Der ganz große Schwindel

Die große Scheidung

Genau vier Jahre hatten die Bergmanns ihre Ehe gehalten. So sehr sie auch versuchten, eine ewige Liebe vorzutäuschen irgendwo verfingen sie sich nicht in den Wurzeln des ehelichen Glücks. Am Horizont wartete die Scheidung.

Und, ihr lasst euch also einfach so scheiden und das wars dann? fragte eine Freundin, als ich, Michael Bergmann, mir mit meiner Noch-Ehefrau Annika diese Angelegenheit von der Seele essen wollte stilecht mit deutschen Laugenbrötchen und Frankfurter Würstchen.

Ja. Was bleibt uns denn noch übrig? Wir haben das alles besprochen. Für uns beide ist es so besser

Nee, ich meine nicht den Scheidungsprozess an sich ich meine das Ereignis! Ihr müsst das doch auch irgendwie ordentlich feiern. Einen richtigen Schlusspunkt setzen!

Annika wirkte leicht gekränkt und schob sich, ganz in Gedanken, noch ein Stück Brezel hinterher. Ich bin einfach die ganze Zeit nervös, da muss man doch nicht so auf dem wunden Punkt herumreiten.

Ich rede doch nicht von dir, Liebes, ich spreche von deiner Scheidung! Eure Hochzeit war ja auch ein großes Ereignis ich zahle für euren Hochzeitstorte noch immer den Kredit ab. Warum macht ihr die Scheidung nicht im großen Stil? Mit Restaurant, Autokorso, einem Zeremonienmeister vielleicht noch einer Brückenverbrennung? Ich wäre sowas von dabei

Geht das denn?

Das muss so!

Annikas Einwand: Ich hab kaum noch Geld. Wir müssen doch jetzt das ganze Hab und Gut teilen. Sogar den Bettbezug werden wir wohl in die Fetzen reißen.

Ach, ich kenne da jemanden, die organisiert die ganze Feier für einen Sack Kartoffeln. Die Geschenke holen das locker wieder rein. Und jetzt lass uns ein Motto für den Junggesellinnenabschied überlegen. Was Schönes, Hausgemachtes, Sittliches, als Abschied von der Ehezeit.

Heißt also wie immer: Wir verabreden uns mit den Mädels und am Ende geht doch niemand weg, weil alle Partner und Kinder haben?

Das wär der Idealfall!

Am nächsten Tag fuhren Annika und ihre Freundin zu einer Organisatorin namens Jule. Warum auch immer, sie trafen Jule in einem Einkaufszentrum, und dort stand sie auch gleich hinter der Kasse eines Crêpe-Standes und managte parallel Bestellungen.

Kannst du helfen? fragte Annika, als die Gesamtidee umrissen wurde.

Na klar! Ich seh das direkt vor mir, sagte Jule mit glänzenden Augen und malte schon die Zukunft: Die Braut im schwarzen Trauerkleid, schwört in aller Öffentlichkeit ‘Nie wieder!’ Der Bräutigam trägt endlich wieder seine hässlichen Jogginghosen, Tag und Nacht und sagt das erlösende Nein. Anschließend sammeln wir alle Eheringe ein und bringen sie feierlich zum Pfandleiher. Gäste skandieren: Süß!, Halb süß! Ich lass mir noch was einfallen. Dann schrie sie über den Tresen: Bestellung vierundsechzig ist fertig!

Der Ehemann, Moritz Bergmann, war erstaunlich angetan von der Idee. Nur die Eltern wetterten dagegen:

Diese ganzen neuen Moden! Zu unserer Zeit wurde einfach still geschieden und dann hat man sich bis zum Lebensende gehasst. Geld für eine Scheidungsfeier gibts jedenfalls nicht!

Doch eine Woche später war alles vorbereitet. Nach Jules Plan startete das Fest mit einer Art Ablöse: Der Bräutigam musste die Wohnung verlassen, zog aber erst durchs Treppenhaus und wurde auf jedem der zwölf Stockwerke mit Aufgaben konfrontiert Spiele, Lieder, Rätsel. Die anderen halfen ihm, sangen lauthals, zahlten notfalls auch Freikauf, damit er endlich auszieht und niemand aufhält. Moritz durfte mit dem Aufzug fahren; seine letzten Sachen und sein Trauzeuge kamen mit.

Durch Jules Cousin einen waschechten Kriminalbeamten war sogar ein Polizeifotograf als offizieller Dokumentar beauftragt, jede Einzelheit der Trennung festzuhalten. Nach dieser Scheidung waren neun Gäste im städtischen Scheidungsregister vermerkt.

Jetzt gehts ins Standesamt!, rief Jule feierlich, als alle unten versammelt waren.

Nach neuester Sitte stiegen Annika und Moritz gemeinsam in einen Wagen, um nach dem Termin getrennt weiterzufahren. Die anderen Gäste bekamen Tagestickets für den Nahverkehr, ein bisschen Kleingeld für die Fahrt sowie den Fotografenwagen, in dem auf dem Weg kleine Wettbewerbe und lustige Verhöre durchgeführt wurden: Fingerabdrücke nehmen und spontane Fragebögen ausfüllen. Zum Standesamt zogen sie unter Singen von Ich bin frei von Westernhagen ein.

Als die Stempel gesetzt und die Gesellschaftsform aufgelöst war, ging die ganze Gesellschaft nach draußen. Jule packte einen riesigen Käfig aus und schlug vor, eine handvoll Stadttauben einzufangen. Alle jubelten, lachten und feierten das neu geschiedene Paar. Die Männer beglückwünschten Moritz herzlich zur neugewonnenen Freiheit, wünschten mit Neid ein langes Single-Leben. Die Frauen holten bei der Gelegenheit gleich ein paar längst fällige Diskussionen nach und fingen später den Strauß zusammengebunden aus quittierten Nebenkostenrechnungen.

Da geht ja richtig die Post ab! Sieht so aus, als hätten die auf die Scheidung schon lange hingefiebert, bemerkte ein Gast von einer parallel laufenden Hochzeit.

Nee, die lassen sich scheiden, wurde ihm erklärt.

Nach den erfrischten Bergmanns verlegten viele Paare ihre geplanten Zeremonien auf ein späteres Datum.

Als das alte Liebesschloss auf der Brücke abgesägt und die Ringe wie geplant beim Juwelier zu Bargeld gemacht wurden um einen Teil der Feier zu finanzieren zog der Festzug ins Restaurant weiter. Dort wartete, über alte Verbindungen zu Jule, bereits das Ritual-Orchester, ein zünftiges Mittagsbuffet und frische Pfannkuchen mit Honig. Gesponsert wurde das Ganze von der Pfannkuchen-Hütte Nr. 8, wo Jule an der Kasse arbeitete. Die Torte? Natürlich auf Pfannkuchenbasis!

Das Ganze kommt mir irgendwie vor wie eine Trauerfeier, seufzte Annika und warf einen Blick auf die Stimmung.

Ist ja auch ein Abschied, wir verabschieden das letzte bisschen Eheglück”, entgegnete die Kassierin und Zeremonienmeisterin, bevor sie das frisch entbundene Paar bat, ein letztes Mal zu tanzen.

Chopin erklang.

Weißt du, eigentlich ist das gar nicht so schlecht geworden, sagte Annika zu Moritz, während sie im Zentrum des Saales kreisten.

Da kann ich dir nur zustimmen, nickte Moritz. Ich sehe zum ersten Mal, dass unsere Eltern sich gut verstehen.

Als sie einen Kreis tanzten, sah Annika, dass ihr Vater und Moritz Vater sich in den Armen lagen, leise etwas sangen und weinten, obwohl sie sich sonst immer spinnefeind waren.

Die Tische ertranken in Geschenken: Einzelbett-Wäsche, Konzertkarten, Hanteln, Geschirr für Singles, Gutscheine für Yoga, das Fitnessstudio, den Stripclub Zum Schluss bekamen die Geschiedenen unterschiedliche Schlüssel zu Hotelzimmern in verschiedenen Teilen der Stadt, Rabattgutscheine für die Pfannkuchen-Hütte Nr. 8 und einen Fahrschein für zwei Fahrten im Polizeiwagen als letzten Gag.

Es folgte ein kleines Feuerwerk und nach dem Tortenverkauf zum Sonderpreis verabschiedeten sich alle Gäste zurück zu ihren Ehepartnern und Kindern, während Annika und Moritz fortan getrennte Wege gingen.

Drei Wochen später war das Fotoalbum fertig. Zufällig kam Moritz vorbei, um seine Nagelschere abzuholen.

Gelungen, oder?, meinte Annika, als wir gemeinsam die Schwarzweiß-Fotos mit den lachenden Gesichtern und den Beweisaufnahmen ansahen.

Ja, ziemlich gut, antwortete Moritz, dann fragte er: Behältst du deinen Nachnamen?

Ich hab mich irgendwie daran gewöhnt. Schneider klingt jetzt auch nicht viel besser.

Moritz lachte: Na dann, ich geh mal.

Warte!

Er blickte mich erwartungsvoll an.

Hast du Lust, mit mir in die Pfannkuchen-Hütte zu gehen? Die Gutscheine verfallen sonst heute noch…

Das wäre echt schade, nickte Moritz. Weißt du, der Pfannkuchen steht für Neubeginn. Vielleicht unser Glück. Also, ist das n Date?

Meinst du, zögerte Annika, meinst du, das wäre keine Dummheit nach so einer lauten Scheidung? Ich hab gehört, über uns gibts sogar schon einen Beitrag in den Lokalnachrichten

Wer weiß das schon? Uns kann keiner vorschreiben, was wir tun wir sind jetzt frei und dürfen uns treffen, wann und mit wem wir wollen. Übrigens nächste Woche lassen sich Trauzeuge und Trauzeugin auch scheiden. Sind wir da zusammen dabei?

Ich überlege es mir, zwinkerte Annika. Von denen hab ich noch ein Einzelbett-Set dann hab ich gleich was zum Verschenken.Sie lachten, und während draußen leise Regen gegen die Fensterscheibe trommelte, gingen sie gemeinsam zur Tür hinaus in den nassen Nachmittagzwei frisch Geschiedene, die sich über Gutscheine, lauwarme Pfannkuchen und einen unerwartet leicht gewordenen Neuanfang freuten.

Im Hinterhof der Pfannkuchen-Hütte hing der süße Duft gebratener Teigfladen in der Luft, das Licht aus der Küche blinkte freundlich durch das nass glänzende Laub. Moritz hielt Annika die Tür auf. Drinnen saßen zwei alte Damen am Fenster, schüttelten den Kopf und schmunzelten: Heutzutage geht eben alles ein bisschen anders.

Annika und Moritz setzten sich in eine Nische, die Hände fest um die Tassen Kaffee gelegt, und während draußen das Leben weiterzog, saßen sie Spalier für ihren eigenen Neubeginn. Zwischen ihnen lag kein Versprechen mehr, nur der offene Raum des Jetzt.

Weißt du, vielleicht ist Freiheit gar nicht so einsam, wie ich immer dachte, sagte Annika leise.

Moritz lächelte über den Rand seiner Tasse: Und manchmal schmeckt ein Neuanfang eben doch nach Pfannkuchen mit Honig.

Ein letzter Gruß, ein neues Lächeln, und während draußen die Tauben ihre Kreise drehten, blieb die Zukunft einen Moment lang leicht, warm und voller Möglichkeiten.

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

Der ganz große Schwindel
Ich bin Oksana, und hier ist Ihr Enkel, 6 Jahre alt.