet sie…
Plötzlich klingelt es. Anna öffnet.
Guten Abend. Sind Sie Anna? Und was bitte soll das mit meinem Sohn? So einen ehrlichen, guten Mann finden Sie nie wieder! Oder sind Sie DIE Anna Becker, die meinen Thomas bei der Arbeit ständig provoziert? Ach, Sie sind das… Klein ist die Welt!
Herbert horcht, zieht den Kopf ein, umso mehr Salz verschüttet da ist Streit heute vorprogrammiert…
… Mein Thomas isst nicht mehr, schläft nicht mehr, völlig kaputt. Sie treiben ihn in den Wahnsinn! Frau Becker, hätte ich gewusst… Frau Schwabe deutet auf Anna. Das hätte ich NIE gemacht.
Wie meinen Sie das? Karin stellt sich zur Rede. Sie sind Vermittlerin, das ist Ihr Beruf. Und ausgerechnet Ihren Sohn schicken Sie? Hatten Sie keine anderen Kandidaten?
Nein! Ich bin gar keine professionelle Vermittlerin. Ulla aus der Kantine hat erzählt, Sie suchen einen Schwiegersohn und ich dachte, dann bring ich mein Kind mal vorbei…
Ulla? Ach
Der Rest ist ein lauter Schlagabtausch, aber irgendwie fehlt die Schärfe. Sie geben sich gegenseitig die Schuld, am Ende ist Ulla die tragische Heldin. Sie hätten es alle besser anstellen können…
Anna spürt plötzlich einen Ziehen am Jackett.
Kommen Sie, gehen wir eine Runde, flüstert Thomas. Opa passt auf die Damen auf.
Karin und Frau Schwabe lehnen sich ans Fenster und beobachten, wie ihre Kinder durch den Hof schlendern.
Die Frauen lächeln resigniert oder erleichtert, das weiß nicht einmal Herbert.
Jetzt gibts Feierabendessen oder nicht? Für das alles hab ich mich schick gemacht! brummelt Herbert, schnappt sich Fleisch vom Teller. Ihr habt Unsinn getrieben, nix eingefädelt. Wozu das alles? Am Ende feuert Thomas meine Anna noch. Das wars dann!
Nein, wird schon werden… Frau Schwabe presst die Finger an die Lippen. Wir wollten doch nur das Beste…
Was war das mit dem Klavier damals? fragt Thomas, als sie draußen sind. Frau Becker, jetzt seien Sie nicht so! Lustig wars doch, unsere Mütter als Kupplerinnen…
Wie bitte? Anna bleibt stehen.
Haben Sie es nicht gemerkt? Meine Mutter macht das seit Jahren. Ich muss Geräte bei ihren Bekannten reparieren und dann wird mir prompt irgendjemand vorgestellt: Tochter, Enkelin, Nachbarin. Einmal sogar eine ältere Dame. Mama tut unschuldig, aber ich weiß Bescheid…
Und Sie gehen immer mit? Finden Sie keine Partnerin selbst oder hoffen Sie insgeheim?
Ich mache das wegen der Reparaturen. Frauen suche ich nicht!
Ein überzeugter Junggeselle also?
Nein. Ich HABE längst eine, seit zwei Jahren…
Und warum sind Sie nicht verheiratet? Ach, Sie stehen auf “moderne Beziehungen”, das ist bequem!
Ich möchte eine Familie. Aber die Frau will nicht heiraten im Gegenteil, sie meidet mich. Was soll man da machen…
Thomas läuft schneller, Anna muss sich beeilen.
Herr Schäfer! Warten Sie! Ich komm ja kaum mit…
Er dreht sich um.
Ein massiver, muskulöser Boxerhund steht plötzlich vor ihnen auf dem Gehweg, den Kopf gesenkt, leiser Groll im Brustkorb aber kein Bellen.
Ich habe Angst vor Hunden, flüstert Anna, die Hände an die Brust gepresst.
Ich auch, sagt Thomas, pfeift, der Hund schaut, senkt den Kopf noch weiter. Aber der hat genauso Angst wie wir. Verschwinde, die Anna Becker hat heute genug von Müttern und Hochzeiten! Los jetzt…! wendet Thomas sich an das Tier.
Der Hund überlegt kurz, dreht dann ab und trottet zurück ins Gebüsch.
Anna huscht zu Thomas.
Danke, haucht sie.
Gern. Jetzt haben Sie Ihren Helden. Sie können mich heiraten. Er grinst und reicht Anna zwei Bonbons aus der Tasche.
Anna wird rot. So einfach? Ein Bonbon, und dann ist es so weit?..
Als sie zurück nach Hause kommen, sitzen die Alten schon zusammen. Herbert erzählt Witze, die Frauen glucksen, und in der Mitte des Tisches strahlen die Törtchen.
Anna, etwas Hähnchen? Du hast doch nichts gegessen? fragt Karin leise.
Bleib noch ein bisschen, Thomas. Sei mir nicht böse, wegen der Vermittlung… murmelt Frau Schwabe.
Ach, macht kein Aufheben! Nehmt Platz, esst! ruft Herbert, krempelt die Ärmel hoch, besinnt sich dann und knöpft sie wieder zu. Schließlich ist es der große Vorstellungsabend.
Thomas und Anna heiraten ein halbes Jahr später, sie streiten nicht mehr bei der Arbeit, sondern nur noch zu Hause, aber auch da eher liebevoll. Im Sommer kochen sie Marmelade, im Winter fahren sie Ski.
Karin und Frau Schwabe sind mittlerweile unzertrennlich, besuchen Museen, Theater, gehen im Park spazieren und nehmen manchmal Herbert mit, der die Damen mit Eis und Kahnfahrten verwöhnt. Das Thema Enkel kommt immer wieder auf den Tisch, aber Herbert bremst die Diskussion.
Und wer glaubt, die wahre “Schuld” am Familienglück trifft nicht Ursula, die Kantinenköchin, der irrt! Sie hat alles eingefädelt und der Hund war übrigens auch ihrer, der nachher wiedergefunden wurde.
Also, nicht zu unterschätzen unsere deutschen Amors im weißen Kochmützchen! Und ein einfaches Danke? Fehlanzeige. Da macht man einmal was Gutes…




