DER LETZTE SONNENSTRAHL
Auf unsere leitende Ärztin der internistischen Abteilung achtete jeder: Männer blickten interessiert, Frauen nicht selten mit offenbarer Eifersucht. Ihr stand der weiße Kittel schlank, mit dunklen Augen und einer Aura von Würde. Das Haar steckte sie hinten zu einer ordentlichen Rolle, und das gestärkte Häubchen schien sie größer zu machen. Vielleicht waren es die perfekten Absätze oder doch ihr leiser Gang jedenfalls störte das leise Klackern ihrer Schuhe niemanden. Sie sah aus wie Mitte vierzig, aber niemand im Klinikum wusste ihr wahres Alter. Die strenge und kompromisslose Dr. Gisela Neubauer wurde gleichermaßen von Mitarbeitern wie Patienten mit einem gewissen Respekt behandelt.
Männliche Kollegen, wie auch Patienten, versuchten manchmal mit kleinen Geschenken wie Pralinen oder Blumen ihr Herz zu erobern. Doch als sie auf ihren ernsten Blick trafen, waren sie meist gleich verstummt. Über sie kursierten viele Gerüchte. Angeblich hätte sie eine große Liebe verloren, ihr Mann sei entweder bei einem Unfall verstorben oder im Auslandseinsatz. Ein Kind habe sie auch verloren Niemand wusste, was davon stimmte und was einfach nur Tratsch war.
Bekannt war nur: Sie lebte allein. Sie ließ niemanden wirklich an sich heran, hatte keine engen Freunde im Haus. Bösartig war sie dabei nie nur sehr reserviert.
In ihrer Jugend hatte sie sich heillos in ihren Kommilitonen und Schönling, Maximilian Neubauer, verliebt. Sie konnte ohne ihn kaum atmen. Aber Maximilian, den die Frauen umschwärmten, empfand ihre totale Hingabe eher als Last und wandte sich bald einer anderen zu.
Ihr Herz verschloss Gisela seither. Vielleicht liebte sie Maximilian noch immer, vielleicht fürchtete sie einfach nur weitere Enttäuschungen.
Sie blieb am Schwesternstützpunkt stehen.
Klara, gib mir bitte die Akte von Schuster aus Zimmer fünf. Ich bereite den Entlassungsbrief für morgen vor. Mit der Akte an die Brust gedrückt ging sie zurück in ihr Büro.
Nun gut, der Herr ist wieder auf den Beinen. Jetzt hängt es nur noch von seinem Willen und den Kräften seines Körpers ab, wie schnell er ganz gesund wird, dachte sie, während sie routiniert die Diagnosen, Therapien und Laborwerte in den Computer übertrug.
Eine halbe Stunde blieb noch vom Arbeitstag.
Gisela schloss ihr Büro ab und blieb stehen. Am Ende des Flurs sprach eine Frau im gedämpften Ton am Handy und schaute aus dem Fenster. Was sie sagte, klang seltsam.
Nein, lebt noch, quicklebendig. Sei nicht böse. Ich habe es ihm gesagt… Na irgendwie… Glaubst du, er hat nichts geahnt? Gut, wir reden später. Die Frau steckte das Telefon weg und verschwand Richtung Treppenhaus.
Gisela betrat Zimmer fünf. An einem anderen Tag hätte sie bei den leeren Betten vielleicht einen Kommentar zum Rauchen gemacht, doch nun sah sie den angespannten Rücken eines Mannes am Fenster und schwieg.
Herr Schuster, morgen… begann sie, doch als er sich umdrehte und sie seinen von Schmerz gezeichneten Blick sah, stockte ihr die Stimme.
Was ist passiert? Sie setzte sich auf die Bettkante, um nicht zu dominant zu wirken. Geht es Ihnen nicht gut? Haben Sie Schmerzen?
Könnten Sie mich noch nicht entlassen? Ich… Ich weiß nicht, wohin ich gehen soll…, brachte er stockend heraus.
Sein Platz ist doch besetzt. Die Frau hat schon einen anderen hergebracht. Sagte direkt: ‘Das ist das Ende. Ich gehöre nun einem anderen und bleibe ihm für immer treu.’ Und den guten Schuster hat sie eiskalt vor die Tür gesetzt, warf der ältere Herr mit grauem Schopf vom Eckbett ein.
Stimmt das? fragte Gisela leise.
Da wusste sie: Die Frau am Fenster hatte über diesen Mann gesprochen. Sie hatte auf den Tod ihres Mannes gehofft. Er war nicht gestorben, und nun hatte sie die Gelegenheit genutzt, sein Zimmer während seines Krankenhausaufenthalts neu zu besetzen.
Herr Schuster, ein kräftiger Mann deutlich über fünfzig, mit kurzgeschnittenem ergrautem Haar und traurigen Augen, lag abgewandt zum Fenster und ballte die Kiefer.
Auch Gisela blickte nach draußen. Ende April war es, die Knospen an den Ästen im Park strotzten vor Kraft und schienen jeden Moment aufzuspringen. Doch das graue, kalte Himmelsdach ließ eher Schnee vermuten. Sonne zeigte sich heute keine.
Ganz ohne Anlaufstelle? Freunde? Kinder? fragte sie mitfühlend.
Die haben alle selbst zu tun. Ein, zwei Nächte geht das, aber dann? Es ist mir peinlich, in meinem Alter bei anderen unterzukriechen. Ich hatte geahnt, dass sie einen anderen hat. Ich hoffte, es wäre nur eine Phase…
Herr Schuster, ein paar Tage verändern nichts, wir brauchen Ihr Bett für andere Patienten. Nach kurzem Zögern sagte sie dann: Passen Sie auf: Ich habe ein Haus auf dem Land, etwa achtzig Kilometer von München entfernt. Die Straßen sind gut. Das Haus steht stabil, aber es braucht starke Hände und etwas Arbeit. Dort war lange keiner mehr. Morgen bringe ich Ihnen die Schlüssel und erkläre Ihnen alles. Sie erhob sich und verließ den Raum, ohne ihm die Möglichkeit zu geben, zu widersprechen.
Nicht schlecht!, sagte der Nachbar aus dem Eck mit anerkennendem Ton. Streng aber menschlich ist sie. Und zu Schuster: Lass dir das nicht entgehen, Ivan. Deine rumstreunende Katze ist es nicht wert.
Der Mai brachte Blüten und Wärme. An einem Sonntagmorgen nahm Gisela ihren silbernen VW Golf und fuhr ins Dorf, um nach ihrem Schützling zu sehen.
Sie war erstaunt über die Verwandlung des Hauses. Fensterläden leuchteten himmelblau, das Dach war geflickt und auf der Treppe glänzte eine neue Stufe. Sie fuhr in den Hof und stellte den Motor ab. Schuster kam barfuß, in Jeans und T-Shirt, zur Tür. Vom müden, kraftlosen Mann war nichts mehr zu sehen. Die Schultern gerade, ein gesundes Gesicht, kräftige Arme. Er wirkte erholt und zufrieden.
Guten Tag, ich wollte mal sehen, ob es Ihnen gut geht. Wird Ihnen das Leben hier angenehm gestaltet?, fragte sie, stützte sich locker an die Autotür.
Nein, im Gegenteil. Drei alte Damen im Ort sind glücklich, dass sich hier noch jemand ansiedelt. Und die Städter aus den Ferienhäusern kümmern sich eh um sich selbst, lachte er.
Scheint, die Landluft bekommt Ihnen. Und Ihr neuer Job? Sie blieb beim Auto, und er lud sie nicht ins Haus.
Och, mein Job war eh nur ein Zeitvertreib. Nach der Bundeswehr konnte ich nicht viel. Ich war Wachmann. Aber vermissen tue ich nichts. Meine Rente reicht.
Na, zeigen Sie doch mal, wie Sie es sich eingerichtet haben. Endlich schlug sie die Wagentür zu und kam zur Treppe.
Ach, wie peinlich, seis drum. Schuster schlug sich leicht vor die Stirn und ging auf, um die Tür für Gisela aufzustoßen.
Sie blieb in der Stube stehen. Der Boden war frisch geschrubbt, selbst gewebte Brücken lagen darauf. Das Licht zeichnete Muster durchs Fenster auf die Teppiche, auf den Fenstersimsen standen zwei Töpfe mit Geranien. Die alte Pendeluhr tickte gemütlich.
Die Geranien hat mir Frau Bruckner von der anderen Straßenseite geschenkt. Es ist gleich wohnlicher mit ihnen, finden Sie nicht?, versuchte Schuster, ihren Blick zu deuten und suchte nach Worten.
Und was duftet hier so gut?, drehte sich Gisela neugierig zu ihm.
Ich habe Sauerkrautsuppe gemacht und Kartoffeln hätten Sie Lust auf eine Kleinigkeit? Nun war er ganz Betriebsamkeit, zum ersten Mal sah sie ein Lächeln auf seinem Gesicht. Mit dem Kochen musste ich lange üben. Auf dem Land wohnte ich nie Es war immer zu wässrig oder zu verkohlt am Anfang. Zum Glück haben die Nachbarinnen mir geholfen.
Gisela spürte Sehnsucht, sich zu strecken, den Moment zu dehnen. Das Haus war erfüllt von Geborgenheit, alten Erinnerungen an die Kindheit bei der Großmutter Seit dem Tod ihrer Mutter war sie nicht mehr hier gewesen. Konnte es nicht. Und das Haus samt der Erinnerungen zu verkaufen das hätte sie nicht übers Herz gebracht. Es war das Haus der Großeltern, dann lebte ihre Mutter im Sommer da, zog im Winter in die Stadt zurück. Nun war auch sie gegangen.
Sie dachte daran, wie sie früher das Auto bis unters Dach mit eingeweckten Gurken, Marmeladen, Pilzen beluden und im Winter davon zehrten, voller Sommerrückerinnerungen Ach, wie weit das alles zurückliegt.
Darf ich fragen, wie lange ich noch hier sein darf?, riss Schusters Stimme sie aus den Gedanken. Sagen Sies ruhig offen.
Bleiben Sie so lang Sie mögen. Ich war seit fast zehn Jahren nicht mehr hier. Es ging einfach nicht. Ich komme Sie ab und an besuchen, wenn Sie nichts dagegen haben. Es ist hier fast wie bei meiner Mutter warm, heimelig. Ich kann und will mich gar nicht um Haus und Garten kümmern. Ihr Blick glitt verlegen zum Boden. Schuster schwieg dazu feinfühlig.
Ach, ich habe Ihnen Lebensmittel mitgebracht, ganz vergessen! Gisela sprang hinaus zum Auto.
Schuster atmete tief durch. Zum ersten Mal sah er sie ohne Kittel, nur in einem leichten Sommerkleid sie wirkte jünger und nahbarer, ein paar Haarsträhnen fielen aus dem Knoten, ganz natürlich. Er sah an seinen Händen entlang, dort klebte noch Erde, und er spürte plötzlich das Gewicht seines Alters.
Sie verabschiedete sich, als die Dämmerung kam, und hinterließ einen feinen Duft von Parfüm im Haus. Alles, was er anfasste, roch nach Gisela. Es beunruhigte und belebte ihn, Gefühle, die er lange nicht kannte. Er dachte plötzlich beinahe mit Dankbarkeit an seine Exfrau. Die Nacht verbrachte er schlaflos, umherwälzend zwischen Fantasie und Realität.
Nach zwei Monaten kam Gisela wieder. Sie brachte Lebensmittel, eine neue Angelrute. Schuster hatte den alten Zaun geflickt, erzählte stolz, wie sogar Frauen aus dem Nachbardorf bei ihm um Hilfe baten, ihm Milch, Sahne oder Eier dafür gaben.
Das Haus strahlte Stolz aus, als habe es mit Brust und Orden vorgeführt: Siehst du, ich habe jetzt wieder einen Herrn, ich stehe niemandem nach!
Im Winter gibts dann selbst eingelegte Gurken, kündigte Schuster an, und Gisela bemerkte zufrieden, dass er fit geworden war. Der Bauch war verschwunden, er wirkte aufrecht.
Die Sonne senkte sich hinter dem fernen Wald, tauchte zum Abschied alles in warmes Orange.
Ich bin gleich zurück, rief Schuster und verschwand aus dem Haus.
Gisela schlenderte durch die Räume, roch fremde Dinge, neue Gerüche. Dann fiel ihr auf, dass Schuster lange nicht zurückkam. Sie trat auf die Veranda, schaute die Straße herunter, ging in den Garten dort saß er auf dem Boden, den Rücken am Zaun.
Ivan!, rief sie, fiel neben ihn auf die Knie.
Sie prüfte den stockenden, kräftigen Puls, eilte zum Auto, dann halb umgekehrt ins Haus nach Wasser. Der leichte Saum ihres Kleides tanzte um ihre schlanken Beine, sie rannte. Im Geiste liebäugelte sie schon mit einer Injektion, dann doch Tablette, Wasser an Iwans Lippen…
Nach fünfzehn Minuten erhob sich Schuster, sie half ihm ins Haus zurück und auf das Bett.
War wohl zu viel Sonne, entschuldigte er sich leise. Wollte dir nur Gurken für den Weg einpacken Bleib doch, bitte Er wechselte auf das vertraulichere du.
Gisela zögerte mit der Antwort. Schuster lehnte sich gegen sie, verschloss die Augen.
So ist das Glück oft man ruft es, sucht es, fürchtet es schon, dass man es im Leben verpasst hat. Man lernt, mit sich allein zu sein, ohne Angst vor Enttäuschung und Verlust. Und dann kreuzt sich plötzlich der eigene Weg mit dem eines anderen. Und aus einer Laune heraus gehen Menschen gemeinsam weiter.
Liebe? Die gibt es auch in verschiedenster Form. In der Jugend feurig, eine Kraft, die einen verzehrt, besitzen will. Später ist sie stiller, wärmer, wie der letzte Sonnenstrahl am Abend ein friedliches Glück, das leise kommt und bleibt.
Heute weiß ich: Manchmal zeigt sich das wahre Leben und Glück genau dann, wenn man es am wenigsten erwartet.





