Gestern, heute, morgen – Ein Blick auf unsere Zeit

Gestern, heute, morgen

Paul, es gibt doch auch andere Kindergärten. Warum stellst du dich so an? Meine Mutter ist wirklich nicht die beste Wahl für Luise! Klara warf ihrer Tochter einen strengen Blick zu, während das Mädchen auf dem Boden saß und an einem Bleistift kaute. In den Kitas arbeiten ausgebildete Erzieherinnen, moderne Leute, mit Ahnung. Und Mama

Ach, Klara. Paul winkte ab. Luise braucht keinen Kindergarten. Schau doch nur, dauernd sind wir krank wegen der ganzen Keime dort. Bei Oma gehts dem Kind besser!

Du kennst meine Mutter einfach nicht so gut wie ich. Es ist anstrengend mit ihr, und außerdem, sie ist alt, hat ihre Eigenheiten, die gar nicht mehr zu unserem heutigen Leben passen …

Du tust gerade so, als wäre sie ein Fossil! Deine Mutter ist ganz normal. Nun ruf sie an und sag ihr, dass Luise bei ihr bleibt …

Klara verzog das Gesicht und griff zum Telefon.

So kam es, dass Luise von Hannelore Scholz betreut wurde mit all ihrer Fürsorglichkeit, ihren Eigenheiten, mit einem bunten Durcheinander aus Glauben, Aberglauben, Traditionen und einer schier unerschöpflichen Energie, stets begleitet von der Überzeugung, dass ein schöneres Morgen gleich um die Ecke war.

Klara hatte es immer schwer mit ihrer Mutter Hannelore. Vielleicht lagen sie einfach astrologisch quer, vielleicht harmonierten ihre Charaktere nicht oder vielleicht hatte sie etwas Wesentliches übersehen, sodass die Mutter aus dem eigenen Leben gestrichen blieb. Luise aber war aufmerksamer …

Zieh deine Strumpfhosen an!

Och, Oma! Luise verzieh das Gesicht, als sie die kratzigen, gestreiften, selbstgestrickten Strumpfhosen mit dem engen, weißen Gummiband anziehen sollte, das ihr über den Bauch hinausstand. Die kratzen, ich will die nicht anziehen!

Hannelore richtete sich auf, zog ihren eigenen warmen Rock zurecht den Luise so gern umarmte seufzte und begann zu erklären, dass man sich in Windeseile eine Erkältung holen kann dabei hob sie weder Zeigefinger, der dann dramatisch sinken ließ, um alles abzuschneiden, was Luise sich ohne die Strumpfhosen erkälten würde. In Windeseile!, wiederholte Oma und dehnte die Worte, Und dann heißt es laaange behandeln.

Dann wurde sie wieder still, vergewisserte sich, ob alles dabei war: Thermoskanne, Butterbrote, Taschentuch, ein zweiter Pullover für Luise zum Wechseln. Luise beobachtete ihre Oma genau und schob heimlich die Füße in die Stiefel.

Nun mach schon, tu der Oma den Gefallen!, schimpfte Hannelore, während sie Ersatzhandschuhe einpackte. So schwer ist das doch nicht!

Jetzt seufzte Luise, setzte sich mitten im Flur auf den Boden und zog die Strumpfhosen über.

Plötzlich ertönte ein spitzer Schrei: Das Mädchen sprang hoch, verhedderte sich in den Hosenbeinen und hüpfte zur Seite.

Was ist denn jetzt? Hannelore griff sich ans Herz.

Eine Spinne, Oma! Da ist eine Spinne! Ih, ich tret sie platt! Luise holte schon aus, doch Oma zog sie zurück.

Lass sie! Das ist unsere Hausspinne, die ist mit mir aus dem alten Haus hierher gezogen sie bringt Glück!

Das Spinnchen, kaum größer als ein Stecknadelkopf, mit langen, dünnen Beinen, verschwand flink unter das Schuhregal, hin zu seinem schlichten, heimischen Glück im staubigen Eck.

Schon wieder diesen Staub!, murrte Luise und kniete, um in den schmalen dunklen Schlitz zu lugen.

Welcher Staub? Gerade gestern hab ich hier geputzt!, erwiderte Oma beleidigt und band ihren schmalen, langen Schal fest.

So, hier die Mütze, hier die Handschuhe, zieh dich an los jetzt! Frau Tamara wartet!

Luise atmete tief durch, schlüpfte in den Mantel und stürmte als Erste die Treppe hinunter, die Schlittschuhe in einer Tüte unter dem Arm.

Komm schon, ich pack sie dir in den Rucksack!, befahl Oma.

Nee, Oma, ich machs selbst. Du musst doch nicht schleppen …

Und kurze Zeit später standen sie beide im vollgestopften Bus, Oma saß mit dem Rucksack auf dem Schoß, Luise stand eng daneben, kaute am geflochtenen Zopfende, umringt von Leuten, die drängten und schoben. Aber Luise hielt aus, denn vorne wartete schon die Eisbahn, und in ihrer Tüte lagen funkelnagelneue, weiße Schlittschuhe, mit warmem Fell gefüttert. Die alten, zu kleinen Schneeflöckchen hatte Oma letzten Sonntag mit leichtem Spott den Nachbarn geschenkt, Luise ins Fachgeschäft geführt und gesagt:

Die besten für uns, bitte, zum Fliegen!

Und tatsächlich verschwand die mühsam angesparte Rente von Omas Sparbuch, verabschiedete sich klirrend wie das letzte Wechselgeldstück.

Viele Jahre später, als erwachsene Frau, würde Luise sich durch Menschenmassen am Rande einer Kunsteisbahn winden, die Hand ihrer Tochter festhaltend, um von der berühmten Eiskunstläuferin Rita Berger ein Autogramm auf eben jenen Omas Renten-Schlittschuhen zu bekommen, deren Lederfalten Geschichten erzählten …

Nächste Haltestelle: Eissporthalle, krächzte es aus den Lautsprechern.

So, da sind wir, Luise!, Hannelore, die kurz eingenickt war, zuckte auf. Komm, durch da! …

Luise kämpfte sich durch, hinter ihr Hannelore, die sich entschuldigend durchdrängte, als die Türen sich öffneten eiskalte Luft schlug ihnen entgegen.

Luise, von Glück erfüllt, warf die Jacke ab, zog die blaue Mütze mit dem gelben Streifen über die Ohren und fing lachend die Schneeflocken auf der Zunge.

Oma! Ich zieh die Strumpfhosen aus!

Nein, bloß nicht!, lachte Oma, klopfte mit ihren Filzstiefeln, half beim Binden und schickte ihre Enkelin, das kreuzende Zeichen andeutend, aufs Eis.

Und dort … Dort wirbelten die Läufer, Spritzer aus Eisstaub, die Eiskunstläuferinnen kreisten mit ausgebreiteten Armen; gemächlich schritten ältere Besucher Hand in Hand. Der Himmel spiegelte sich in der kristallklaren Fläche, Sonnenstrahlen glitzerten an den herabfallenden Schneekristallen, der Wind schob, das Kreischen der Kufen dröhnte.

Luise strahlte, sauste mit Freundinnen dahin, während die Trainerin, Frau Tamara, streng die Neulinge ihrer Wintergruppe im Blick hatte.

Schon als junge Frau hatte Hannelore einst Klara, Luises Mutter, zu Frau Tamara in den Kurs gebracht.

Ein Mädchen soll einen schönen Sport betreiben!, hämmerte Hannelore betont mit dem Finger auf den Tisch. Ein Mädchen muss auf sich achten!

Doch Klara gefiel es nie. Mutter schleppte sie zur Eisbahn kalt, die Zehen eingeschlafen, das Gewimmel auf dem Eis, die bunten Jacken, roten Wangen das war nicht ihre Welt. Viel lieber saß sie in einer Ecke und sortierte liebevoll gewaschene Bonbonpapierchen, der Hygiene wegen, oder beobachtete draußen das Gewimmel aus sicherer Distanz.

Hannelore verstand das nie.

Kind, beweg dich!

Was sitzt du wieder so herum wie ein Mehlsack?! Beweg dich, spiel mit den Mädchen aufs Feld, bau was …

Aber Hannelore fühlte ihre Tochter einfach nicht. Die kleine Luise dagegen schien genau richtig für Oma zu sein als hätten sich nach all den Jahren zwei verlorene Puzzlestücke gefunden …

Hannelore, den Mantel zugezogen, begleitete Luise auf dem Eis, stand an der Bande, wippte mit dem Fuß, als wolle sie selbst eine Pirouette drehen, atmete mal rasch, mal gelassen.

Luise raste, blickte immer wieder zu Oma, ob die auch sah, wie elegant sie Kreisfiguren und Schwünge fuhr und sich drehte.

Luise!, las sie von Omas Lippen, die keine Stimme durch den Trubel fand. Komm, ich will schauen, ob du nicht zu nass bist!

Luise kam heran, kratzte mit der Kufe an der Bande, Eis glitzerte auf der Strumpfhose.

Ganz verschwitzt bist du! Und sicher hungrig! Hier, Jacke drüber, Tee und Butterbrot!

Der Beutel knisterte, sorgfältig aufgehoben und sauber gewaschen eine Reminiszenz an alte Zeiten, in denen kein Plastiktütchen einfach weggeworfen wurde. Krümel fielen auf Luises Strumpfhosen, Wangen leuchteten vor Kälte und Freude, Oma aber freute sich einfach, dass es ihrer Enkelin gutging.

Der Weg nach Hause war lang und müde, die Beine schwer und der Kopf benebelt. Wieder Bus, wieder saß Hannelore mit dem Rucksack in den Händen, während Luise eng an ihre Schulter gelehnt einschlief. Die Straße rauschte draußen vorbei, Spuren aus Eis wie zerborstene Glasscherben …

Aufwachen, Lischen!, stupste Oma sie an. Wir müssen raus, bald kommt Mama, musst dich beeilen!

Klara stand bereits an der Tür, Schlüssel drehend.

Wo bleibt ihr denn! Schon acht Uhr, und ihr seid immer noch nicht da!, fiel sie über die beiden mit verschlafenen Gesichtern her.

Nicht schimpfen, Klara, du weißt doch, wie Luise das Eislaufen liebt. Und …

Schon klar. Ein Kind, besonders ein Mädchen, muss sich viel bewegen. Minus fünfzehn Grad draußen, und das Kind holt sich die Lunge kalt stört dich nicht, Mutter?!

Luise wusste, dass der Tag vorbei war, gleich würden Mama und Oma zehn Minuten darum ringen, wer das Mädchen mehr liebt, dann würde Oma Klara überreden, zum Abendessen zu bleiben, und der Teekessel würde fröhlich pfeifen, bevor Luise langsam zu ihren Eltern nach Hause tippelte.

Bis morgen, Oma!

Gute Nacht, Lischen! Oma gab ihr einen trockenen Kuss, schloss die Tür und blieb lange noch am Fenster stehen …

Am nächsten Tag stand Großreinemachen auf den Hochglanzböden der Abstellkammern an. Hannelore wühlte das gesammelte Hab und Gut hervor und sortierte es zusammen mit Luise. Manches, längst brüchig geworden, warf man weg; anderes das ist noch gut!, blieb. Da waren Klaras alte Spielsachen, Angeln, die Cordhose, von allen Kindern der Familie zerschlissen (die bleibt für die Urenkel!), ein Koffer mit Zeitungen, die Opa Heinrich noch zu Lebzeiten abonniert hatte Beine von alten Tischen, Lampenschirme, geheimnisvolle Hölzchen, Haken, Griffe aller Art alles wurde aufbewahrt, man weiß ja nie, was man noch brauchen kann!

Klara hasste diese Kammern. Sie glaubte, dass es dort stets nach Feuchtigkeit, Schimmel und Alter roch. Am liebsten hätte sie alles hinaus auf den Sperrmüll gebracht, all die Dinge, die irgendwann einmal nicht schamhaft, sondern einfach ins Haus getragen worden waren und geblieben sind …

Opa Heinrich schleppte alles an. Was nicht in der Wohnung passte, kam aufs Kleingartengrundstück, und was selbst dort keinen Platz fand, wurde für irgendwann aufbewahrt.

Manche nannten es Sparsamkeit und Hausverstand, Klara empfand es als widerliche Marotte.

Luise hingegen wühlte gern in Omas Erinnerungen, spürte in all den Dingen Leben und Bedeutung …

An anderen Tagen besuchten sie den Tierpark, gingen ins Museum, auf gesitteten Spaziergängen am Rheinufer lang oder malten auf den alten Plakaten, die Opa hinterlassen hatte, Mutter Natur, die uns ernährt und kleidet.

Es gab Domino, endlose Runden Lotto mit Zahlenfässerchen, ja sogar Dame. Luise saugte alles auf, lernte zählen, las bald so flüssig, dass sie Vater mit einer Zusammenfassung eines Artikels über Stahlwerker verblüffte.

Wer hat dir denn Lesen beigebracht? Du bist doch noch so klein!

Oma hats mir gezeigt, entgegnete das Kind beiläufig und verschwand zum Nachdenken ins Zimmer, ein Stück Gebäck in der Hand.

Im Sommer, wenn die Blumenbeete voller Schmetterlinge waren und das Gras vor Käfern wimmelte, wurden Omas gesammelte Einweckgläser aus dem Vorratsraum hervorgeholt.

So standen auf dem kleinen, rostigen Balkon bald Reihen von Gläsern darin Grillen, Marienkäfer, Blattläuse. Luise betrachtete sie mit ihrer Lupe, beschrieb sie Oma, die dann ihre Naturkunde-Enzyklopädie zückte. Goldkäfer, Rote Waldameise, Bockkäfer, schrieb Luise auf Pflasterband und klebte die Namen an die Gläser, um kleine Führungen für die Familie zu veranstalten.

Klara verzog das Gesicht, Paul schielte über den Brillenrand, Oma aber lobte: Ein kluger Kopf, du liebst alles, was Gott gemacht hat! …

Ein kleines Abenteuer wurde für Luise auch der Kirchgang. An Feiertagen warf sich Hannelore in ihr bestes Kleid, band Oma und Enkelin Kopftücher um und zog trotz Klaras Murren mit Luise zur alten Andreaskirche am Stadtrand. Der rote Bau mit weißen Ornamenten ragte mit seinen Türmen in den Himmel, die Glocken läuteten lang durch das Viertel, und Oma bekreuzigte sich und flüsterte ihre Bitten mal für zwanzig Jahre mehr, um Urenkel zu sehen, mal für Gottessegen für ihren frühgegangenen Ehemann.

Luise betrachtete still die Ikonen, als schauten die heiligen Gesichter direkt in ihr Innerstes.

Kerzenflammen zitterten im Lufthauch der Kirchenhalle …

An solchen Tagen war Luise nachdenklich, saß abends am Fenster, die Hände auf dem Schoß.

Später, längst verheiratet und als Vollwaise, würde sie ihren Mann schluchzend fragen, was wohl da oben sei, wenn Oma Unrecht hatte ob nicht nur Leere bliebe. Er umarmte sie, zeigte auf einen kleinen, bläulichen Stern am Himmel und sagte: Ins Nichts verschwindet niemand, das wäre zu einfach … Nein, Hannelore hat sich nicht getäuscht. Sie hat richtig geglaubt …

So wurde Luises Leben, kaum dass der Kindergarten durch das vollständige Oma-Erlebnis abgelöst wurde, erfüllt von einer wundersam reichen Tiefe. Klara arbeitete, Paul noch mehr, und Luise nahm die Lebensklugheit der Alten in sich auf, deckte abends den Fernseher mit Häkeldeckchen zu, polierte ehrfürchtig den alten Buffetschrank, den Klara schon lange loswerden wollte, doch nie einen Ersatz fand, sprach mit Hausspinnen und erzählte ihren Puppen Märchen mit Omas tiefer, brummender Stimme.

Doch die Kindheit währte nicht ewig. Luise kam in die Schule. Die ganze Familie Vater, Mutter und Oma Hannelore, die Tränen abwischte, ihr Kopftuch trug und Lebewohl-Jugend-Schuhe begleiteten sie mit riesigem Tornister und einem leuchtenden Strauß Astern.

Plötzlich war Oma selten, wie mit einem Radiergummi aus dem Alltag gelöscht.

Klara, lass mich sie abholen! Warum soll das Mädchen bis abends in der Schule sitzen?, suchte Hannelore Gründe, wollte sich in Luises neues Leben drängen.

Nein, sie macht die Hausaufgaben eh in der Schule, spielt mit anderen Kindern. Mama, schau nach dir selbst …

Also schaute Hannelore nach sich selbst aber nur halbherzig, saß meistens in der Küche, seufzte und wischte unsichtbare Krümel vom Tisch.

Wer wen mehr brauchte Enkelin Hannelore oder umgekehrt ließ sich schwer sagen. Aber beide litten.

Was findet Luise bloß an dieser alten, verstaubten Frau? schimpfte Klara. Überall alte Klamotten, Gläser, Zeitschriften, diese Teller von früher! Meine Mutter verdirbt das Mädchen komplett!

Das Klappern der Dominosteine verstummte, die Lottokugeln schlummerten im Säckchen, Luises Hausschuhe warteten vergeblich vor der Tür.

Hannelore baute sichtbar ab, der Rücken gebeugt, der Schritt unsicher. Es gab niemanden mehr, den sie überreden konnte, die Strumpfhosen zu tragen, niemanden, dem sie Porridge und Stullen hinstellte, niemanden, dessen Thermosdeckel sie hütete … Niemanden …

Hannelore mochte Ärzte nicht, ging selten in die Praxis, schwor auf Durchzug und Knoblauch zur Suppe. Zum Hausarzt kam sie erst, als das Blutdruckmessgerät längst Alarm schlug, Gesicht und Augen flackerten.

Ab ins Krankenhaus, sofort!, riefen die Ärzte. Tragen, Spritzen, Infusionen. Wo sind die Angehörigen? Wo ist die Tochter? …

Klara kam abends. Sie sammelte das Nötigste in der Wohnung zusammen Und dann überrollten sie die Erinnerungen. Die alten gestreiften Tapeten, die Bilder von Nachbarn, die Tasse mit dem Elefant, Klaras Kindheitstein, blitzblank im Schrank, die Weihnachtskaktusblüte, die zu früh erblühte. Und dazwischen Luises Bilder, bunt und naiv, für die künstlerische Entwicklung des Kindes. Wann war das alles passiert? Wie hatte Luise sich ganz in Hannelores Leben eingenistet, ohne vorher zu fragen, ohne sich zwischen Klara und Oma zu teilen?

Einmal war Luise so viel im Haus, dass sie direkt in Hannelores leeres Herz floss, und Klara hatte es übersehen …

Da stach eine seltsame Eifersucht, doch sie wich rasch einer zarten, echten Zuwendung.

Oma, Klara, Luise sie waren eins, Stücke eines großen, unsichtbaren Balls, der über die Welt rollt, jeden berührt. Klara hatte sich einst herauskatapultiert, aber jetzt griff sie wieder, fest, nach Mamas Leben und ließ nicht mehr los …

Hannelore schlief immer mehr, abgewandt zur Wand.

Oma Hannelore!, ließ der Chefarzt schweren Herzens Luise heran. Komm schon! Der Schnee liegt draußen, neue Schlittschuhe braucht’s, du kannst hier doch nicht rumliegen! Ich hab ‘ne Eins in Lesen! Du hast mich toll unterrichtet!

Ich steh gleich auf Bald darf ich raus, mein Kind, dann laufen wir in den Ferien wieder übers Eis! Wenn Mama uns lässt

Hannelore sah besorgt zur Tür, doch Klara nickte nur es machtlos, zwei Magnete voneinander abhalten zu wollen.

Luise wirbelte wieder übers Eis, Oma zählte leise die Umdrehungen mit.

Wird ein Rekord!, rief sie. Klara, sieh mal, was deine Tochter kann!

Klara sah aber nur ihre Mutter. Vor sich die junge Hannelore, im bunten Schultertuch an der Bande, damals, als Klara noch Kind war und Orientierung suchte.

Die Welt dreht sich weiter, nimmt Klara, Luise und die alte Hannelore mit und siehe: Ein kleiner Junge, in Cordhosen, torkelt mit, Oma zählt eins, zwei, drei …

Gott hat ihre Gebete erhört: Sie durfte noch den Urenkel erlebenUnd irgendwann, wenn der nächste Winter sich wie ein alter, grauer Schal um die Stadt legt, steht Luise mit ihrer eigenen Tochter am Rand der Eisbahn, während oben über den Köpfen der Sterne ein winziges Licht flackert wie das Auge einer Hausspinne, das alles sieht und bewahrt. Sie zurrt die Strumpfhose zurecht, lacht, als ihr Kind protestiert, und flüstert zum windigen Himmel hinauf: Oma, sieh nur, noch eine Runde!

Das Mädchen hebt ab, gleitet federleicht dahin, dreht Kreise aus Eisstaub, und in jeder Bewegung steckt ein winziges Stück Hannelore in der Achtsamkeit für kleine Wunder, in der Wärme gegen das große Kalte da draußen. Klara steht daneben, nimmt Luises Hand, und für einen Moment fühlt sich das Leben so vollständig an, als gäbe es kein Gestern, kein Morgen nur dieses Hier im Jetzt, in dem Liebe von Generation zu Generation fliegt wie funkelnde Schneeflocken, still und unbeirrbar, von Herzen weitergegeben.

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!: