Niemals

Niemals
Felix stürmte aufs Dach, wütend, zitternd, und erstarrte, als er sie erblickte. Sie war eine ganz gewöhnliche ältere Dame, trug einen verwaschenen Trenchcoat, hatte silbrig-lila Locken auf ihrem kleinen Kopf und saß trocken, mit feinen, auf den Knien verschränkten Händen im Schloss, schwachen Beinen in sandfarbenen Strümpfen, und Schuhen mit breiten, orthopädischen Kappen, von denen sein Vater immer sagte: Da ist die Jugend dahin!

Ja, an solch einer Oma die Felix gerade verblüfft musterte waren genau solche Schuhe. Und ja, sie die Oma war vollkommen gewöhnlich. Felix machte solchen in der Straßenbahn Platz, drängte sich mit ihnen in Bäckereischlangen, und sie saßen auf Bänken vor den alten, mit abgeblättertem Lack überzogenen Plattenbauten. Da gehörten sie hin im Sonnenschein, in Stille und Frieden, lebten sie zu Ende. Oder, wie Vater schmunzelte, gingen sie ihren letzten Weg.

Aber Die Omi, auf die Felix, wie versteinert, starrte, saß nicht auf der Bank, sondern auf dem Dach, ganz am Rand des kalten, vom Regen rutschigen grünen Blechs, baumelte mit den Beinen und blickte nach vorne. Ein schmaler Streifen der untergehenden Sonne stach ihm, halb von schwarzen Wolken bedeckt, ins Auge und die Frau blinzelte. Dann nestelte sie an ihrer Seite, zog ein Woll-Barett hervor, zog es sich über die Ohren, schob mit arthritisch verbogenen Fingern die Locken darunter. Ihr Gesicht war feuerrot vom letzten Glanz der Sonne.

Felix schluckte.

Eine Oma macht alles kaputt! Sie darf einfach nicht hier sein! Alles sollte doch ganz anders sein: Nur er, Felix, der unglückliche Pechvogel, der, mit tropfender Nase und zerzaust, verloren auf dem nassen, rutschigen Dach steht und das einzige, was fehlt, ist der letzte Flug. Kurz, schrecklich, Ende. Und dann würde er verschwinden. Seine Mutter würde ihr Leben lang leiden und an seinem Grab weinen. So wollte Felix sich rächen.

Das Woll-Barett hat alles durcheinandergebracht, ließ Felix zögern. Ausgerechnet vor Zeugen? Es war plötzlich peinlich. Nicht, dass die Oma gleich zu zetern begänne, schrie: Hilfe, Leute, helft doch!, Felix an Armen und Hosenbeinen packte Dann würden die Leute unten auf dem Bürgersteig hochschauen, ihn erkennen, seine Mutter anrufen und sie würde weinend ankommen, flehen, dass er nicht springen soll, dass sie ihn liebt, dass sie es nicht überlebt

Felix Vater, Karl-Heinz Martin, Forscher in einem Institut, nannte solche Frauen durchschnittstypisch. Dieses Wort benutzte Karl-Heinz ziemlich oft. Der Nachbar Schröder wäre nicht durchschnittstypisch, dessen Frau habe sowieso eine Schraube locker. Felix Lehrerin normal, aber der alte Werklehrer Herr Borchert, der schon Karl-Heinz als Kind holzbearbeiten lehrte, habe diese Grenze der Normalität längst überschritten.

Felix Vater war gebildet, fast wie ein Psychiater, aber eben nur Beobachter und Schreiber, kein Behandler. Ein Wissenschaftler durch und durch. Er sagte gerne:

Weißt du, Felix, ich dokumentiere, wie unsere Gesellschaft langsam verblödet. Du ahnst ja nicht, wie viel schlechte Charaktereigenschaften wir häufen. Schau dir nur deine Mitschüler an

Schon holte er aus, um aufzuzählen, wie schlecht Felix Freunde alles machten, doch Felix Mutter, Marianne, unterbrach:

Jetzt hör auf, Karl! Das ist unfair! Du verletzt Felix, er mag seine Freunde. Es reicht! Deine Theorien hört sowieso keiner gern.

Der Vater war sofort beleidigt. Dann stritten sie.

Marianne gefiel es nicht, was er sagte. Natürlich, sie hatte ihn so geheiratet klug und belesen , aber dennoch

Du bist so kalt geworden, Karl. Früher warst du zärtlich, jetzt beurteilst du alles und alle, während du

Ich bin nur erwachsen geworden. Und du bist immer noch das Mädchen, das glaubt, die Menschen ringsum sind zauberhaft. Nimm endlich die rosarote Brille ab! Wir leben im Zeitalter der Hässlichkeit und Dekadenz. Und Felix muss das wissen!

Marianne schüttelte verzweifelt den Kopf, hielt sich die Ohren zu und ging.

Sie hatte sich in ihn verliebt klug, weltgewandt, es war immer angenehm, ihn mit ins Theater zu nehmen. Für ihre Freundinnen war er etwas zu langweilig, aber das war nur Neid, fand sie.

Als Ehemann war Karl auch nicht gerade schlecht. Jedenfalls kannte Marianne nichts anderes.

Karl hatte SIE auserwählt, auf sie geachtet, behutsam umworben, nie gedrängt. Geduldig und auch zärtlich, lobend meine kluge Marianne.

Einzigartig war sie nie gewesen, ihr Leben lang wurde sie von Mutter und Oma für alles getadelt. Felix war das erste Kind ihrer Ehe, sogar die Geburt verlief schwer, und sie erholte sich lange davon.

Karl war unzufrieden, gab jedoch den Ärzten die Schuld.

Pfusch! Die sollte man alle verklagen! Ich werde den Laden aufdecken! schimpfte er als Marianne mit Felix und vielen Problemen nach Hause kam.

Felix ähnelte nicht dem Vater rötlich, helle Haut, fast weiße Brauen. Karl runzelte die Stirn, schwieg aber, denn Felix freute sich immer so, den Vater zu sehen, dass alles andere egal wurde.

Das Kind lief früher, sprach früher, kannte die Buchstaben mit drei, las Silben mit vier. Dank Felix Großmutter, Pauline, entschied der Vater, dass er mit fünfeinhalb in die Schule muss.

Er ist besser als durchschnittlich, Marianne! Das muss man fördern.

Also taten sie das. Schule, Sportverein, Geige, Theatergruppe Marianne begleitete Felix zu allem, was Karl aussuchte. Abends wurde Bericht erstattet.

Karl-Heinz las Zeitung, trank Tee aus hauchdünnem Porzellan, aß Pastillen, nickte, manchmal runzelte er die Stirn das hieß, die Erfolge waren nicht wie erhofft. Aber Entwicklung verläuft sprunghaft, wusste er, auf ein Plateau folge ein Leistungsschub. Ist eben sein Sohn

Felix wuchs, der Vater wurde älter, schon elf Jahre älter als Marianne, mitgrauen Schläfen aus Sorge, behauptete er.

Worüber er sich sorgte? Über die Welt, natürlich! Seine Forschungen zeigten: Kinder verblödeten, Kunst versank

Macht nichts, Felix. Ihr, die Besonderen, ihr werdet durchhalten. Ich werde das wohl nicht mehr erleben, und nach dieser tragischen Pause erwartete er, dass Frau und Sohn ihn beschwichtigten.

Doch Marianne schwieg und Felix wurde immer mehr wie er, verdrießlich und verschlossen.

Die Eltern stritten ständig. Warum, das wusste Felix nicht. Ist normal, sagte sein Freund Max.

Dessen Eltern waren keine Durchschnittstypen, sondern einfach Trinker. Karl-Heinz mochte Max nicht, verbot Felix den Umgang aber Felix mochte Max: lustig, freundlich, unkompliziert

Ruhe kehrte nie ein.

Eines Tages kam Felix aus dem Schwimmbad und hörte, wie die Mutter in der Küche schrie.

Wie konntest du so etwas denken, Karl?! Es ist deine Mutter! Lass sie zu uns ziehen, ich habe es oft vorgeschlagen! Wenn nein, dann eine Pflegerin das geht heutzutage. Aber so so einen Menschen abschieben, das ist grausam, kalt und gemein, wie einen alten Hund!

Sie verstummte. Der Vergleich war zu hart.

Vater erwiderte irgendetwas: Konsequent, Alles durchdacht, und dann noch etwas über ihre Mutter.

Er sagte, er sei enttäuscht, dass sie ihn nicht unterstütze, dass er sie zuvor analysiert, ihr Umfeld geprüft habe und dass sie ihm jetzt nicht genügt. Seine Wahl, auf Verstand, nicht Gefühl!

Im Endeffekt war ich stolz, dass du mich genommen hast, nicht Angela oder Franziska Ich hielt das für Liebe, für Schicksal Marianne lächelte bitter. Dabei hast du nur analysiert Oma Pauline werde ich dir nie verzeihen. Nie! Hau ab!

Felix, verwirrt und hungrig, fing einen Blick der Mutter auf und rannte wortlos aus der Wohnung, die Stufen hinunter und die Straße entlang. In den Ohren klingelte noch ihr: Hau ab!

Sie hat ihn rausgeworfen! Was wird jetzt? Ohne Vater?

Felix blieb stehen, stützte die Hände auf die Knie und rang nach Luft.

Das ist Unsinn. Morgen ist alles wie früher! entschied er und ging heim.

Am nächsten Morgen war aber nicht alles wie früher. Am Koffer stand Karl-Heinz, die Mutter stellte Posten zusammen, warf Notizbücher und Rasierwasser in eine Plastiktüte. Selbst den Schlüsselbund und Brillen bereitgelegt zum Lesen alles raus.

Was tust du da?! schrie Karl, riss an seinen Sachen.

Hör auf, Marianne! Du bist verrückt! Ich allein bin etwas wert. Ohne mich bist du nichts.

Dank dir bin ich niemand. Ja, ich bin selber schuld Du hast analysiert Sie lachte bitter. Oma Pauline vergebe ich dir nie. Geh jetzt!

Felix Vater drohte, dass sie noch nackt auf die Straße rennen werde und ihn anflehen würde heimzukehren

Da schlug Marianne ihm ins Gesicht. Schmerzhaft, laut. Sie ballte die Faust, versteckte sie. Das ist mein Zuhause. Jetzt geh.

Deine Mutter ist verrückt! Ich rufe die Arbeit an, und du wirst gefeuert!

Da warf Marianne den Koffer und die Tüte auf den Flur. Etwas zerbrach, vielleicht die Brille.

Wütend, außer sich, schimpfte Karl und verschwand ohne Felix zu verabschieden.

Mama, was ist los? fragte Felix die Mutter, die mit verbissener Hingabe den Flur fegte.

Ich lebe nicht mehr mit deinem Vater. Er wohnt ab sofort woanders. Ab heute.

Felix starrte sie an.

Du machst Witze, oder? Es wird wieder wie früher? Papa kommt zurück?

Nein, Marianne lächelte. Niemals wie früher. Papa kommt nicht. Du kannst ihn anrufen.

Sie verschwand in die Küche, klapperte mit Geschirr, summte sogar. Dann Wasserrauschen

Felix schwänzte die Schule. Er musste nachdenken.

Was wird nun? Leben ohne Vater? Plötzlich Angst, die Hände schwitzten. Vater hasste es, seine feuchten Kinderhände zu spüren, schüttelte sie ab.

Er musste Vater anrufen.

Eineinhalb Stunden lief Felix umher, dann wählte er die Nummer. Karl-Heinz hob nicht ab, schließlich drückte er das Gespräch einfach weg.

Felix wurde wütend, rief immer wieder an. Endlich nahm Vater ab.

Was willst du?! Hat deine Mutter dich geschickt? Sag deiner Mutter, dass sie zu mir kommt, auf Knien dann vielleicht Verstanden?! brüllte der Vater.

Papa, ich wollte nur begann Felix.

Doch Vater hörte nicht zu, schrie, dass sie und Felix Dreck seien und legte auf.

Aber Felix war nicht schlecht! Das war Mamas Schuld! Weil sie nicht erklärt hat, warum alles so kam. Also war sie falsch. Und der Vater war böse auf ihn.

Abends schwieg Marianne, trank Kaffee, Zigarette um Zigarette, blies den Rauch mit finsterem Gesicht zum Fenster hinaus. Am nächsten Tag verkündete sie, dass sie Oma Pauline zu sich holen werden.

Warum?! Sie hat doch ihre Wohnung! Es wird eng Felix zögerte. Vater meinte, Oma sei nicht mehr normal, was ihn störte. Oma Pauline spinnt doch!

Hör auf! Marianne hieb auf den Tisch. Pauline braucht Pflege. Sie hat uns viel gegeben! Während du klein warst und ich arbeiten musste, war sie für dich da! Das ist doch klar! Warum verstehst du es nicht? Es ist das Richtige

Felix schaute streng zurück. Richtig Das wusste doch immer nur Karl-Heinz.

Du entscheidest für alle. Ich will das nicht! Du hast alles zerstört! Warum?! Er krampfte das Tischtuch in den Händen.

Wir können nicht mehr zusammen leben. Das geht nicht. Er gibt Pauline ins Heim. Aber das ist unsere Oma!

Marianne erklärte nichts weiter. Sohn musste selbst verstehen sie hatte entschieden.

Felix rannte in sein Zimmer.

Am nächsten Tag schrieb er einen Abschiedsbrief an seine Mutter, listete alte Verletzungen auf, das Hauptvergehen sie hatte Vater verjagt, jetzt kommt Oma. Sie

Felix stand auf dem Dach, das Hemd aufgebläht vom Wind. Kalt liefen Schauer seinen Rücken runter.

Auch der Oma schien es fröstelig, sie zuckte zusammen, schaute zu ihm.

Guten Tag, presste Felix hervor.

Und grüß dich schön, Junge. Willst auch die Sonne anschauen? Komm, setz dich, ist Platz, ein dünnes Händchen wies neben sich.

Felix wollte rufen, warum er da war er mochte keine Sonnenuntergänge! In der Wohnung liegt schon sein Abschiedsbrief, in dem er die Mutter verflucht hatte.

Doch er rief nicht. Schritt stattdessen vorsichtig aufs glitschige Blech zu ihr. Seine Turnschuhe klapperten, hoffentlich rief jetzt keiner die Feuerwehr oder Polizei, alles würde platzen.

Nur keine Eile, wirst schon noch Zeit haben, murmelte die Oma, als wüsste sie, was Felix vorhatte. Schau, wie sich das Sonnenlicht küsst.

Er blinzelte, wie die letzten Sonnenstreifen hinter den Wolken verschwanden.

Sich küssendes Sonnenlicht Das sagte auch Oma Pauline gern, wenn sie im Sommer auf der alten blauen Bank saßen und auf die Felder schauten. Lang war er nicht mehr dort gewesen Vater wollte das nicht. Aber damals, auf diesem Hügel, küsste wirklich das Licht die Erde

Er dachte an die letzte Begegnung mit Pauline, vor zwei Monaten: schwach, alt, mit verängstigtem Blick.

Während Felix nachdachte, rutschte die alte Frau etwas, zeigte hinab.

Da drüben, wies sie.

Was da? fragte er.

Da springts sich besser, mehr Platz. Dort unten parken Autos, aber Syringen blühen dort Die wären schade drum. Die stehen schon lange. Schön hier, oder? Sie lächelte. Bald ist es richtig warm, wirst sehn. Aber Dir ist das wohl egal, stimmts? Zack, ein Sprung, die Leute werden sich in Scharen sammeln, Ärzte kommen, und dann in Mutter Erde, und vorbei. Sommer kommt trotzdem. Aber dich nicht mehr Willst wirklich? Sie wischte sich die Augen.

Was geht Sie das an?! Es ist gefährlich! Gehen Sie nach Hause! fuhr Felix sie an.

Wo sollen wir Alten denn noch hin? Sie zuckte, richtete den Mantel. Nirgendwo ist man willkommen. Solange man fit ist, gehts noch, aber dann Und irgendwann ists vorbei. Genieße deine Tage. Sie lächelte traurig.

Felix runzelte die Stirn. Sein Vater lästerte immer über Greise und ihr ewiges Früher war alles besser. Dabei, sagte er, gehe es ihnen prächtig, alles für sie, doch sie seien nie zufrieden.

Und eigentlich dachte Felix das auch, aber

Gehen Sie! Man sucht Sie bestimmt schon! Immer machen Sie Probleme!

So sprach Vater über Pauline sie machte Probleme: ging weg, ohne Bescheid, vergaß den Herd, es roch verkohlt, Tür zu, Müll raus und niemand kommt mehr zurück ins Haus

Gehe ja gleich, murmelte sie. Aber allein blödsinnig auf dem Dach Ich lass dich nicht hier. Sonst kommst du noch auf dumme Gedanken! Schade wärs, wirklich, Junge!

Das entscheide ich! ballte Felix die Fäuste.

Schon Aber deine Mutter sorgt sich!

Soll sie doch! Sie hat alles zerstört: Papa rausgeworfen, Oma schleppt sie jetzt an! Ich will das nicht! Ich entscheide!

Das ist dein Recht Aber vielleicht ging es eben nicht anders. Oftmals muss man trennen, auch wenn es weh tut, sagte die Oma ruhig.

Sie machen immer, was sie wollen! Entscheiden alles: Wen wir lieben, was uns interessiert, ob mit beiden Eltern oder nur mit einer leben Bleibt sie eben alleine!

Dann ists manchmal zu spät, mein Junge. Sprich noch mal mit ihr. Wenn du dann immer noch willst… Spring ruhig lass die Syrringen leben Dann wird es dich nie wieder geben. Ihre Stimme wurde dumpf.

Dieses nie wieder hallte seltsam nach. Nie wieder Nie mehr Vater sehen, nie Auto fahren, nie ein Mädchen küssen, nie hören, dass Felix ein kluger Kopf ist! Niemehr. Drei Silben. Sieben Buchstaben. Und ein langgezogenes Schreien am Ende

Felix bekam Angst. Nicht um die Mutter die hasste er gerade. Um sich selbst. So ein Schmerz!

Plötzlich wurde es dunkel, kalt. Die Wolken rissen die Sonne für diesen Abend weg. Felix wollte heim.

Aber Da war da noch die Oma. Sie musste runter. Allein schaffte sie das nie!

Kommen Sie, trinken wir einen Tee! Hier ist es doch gefährlich!

Er bückte sich, wollte sie am Mantel führen, doch sie klammerte sich am Geländer fest.

Nein. Ich bleib hier, du würdest nur genervt sein, Lärm machen Geh, ich warte noch, befahl sie.

Nein!

Doch! Die Oma hüpfte fast demonstrativ trotzig.

Da rannte Felix stolpernd zur Tür des Dachbodens.

Er würde jetzt seine Mutter holen. Gemeinsam retten sie die Fremde, bringen sie heim

Marianne hörte gespannt Felix einzelne Worte, er zog sie am Arm, beide rannten aufs Dach, öffneten die Tür, Felix zeigte auf die Stelle: Da war sie!

Marianne blinzelte, schaute im Zwielicht und runzelte die Stirn.

Was soll das, Felix? Ein Scherz? Warum bist du hier? Es gibt keine alte Frau hier.

Doch, da war sie! Genau dort! Sie gehört hier nicht hin! Was, wenn sie gefallen ist?

Er beugte sich über das Geländer

Marianne stand daneben, hielt ihn am Arm. Unten niemand. Nur Passanten, die Laternen sprangen an. Und ein Hund, der quer über den Rasen rannte.

Ist bestimmt gegangen, oder? fragte Felix.

Sicher

Sie sagte, wie Oma Pauline, dass sich die Sonne und die Erde küssen. Weißt du noch? Oma auch

Marianne ließ sich vorsichtig nieder, streckte die Beine aus. Ihr Gesicht wurde traurig, die Augen glänzten. Es war frisch, aber das tat gut kühlte sie ab!

Ich erinnere mich. Pauline ist jetzt im Heim. Dein Vater hat alles geregelt Ich habe sie heute besucht. Sie hatten abends Brei Die Betreuer sagten, das ginge leichter. Aber Pauline bekam keinen Löffel, sie aß mit den Händen, weinte. Sie hat sich nicht getraut zu fragen. Es war mir so peinlich Felix, es tut mir leid. Ich hätte dir gleich alles sagen sollen Ich dachte, dein Vater soll für dich gut bleiben, er ist doch dein Vater! Ich dachte, wir holen Pauline hierher, helfen ihr. Mit der Zeit verstehst du Felix, sie gehört nach Hause. Zu Tee und Geborgenheit

Marianne weinte still. Ihre Mutter rief regelmäßig an, lenkte, plante Zeit verschonte sie. Aber Pauline schwand dahin.

Felix wusste nicht, wie man mit weinenden Müttern umgeht. Er umarmte sie einfach ganz fest, wie früher im Sommer, wenn er nachts von Albträumen geweckt, in ihr Bett kroch und zitterte. Er traute sich nicht zu erzählen, was ihn erschreckt hatte, und sie fragte auch nie. Streichelte ihn sanft am Rücken, flüsterte: Alles gut.

Nun flüsterte er es ihr ins Ohr. Sie lauschte, nickte, weinte weiter. Der Abschiedsbrief lag schon im Müll. Damit waren alle niemals aufgehoben.

Oma Pauline zu sich zu nehmen war kein leichter Weg. Der Vater behauptete, Marianne wolle nur ihre Rente kassieren, deswegen sei sie so bemüht, wolle alles überschreiben lassen, untersagte Besuche. Doch irgendwie gelang es Marianne immer wieder, trotz Verbot, Pauline zu besuchen.

Dann kam Karl-Heinz mit dem Notar. Pauline überschreibt Wohnung und Gartenhäuschen auf ihn. Marianne und Felix bekommen nichts.

Das war der Preis Paulines Freiheit.

Dann nimm sie halt, die Alte! winkte Karl fast triumphierend ab. Das passt.

Pauline zog zu Marianne und Felix. War das leicht? Nein. Aber ein wichtiges niemals geschah jetzt: Nie bereuten sie, dass sie Pauline zu sich geholt hatten.

Oft erinnerte sich Felix an die alte Dame auf dem Dach, die da eigentlich gar nicht hingehörte. Woher kam sie? Er spähte von unten, suchte sie vergeblich. So eine Nachbarin gab es gar nicht.

Doch manchmal, wenn er den Sonnenuntergang sah, dachte Felix an die weißen Locken, das Barett so fehl am Platz auf dem Dach, aber an diesem Abend genau richtig. Sie beide Felix und die alte Frau waren im richtigen Moment am richtigen Ort. Und das war gut so. Ob sie wirklich da war oder eine Vision, war egal. Hauptsache, für Pauline, Mutter und Felix würde die Sonne unendlich oft noch die Erde küssen. Schade, dass Vater das nicht begreift. Für ihn waren sie nicht durchschnittstypisch, vielleicht gar verrückt. Soll er doch! Ein Wissenschaftler, der sich irrt. Keine Wissenschaft der Welt hat je die Liebe erklärt. Sie ist oder nicht. Bei ihm war sie eben nicht.

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Homy
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