Mamas Wohnung: Geschichten und Erinnerungen aus dem Zuhause meiner Mutter

Mamas Wohnung

Den ganzen Morgen sammelte ich meine Gedanken, während Jana mir gegenüber am Tisch saß, das Handy in der Hand. Ich bemerkte, wie sie immer wieder eine Nachricht ihrer Mutter las, und wusste, gleich würde es losgehen.

Sie hat wieder geschrieben, sagte sie, ohne aufzusehen.

Ich habs bemerkt. Du hast die Nachricht jetzt schon dreimal gelesen.

Tom, jetzt tu nicht so. Sie ist ganz allein, es geht ihr schlecht.

Jana, ihr gehts jeden Montag schlecht. Und jeden Freitag auch. Und manchmal auch mittwochs.

Sie legte das Handy auf den Tisch. Der Tisch war alt, vom Flohmarkt. Wir hatten ihn zusammen gekauft. Ich weiß noch, wie sie lachte, als sie die eingeritzte Kinderschrift entdeckt hatte. Dieser Tisch war unser, so wie die Wohnung unser war, auch wenn sie gemietet war. Sogar der Duft des Kaffees am Morgen gehörte mittlerweile zu uns.

Sie sagt, der Blutdruck wäre wieder hoch.

Weiß ich. Hast du mir auch letzte Woche erzählt. Und davor auch.

Wir können sie doch nicht so im Stich lassen, fuhr ich mir übers Gesicht. Sie ist doch meine Mutter.

Ich sage doch gar nicht, dass man ihr nicht helfen soll. Aber wir leben unser eigenes Leben. So wars doch abgemacht.

Ich stand auf, ging zum Fenster. Draußen war Oktober, die Dächer nass, unten schleppte jemand eine schwere Tasche durch die Pfützen.

Sie schlägt wieder vor, dass wir zu ihr ziehen, sagte ich leise.

Jana antwortete nicht gleich. Sie nippte an ihrem Kaffee, obwohl er schon kalt war.

Hab ich gehört, sagte sie schließlich. Hat sie schon zweimal vorgeschlagen.

Aber dieses Mal meint sie es ernst. Sie schrieb, in der Drei-Zimmer-Wohnung sei genug Platz für alle. Es wäre viel leichter für sie.

Genug Platz, wiederholte Jana langsam. Das ist jetzt das Hauptargument.

Jana

Was Jana? Ich spreche nur aus, was ich denke. Du weißt ja, ich mach das so.

Sie drehte sich zu mir. Mit ihren dreißig Jahren hatte sie immer noch einen klaren, offenen Blick. In solchen Momenten wenn ich sie da so stehen sah, an einem Herbstmorgen, halb ärgerlich, halb traurig war sie mir am allernächsten. Genau deshalb war mir das alles auch so unangenehm.

Denk einfach mal darüber nach, bat ich.

Mach ich schon. Seitdem du den Mund aufgemacht hast.

Wir schwiegen. Jana stand auf, goss den kalten Kaffee weg und machte neuen. Unsere Wohnung war klein, aber sie war unsere. In den sechs Monaten hatten wir uns so eingerichtet, dass jeder Winkel vertraut war. Sogar das knarrende dritte Parkettbrett vor dem Bad hatte seinen eigenen Platz bekommen.

Rede mal mit ihr. Erklär es ihr, sagte Jana.

Was soll ich erklären?

Dass wir gut zurechtkommen. Dass wir sie besuchen, unterstützen. Aber dass wir nicht einziehen.

Sie wird es nicht verstehen. Sie ist überzeugt, wir lassen sie alleine sterben.

Tom, sie ist eine Rentnerin mit Blutdruckproblemen, aber sie versteht es, genau das in Szene zu setzen. Das ist nicht das Gleiche.

Ich antwortete nicht. Ich sah zum Fenster hinaus. Jana wusste, dass der Streit nicht vorbei war, sondern dass ich nur nach innen gekehrt war wie immer, wenn ich weder zustimmen noch widersprechen konnte.

Meine Mutter heißt Brigitte Müller. 58 Jahre, seit letztem Jahr im Ruhestand, gute Drei-Zimmer-Wohnung in einem ruhigen Stadtteil von Köln, von ihren Eltern geerbt. Jana kennt sie seit Anfang unserer Beziehung vor zwei Jahren. Die ersten Treffen waren ganz normal. Kaffee, Gespräche über die Arbeit, und viel Lob für Janas Kartoffelsalat. Später fielen ein paar Dinge auf, aber Jana redete sie sich aus.

Jana arbeitete als Architektin in einem kleinen Büro, zeichnete Entwürfe, fuhr ab und an auf Baustellen. Sie liebte ihren Job, auch wenn es nur durchschnittlich bezahlt wurde. Ich war Ingenieur in einem Maschinenbauunternehmen. Wir lernten uns zufällig auf dem Geburtstag eines Freundes kennen, stritten uns am Anfang scherzhaft über alte Filme, und seitdem waren wir ein Paar. Unsere Hochzeit war klein, ohne theatrale Auftritte. Gleich danach zogen wir in die eigene Wohnung, weil wir beide Freiraum wollten.

Das halbe Jahr in der Wohnung war wirklich gut. Nicht, dass alles perfekt war, sondern weil die kleinen Krisen unsere eigenen waren und man sie zusammen lösen durfte ohne Einmischung.

Brigitte rief anfangs alle drei Tage an. Später täglich.

Jana beobachtete, wie ich mit meiner Mutter telefonierte, und bemerkte, wie sich mein Tonfall veränderte. Da war plötzlich ein bisschen Schuld und Unsicherheit in meiner Stimme. Als würde ein Teil von mir zurückgezogen, dorthin, wo ich eigentlich nicht mehr hingehörte.

Zwei Wochen nach unserem Fenster-Gespräch fing es wieder von vorne an.

Ich war am Sonntag wieder bei ihr, sagte ich am Abend.

Weiß ich, hast du schon erzählt.

Jana, sie sieht wirklich nicht gut aus.

Das sagst du jedes Mal.

Weil es auch jedes Mal so ist. Sie hat abgenommen. Die Wohnung ist nicht richtig aufgeräumt. Sie sagt, sie kommt allein nicht zurecht.

Jana legte ihr Buch beiseite.

Gut. Und was schlägst du konkret vor? Eine Haushaltshilfe? Du gehst öfter vorbei? Oder wirklich umziehen?

Ich glaube, es wäre richtig, wenn wir umziehen.

Sie sah mich lange an.

Tom, vor einem halben Jahr haben wir die Wohnung gemietet. Genau deswegen. Um für uns zu sein.

Ich weiß.

Jetzt weißt dus, aber willst trotzdem umziehen.

Vielleicht nur vorübergehend. Bis es ihr besser geht.

Vorübergehend?, wiederholte Jana mit dem Spott, den das Wort verdient hatte.

Was solls drei Zimmer, wir hätten unseres. Wir sparen Miete. Mutter ist ums Eck.

Tom, ich weiß echt nicht, was ich sagen soll.

Denk einfach mal drüber nach. Ohne Emotionen.

Sie ging in die Küche, betrachtete ihre Hände. Dachte wohl, dass ohne Emotionen eigentlich hieß, dass alles, was sie zu sagen hatte, einfach schlechte Laune wäre.

In jener Nacht konnte sie kaum schlafen. Sie hörte auf meinen gleichmäßigen Atem ich konnte immer in jeder Lebenslage einschlafen. Früher fand sie das bewundernswert.

Sie gab nach, nach einem Monat. Nicht, weil sie es plötzlich wollte, sondern weil sie sah, wie schwer es für mich war. Weil sie mich liebte und nicht wollte, dass ich zwischen den Stühlen saß. Weil sie sich einredete, dass man als Erwachsener mit jedem Menschen auskommen kann, wenn man es wirklich will.

Gut, sagte sie eines Morgens.

Ich blickte überrascht auf.

Gut, wiederholte Jana. Ich bin bereit, es zu versuchen. Aber nur unter einer Bedingung. Wir vereinbaren die Regeln. Unser Zimmer bleibt unser Zimmer, keiner kommt ohne anklopfen rein. Wir treffen unsere Entscheidungen gemeinsam, nicht nach jedem Handzeichen deiner Mutter. Und wenn ich nach drei Monaten sage, wir ziehen wieder aus, dann ohne Diskussion.

Mensch, Jana, musst dus so offiziell machen?

Das sind meine Bedingungen. So oder gar nicht.

Ich nickte.

Sie vertraute mir. Das war ihre Stärke dieses Vertrauen.

Der Umzug fand im November statt. Brigitte empfing uns an der Tür im geblümten Morgenmantel, mit einem freundlichen Lächeln und einer frisch gebackenen Apfeltorte. Die Wohnung war wirklich groß: hohe Decken, alte Möbel, Lavendelduft aus kleinen Säckchen, die sie überall aufgehängt hatte.

Schön, dass ihr da seid, sagte Brigitte, umarmte mich und musterte Jana durch meinen Rücken mit einem jener schwer zu benennenden Blicke.

Die ersten Wochen waren fast auszuhalten. Brigitte kochte für alle, machte sauber, fragte, wie unser Tag war. Jana war höflich, half im Haushalt, bedankte sich. Abends schlossen wir uns in unserem Zimmer ein das war unser kleiner Rückzugsraum.

Dann fingen die Kleinigkeiten an.

Zuerst kam Brigitte immer wieder ohne anzuklopfen ins Zimmer. Nicht absichtlich, sondern aus Gewohnheit. Jana sagte sich, dass ältere Leute eben anders ticken. Dann begann Brigitte, alles in der Küche neu zu sortieren. Oder sie mischte ungefragt in die Gerichte, die Jana gekocht hatte, noch ihre eigenen Zutaten rein.

Brigitte, ich hab schon Salz drangemacht.

Weiß ich, weiß ich mach nur ganz wenig dazu. Nicht böse sein.

Das war ihr Standardspruch: Nicht böse sein.

Jana wurde nie laut. Aber drinnen schnürte sich etwas zusammen.

Tom, deine Mutter ist wieder ohne klopfen reingekommen.

Sie meint es nicht böse.

Aber es war so abgemacht.

Ich rede mit ihr.

Ob ich wirklich mit ihr sprach, weiß Jana nicht. Falls ja, änderte sich nichts. Brigitte kam einfach weiter rein.

Im Dezember, etwa drei Wochen vor Weihnachten, gab es das erste große Gespräch.

Jana kam früher von der Arbeit heim, nach einem stressigen Tag. Sie wollte einfach nur Tee machen und ihre Ruhe. Stattdessen traf sie Brigitte in der Küche, am Telefon. Sie hörte gerade noch ihren Namen.

Ach nein, sie ist schon nett, sagte Brigitte, aber halt ein eigener Kopf. Immer macht sie alles still, immer selbst. Dabei meine ichs nur gut, aber sie schaut, als wäre ich ein Fremder. Und Tom, naja, du weißt ja, wie er ist. Sieht immer nur das, was er sehen will.

Jana ging wortlos ins Zimmer. Setzte sich aufs Bett. Eigentlich hätte sie rausgehen sollen und es direkt ansprechen aber sie war zu müde, wollte keinen Streit. Und hoffte, es wäre einfach nur Erschöpfung, die am nächsten Morgen verflogen sei.

Es verflog nicht.

Beim Frühstück war Brigitte freundlich, legte extra Pfannkuchen auf, fragte nach der Arbeit. Ich lachte. Jana antwortete kurz und dachte darüber nach, mit wem Brigitte gestern telefoniert hatte und was sie da alles von uns erzählte.

Nach den Feiertagen änderte sich etwas.

Silvester verbrachten wir zu viert. Toms Schwester Miriam kam mit ihrem Mann. Miriam war sechs Jahre älter als ich, lebte in Bonn und wusste für alles die passende Antwort.

Jana, du siehst gut aus, sagte sie und musterte Jana mit diesem ganz speziellen Blick. Aber du wirkst ziemlich müde.

Viel zu tun im Büro, sagte Jana.

Klar. Viel Arbeit, nickte Miriam wissend.

Am Tisch erzählte Brigitte über die Nachbarn, über gestiegene Preise, über ihre Gesundheit. Mir fiel auf, wie eng die drei zusammenhielten als hätten sie eine gemeinsame Sprache, in der Jana fremd war. Ich lachte lauter über Mamas Scherze.

Als wir endlich alleine waren, sagte Jana leise: Ich fühle mich hier nicht wohl.

Ach, das ist nur wegen der Feier, das viele Durcheinander, versuchte ich.

Nein, Tom. Ich meine nicht heute, ich meine generell.

Ich schwieg.

Du gewöhnst dich daran. Das ist immer am Anfang so.

Du erinnerst dich an die drei Monate?

Wir sind doch erst hier eingezogen.

November war der Umzug. Es sind bald drei Monate.

Lass uns noch ein bisschen Zeit geben.

Sie sagte nichts mehr. Legte sich um, wandte sich ab, hörte meinen Atem.

Im Januar wurde Jana klar, dass sie nicht die Arbeit, sondern das Leben hier erschöpfte.

Jeden Abend passierte irgendetwas, das für sich genommen eine Kleinigkeit war. Brigitte kommentierte, dass Jana spät kam. Sagte, Suppe solle man ganz anders würzen. Fragte, ob wir an Kinder dächten mit einer Beharrlichkeit, dass Jana schon ein schlechtes Gefühl bekam, wenn sie Brigitte in der Küche sah.

Brigitte, das ist privat.

Was ist denn daran privat? Ich bin halt die Mutter. Ich wills halt wissen.

Müssen Sies wissen, oder entscheiden wir das?

Ach, reg dich nicht so auf. Ich will doch nur das Beste.

Wieder dieser Satz.

Jana erzählte das ihrer Freundin Annika, mit der sie seit dem Studium befreundet war. Sie trafen sich im Café, und Jana sprach sich aus. Erst vorsichtig, dann immer deutlicher.

Das ist doch ein Klassiker, meinte Annika beim Umrühren. Die liebe Schwiegermutter, die einen mit Freundlichkeit erdrückt.

Ich möchte ja nicht schlecht von ihr denken.

Musst du auch nicht. Schau auf das, was sie tut, nicht auf das, was sie sagt.

Sie kommt einfach rein. Macht alles anders. Fragt dauernd nach Kindern. Erzählt anderen über uns.

Und Tom?

Er sagt: Sie meint es nicht so und Du gewöhnst dich schon.

Annika sah sie nur an, ohne Vorwurf. Aber Jana merkte, dass Annika ihr etwas sagen möchte, was sie selbst noch nicht aussprechen wollte.

Jana, du hast eure Wohnung aufgegeben.

Ja.

Jetzt wohnst du auf ihrem Terrain.

Ja.

Und euer Vertrag steht nur im Wort.

Jana stellte langsam ihre Tasse ab.

Ja, sagte sie leise. Nur im Wort.

Annika ergänzte nichts. Manchmal sagt Schweigen genug.

Im Februar passierte das, was Jana später den Wendepunkt nannte. Nicht weil es sofort schlimmer wurde sondern weil da endgültig klar war, dass es nicht bloß an Mamas Gewohnheiten lag.

Auf dem Küchentisch lag ein ausgedrucktes Blatt. Ihr Name schaute am Rand hervor. Sie las: Tabelle mit zwei Spalten links Zahlen, rechts die Bezeichnung: Miete, Lebensmittel, Nebenkosten. Zu jedem Posten stand ein Betrag.

Am Abend fragte sie mich:

Was ist das für ein Zettel?

Welcher Zettel?

Die Tabelle mit den Kosten Miete, Lebensmittel, Nebenkosten.

Ich druckste herum.

Mama meinte, wir sollten die Kosten fair aufteilen. Wenn wir schon hier wohnen

Tom.

Ja?

Wir wohnen hier, weil sie uns gebeten hat! Sie wollte nicht allein sein, hat die Gesundheit vorgeschoben. Und jetzt stellt sie uns eine Rechnung?

Nein, nicht Rechnung einfach, dass es gerecht ist.

Gerecht. Jana wiederholte das Wort mit diesem Ton, wie damals das vorübergehend.

Sie ist ja Rentnerin, sie hat ja sonst nicht viel.

Sie hat eine Eigentumswohnung in Köln, Tom.

Trotzdem, sie ist nicht reich.

Aber SIE hat uns gebeten, einzuziehen. Jetzt erstellt sie eine Kostenaufstellung.

Ich schwieg. Hatte kein gutes Argument mehr.

Ich spreche noch mal mit ihr, sagte ich.

Das sagst du immer.

Tom

Was ist das hier eigentlich? Sie hat uns geholt, jetzt will sie Geld. Immer, wenn ich ein Problem anspreche, erklärst du, warum es für Mama normal ist.

Sie ist halt meine Mutter.

Jana sah mich lange an, dann ging sie.

Mit Brigitte kam es diesmal zu keinem Gespräch. Sie saß vor dem Fernseher, mit so unschuldigem Blick, dass Jana an der Tür stoppte und keinen Ton herauskam. Sachte sagte sie nur, sie habe sich über die Tabelle gewundert.

Was ist schon dabei, Janalein, antwortete Brigitte mit sanftem Lächeln. Nebenkosten fallen halt an, jetzt sinds zwei mehr.

Aber Sie haben uns doch eingeladen.

Ich hab eingeladen, weil ich mich einsam fühlte. Das heißt ja nicht, dass ich jetzt für alle bezahlen muss.

Darum gehts nicht. Es wirkt komisch.

Ist eben so. Das Leben ist so. Brigitte wandte sich dem Fernseher zu. Gespräch beendet.

Jana erzählte mir alles. Ich hörte zu, meinte, Mama wäre halt erschöpft, man solle sie nicht auf die Goldwaage legen.

Nicht auf die Goldwaage legen wurde mein neuer Lieblingssatz.

Im März kam Miriam jetzt öfter vorbei. Ohne ihren Mann. Einfach so, samstags, auf einen Tee, blieb zum Essen. In ihrer Gegenwart wurde Brigitte immer lauter, selbstbewusster, musterte Jana mit kritischem Blick, als wolle sie sie neu einschätzen.

Jana, hast du überlegt, mal eine Fortbildung zu machen? Dann könntest du ja noch besser verdienen, fragte Miriam beim Mittagessen.

Ich habe doch einen Beruf.

Klar. Aber in diesen Zeiten muss man vorankommen.

Ich mache, was ich kann.

Na klar. Miriam und Brigitte schauten sich an. Kurz aber eindeutig. Jana entging es nicht.

Nach dem Essen zog sie sich zurück, hörte die Stimmen durchs Zimmer. Keinen klaren Wortlaut, nur diese zustimmenden, leicht übertriebenen Töne.

Sie schrieb Annika: Ich glaube, sie reden über uns.

Sofort kam zurück: Tun sie.

Abends kam ich ins Zimmer.

Was machst du?

Ich denke nach.

Schon wieder beleidigt?

Ich bin nicht beleidigt. Ich denke einfach.

Miriam meint das gar nicht so. Sie spricht mit allen so.

Tom sie haben sich angeschaut.

Du fantasierst.

Ein neues Wort von mir: fantasierst.

Sag mir ehrlich hast du mit deiner Mutter über uns gesprochen? Über unsere Beziehung?

Ich zögerte eine Sekunde.

Sie fragt halt, wie es läuft. Sie wohnt doch hier.

Und was erzählst du?

So das Übliche. Wies mit der Arbeit läuft. Ob wir zufrieden sind.

Erzählst du auch, wies zwischen uns läuft?

Nichts Besonderes.

Nichts Besonderes mit dieser Antwort kann man alles und nichts sagen.

Im April bemerkte Jana, dass ihre Sachen spurlos verschwanden. Nicht alles, aber spezielle Dinge. Ihr Notizbuch war plötzlich im Wohnzimmer statt im Schlafzimmer. Ihre Lieblingstasse stand unerreichbar oben hinter den Gläsern. Ein Foto, das an unserem Kühlschrank hing, war weg.

Brigitte, wo ist das Foto vom Kühlschrank? Da sind Tom und ich drauf.

Hab ich weggetan. Der Kühlschrank ist doch kein schwarzes Brett.

Das war unser Hochzeitsfoto.

Na und? Sowas hängt man nicht einfach an den Kühlschrank.

Jana schwieg, überlegte. Die richtige Antwort wäre gewesen: Es ist unsere Wohnung, wir können das machen, wie wir wollen. Aber das wäre offene Konfrontation gewesen und die wollte sie nicht. Sie wollte einfach in Ruhe leben.

Bitte geben Sie das Foto zurück, sagte sie ruhig.

Ich schau morgen danach, murmelte Brigitte.

Eine Woche später fand Jana das Bild im Buffet nach unten gedreht.

Sie packte es in ihre Tasche. Seitdem hing nichts mehr am Kühlschrank.

An diesem Abend saß sie im Zimmer, schaute auf die Wände. Die Poster, die wir angebracht hatten, mehrere kleine Regale es wirkte alles fremd, an einer fremden Wand.

Sie rief Annika an.

Ich habe das Gefühl, ich werde rausgedrängt.

Erzähl.

Sie erzählte von der Tabelle, vom Foto, diesen Blicken.

Man nennt das Territoriumsmarkierung, sagte Annika. Sie zeigt: Hier bestimme ich.

Aber es ist doch ihre Wohnung.

Eben. Das ist der Punkt. Für sie ist es ihre Wohnung, in der du mitwohnst. Für dich sollte es euer gemeinsamer Raum sein. Unterschiedliche Vorstellungen.

Was soll ich tun?

Rede mit Tom. Aber formuliere nicht über verschwundene Fotos oder Tassen. Sondern sprich über das große Ganze.

Ich habe schon versucht Er meint, ich bilde mir das alles nur ein.

Annika schwieg einen Moment.

Denk noch mal an den Deal: Drei Monate.

Weiß ich.

Und die sind längst vorbei.

Stimmt.

Worauf wartest du?

Jana schwieg. Vielleicht, weil die Antwort zu schwer war. Vielleicht, weil sie noch hoffte, ich würde eines Tages von mir aus sagen: Ich sehe, es geht dir schlecht wir gehen. Vielleicht hatte sie Angst, dass es nicht so wäre.

Anfang Mai kam das Gespräch, das sie später immer wieder im Kopf abspulte.

Sie kam von der Arbeit. Ich war noch nicht da. Brigitte saß in der Küche und schrieb. Auf ihren Papieren stand an Herrn und die Adresse der Wohnung.

Was machen Sie da?, fragte sie, bevor sie es sich selbst verbieten konnte.

Brigitte sah ruhig hoch.

Formulare. Geht dich nichts an.

Das war nüchtern, ohne Zorn, einfach eine Feststellung.

Was für welche?

Ich überschreib die Wohnung auf Tom. Dass alles seine Ordnung hat.

Sie überschreiben die Wohnung auf Tom? Jetzt, wo wir hier wohnen?

Genau. Damit er Eigentümer ist, nicht irgendeine Person.

Nicht irgendeine Person damit meinen Sie mich, richtig?

Ja, Janalein. Das Leben ist lang. Ich möchte, dass Tom immer abgesichert ist. Normales Mutterverhalten.

Das Leben ist lang, wiederholte Jana. Sie meinen, falls wir uns mal trennen.

Man weiß nie, was kommt im Leben.

Also: Sie holen uns zu sich, überschreiben jetzt die Wohnung auf Tom. Falls wir auseinandergehen. Habe ich das verstanden?

Brigitte steckte die Dokumente in eine Mappe.

Genau.

Und verließ die Küche.

Jana stand noch lange an der Spüle, trank Wasser, und dann noch eins. Es war kein Zorn, was sie fühlte. Etwas Ruhigeres, Schwereres.

Eine Stunde später kam ich. Sie wartete im Zimmer.

Deine Mutter überschreibt die Wohnung auf dich.

Ich hängte meine Jacke auf.

Ich weiß.

Einfach zwei Worte. Aber sie sagten mehr als jede Diskussion vorher.

Du weißt das.

Sie hats mir gesagt. Das ist ihr gutes Recht ihre Wohnung.

Natürlich. Aber merkst du, sie hat uns eingeladen, weil sie allein war, und jetzt rechnet sie Kosten ab und überträgt das Eigentum quasi für den Fall, dass wir uns trennen? Merkst du, wie widersprüchlich das ist?

Sie denkt halt an die Zukunft.

Welche Zukunft? Deine? Ohne mich.

Jana, lass gut sein.

Was lass gut sein? Sie bereitet alles für einen Fall vor, den ich nicht vorhabe. Und du hilfst ihr.

Ich helfe niemandem. Ich lasse Mama nur machen, was sie will.

Mir aber sagst du, ich solle mich nicht so haben. Ich darf nichts sagen, was mir nicht gefällt. Aber deiner Mutter ist alles erlaubt.

Stimmt doch nicht.

Doch, genau.

Es wurde still. Der Fernseher lief im Nebenzimmer.

Ich möchte ausziehen, sagte Jana. Du hast es versprochen.

Wohin denn? Unsere alte Wohnung ist schon weg.

Wir finden was. Irgendwo anders.

Schon wieder Geld für Miete?

Ja, für unser eigenes Zuhause. Damit unsere Familie uns gehört und nicht deiner Mutter.

Ich setzte mich aufs Bett, sah auf den Boden.

Lass mich drüber nachdenken.

Du denkst seit November drüber nach.

Jana

Nein, Tom. Ich will eine Antwort. Nicht morgen. Jetzt.

Ich hob langsam den Kopf. In ihren Augen war etwas, was ich lange nicht benannt hatte. Traurigkeit, Entschlossenheit.

Ich muss mit Mama reden.

Nein, mit MIR! Mit DEINER FRAU. Nicht mit Mama.

Ich verstehe.

Sag mir willst du mit mir leben oder mit deiner Mutter?

Das ist kein fairer Vergleich.

Es ist der ehrlichste.

Ich schwieg lange. Ging ans Fenster. Der Maiabend war hell und hatte dieses besondere Blau, das es nur selten gibt.

Ich will nicht entscheiden müssen, murmelte ich endlich.

Du wirst müssen.

Sie sagte nichts mehr. Stand auf, nahm das Handy, tippte eine Nachricht.

Annika, kann ich ein paar Tage bei dir bleiben?

Sie antwortete sofort: Wann du willst.

Jana packte einen kleinen Koffer. Ich stand am Fenster, rührte mich nicht.

Ich bin ein paar Tage weg.

Jana

Nicht jetzt, Tom. Ich brauche Ruhe.

Sie verließ den Flur. Ich hörte Geschirrklappern Brigitte spülte ab. Ein stinknormaler Abendgeräusch.

Jana zog die Haustür hinter sich zu, ganz leise.

Drei Tage blieb sie bei Annika. Redete nicht viel, schlief, aß. Annika fragte nichts. Das war gut.

Am vierten Tag rief ich an.

Kommst du zurück?

Weiß nicht.

Ich vermisse dich.

Ich dich auch.

Lass uns reden. Über uns. Ich höre dir zu.

Nach kurzem Zögern sagte sie: Gut.

Sie kam abends zurück. Brigitte sagte kein Wort, als sie herein kam.

Im Zimmer saß ich am Tisch, stand auf, als sie reinkam.

Ich habe eine Wohnung gefunden.

Jana blieb stehen.

Du hast eine Wohnung gefunden.

Eine kleine, in Nippes. Wir könnten sie Samstag anschauen.

Sie sah mich an, als wollte sie herausfinden, was sich verändert hatte. Irgendwas war anders, aber sofort benennen konnte ich es nicht.

Hast du deiner Mutter Bescheid gesagt?

Ja.

Wie hat sie reagiert?

Sie war enttäuscht, hat geweint, gesagt, wir würden sie im Stich lassen. Dann meinte sie, sie hofft, wir kommen wenigstens öfter zu Besuch.

Verstehe.

Jana, ich weiß, es war zu spät. Ich hätte früher handeln müssen. Es ist schwer für mich, das alles zu sehen wie du. Ich brauchte Zeit.

Zeit, um was?

Um es zu verstehen.

Sie setzte sich. Ich nahm neben ihr Platz.

Was hast du verstanden?

Dass ich dich nie wirklich gewählt habe.

Wir schwiegen. Der Fernseher rauschte im Nebenzimmer.

Am Samstag schauten wir uns die Wohnung an. Dritter Stock, schöner Blick, helle Küche. Jana lief still durch die Räume, dachte, es sei weniger Platz als bei Brigitte. Aber alles andere war anders.

Wir nehmen sie.

Wir nehmen sie, wiederholte ich.

Der Umzug war für Samstag angesetzt. Die ganze Woche packten wir leise unsere Sachen. Brigitte ging schweigend durch die Wohnung, war aber stets nah am Weinen. Immer wieder ein giftiger Kommentar:

Tom, schau dir doch mal an, wo sie dich hinschleppt.

Mama

Ich sag ja nichts, schaue nur.

Oder:

Jana, weißt du eigentlich, was es kostet, jetzt eine Wohnung zu mieten?

Ja.

Na, dann…

Brigitte schwieg dann. Fand schnell ein neues Thema.

Am letzten Abend, bevor wir umzogen, kam sie wieder ohne anklopfen ins Zimmer. Ich war unterwegs, besorgte Umzugskartons.

Jana packte Bücher.

Ich will reden, sagte Brigitte.

Ich höre.

Du hetzt ihn gegen mich auf. Ich merke das.

Nein.

Er würde nie alleine wegziehen.

Er ist erwachsen. Er entscheidet selbst.

Du hast ihm ein Ultimatum gestellt sie oder ich!

Nein. Aber wenn ja, wäre das wenigstens ehrlich.

Brigitte schaute Jana an. In ihren Augen lag etwas, das bis jetzt immer hinter dem freundlichen Lächeln versteckt war.

Du glaubst, jetzt hast du gewonnen.

Ich glaube, wir ziehen endlich in unser eigenes Zuhause. Sie können uns besuchen, wir Sie auch.

Ich dachte, Tom käme eines Tages zurück. Richtig zurück.

Er war nie weg. Nur nicht allein mit seiner Mutter.

Jana wandte sich wieder den Büchern zu. Bitte schließen Sie beim Rausgehen die Tür.

Brigitte ging. Und sie schloss die Tür.

Jana blieb stehen, betrachtete die Bücher. Ihre Hände zitterten nicht mehr. Das, was seit November eng geworden war in ihr, wurde langsam freier.

Der Umzug verlief still. Ich arbeitete wortlos, Jana auch. Brigitte saß in der Küche, trank Tee. Als wir die letzten Kartons packten, kam sie an die Tür.

Tomi, sagte sie.

Mama, wir kommen am Sonntag zu Besuch.

Gut. Jetzt war ihr Ton nüchtern, alles Künstliche war fortgewischt.

Wir gingen die Treppen hinunter, luden alles ins Auto. Jana sah zum letzten Mal auf die Fenster der alten Wohnung. Die Vorhänge waren zugezogen.

In der neuen Wohnung war es erst noch hohl. Wir setzten uns zwischen die Kartons auf den Fußboden. Draußen tröpfelte der Mai-Regen.

Hast du Hunger? fragte ich.

Sehr.

Gehen wir was holen.

Wir standen auf. Ich zog die Jacke an, Jana holte ihre Tasche. Ich hielt die Tür auf, ließ sie zuerst raus.

Das Treppenhaus kannte ich nicht aber es war unseres.

Am Sonntag fuhren wir zu Brigitte. Sie öffnete, bat uns in die Küche. Setzte Wasser auf, holte Apfelkuchen aus dem Schrank. Fragte nach der neuen Wohnung.

Klein, aber fein, sagte ich.

Hell, fügte Jana hinzu.

Brigitte goss Tee ein. Schaute erst Jana, dann mich an, dann wieder sie.

Na gut, sagte sie.

Sie schwieg. Wollte wohl noch etwas sagen, ließ es aber. Reichte Jana den Kuchen.

Jana nahm ein Stück. Apfelkuchen wie immer.

Danke, sagte sie.

Greift zu, sagte Brigitte.

Draußen war ein ruhiger, klarer Sonntagmorgen. Der Geruch nach Regen lag in der Luft.

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Homy
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Mamas Wohnung: Geschichten und Erinnerungen aus dem Zuhause meiner Mutter
Die Fortsetzung der GeschichteAls die Sonne über den verschneiten Alpen aufging, erwachte das alte Schloss zu neuem Leben.