Wiegenlied

Wiegenlied

Tim, jetzt aber los! Bewegung in die Beine! Und wieder sind die Schnürsenkel offen Gisela zog ihren Sohn energisch am Arm durch den Innenhof, aber der Junge stemmte sich dagegen, hockte sich immer wieder auf den Boden.

Mama, nach Hause! Nach Hause, Mama! quengelte er.

Wozu denn? Au! Reiß dich zusammen, du bist doch kein Baby mehr. Bloß nicht in die Hose machen! Nicht wagen! Gisela warf ihrem Sohn einen strengen Blick zu, woraufhin Tim den Kopf senkte.

Auf der braunen Cordhose breitete sich ein dunkler Fleck aus, die Socken waren ebenfalls ganz nass.

Na super! Wie soll ich denn jetzt so mit dir los? Konntest du das nicht noch kurz halten? Gisela drehte auf dem Absatz um und steuerte mit Tim wieder Richtung Hauseingang. In der einen Hand hielt sie Tims kleine Hand fest, in der anderen umklammerte sie den Griff ihrer großen Sporttasche, aus der nur so die Gläser klimperten. Schnell umziehen, hörst du? Die Brühe wird doch sonst kalt, und wir müssen zu Oma

Tim, fast kahlgeschoren, schniefte und wischte sich mit dem Ärmel der karierten Hemdbluse die Nase ab. Ihm war das alles schrecklich peinlich, und er hatte das Gefühl, alle würden ihn anstarren, die Jungs am Zaun kicherten, und selbst die alte Frau auf der Bank schüttelte etwas vorwurfsvoll den Kopf. Tim fühlte sich schuldig, er hatte Mist gebaut, und deshalb war Mama so sauer

Im Aufzug fuhren sie mit irgendeinem älteren Mann hoch, der roch nach Schweiß, nach Rasierwasser und Leder. Genau so hatte sein Papa früher gerochen! Daran konnte sich Tim klar erinnern.

Doch Mama hatte Papa vor fast einem halben Jahr rausgeschmissen und gesagt, er solle doch zu seinen Libellen gehen. Der Vater hatte damals mitten im Zimmer herumgedrückt, seine Sachen eingepackt, den Koffer genommen und seinem Sohn einen erschöpften Blick zugeworfen. Mit einem Schulterzucken meinte er:

So, Tim, das wars dann. Machs gut!

Und die Tür fiel ins Schloss. Den ganzen Abend hatte Mama dann geweint, Oma Leni versuchte, sie zu trösten, nahm sie in den Arm, strich ihr über den Kopf, aber als Tim dann auch noch anfing zu weinen, platzte Oma Leni irgendwann der Kragen und sie begann mit der Tochter zu schimpfen, dass sie selbst die Familie zerstört habe, Papa rausgeworfen hätte und das Kind ohne Vater zurückließ.

Tim verzog sich damals unters Bett, weil ihm alles zu viel wurde. Auch Mama schrie und brüllte herum, Oma solle sich raushalten, es sei ihr Leben mit Matthias

Dann weinten wieder alle, und Tim klammerte sich krampfhaft an die Beine seiner Mutter, aus Angst, dass auch sie eines Tages einfach seufzend sagen würde, so ist das eben, und einfach gehen könnte. Davor hatte er grauenvolle Angst.

Gisela blieb, zog ihren Sohn alleine groß, teilte sich die Küche mit Leonie, ihrer Mutter, brachte Tim in die Kita, während sie abends stumm wie hypnotisiert aus dem Fenster in den Innenhof starrte

Oma Leni war ständig unterwegs, entweder sie arbeitete tatsächlich so viel oder sie wollte einfach der Tochter aus dem Weg gehen. Tim wusste, dass Oma einen Job und ehrenamtliches Engagement hat, irgendwo saß, entschied, organisierte, forderte, debattierte, argumentierte. Für Tochter und Enkel blieb da oft wenig übrig, meist kam sie erst nach neun nach Hause, wenn Tim bereits schlief, trank ihren viel zu süßen Tee in der Küche und starrte wie Mama in die Dunkelheit. Etwas erwarteten sie da draußen, aber was, das verstand Tim nie.

Manchmal, wenn Tim nachts dringend musste, rief Oma ihn zu sich, setzte ihn auf den Schoß, wiegte ihn schweigend hin und her. In Kinderfilmen singen die Omas ihren Enkeln Schlaflieder Tim aber hatte das nie gehört.

Komm, Oma, sing mir was vor! bat Tim immer wieder.

Ich kann das nicht, Timmy. Ich kenn diese Wiegenlieder nicht. Schlaf einfach, ja? Und Mama wollen wir auch nicht wecken. Schließ die Augen, ich wieg dich einfach ein bisschen. Leonie zuckte entschuldigend mit den Schultern.

Tim seufzte, schlang die Arme um Omas Hals, küsste sie tollpatschig auf die Wange und machte es sich so bequem wie möglich auf ihren kräftigen Beinen. Er liebte sie. Und Mama liebte er auch, obwohl sie ihn immer wieder schimpfte, beiseite schob und meinte, er sei doch schon groß, müsse vieles alleine schaffen.

Aber er will eigentlich nicht alles allein können. Er braucht doch seine Mama

Heute ging Gisela ins Krankenhaus zu ihrer Mutter, brachte frische Hühnersuppe und Frikadellen mit. Tim musste natürlich auch mit, denn die Kita hatte in den Sommerferien zu und die Nachbarin, die ab und zu aushalf, war auf dem Land also konnte sie Tim nicht allein zu Hause lassen!

Die meinten, ich solle mich mal untersuchen lassen hatte Leonie vor einem Monat kleinlaut am Telefon gestanden. Bluthochdruck, und das EKG sieht nicht gut aus

Ach, hör auf die Ärzte doch nicht! Schluck deine Tabletten, Mama. Das passt schon alles. In deinem Alter hat doch jeder was. Die machen aus allem gleich Statistik! winkte Gisela ab.

Krankenhaus, Untersuchungen wie albern! Ihre Mutter, eine so taffe und unabhängige Frau, immer vorneweg, jetzt plötzlich im Krankenhaus? Unfassbar!

Vielleicht hast du recht seufzte Leonie. Einmal eingeliefert, kommt man da nie wieder richtig raus. Ich schiebs einfach noch etwas auf, mal schauen. Es gibt so viel zu tun, mich lässt doch eh keiner weg!

Leonie schob und schob alles vor sich her, bis es im Kopf dröhnte und die Venen an den Beinen wie blaue Seile aus der Haut traten. Tim schielte immer wieder auf diese verbotenen Oma-Beine, verzog das Gesicht, manchmal hätte er sie gern berührt, aber traute sich nicht.

Das nächste Sommer kam, Leonie fuhr noch zur Gartenlaube, pflanzte irgendwas, machte alles schick, aber kaum war sie zurück, ging der Blutdruck durch die Decke.

Der Rettungswagen brachte Leonie weg, die Notärztin schimpfte, warum sie sich nur bis zur Erschöpfung schindete, wem diese ganzen Gartenhäuser nützen sollten, wenn die Gesundheit futsch sei, moserte Gisela an, sie hätte ihre Mutter total vernachlässigt.

Sparen Sie sich Ihre Kommentare! konterte Gisela. Jeden kann’s treffen, Sie sind ja keine Engel! Sagen Sie, was zu tun ist, und lassen Sie das Moralapostel-Getue!

Gis, lass mal. Die Ärztin hat schon recht, ich hätte es früher Entschuldige sie. Meine Tochter ist einfach nur fertig, sie arbeitet zu viel

Ist ja gut presste die Notärztin. Noch ein Kind, und der Vater? Ich schätze, der ist auch nicht da? Paradebeispiel: Zwei überforderte Alleinerziehende tun auf stark. Und jetzt? Ich hab solche wie deinen Jungen viele gesehen. Da kann man nur bedingt helfen. Kommen Sie klar? Los, selbst laufen, keiner trägt Sie! Männer im Haus gibts wohl keine?

Leonie schaffte es, sich notdürftig anzuziehen, wankte zur Tür.

Gisela half ihr in den Wagen, drückte ihr die Tasche mit den Papieren in die Hand, fragte, wo sie sie hinfahren.

So, Mama. Ich guck nach Tim. Ich komm morgen wieder, verstanden? sagte Gisela etwas kühler beim Abschied. Oder kam es nur Leonie so vor?

Leonie winkte schwach, sich umzudrehen hatte sie keine Kraft mehr. Die Liege im Krankenwagen war hart und kalt, das war sogar irgendwie erleichternd.

Tim und seine Mama schliefen in Omas Sessel ein, beide ruhten unruhig, sie war warm, aber trotzdem schien es, als würde es helfen, dicht beieinander zu bleiben. Zu zweit ist es einfach weniger schmerzhaft und beängstigend.

Am nächsten Morgen telefonierte Gisela dermaßen nervös mit dem Krankenhaus, dass die Mitarbeitende am Empfang fast weglief. Nach Ärger und Schimpfen steckte sie Tim den Auftrag zu, still zu bleiben, warf Essen auf den Herd und fuhr abends in die Klinik. Im Patientenzimmer war es stickig, einen seltsamen muffigen Geruch in der Luft. Gisela riss sofort das Fenster auf sie war es eben gewohnt, alles zu bestimmen, vielleicht war das auch das Problem gewesen, warum Matthias zur Libellen-Truppe gegangen ist. Die hörten ihm wenigstens zu, so wie Gisela es nie konnte. Sie war wie ihre Mutter, eigensinnig, dickköpfig, zog ihr Ding durch. Ihr Leben hatte sie das gelehrt. Mama war nie da zum Helfen, hatte doch immer anderes zu tun!

Leonie lag auf dem hintersten Bett, unter einer dünnen Decke, döste langsam vor sich hin.

Mama! Wie lange noch bis zur Entlassung? Ich hab mich kaum von der Arbeit loseisen können, und was sagt überhaupt der Arzt? plapperte Gisela auffallend munter, obwohl sie erschrocken war über den blassen Anblick der Mutter, ihre dünn gewordenen Arme, die plötzlich so grauen Haare.

Gisela schob eine fremde Tasse von der Kommode, packte Kekse und Äpfel aus.

Entschuldigung, junge Frau, das ist aber meine Kommode! Außerdem grüßt man erst mal, wenn man reinkommt! knurrte die Oma im Nachbarbett. Machen Sie das Fenster zu, es zieht!

Gisela warf ihr einen Blick zu. Die faltige, zu große Haut hing an dem knochigen Körper, das Gesicht wie ein Schädel, die blassen Lippen bewegten sich zu dauerndem Kauen. In der weggeschobenen Tasse sah Gisela mit Schrecken das Gebiss in braunem Wasser.

Mama, sag doch, wann kommst du denn raus? Du siehst doch top aus! Gisela wandte sich ab, packte die Sachen um. Ich weiß gar nicht wohin mit Tim, sein Kindergarten ist zu wegen Renovierung. Die wollen nur die Wände streichen als ob das das Wichtigste ist! Die Suppe ist vielleicht schon kalt, Mama, aber iss bitte trotzdem, ja? redete sie weiter. Also, was sagt der Arzt?

Gis Ich hab gar nicht gehört, wie du reingekommen bist Stell die Suppe hin, ich ess später. Gis Es gibt da was. Der Arzt meint, sie müssten eine OP machen. Sobald ich wieder stabil bin, bestimmen sie den Tag. Hätte ich schon früher machen sollen, mit dem Herzen

Gisela, die gerade noch an Äpfeln herumkramte, erstarrte, richtete sich auf, schob ihre zitternden Hände tief in die Taschen des ausgeliehenen Krankenhauskittels.

Was heißt OP? Schon wieder das! Mama, die übertreiben doch! flüsterte sie und half ihrer Mutter, die Haare zu einem Dutt zu binden. Die suchen doch nur jemanden für ihre Statistik, dann sagen sie, sie hätten mal wieder jemanden gerettet. Ach

Jetzt hör auf, Gisela! Das ist nicht fair! sagte Leonie energisch. Die haben mir alles erklärt, das EKG lügt nicht, weißt du doch selbst Hätte schon früher was gemacht werden müssen.

Was denn, was? Mama, jetzt lass mal gut sein … Gisela versuchte, ihre Hand aus der desinfizierten Mutterhand zu ziehen. Du willst aufstehen, ja? Komm, ich helf …

Gisela konnte sich bis heute nicht verzeihen, dass sie ihrer eigenen Mutter nicht für den Tod vom Vater verzeihen konnte. Damals war sie fast sechzehn, und Papa sagte immer, sie würde bald heiraten und Kinder bekommen, und er wolle Babysitten. Gisela stampfte dann jeweils und schrie, niemals zu heiraten, lieber frei zu sein, so wie Frau Mama!

Und Papa? Der erlebte das alles nicht mehr. Eines Morgens klingelte das Telefon und sie meinten, man müsse nun alles regeln.

Aber was man regeln sollte, wenn Papa, der eigene Papa, einfach nicht mehr da war?

Und Leonie? Die war schon wieder in der Arbeit. Kam natürlich später, als sie konnte, und versuchte Gisela zu trösten. Doch sie ließ sich nicht trösten.

Du bist schuld. Du hast ihn ins Krankenhaus gebracht und dann beim Chefarzt gedrängelt, damit alles schneller geht!, schluchzte Gisela damals. Du hast alles beschleunigt. Ich hasse dich.

Jahrzehnte sind vergangen, der Schmerz ist stumpf geworden, auch die Wut, geblieben ist ein leeres Gefühl. Und jetzt kommt alles wieder hoch, nur dass die Angst jetzt um die Mutter kreist.

Gis, du musst doch los, Tim wartet Ich will auch keine Last sein, ich geb mir Mühe, schnell wieder fit zu werden. Hilf mir mal eben zur Waschbecken … bat Leonie, kroch langsam aus dem Bett und zog mühsam den Bademantel an. Es war schwer, Hilfe zu erbitten, sie wars nie gewöhnt gewesen, gelernt hatte sie, alles selbst zu stemmen, und nun sollte sie sich auf einmal schwach geben

Gisela legte ihr vorsichtig den Bademantel um, spürte, wie schwer es für ihre Mutter war, wie langsam sie sich ans Waschbecken schleppte.

In Gisela staute sich mit jedem Schritt mehr Angst, aus der langsam auch Ungeduld wurde.

So, geschafft! Jetzt wasch dich, Mama! Gisela half mit dem Wasser, hielt ihre Mutter fest, die umständlich Gesicht und Hals wusch. Vorsicht, gleich rutschst du noch aus!

Leonie beugte sich vor, ihr wurde übel.

Sofort aufwischen! Was soll das hier! schnauzte die alte Dame aus dem Nebenbett. Den ganzen Tag muss ich ihre Mutter hier ertragen, die Pfleger wollen schon gar nicht mehr. Machen Sie das sauber!

Gisela blickte hilflos zwischen Mutter und Wasserpfütze hin und her, dann seufzte sie.

Entschuldige, Gis

Leonie, schweißgebadet und kreidebleich, kroch wieder ins Bett und schloss erschöpft die Augen.

Ich sag, dass sie dich in ein anderes Zimmer verlegen! Wer weiß, was du da hast Siehst schon ganz grün aus! wütete die Nachbarin. Alles voll mit irgendwelchen Krankheiten. Schwester! Schwester, hol den Arzt! Hier, raus mit ihr! fuchtelte sie mit knochigen Fingern in Leonies Richtung.

Gisela lief rot an, machte sich an die Arbeit, den Boden sauber zu wischen, nur damit Tim auch ja brav wartet und nicht davonrennt!

Die alte Frau polterte weiter, fuchtelte, kreischte, hustete.

Leonie lag weinend auf der Matratze und zitterte.

Jetzt ist aber Schluss mit Lärmen! fuhr Gisela dazwischen, stützte die Fäuste auf die Schlüsselbeine der schreienden Alten und funkelte sie an. Sie haben hier nichts mehr zu sagen! Wenn Sie so weitermachen, stehen Sie bald ganz allein da! Keiner will Sie besuchen! Und bequem machen kann mans sich zu Hause, im Krankenhaus sind wir alle gleich! Wenn Sie wollen, können Sie auch gehen und das Bett für andere freimachen!

Gisela keuchte, ihr war nach Trinken, nach Flucht am liebsten raus und nie wieder zurück. Dieser schwere, fast modrige Geruch, der aus der Alten kam, erinnerte an den Tod selbst.

Was gaffen Sie? grinste die Greisin. Sie sind doch auch schon allein, oder? Meine Kinder haben mich ins Altersheim gesteckt, weil ich ihnen den Grundbuchanteil nicht überlassen hab! Der Mann hat mich mit dem Jüngsten sitzen lassen. Freunde? Nie gehabt! Ich geb auf niemanden mehr was, auch auf Ihre Mutter nicht! Sie ist alt, wird Sie nur hinunterziehen, irgendwann schieben Sie sie im Rollstuhl durch die Gegend, und dann vergeuden Sie Ihr eigenes Leben. Gehen Sie, solange Sie noch können! Sie ist nur eine Spinne, und irgendwann lähmt sie Sie. Das wissen Sie tief im Innersten!

Die Alte schob das Gebiss nach vorn, kaute, schließlich lachte sie so boshaft, dass Gisela eine Gänsehaut bekam.

Und trotzdem war Gisela seit Papas Tod immer alleine, Matthias war eine kurze Zeit da, aber sie hatte ihn weggeschickt. Warum? Weil sie nicht teilen konnte nicht mal das Dasein an sich. Selbst ihr Kind bekam sie irgendwie alleine. Tim war da und doch nicht so richtig ihr Sohn, mehr eine kleine eigene Puppe.

Und dann die Mutter. Die blasse, müde Frau, die unter der Decke kaum sichtbar war sie, Gisela, ihre Mama. Plötzlich so schwach, so unscheinbar

Sie muss los, die Ärzte kriegen das schon hin, Tim wartet doch schon!

Gisela checkte die Uhr tatsächlich ist schon viel Zeit verstrichen.

Mama! Ich hole den Arzt, ja? flüsterte sie und strich ihr über den Rücken. Der kümmert sich.

Brauch ich nicht. Das geht schon vorbei. Ich will keine OP, ich lehne das ab. Ich will dir doch nicht zur Last fallen. Geh, Gis, danke, dass du da warst. Und komm nicht mehr, du hast doch eh keine Zeit.

Gisela kannte selten Zärtlichkeiten von ihrer Mutter. Heute verabschiedete sie sich fast schroff als wolle sie gehen.

Gisela brachte den Putzeimer raus, ging einige Minuten herum und kam dann noch mal zurück.

So, Mama! Du fällst überhaupt niemandem zur Last. Werd erst mal wieder gesund. Wir packen das! Ich komme jeden Tag. Und wenn du wieder zu Hause bist, machen wir alle zusammen Urlaub. Hörst du? Du bist mir nicht zu viel, Mama. Egal, was andere sagen, NIE bist du mir zu viel!

Leonie lächelte, drückte die Hand ihrer Tochter und küsste sie.

Gisela warf noch einen Blick zu der Alten, die jetzt ganz still war vielleicht hatte sie sogar geweint oder es kam ihr jedenfalls so vor.

Als Gisela und Tim heimkamen, saß Matthias auf der Bank am Hauseingang. Als er Tim sah, stand er schnell auf und ging auf sie zu. Der Kleine riss sich los und sprang in seine Arme.

Gis, ich hab gehört, dass es Leonie so schlecht geht. Ich würde gern helfen. Kann ich was tun? fragte Matthias und sah verlegen zu Boden.

Gisela verzog den Mund. Sie wollte nie Hilfe, sie schaffte schon alles selbst! Aber Tim zupfte sie leise am Ärmel. Gisela sah ihren Sohn an, atmete schwer.

Doch sie schaffte wirklich gar nichts alleine, wen wollte sie anlügen? Und Tim braucht auch seinen Papa.

Was ist eigentlich mit deinen Libellen? fragte sie schnippisch.

Ach, darum geht’s doch gar nicht! Gis, ich will bei euch sein. Wenn du mich nicht zurück nimmst, dann komm ich eben nur zu Tim, führ ihn in den Park, oder nehme ihn mit zu meiner Schwester aufs Land, ich hab eh bald Urlaub. Oder, wenn du willst

Gisela ließ ihn nicht ausreden.

Ich will eine richtige Familie. Aber ich kann das nicht, verstehst du? Mama konnte das auch nie. Und jetzt liegt sie da im Krankenhaus und macht sich Vorwürfe, uns zur Last zu fallen. Matthias, ich hab Angst um sie! Richtig Angst

Matthias verstand das alles. Und er liebte seine Gisela einfach.

Als Tim endlich schlief, saßen Matthias und Gisela noch lange schweigend in der Küche. Reden würde wieder zu einem Streit führen und Gisela musste ja immer recht behalten

Mama, setz dich mal, ich wasch dich eben. Nix da, du gehst jetzt nicht alleine, wenn dir schwindlig wird! Sitz! Gisela zog den Kragen an Mamas Nachthemd zurecht, schob die Haare aus Leonies Gesicht. So, und jetzt wird gegessen. Du isst viel zu wenig, der Arzt meckert! Ich hab dir hausgemachte Maultaschen mitgebracht, Tim hat auch geholfen, schau mal, wie groß sie sind! Die sind von ihm.

Leonie lächelte und schaute zu, wie Gisela das Essen auf den Teller legte. Es war ungewohnt und irgendwie auch peinlich, aber auch schön, umsorgt zu werden.

Danke, Gis. Hast du schon was gegessen?

Noch nicht, ich bin direkt nach der Arbeit hierher, abends esse ich dann.

Was ist mit Tim? Wer passt auf ihn auf?

Gisela zögerte und antwortete dann:

Mama, Matthias ist wieder daheim. Ist doch besser so, oder? Richtig, findest du nicht? Heute war er mit Tim im Zoo. Tim lernt sogar endlich seine Schnürsenkel zu binden von Matthias. Er hat jetzt Urlaub, und wenn du irgendwann meinst, es reicht, geht er eben wieder

Wieder weg? Wie kommst du darauf? So darf man das nicht machen, Gisela. Damals hab ich Leute auch erst geschätzt, als es fast zu spät war. Ihr seid eine Familie, also bleibt das auch!

Ehe ist auch nicht immer rosig. Mein Karl hat mir eins übergebraten, mehr als einmal krächzte die alte Nachbarin. Inzwischen wusste Gisela, sie hieß Frau Riemann, und war aus dem Pflegeheim hergebracht worden bald würde sie zurück müssen. Sie bekam nie Besuch, niemand brachte ihr was zu essen oder frische Sachen.

Ach, Frau Riemann, Sie bleiben einfach wie Sie sind, stimmts? lachte Gisela. Hier hab ich Ihnen ein paar Sachen gebracht, falls Sie was brauchen

Gisela legte ein Päckchen auf ihren Nachttisch: Nachthemd, Socken, Oberteil, Taschentücher, nichts Besonderes.

Frau Riemann fuchtelte abwehrend.

Lass mal, ich brauch den Kram nicht!

Übrigens, Frau Riemann, ich hab Ihren Namen auf einem alten Theaterplakat gefunden. Haben Sie nicht mal am Theater gespielt, ja? Und sogar eine Aufzeichnung vom Stück gesehen Sie waren ja richtig charmant!

Frau Riemann runzelte die Stirn.

Am Theater dient man, nicht arbeitet Ich habe damals viel zu viel Theater gespielt. Und letztendlich, als ich mich umgesehen habe, war niemand da. Ich hab meine Kinder selbst großgezogen, hoffte immer, dass sie schnell erwachsen werden Sie schwieg. Na, danke für die Sachen. Aber bring mir nichts mehr, klar?!

Gisela berührte sie sanft am Arm, nickte.

Aber natürlich, abgemacht. Wollen Sie Maultaschen? zwinkerte sie.

Ach, machen Sie doch, was Sie wollen! Frau Riemann drehte sich beleidigt weg.

Gisela nahm es ihr nicht übel. Erst vor Kurzem hatte sie erkannt: Hilfe annehmen, es zulassen, dass jemand sich um einen sorgt das ist schwer. Auch für Riemann, besonders, jetzt, wo sie so schwach ist.

Dieser Oktober war besonders mild mit Ahornblättern in rotem Gold und dunklen Eichen. Pilze gab es dieses Jahr keine, hieß es, weil es viel zu trocken war.

Leonie saß auf der Veranda des kleinen Laubenhäuschens und sah Tim beim Spielen im Sandkasten zu.

Gisela kam dazu, legte den Arm um ihre Schultern, schmiegte sich an ihr Gesicht.

Schon komisch, einfach mal nichts tun zu müssen, nicht aufzuspringen wunderte sich Leonie immer wieder. Vielleicht ist das ja das Alter, Gis?

Gisela zuckte die Schultern.

Nein, Mama, das ist ein neues Kapitel. Und bald rennst du wieder los, das liegt in deiner Natur! lachte sie.

Weiß ich nicht, vielleicht lern ich es wirklich noch. Wann fährt Matthias eigentlich? Ich möchte ihm noch einen Kuchen backen, bevor er fährt. Leonie kämmte langsam das Haar aus dem Gesicht.

Wir haben noch Zeit, der Teig geht doch gerade erst. Mama, bitte setz dich. Schon wieder unterwegs? Gisela neckte die Mutter.

Ach, ich geh nur zu Tim, die Mütze bringen, es wird kühl. Leonie entfernte sich langsam vom Haus. Tim blickte auf, schüttelte den Sand von den Händen und rannte lachend zu ihr.

Gisela genoss den Moment. Wenn die Zeit sich doch nur ein wenig anhalten ließe, diesen Tag konservieren, das Licht, die Farben, dieses Blättersummen und abends wie Oma Leni ihrem Enkel ein Schlaflied singen

Oma, du kannst jetzt singen? Also so Lieder zum Einschlafen? Hast du das in der Klinik gelernt? flüsterte Tim begeistert, als er zum ersten Mal ein Wiegenlied von Oma Leni hörte.

Vielleicht ja murmelte sie gedankenverloren. Gefällt es dir?

Sehr sogar, Oma. Sing noch mal! Tim schmiegte die Wange an ihren Arm, schloss die Augen. Er fühlte, dass alles gut werden wird.

Nein, Menschen sind keine Spinnen, dachte Gisela, sie können einfach nicht alleine sein, das bekommt ihnen nicht. Und Frau Riemann weiß das auch. Sie schreibt sogar richtige Briefe an uns, schimpft und prahlt, aber am Ende bittet sie immer um Verzeihung. Ihre große Seele, voller Sorgen und Schmerz, passt kaum in ihren kleinen Körper, sie sucht andere, weil es gemeinsam leichter ist, wärmer, und weil dann das Leben wieder einen Sinn hat. Und sonst sollen die täglichen Aufgaben Zeit lassen für Umarmungen und Nähe.

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Homy
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Knopf – Rettung am Zebrastreifen Der Schnee an jenem Abend war alles andere als festlich – nass, klebrig, kaum beachtenswert, erschwerte das Gehen und versteckte die Pfützen unter einer dünnen Kruste. Sergej kam von der Spätschicht und dachte nur an eins: heimkommen, den Wasserkocher anschalten, Tee trinken, sich ins Bett legen, das große Licht auslassen. Er hatte längst gelernt, die Reize zu minimieren: weniger Licht, weniger Lärm – dann geht es leichter. Am Straßenkreuz, direkt beim „Edeka“, sah er einen Hund. Sie saß zwischen den Fahrspuren, fast unter dem Scheinwerfer eines Lieferwagens: rostrot, nass, zusammengerollt wie ein kleiner Ball. Die Hündin zitterte und schaute nicht auf die Autos, sondern ins Dunkel – dorthin, wo vielleicht einmal ihr Zuhause war. „Hey“, sagte Sergej. „Hey, du da.“ Die Ampel zeigte Rot, die Autos hielten. Sergej trat auf die Fahrbahn, dann noch einen Schritt. Die Hündin hob den Kopf und versuchte zum Bordstein zu robben, aber ihre Beine verweigerten den Dienst. Sergej zog den Schal ab, wickelte sie fest ein wie ein Kind und drückte sie an die Brust – ein warmer, schwerer Fellknäuel, der nach nassem Fell und Angst roch. Aus einem Auto wurde gerufen: „Nimm sie von der Straße!“, die Autos hupten. Sergej reagierte nicht und ging ruhig zum Gehweg. So trug er sie hinweg, ohne an den nächsten Tag zu denken. Der erste Abend zuhause Im Treppenhaus drehte die Hündin sich bei jedem Schatten um, und vor Sergejs Tür verhielt sie sich so still, als ob sie Angst hätte, zu laut zu atmen. Er trocknete sie mit einem Handtuch ab, stellte einen Napf mit warmem Wasser bereit und ließ ein Stück gekochtes Hähnchenfleisch auf dem Küchentisch – das Einzige, was im Kühlschrank hundetauglich war. Die Hündin fraß vorsichtig, wie eine wohlerzogene Besucherin auf einer fremden Feier. Als der Napf leer war, setzte sie sich Sergej gegenüber und seufzte leise, den Kopf auf seinen Knien. Ihm wurde ganz eng ums Herz – wie eine Hand, die endlich wieder etwas Lebendiges hält. „Du brauchst einen Namen“, sagte er. „Aber nicht ‚Rostie‘, das ist zu langweilig.“ Die Hündin klopfte mit dem Schwanz sanft auf das Linoleum – einmal, zweimal, dreimal – und stupste dann plötzlich mit der feuchten Nase seine Hand. Auf seiner Handfläche: eine alte Schwiele, rund wie ein Knopf. „Knopf“, murmelte er. „Du bist Knopf.“ Der Name war sofort da, und er wollte ihn nicht mehr ändern. In der Praxis Am Morgen brachte Sergej Knopf in die Tierarztpraxis. Im Wartezimmer roch es nach Medizin und Desinfektionsmittel. In den Netzwerken fand er keine Vermisstenanzeige, einen Chip hatte Knopf auch nicht. Der Arzt, grauhaarig und müde, sagte: „Unterkühlt, Pfote geprellt, unterernährt. Temperatur etwas niedrig, leicht dehydriert. Die Augen sind klar, Reaktionen erhalten. Sie wird’s schaffen.“ Sergej nickte: Hauptsache, sie kommt durch. Das reichte. „Vorsicht bei Treppen,“ gab der Arzt ihm mit. „Und das Futter erstmal schonend.“ Sergej ging zu Fuß heim, Knopf in den Armen. Sie wog kaum etwas – zumindest verglichen mit dem, was er das letzte Jahr im Herzen trug. Seit dem Tod seiner Mutter war die Wohnung zu groß und leer geworden, wie ein Mantel im Sommer. Jetzt schien sie wieder zu passen. Neuer Alltag Mit Knopf bekam Sergej einen Stundenplan, den man nicht auf „morgen“ verschieben kann. Früh – raus in den Hof, abends – nochmal, mittags – nochmal zum Tierarzt, die Pfote kontrollieren lassen. Sergej kam öfter an der Kinderspielplatz vorbei, hörte den Bus an der Haltestelle ausatmen, roch frisches Brot vom Kiosk. Im Hausflur wurde er erkannt: „Ist das Ihre Rote? Tolles Mädchen.“ Frau Niemeyer vom sechsten hörte auf, wortlos an ihm vorbeizuschleichen. „Darf ich sie streicheln?“ fragte sie und setzte sich, ohne auf Antwort zu warten, neben ihn, fuhr der Hündin übers Fell. „Meine Enkelin wünscht sich einen Hund, aber mein Sohn ist allergisch. Dann genieße ich wenigstens diesen Moment.“ Sergej schmunzelte nur – der Schmunzler war heiser. Knopf saß neben der Bank, bewegte sich kaum, hörte den Gesprächen zu – über eingelegte Salate, den langen Winter, die neuen Verkäuferinnen bei Edeka: freundlich, aber Preise zum Heulen. Passanten hörten auf, lächelten, fragten nach ihrem Namen. – Knopf, antwortete Sergej. Und je öfter er das sagte, desto klarer wurde ihm: Im kurzen „Knopf“ steckt eine ganze Geschichte. Schritte zu den Menschen Knopf übernahm eine weitere Aufgabe: Sie zog Sergej aus der Wohnung, wenn er sich wieder in endlosen Kleinigkeiten zu verlieren drohte. Das Aufstehen wurde leichter. Der Wasserkocher lief öfter. Auf der Fensterbank standen zwei neue Blumen – Ableger von Frau Niemeyer. Sergej erstellte sich eine Kontaktliste im Handy und rief seine Schwester an, zum ersten Mal seit zwei Jahren. Das Gespräch war kurz und holprig, aber er spürte: Die Verbindung beginnt neu zu wachsen. Abends ließ Sergej den Fernseher aus, Knopf lag neben ihm, den Kopf auf seinem Pantoffel, und ihr genügte, dass er da war. „Du sprichst nicht“, dachte er, „aber mit dir wird die Stille nie drückend.“ Das half auf seltsame Weise. Park und Frühjahrsputz Eines Tages führte Knopf Sergej in den Park. Auf der einen Seite hingen Vogelfutterstellen, auf der anderen tranken Leute warmen Tee und wärmten die Hände an Blechtassen. „Wir machen heute Frühjahrsputz“, erklärte eine junge Frau mit Mütze. „Futter für die Vögel, die Häuschen sauber machen. Kommen Sie ruhig dazu – mit Hund macht’s mehr Spaß.“ Er wollte schon absagen, aber dann sah er, wie Knopf eine Meise auf dem Ast beobachtete. „Wenn ihr das gefällt – bleiben wir“, dachte er und half mit. Streute Körner nach, reinigte Halterungen, begradigte ein Dach. „Da haben wir ja unseren Handwerker“, lachte die Frau. „Sergej,“ sagte er. „Lena,“ antwortete sie. Und der Winter schien plötzlich kürzer. Nachricht von der Tochter Nachts kam manchmal die Einsamkeit. Sie kroch lautlos an sein Bett, ließ die Wohnung gewaltig erscheinen. In einer solchen Nacht hob Knopf plötzlich den Kopf, jaulte leise, ohne aufzustehen – fast wie ein Lied. Sergej legte die Hand auf ihren Hals – dort war’s warm wie am Henkel vom Teekocher. „Ich bin da“, flüsterte er. Am Morgen stand in seiner Kontaktliste eine neue Zeile: „Alina – Tochter“. Er hatte ihr lange nicht mehr geschrieben, die richtigen Worte gefürchtet. Dann jedoch schickte er ein Foto: Knopf im Schnee, dazu – „Das ist Knopf. Zufällig gefunden.“ Die Antwort kam am selben Tag: „Papa, sie ist wunderschön. Darf ich Samstag kommen und sie anschauen?“ Sergej las die Nachricht dreimal. Verschwunden Am Freitag war Knopf plötzlich weg. Sergej hatte sie kurz vorm Haus gelassen, um beim Umtragen eines Schranks zu helfen. Als er zurückkam, war von der Bank niemand mehr da. Der Schnee fiel in dicken Flocken, dort, wo sonst runde Spuren waren, war es glatt, als hätte jemand alles ausgewischt. Sergej suchte den Hof ab, schickte Foto und Beschreibung in die Hausgruppe, schrieb Lena aus dem Park, Frau Niemeyer, sogar dem grimmigen Nachbarn vom fünften. „Rostrote Hündin vermisst, Name Knopf. Freundlich, aber schreckhaft bei lauten Geräuschen. Bitte anrufen, falls gesichtet.“ Das Telefon stand nicht still. Der Hof erwachte: Jugendliche durchkämmten die Garagen, Lena mit Freunden den Park, Frau Niemeyer stand im Eingang, verteilte Merkzettel. „Hunde sind klug, sie findet Sie!“, beruhigte sie Sergej. Sergej durchstreifte die Häuser, horchte bei jedem Geräusch. Plötzlich schrillte es im Kopf – wie eine Autohupe am Zebrastreifen, wenn Fahrer nervös werden. „Ich habe sie nicht beschützt“, schoss es ihm durch den Kopf. Und mit ungeheurer Deutlichkeit wurde ihm klar: Am meisten fürchtete er, wieder allein zu sein. Gefunden beim Kiosk In der Nacht wurde Knopf gefunden – beim Bäcker-Kiosk, wo Sergej jeden Morgen die frischen Brötchen holte. Die Verkäuferin rief Frau Niemeyer an: „Suchen Sie eine Hündin? Da sitzt unter meinem Tresen eine rostrote Prinzessin, geht nicht weg. Sie scheint auf jemanden zu warten.“ Sergej rannte hin, rutschte fast auf dem Eis aus. Knopf kauert unter dem Tresen – zwischen Backwaren und Mehlsäcken. Sie stürzte sich nicht auf ihn, ging einfach zu ihm, drückte die nasse Nase in seine Hand und seufzte schwer. Ihm schnürte es die Kehle zu. Er hockte sich hin, stieß die Stirn an ihre. „Gefunden“, murmelte er. Als sie hinaustraten, fiel dichter Schnee-Regen. Doch unter der nassen Kälte spürte Sergej zum ersten Mal seit langem keinen Frost mehr. Neben ihm lief jemand, der den Heimweg genauso gut kannte wie er. Wiedersehen mit der Tochter Am nächsten Tag kam Alina. Auf der Türschwelle stand eine junge Frau, die Sergej in jung erinnerte – dieselben dichten Brauen, dieselbe Art zu blicken. Knopf kam vorsichtig, beschnupperte ihre Hand und legte sorgsam den Kopf hinein, als wolle sie ihr ein leises „Ich vertrau dir“ schicken. „Das ist Knopf“, sagte Sergej, als hätte seine Tochter kein Bild gesehen. „Sie…“ „Sie ist wunderschön“, sagte Alina. „Und sehr ernst.“ Sie tranken Tee, sprachen über Kleinigkeiten. Den neuen Edeka, Alinas Kaktus, Sergejs neuen Ablauf. Irgendwann fragte Alina, wie das überhaupt passiert sei, und plötzlich erzählte Sergej alles – vom Zebrastreifen, von der Praxis, vom Park, von den Nächten der Leere, von der Suche, von der Erkenntnis vom Vorabend. „Was für eine Erkenntnis?“ „Dass nicht ich sie gerettet habe. Nur an dem einen Abend, vielleicht. Aber dann hat SIE mich gerettet: vor der Einsamkeit, vor dem Schweigen, vor einem leeren Kühlschrank, vor Stille in der Wohnung – wenn ein Tag vergeht, an dem niemand mit dir spricht. Ihr Name ist Knopf – und als sie kam, fühlte es sich an, als hätte jemand das Licht eingeschaltet. Ich wusste wieder, ich bin nicht allein.“ Alina schwieg einen Moment, fragte dann: „Papa, darf ich öfter kommen, mit euch spazieren?“ Sergej nickte. Knopf seufzte leise und rollte sich auf die andere Seite – als gehörte das längst in ihren gemeinsamen Zeitplan. Jeder Tag Der Frühling kam heimlich. Die Schneehaufen schmolzen, der Hof war kahl wie nach dem Friseur. Beim Kiosk wurde kein Tee mehr verkauft – es war warm geworden. Sergej bekam kleine Aufgaben: Wasser im Napf wechseln, im Haus-Chat melden, wenn ein Hund verloren oder gefunden war, Lena bei den Futterstellen helfen – nun zusammen mit Alina. Er kaufte einen großen Futtersack und brachte ihn ins Tierheim. Mit Frau Niemeyer pflanzte er Tagetes vor den Eingang. Knopf lief zwischen ihnen herum, wie eine kleine Brigadierin, und passte auf, dass niemand faulenzte. Manchmal erwischte Sergej sich, dass er laut mit ihr sprach. „Knopf, heute Park oder Fluss?“ – „Meinst du, sie sind da?“ – „Knopf, weißt du, wie toll du bist?“ Die Nachbarn lächelten. „Ganz toll“, bestätigte Frau Niemeyer. Abend vor dem Haus An einem Abend, schon in der Dämmerung, kamen Sergej und Knopf zurück. Im Hof roch es nach feuchter Erde; irgendwo dribbelte ein Junge den Ball; aus einer Wohnung klang immer dieselbe Melodie auf dem Klavier – jedes Mal ein wenig besser. Sergej blieb vorm Haus stehen und stellte fest, dass er den Blick von außen lange vermieden hatte. In den Fenstern brannte Licht; Frau Niemeyer winkte aus dem zweiten Stock; gegenüber erschien Lena mit Tasse. „Das ist meine Welt“, dachte er, „nicht groß, aber bis ins Detail bekannt.“ Er schaute auf Knopf. Sie lehnte sich an sein Bein und gähnte breit und vertrauensvoll. „Na“, sagte er leise. „Nach Hause?“ Knopf zog ihn zur Tür. Im selben Moment kam ein Nachbar heraus und hielt die Tür auf. Sergej nickte, bedankte sich, und sie traten ein. Gegenseitige Rettung Nun hängt an Sergejs Kühlschrank ein Stundenplan – kleine Felder mit „Früh – Hof“, „Nachmittags – Park“, „Alina anrufen“, „Futterstellen“, „Vogelfutter für Meisen“, „Medikamente für Frau Niemeyer“. Dazwischen kleine Sterne: „Knopf einfach so umarmen“. Angst, etwas zu vergessen, hat er nicht – aber er mag es, sich zu erinnern. Wer ihn fragt, wie er den Hund gerettet hat, hört die Geschichte vom Zebrastreifen, dem Schal und dem nassen Schnee. Wer fragt, wie der Hund ihn gerettet hat, bekommt ein Lächeln und: „Ganz einfach. Sie ist geblieben.“ Manchmal ergänzt Sergej: „Und hat Licht angemacht“ – nicht der Redewendung wegen, sondern weil echt alles heller wurde. Rettung ist nicht nur einmal und für immer, sondern jeden Tag ein bisschen – wenn jemand sich an deine Füße legt und durch seinen Atem den Takt für dein Leben vorgibt. Wenn du in den Hof gehst, weil jemand auf dich wartet. Wenn der Punkt „schweigen“ aus deinen Gewohnheiten verschwindet, stattdessen „jemanden mitnehmen“ auftaucht. Wenn nicht mehr leere Tabs auf dem Handy sind, sondern ein Chat mit Alina: „Wann gehen wir spazieren?“ Und wenn Sergej eines Abends wieder ein nasses Fellknäuel am Zebrastreifen findet, dann wird er natürlich den Schal abnehmen. Aber er weiß: Rettung ist ein Weg in beide Richtungen. Und auf diesem Weg läuft sie schon: die rostrote Hündin namens Knopf – mit sicherem Schritt, ohne Eile, und schaut nur zurück, um zu prüfen: Ist mein Mensch bei mir?