Das Allerwichtigste

Das Wichtigste

Friedrich Andreas fand einfach keinen Zugang zur Arbeit die nächste Kapitel wollte einfach nicht gelingen! Die Abgabe seiner Habilitation stand schon in einem Monat an, die Fristen waren streng gesetzt und eigentlich war es ihm auch selbst peinlich, als würde er, Friedrich, ein Dilettant sein oder ein Taugenichts, um die Fakultätsleitung so im Stich zu lassen?

Das ist keine Kleinigkeit, mein Bester! Das ist schließlich die Habilitation!, brummte sein Doktorvater, Prof. Dr. Michael Jakob Sauer, für Freunde Mischka, aber für so nachlässige Wissenschaftskandidaten wie Friedrich zwingend Michael Jakob. Friedrich saß ihm blassgrün und traurig gegenüber, wie ein geprügelter Hund. Und Sie streben ja nicht mal nur die Promotion an! Da lassen wir mehr Nachsicht walten. Aber für den Doktor muss man liefern! Erinnern Sie sich an Rumänz? Friedrich Andreas nickte. Die fröhliche, rundliche Paulina Rumänz war allen Kollegen bekannt.

Das dachte ich mir!, zog Sauer die Mundwinkel, als koste er ihren Namen auf der Zunge. Die wichtelt wieder in Mutterschutz, kann man sich das vorstellen? Schon wieder! Erneut musste der Verteidigungstermin verschoben werden. Wie schafft sie das alles nur?

Prof. Sauer, ein Mann so ganz in die Wissenschaft vertieft, bekamen solche Dinge meistens gar nicht mit. Ob jemand schwanger wird, kündigt, oder das Haar verliert das ging an ihm vorbei. Gerade noch sah Friedrich, wie Michael Jakob die letzten Reste einer erschöpften Birkenfeige goss und dabei nicht bemerkte, dass das Wasser auf den alten Dielenboden tropfte und einen dunklen Fleck ins Holz zog. Bald würde sicherlich seine Sekretärin Irmgard hereilen, wild mit dem Kopf schütteln, mit ihren bernsteinfarbenen Ohrringen klimpern und hektisch wischen. Doch Mischka würde es nicht einmal wahrnehmen zu sehr war er für große Dinge gemacht.

Friedrich Andreas hätte gern ebenso tief in der Wissenschaft gesteckt, aber irgendwie gelang es ihm einfach nicht. Ständig lenkte ihn etwas ab, die gewöhnlichen Alltagssorgen und dazu noch diese Leere im Kopf eine vollkommene, wissenschaftliche Leere, als hätte jemand sein Wissen ausgewaschen und Gelee eingefüllt. Friedrich strampelte wie ein Huhn darin, ohne Ergebnis

Es hieß, Sauer habe seine eigene Habilitation in einem Monat verfasst verwahrlost, das Hemd schief, abgemagert, mit irrem Blick und dann: voila, die Dissertation! Und brillant, ausgerechnet zum Alltag im Römischen Reich. Friedrich hatte sie gelesen, aber nichts behalten. In letzter Zeit vergaß er ohnehin ständig alles.

Na, Rumänz seis verziehen ist schließlich eine Frau, urteilte Sauer gönnerhaft. Da kann man auf den Titel mal Rücksicht nehmen. Aber Doktorarbeiten dürfen nicht verschleppt werden, Friedrich! Und wer das doch tut, der ist, mit Verlaub, eine Null. Keine Erklärung nötig! Er ließ die Hand auf den Schreibtisch sausen. Obs nun stockt oder nicht schenken Sie sich die Ausreden! Ich brauche Resultate!

Ich verstehe ja Und eigentlich hab ich alles im Kopf, murmelte Friedrich Andreas, nestelte verlegen am Schreibtischeck, als sei er ein ertappter Schüler. Aber ich werde ständig abgelenkt, Michael Jakob! Unerbittlich!

Seine Frau. Immer sie. Friedrich arbeitete, schrieb, und plötzlich tauchte sie in der Tür auf, lächelt und flüstert:

Friedrichchen, magst du einen Tee? Oder soll ich Kaffee aufsetzen?

Friedrich lehnt ab, keine Zeit, verscheucht sie mit einer Handbewegung, und schon ist der Gedanke fort er treibt im Tee davon, versinkt darin

Doch obwohl er ablehnt, rollt Valeria mit dem Tablett ins Arbeitszimmer: Eine kleine Tasse mit echtem indischen Tee, genau richtig stark, selbstgemachte Kirschmarmelade, tiefrot und glänzend in einer hübschen Schale, und mürbes Gebäck, das Friedrich ganz besonders liebt

Ich wusste doch, dass du keine Zeit hast. Deshalb bringe ich einfach alles her!, ruft Valeria froh, schiebt geduldig die Papiere beiseite, klappt das Notebook zu, pustet ein Stäubchen vom blanken Tisch und stellt das Tablett vor ihren Mann.

Dann nippt sie als Erste an ihrer Tasse, bröselt den Keks aufs Unterteller. Friedrich spürt plötzlich das Bedürfnis, genau die Stelle am Tassenrand zu berühren, die sie berührt hat überhaupt, sie zu berühren Jung verheiratet noch, Friedrich 37, Valeria drei Jahre jünger. Seit zwei Jahren zusammen, immer noch nicht voneinander satt.

Valeria! Was machst du da nur?!, tadelt Friedrich seine Frau im Stil russischer Klassiker und verscheucht dabei alle leichtsinnigen Gedanken. Das ist vollkommen unpassend! Du verstehst nicht, dass ich beschäftigt bin, dass ich meine Gedanken kaum schneller zu Papier bringen kann als sie entstehen?! Warum huschst du hier ständig herum?! Von deinen Keksen pass ich bald nicht mehr in meinen Glücks-Anzug. Nimm das! Nimm alles gleich wieder weg!

Valeria seufzt traurig, schleicht aus dem Zimmer und flüstert vielleicht sogar Entschuldigungen aber das Essen lässt sie stehen. Der Tee duftet immer noch, die Marmelade schimmert dunkelrot, und das Gebäck Götter! Das ist nicht einfach Teig, das ist Himmelsgabe

Und Friedrich Andreas fällt wieder, trinkt, isst, beginnt sogar zu lächeln aber sobald er das Kirschmarmeladenfleck am Ärmel sieht, wird er ernst, verdrießlich, schiebt das Tablett weg. Was Kekse! Die Verteidigung steht an!

Ständig gibt es Streit mit Valeria, sie macht es sich inzwischen zur Angewohnheit, schmollend wegzuknicken

Ja, sie stört. Sie stört ihn ganz entschieden!

Das hatte Friedrich nun wohl laut gesagt, denn Michael Jakob nickte.

Ich verstehe Ja, brummte er, trommelte auf den Tisch. Wissen Sie was?, rief Sauer plötzlich. Friedrich zuckte aus seinem Grübelmief hervor. Fahren Sie doch mal zu meiner Gartenhütte! Ich war schon ewig nicht mehr dort Sie werden nichts Aufregendes finden, aber eine wundervolle Bibliothek ist da! Fahren Sie hin! Hier sind Schlüssel und Adresse Der Professor kritzelte etwas auf einen alten Zettel, reichte es Friedrich.

Ach, das ist doch irgendwie komisch! Soll ich da alleine hin?, zuckte der mit den Schultern.

Ach was! Die Nachbarn kennen das schon. Nur einmal gabs Aufregung ein Bekannter wohnte mal dort, kam nachts, ließ das Licht aus, Fenster auf; da hielt meine Nachbarin, Frau Tamara, ihn für einen Einbrecher und kam doch glatt mit dem Jagdgewehr Sie fahren aber am Tage, grüßen alle, dann passt das schon. Nun gehen Sie, ich habe keine Zeit. Der Professor winkte Friedrich zur Tür, dieser raffte seine Sachen zusammen, quälte Papiere ins Aktentasche, völlig aufgewühlt. Und noch was! rief Sauer und holte Friedrich an der Tür wieder ein. Nehmen Sie Ihre Frau mit, Valeria heißt sie doch? Kann sie mähen?

Mähen?, stotterte Friedrich Andreas.

Ja, mähen mit einer richtigen Sense. Das Grundstück ist völlig zugewuchert, ich kann nicht mehr, Arthrose. Also Sie mähen und helfen dem alten Mann! Vielleicht läuft dann auch die Diss besser

Friedrich zuckte die Schultern. Gut, dann mäht er eben. Kann er eigentlich, ist nur lange her, wird schon klappen. Für die Diss eben.

Valeria meldete sich schnell von der Arbeit ab, packte noch tüchtig Proviant ein, briet Frikadellen, holte Brot und Wurst, leicht aufgeregt und ein wenig verzückt von der bevorstehenden Landpartie.

Warum gibt er uns bloß seine Hütte, Friedrich?, forschte sie immer wieder in seinem Gesicht. Soll ich einen Badeanzug mitnehmen? Und gehen wir dort in den Wald?

Friedrich runzelte die Stirn.

Ich hab keine Zeit, Valeria. Ich muss da was für die Arbeit suchen. Und er hat gesagt, mähen soll ich auch. Alles für die Diss, flüsterte er, seufzte. Die Schultern taten ihm vom bloßen Gedanken an die Arbeit schon weh.

Ach so? Ich könnte auch mit dem Sichel helfen. Hat mir Oma beigebracht!, rief Valeria froh über ihren Einfall. Was brauchen wir noch, Friedrich? Gummistiefel wären toll, haben wir nicht Und einen Korb haben wir auch nicht

Ja Nein. Ach Valeria, bitte hör auf so zu flattern, mir schwirrt eh schon der Kopf!, wurde Friedrich ungeduldig, kramte in den Unterlagen. Wo sind die Autoschlüssel?

Wie immer am Haken im Flur, zuckte Valeria die Achseln, ging nach dem Badeanzug suchen. Wenn man schon aufs Land fährt, kann man wenigstens ein bisschen Sonne tanken

Den kleinen Ort Denningen fanden sie rasch. Friedrichs alter, schon von seinem Vater übernommener Opel Kadett wurde beäugt von meckernden Ziegen, bellenden Hunden hinter Gartenzäunen, und wenige alte Damen mit Sommeräpfeln nickten den Städtern freundlich zu.

Valeria lächelte allen zu, bewunderte Zicklein und die frische, nach Kräutern duftende Landluft.

So, ich glaube, wir sind da, bog Friedrich beim Zaun ab, stellte den Motor ab. Also ehrlich so sieht eine Professorenhütte aus?

Wahrlich, das alte, bemooste Häuschen mit seinem wackligen Schornstein stand windschief, flankiert von einem riesigen Fliederbusch und einem klapprigen alten Schuppen; das Grundstück, recht groß, glich einer Wildwiese voller summender Bienen und bunten Schmetterlingen deutlich anders als Friedrich sich Professoren-Refugien so vorgestellt hatte.

Schau, hier gab es früher Blumenbeete, schob Valeria das Gras beiseite und zeigte einen kleinen Ziegelkreis mit einer vertrockneten Rose darin. Und Gemüsegarten. Aber warum kommt er wohl nicht mehr?

Valeria drehte sich um, weil Friedrich schwieg. Doch der starrte sie an, als sähe er sie zum ersten Mal so blass, mit durchscheinenden Adern, im hellen Sommerkleid, goldrötlichblondes Haar auf den Schultern

Friedrich, was ist denn?, flüsterte Valeria.

Nichts, nichts Komm, lass uns ins Haus gehen!, fasste er sich, stapfte durch das hohe Gras zur Tür.

Das zweistöckige Häuschen entpuppte sich als urig und merkwürdig wohnlich. In einem Raum: Buffet, Geschirr, Küchenutensilien, Eckherd und ein großer, runder Holztisch mit geschnitzten Stühlen. Überall blitzsauber.

Das Schlafzimmer im Erdgeschoss, mit Teppich an der Wand und breitem Bett, war etwas dunkler. Das Fenster wurde von den Ästen eines alten Apfelbaums fast ganz zugedeckt gelbrote Äpfel drückten ans Glas.

Gegenüber hing ein Foto im Rahmen.

Friedrich, wer sind die?, fragte Valeria neugierig.

Ich glaube, das ist Sauer als junger Mann, wahrscheinlich mit seiner Mutter.

Ach, die haben das Foto genau vor diesem Häuschen gemacht! Seine Mutter war aber schön!, sagte Valeria lächelnd.

Sie war wirklich schön rabenschwarzer langer Zopf, feine Züge, dunkle grünen Augen, ein selbstbewusster Blick. Die Frau kannte ihren Wert, aufrecht und stolz.

Und sein Vater?, fragte Valeria, als Friedrich mit den Taschen kam.

Da gibts wohl eine traurige Geschichte. Ist früh gestorben, Michael Jakob war noch ein Junge. Irgendwas hat er erzählt, aber ich erinnere mich nicht mehr, murmelte Friedrich.

Valeria seufzte. Schade

Nach dem Essen verschwand Friedrich nach oben. Man hörte keine Schritte von ihm.

Auch Valeria, nach dem Abwasch, stieg die Holztreppe mit geschnitztem Geländer nach oben.

Friedrich stand mitten im kleinen Arbeitszimmer mit Schreibtisch, darauf eine Lampe mit grünem Schirm, eine Bronze-Statue eines römischen Legionärs und ein Namensstift in Raketenform.

Hier sind sie also entstanden, die großen Werke. In diesen Wänden, an diesem Schreibtisch, in nur einem Monat Ja, hier könnte einem wirklich was einfallen!, dachte Friedrich, für einen Moment neidisch und seufzte. Ihn hatten Inspiration und Ideen schon seit drei Wochen verlassen, der Kopf wurde matschig, es überkam ihn Panik. Wie das, wenn man mitten im Hausbau aufgibt, das Ziel nicht sieht, die Karte verliert völliges, dickes Nichts. Kein Ausweg.

Friedrich schaute die Büchersammlung im Schrank an. Gesamtausgaben, Nachschlagewerke, historische Essays, Monografien vom Sauer und dessen Kollegen. Plötzlich entdeckte er einen Band mit Gedichten von Stefan George wie kam der hierher? Ganz untypisch für Michael Jakob, der nie zugegeben hätte, ein Faible für Lyrik zu haben.

Friedrich! Nun sag mal, Valeria kam heran, legte die Arme um ihn, blies ihm in den Nacken.

Friedrich kicherte, zuckte die Schultern.

Nichts. Valeria, such dir was zum Zeitvertreib Geh spazieren! Ich muss doch arbeiten! Sonst fahren wir ja umsonst! Und ich krieg hier gar nichts zustande, verstehst du?! Friedrich löste sich von ihr, trat ans Fenster. Geh bitte. Es war ein Fehler, dich mitzunehmen

Als er sich umdrehte, war Valeria schon weg. Sie störte nicht mehr, blies ihm nicht mehr in den Nacken, berührte ihn nicht mehr mit ihren feinen Händen. Sie war gegangen

Nach anderthalb Stunden Vergeblichkeit löschte Friedrich alles, was er geschrieben hatte, klappte die Bücher zu und fluchte. Es war stickig im Raum!

Er riss das Fenster auf. Ein riesiger, pelziger Hummel schwirrte hinein, summte, prallte gegen dunkle Ecken, schließlich gegen Friedrichs Stirn. Er zuckte zurück nicht dass das Tier noch stach!

Komm, raus mit dir! Fenster ist offen! Was für ein ungeschicktes Viech!, versuchte Friedrich, ihn zu verscheuchen, der Hummel setzte sich jedoch erst noch an den Laptop, krabbelte herum, flog dann doch endlich hinaus ein schwarzer Punkt vor dem blitzblauen Himmel.

Friedrich lehnte sich hinaus, schaute über das Grundstück zugewuchert! Mähen wäre wirklich nötig

Da kam Valeria über die Straße zurück. Wohin wollte sie? Ach ja. Friedrich hatte sie ja verjagt. Aber

Kurz dachte er, sie zu rufen, ließ es aber sein so etwas ruft man nicht quer durchs Villenviertel!

Nach weiteren zwanzig Minuten ging er doch in den Schuppen, fummelte ewig am Schloss herum, endlich öffnete es sich, ihm schlug der Geruch von Feuchte, Farbe und Petroleum entgegen.

Die Glühbirne über ihm war hinüber, Friedrich leuchtete sich mit dem Handy.

Ein Lichtpunkt spiegelte sich von einem alten Autospiegel, blendete ihn. Er blinzelte, schaute sich um.

Regale mit Gläsern, Kisten mit Werkzeug, Kabelrollen, Säcke mit Dünger. Ah da, der Rasenmäher. Was sagte Sauer? Klapprig? Mal sehen. Aber wie das der Habilitation helfen soll

Eine halbe Stunde hantierte Friedrich, schwitzend und fluchend, umgeben von Bremsen, mit dem Elektrogerät, suchte nach Valeria, die immer noch nicht zu sehen war.

Er war schuld. Er hatte sie rausgeworfen. Dabei hatte sie Suppe und Frikadellen gepackt Nicht schön!

Verdammt nochmal!, ärgerte sich Friedrich, als der Mäher nach kurzem Laufen wieder ausging und zu qualmen anfing.

Vom Nachbarn her hörte er plötzlich Poltern, jemand lugte durchs Zaungitter, grinste.

Grüß Gott!, grüßte Friedrich höflich herüber.

Ihnen auch! Der Nachbar, ein etwas zerzauster Mann undefinierbaren Alters im alten Trägerhemd und mit Schiebermütze, nickte Richtung Haus. Sie sind also der Neue? Schreiber?

Wie meinen?

Na, schreiben halt wie Sauer auch, oder? Ich bin Jörg, oder Onkel Jürgen für Sie.

Friedrich Andreas, oder Friedrich, stellte sich Friedrich selbst vor. Was schreiben?

Mensch, Sie Wissenschaftler sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. Arbeiten und arbeiten, und das Leben zieht vorbei! Geht der Mäher nicht?, fragte Onkel Jürgen.

Der Motor, nickte Friedrich kleinlaut. Peinlich, dem Professor auch noch den Mäher geschrottet zu haben.

Schauen Sie mal hat der Sauer bestimmt noch irgendwo ne Sense. Sein Vater und der Opa haben damit immer gemäht, als sie noch Kühe hatten und das Gras holten. Suchen Sie!

Jürgen deutete zum Schuppen und verschwand im Gebüsch.

Friedrich zuckte die Schultern, kaute an seinen Lippen. Mit der Sense? Ewig nicht gemacht!

Er suchte, fand schließlich eine, das Sensenblatt sorgsam in öligen Papier eingewickelt, der Stiel ragte bis zur Decke.

Er nahm das Werkzeug, orientierte sich

Und plötzlich war er weg in der Kindheit, in der stickig-heißen Mittagssonne im Juli, die ihm auf den Rücken brannte, als kleiner Junge mitten auf der Wiese, das Gras bis zu den Knien, Grillen zirpten, und vor ihm

Vor ihm, sein Vater, das Hemd ausgezogen, schon tief gebräunt, stark, muskulös, die Schultern spielten kraftvoll, Hände führten die Sense, und das Gras duftete scharf, so dass es in der Nase kitzelte. Schwung, noch einer, wieder einer

Papa, darf ich?’, fragte der Junge Friedrich.

Der Vater drehte sich um, das Gesicht von Schweiß glänzend.

Mach nichts kaputt. Vorsicht mit den Beinen. Schön gleichmäßig und ruhig! Alles andere lernt sich, die Hände merken sichs schon!, lobte er, schob Friedrich, half ihm beim ersten Schwung, trat dann zurück.

Nur selten hatte Friedrichs Mutter ihn zu den Vater auf dem Land gebracht, wenn sie dienstlich verreiste. Die Eltern waren geschieden, Friedrich lebte bei der Mutter, aber der Junge vermisste den Vater jedes Mal war es eine Freude.

Der Vater roch nach Tabak, Lagerfeuer, ein bisschen Benzin und Einsamkeit.

Klappts?, fragte Friedrich.

Na klar! Aber aufpassen, immer schön den Blick voraus!, nickte der Vater. Eigentlich war ihm nun gar nicht mehr nach Rauchen wozu auch, wenn der Sohn ihm so Freude machte, so wie sein Opa.

Friedrich Andreas blinzelte. Er mochte sich kaum von jener Lichtung trennen, von dem Wind in den Birken und dem Duft nach Frischmilch, den die Nachbarin den Mähenden brachte. Aber die Zeit war vergangen.

Prüfte nochmal, ob die Sense scharf war, dann packte er beherzt zu, legte das Shirt ab und warf es über einen Johannisbeerstrauch. Jetzt fühlte er sich frei, wie damals. Wie es eben der Vater gezeigt hatte.

Die Hände wussten es instinktiv das Sensenblatt schnitt das harte, überwachsene Gras, oben trocken, unten dunkelgrün und würzig riechend.

Und plötzlich war der Kopf leer. Keine Dissertation, keine Fristen, keine missglückten Kapitel, keine Sorgen und Zweifel nur Muskelbrennen, ein fernes Glockenläuten, Zugklappern und das Gezwitscher in den Apfelbaumzweigen, und die Sonne im Westen

Friedrich wünschte sich plötzlich sehr, dass Valeria ihm beim Mähen zusah, spürte, wie sich seine Muskeln bewegten, wie kräftig er war; und dass sie ihm später Milch brachte, mit einer kleinen Kanne, ihm ein Grashalm von der Schulter wischte und dann

Friedrich wurde sogar rot bei diesen Gedanken, erging sich noch energischer in der Arbeit.

Er stoppte erst an der Grundstücksgrenze, drehte sich zufrieden um und erschrak, als er Valeria auf der Treppe sitzen sah. Es passierte wie gewünscht: Sie beobachtete ihn, trat ihm dann entgegen und reichte ihm eine Tasse Milch, von den Nachbarn geschenkt, wartete, bis er getrunken hatte, dann umarmte sie ihn und küsste ihn lachend, weil Friedrich weiß geschäumte Milchbart hatte. Valeria roch nach Johannisbeeren und Äpfeln, und ihre Lippen schmeckten süß, leuchtend rot und wunderschön

Erst zwei Tage später merkte Friedrich, in der Nacht, wie viele Tage schon vergangen waren, zog sachte seinen Arm unter Valerias Kopf hervor und ging hinunter ins Arbeitszimmer von Sauer.

Dort öffnete er hektisch das Notebook, begann zu tippen, löschte, schrieb neu, murmelte, griff nach Büchern, blätterte, machte Notizen, nickte zufrieden.

Nur ein Buch fehlte dort das Gedichtband von George. Den hatte Friedrich bereits am ersten Abend auf die Veranda mitgenommen, als sie dort Tee tranken.

Nachtschmetterlinge tanzten an der Lampe, Grillen zirpten, irgendwo rief eine Eule, Nachbarn hörten Radio, und Friedrich, auf den Treppenstufen sitzend, wartete, bis Valeria sich neben ihn kuschelte, ihren Kopf auf seine Schulter legte, sich in ein Tuch wickelte und leise wurde dann las er ihr Liebesgedichte vor. Alles war in diesem Moment unwichtig: der kaputte Rasenmäher, die ungeschriebenen Kapitel, Sauer, der Sehnsüchtig auf einen Anruf warten mochte. Das Wichtigste war jetzt, an diesem Abend auf der Veranda, die nächste Seite von Friedrichs Liebesgeschichte, zart und warm wie Valerias Lippen.

Friedrich verstand, warum Sauer Gedichte im Arbeitszimmer aufbewahrte. Ohne sie kamen nicht einmal Wissenschaftler aus.

Friedrich Andreas kam gebräunt und glücklich zurück zu Sauer mit Blasen an den Händen.

K.O.?, fragte Mischka mitfühlend.

Alles gut, erwiderte Friedrich kämpferisch. Jetzt war er wieder stolz auf sich.

Fertig geschrieben?, fragte Sauer, übergab die Schlüssel, zog die Braue hoch.

Ja. Habe ich Ihnen doch gestern schon geschickt, wurde Friedrich nervös.

Habs nicht gekriegt, blinzelte Sauer streng, dann lächelte er breit. Na, Scherz! Gelesen habe ich es bereits. Ich bin nicht mit allem einverstanden, aber das sind Kleinigkeiten. Gut gemacht! Sehen Sie, was frische Landluft ausmacht! Sie liefen ja schon ganz grün rum, zum Fürchten. Merken Sie sich, all unsere Aufsätze sind nur dann was wert, wenn man das richtige Leben nicht verpasst. Wenn man für das Leben, die Frau, den Atem keine Zeit hat, braucht’s auch keine Dissertation. Das habe ich durch. Es stimmt nicht, dass ich in einem Monat geschrieben habe. Zwei Jahre hab ich gelitten, meine Ehe fast ruiniert, mich im Zimmer verbarrikadiert bis alle weg waren und ich alleine war. Erst da habe ich es begriffen Bin auch auf Land gefahren, habe mit der Sense gemäht von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang, und dann kam meine Frau, und Sie verstehen.

Ihre Frau, Maria, mag sie George?, fragte Friedrich schüchtern, nestelte wieder am Tisch herum.

Sie liebt mich, lächelte Sauer. Na los, ändern Sie noch die paar Sachen, die ich angemerkt habe, wir sprechen nächste Woche. Jetzt gehen Sie.

Friedrich erhob sich, zögerte, setzte sich wieder.

Ja, was denn noch?, nippte Sauer an seinem Tee.

Ich hab Ihren Rasenmäher geschrottet. Erst lief er noch… dann nicht mehr, gestand Friedrich.

Der war eh seit fünf Jahren kaputt. Machen Sie sich keinen Kopf! Und danke fürs Grundstück ich hätte da gar nichts geschafft

Friedrich nickte, schlich zur Tür hinaus und hörte, wie Michael Jakob mit seiner Frau tuschelte. Als er sich umdrehte, sah er, wie Sauer lächelte, ganz zuhause, fast jünger wirkend

Gut, dass er Friedrich so eingeladen hatte, ihn aus dem Dickicht seiner Verzweiflung gezogen und ihm geholfen hatte. Was für ein Mensch!

Ja, Valeria, Liebe ist wirklich eine große Kraft. Niemand kann sie ergründen, keine Chemie der Welt. Sie ist einfach da, und ohne sie braucht man nichts anderes, das ist alles nur Hektik, sagte Friedrich am Abend, als Valeria von der Arbeit heimkam und zum Abendessen niederließ.

Valeria nickte. Hektik Und über allem leuchtet die Liebe, wie eine kleine Lampe. Solange sie brennt, ist alles gut, sonst ist die Welt nichts wert. Und jeder hat sie, seine eine, einzige Liebe. Tauschen kann man sie nicht, verliert man sie, hat man alles verloren

Danke für Ihre Aufmerksamkeit, liebe Leserschaft.

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Homy
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Das Allerwichtigste
Oje, Olya, was ist denn mit diesen überflüssigen Kilos von dir? Ist das nicht ein Problem? – Dimas Mutter gab nicht nach. – Meiner Meinung nach habe ich keine überflüssigen, vor allem, weil mein zukünftiger Ehemann sie durchaus zu schätzen weiß. Nicht jede Frau muss rank und schlank wie ein Model sein. – Olya musterte Elena und Dimas Mutter mit spöttischem Blick. Elena wurde vor Empörung knallrot angesichts solcher Frechheit. – Mama! Hast du wieder Abnehmtee gekauft? Oder Chia-Samen? Warum hast du mir so viel Butter in den Brei getan – das macht doch dick! Dima, hast du wieder Hefebrot angeschleppt? Das ist doch ungesund! Morgens muss man drei Gläser Wasser trinken, sonst nimmt man nie ab… Wo ist mein Wasser?! – Solche Sprüche musste Dima schon von klein auf hören. Seine Mutter und seine große Schwester waren ständig mit ihrer Figur beschäftigt. Inzwischen war seine Schwester schon achtunddreißig, immer noch unverheiratet und erinnerte Dima an ein ausgemergeltes, ständig hungriges Pferd. Seine Mutter glich einer strengen, geraden Stricknadel. Das ging Dima so auf die Nerven, dass er sich immer zu lebensfrohen Menschen mit gutem Appetit hingezogen fühlte. Er träumte davon, eine Frau zu finden, die ganz anders war als seine Mutter und Schwester. Und er hat sie gefunden! Sie hieß Olga. Olga… Schon ihr Name klang weich und lecker, wie ein duftendes Stück Kuchen. Nein, Olga war nicht dick. Aber bei einer Körpergröße von 1,73 m wog sie 85 kg. Und all diese Kilos strahlten Gesundheit und Lebensfreude aus: großzügiger Busen, schmale Taille, weibliche Formen und Grübchen auf den vollen Wangen, die man am liebsten knuffen wollte. Das alles begeisterte Dima vom ersten Moment an. Eines Abends brachte er seine Schwester in die Sparkasse. Sie zog eine Nummer, setzte sich auf den Warteplatz – und Dima spazierte wartend durch die Bankhalle. Plötzlich hörte er ein silbriges, glockenhelles Lachen – leise, aber so ansteckend, dass Dima unwillkürlich lächelte. Er wollte die Besitzerin dieses Lachens unbedingt sehen, konnte nicht widerstehen und ging dem Klang nach. Es war die junge Frau am Serviceschalter, die gerade einen älteren Kunden bediente. Der hatte wohl einen Witz gemacht, und sie lachte erneut auf. Dima konnte den Blick nicht von ihr wenden… Ihr Haar fiel in Wellen, ihr Mund war wie gemalt – und sie hatte eindeutig weibliche Kurven, das sah man auf den ersten Blick… Im Auto mit seiner Schwester war Dima zwar körperlich anwesend, aber in Gedanken immer noch bei der hübschen Bankangestellten. – Dima, hörst du mir eigentlich zu? – fragte Elena gereizt. – Aber sicher, Elena, natürlich höre ich zu… – krampfhaft versuchte Dima zu überlegen, worüber sie gerade sprach. – Ich habe meinem Verehrer gesagt, dass ich kein gebratenes Fleisch esse, nur gekochte Putenbrust… – beschwerte sich die Schwester. Dima nickte mitfühlend und schnalzte missbilligend mit der Zunge. Am nächsten Tag fuhr er gegen Abend direkt zur Bank. „Sein“ Schwarm war da, Dima atmete auf. Er wartete den Feierabend ab, holte einen Strauß Rosen aus dem Auto und ging auf sie zu. – Sagen Sie mal, brauchen Sie zufällig einen Mann? Oder sucht Ihre Mutter noch einen Schwiegersohn? – platzte er mit einer eingesessenen Floskel heraus und hielt ihr die Rosen entgegen. Wahrscheinlich war sein Gesichtsausdruck so unbeholfen und witzig, dass sie laut auflachte – aber die Rosen nahm sie doch. – Wahnsinn… wie schön! Und wie die duften! – Sie steckte das Gesicht in die Blumen, während er sie glücklich ansah… Von diesem Tag an waren sie unzertrennlich. Manchmal weiß man einfach: Das ist mein Mensch, ich brauche nichts anderes mehr im Leben. So ging es Dima mit Olga. Einen Monat später machte er ihr einen Antrag und sie sagte überglücklich Ja. Jetzt mussten sie nur noch die Eltern vorstellen. Olgas Eltern empfingen sie mit reich gedecktem Tisch, Lachen und lebhaftem Geplauder. Olgas Mutter, eine große und schöne Frau, drückte Dima beide Wangen und brachte ihn damit total aus dem Konzept. Der Vater klopfte kameradschaftlich auf die Schulter und nahm ihn mit in die Küche. – Rette dich vor den Frauen, sonst machen sie dich ganz fertig. Aber keine Sorge – Natalja, Olgas Mutter, ist friedlich, deswegen liebe ich sie seit dreißig Jahren. Und unsere Olga ist ein Diamant. Pass gut auf sie auf, mein Sohn. – Olgas Vater blickte ihn eindringlich an. Danach saßen sie lange am Tisch, aßen mit Appetit, lachten laut, erzählten lustige Geschichten. Später griff Ivan Dmitrijewitsch, Olgas Vater, zur Gitarre und alle sangen gemeinsam. Dima fühlte sich so richtig wohl und geborgen, als würde er diese Familie schon ewig kennen… Drei Tage später ging es zu Dimas Eltern. Unterwegs hielt Olga in einer Konditorei an und kaufte handgemachte Eclairs für die Damen. Um fünf Uhr klingelten sie an der Tür. Dimas Mutter, Gabriele Anatoliewna, machte auf. – Oh… Hallo, meine Lieben… – Sie sah Olga verblüfft an und erstarrte mit offenem Mund und Hand an der Türklinke… – Mama, ich hab dich auch lieb. Wollen wir vielleicht nicht im Flur stehen, sondern reingehen? – Dima drückte sanft nach, und endlich kamen sie ins Wohnzimmer. – Natürlich, mein Junge, natürlich… Kommt rein… Und Sie sind wohl Olga, ja? – Sie fasste sich und musterte Olga schamlos von Kopf bis Fuß. – Ja, ich bin Olga! Und ich freue mich sehr, Sie kennenzulernen. – Olga streckte ihr die Hand entgegen und trat ein. Dimas Mutter blieb noch einen Moment erstaunt stehen. – Papa, Elena, Mama – das ist Olga, meine Verlobte. Wir haben uns angemeldet – die Hochzeit ist bald! Olga, das ist meine Familie: meine Schwester Elena, Mama Gabriele Anatoliewna und Papa Nikita Sergejewitsch. Die Nachricht schien Dimas Familie völlig zu überrumplen. Schweigend saßen sie am Tisch, es klapperten nur die Bestecke… – Also! Olga! Herzlich willkommen in unserer Familie, wir freuen uns sehr! Habt ihr auch was mitgebracht? Oh, genau richtig! Und Leckereien sind auch dabei, die sind wohl für euch Mädels. – rettete Vater Nikita Sergejewitsch die Stimmung. – Nein, nein, bei uns gibt es abends keine Törtchen. Wirklich, Olga… – Dimas Mutter schob die Schachtel Eclairs förmlich angeekelt von sich weg. – Ihr nicht, aber wir schon! Her damit, wir schauen mal! Ich wette, Olga bringt nur sehr Feines mit, stimmt’s Olga? – lachte der Vater. Alle entspannten sich etwas. Der Tisch war bescheiden, aber nett gedeckt – Schokolade, kleine Snacks, eine Flasche Sekt. Man stieß an, trank, dann herrschte wieder eine stumme Spannung. – Mama, ich habe Olgas Eltern kennengelernt. Wirklich tolle Leute, euch würden sie gefallen. – warf Dima ein, um bloß irgendetwas zu sagen. Olga betrachtete ihr Sektglas. Elena starrte nur Olga an. Vater begann einen Witz – endlich wurde wieder gelacht, und die Atmosphäre lockerte sich. – Olga, machen Sie sich mal keine Sorgen, ich kenne einen fantastischen Spezialisten. Ich stelle Sie gern vor – dann bekommen wir Ihr Problem bestimmt in den Griff. – meinte Dimas Mutter plötzlich. – Problem? Welches Problem soll ich denn haben? – Olga sah ehrlich überrascht aus. – Na, Olga, Ihre überflüssigen Kilos! Ist das denn kein Problem? – Dimas Mutter blieb hartnäckig. – Ich finde nicht, dass ich welche habe. Und meinem zukünftigen Mann gefallen sie auch. Nicht alle müssen schlank wie Streichhölzer sein! – Olga musterte Elena und Dimas Mutter ironisch. Elena wurde knallrot. – Olga, Sie haben mindestens zwanzig Kilo zu viel! Das ist ungesund. Und wenn Sie mal Kinder bekommen, will ich gar nicht wissen, wie Sie dann aussehen… – Nach der Geburt werde ich noch schöner – dann habe ich meinen Mann und mein Kind bei mir. Und Sie, Elena, sind Sie verheiratet? Ich bin sicher, so eine schlanke Frau wie Sie hat bestimmt einen attraktiven Ehemann – und mindestens zwei Kinder… – konterte Olga und biss genüsslich in ihr Törtchen. Elena schluckte empört und wollte noch etwas sagen, holte tief Luft – doch da unterbrach Vater Nikita Sergejewitsch mit einem Toast und füllte die Gläser nach. – Auf die Frauen dieser Familie – so verschieden und doch alle geliebt! Nach etwa zwei Stunden gingen Dima und Olga nach draußen. Sie sahen sich an, seufzten – und fingen plötzlich gleichzeitig an zu lachen. – Tja… Damit hatte ich echt nicht gerechnet – dass meine zukünftige Schwiegermutter mir sagt, ich sei zu rund! – Olga, Liebling, du bist wunderschön und du weißt es! Und Mama und Elena… vergib ihnen. Verwandte kann man sich leider nicht aussuchen. Die Hochzeit war auf den 25. August angesetzt. Freunde und Verwandte kamen ins Standesamt und anschließend ins Restaurant. Die Braut strahlte in ihrem wundervollen Kleid, das ihre weibliche Figur vorteilhaft betonte. Der Bräutigam konnte die Augen nicht von ihr lassen. Olgas Mutter Natalja Jewgeniewna stand ihrer Tochter in Schönheit und Figur in nichts nach. Ihr elegantes Kleid betonte die tollen Kurven. Die Männer kamen gar nicht aus dem Staunen heraus. Sie unterschied sich deutlich von der hageren, kleinen Schwiegermutter im dunklen Etuikleid. Auch Dimas Schwester Elena war wie ihre Mutter – nur etwas jünger. Die Musik begann, das Brautpaar tanzte den Hochzeitstanz – man sah sofort: Für sie beide existierte in diesem Moment niemand sonst auf der Welt. Die Gäste verharrten in stillem Staunen. – Tja… Der Braut täte ein paar Kilo weniger ganz gut. Sie ist schon ziemlich stattlich. Das Kleid macht sie sogar noch breiter… – murmelte Dimas Mutter unzufrieden. Wie sagt man doch – ein Wort ist wie ein Spatz: Ist es erstmal hinaus, holst du es nicht zurück… Wahrscheinlich hätte Gabriele Anatoliewna am liebsten alles ungeschehen gemacht – aber es war zu spät, sie hatte es gesagt. – Übrigens, jede Menge Männer stehen gar nicht auf Knochen. Die bevorzugen richtige, lebendige Frauen. Ihr Sohn übrigens auch. Und Sie, Schwiegermutter, nehmen Sie sich gefälligst mit ihren Worten zurück! Ich bin zwar weich, aber wehe, jemand will meiner Tochter schaden – dann kann ich ziemlich temperamentvoll werden… – schritt Natalja Jewgeniewna energisch vor und trieb Dimas Mutter mit ihrer stolzen Figur wortwörtlich in die Ecke. Einige Augenblicke starrten sich die beiden Frauen an. Dimas Mutter ängstlich, Natalja Jewgeniewna entschlossen. Vater Ivan Dmitrijewitsch schaltete sofort und lenkte die Stimmung wieder um: – Oh! Mädels! Ich sehe, ihr habt euch blendend angefreundet. Aber jetzt entführe ich meine Frau zum Tanzen, Frau Gabriele Anatoliewna! Natalja, mein Schatz, unser Tanz! Das junge Paar hat getanzt – jetzt sind wir Alte dran. Er umarmte stolz seine Frau, und sie wirbelten im Walzer übers Parkett. Die Musik spielte, lauter fröhliche Gesichter – die Hochzeit ging weiter, wie man in den Schlagern sagt, mit Gesang und Tanz. Bleibt zu hoffen, dass das junge Paar glücklich lebt – und reich an Liebe und Glück wird… Denn das ist schließlich das Wichtigste, oder?