Knirps

Die Kleine

Er hat sie schon beim ersten Kennenlernen die Kleine genannt, als er sich neben sie auf den roten, samtigen, von zahllosen Ellenbogen speckig gewordenen Sessel im Veranstaltungsraum plumpsen ließ genauso einer wie unter Carolas Rücken.

Einen Moment ließ er seinen Blick durch den Saal schweifen, dann betrachtete er seine Sitznachbarin.

Na, Kleine, langweilst du dich? seufzte er, versuchte das Bein überzuschlagen, scheiterte aber am schmalen Gang zwischen den Sitzreihen im Festsaal der spitze Lederschuh stieß ans Vordermannsessel, der Fuß knickte im Knöchel ab und Mischa verzog das Gesicht.

Carola tat so, als würd sie ihn gar nicht beachten, starrte konzentriert auf die Bühne, obwohl dort nichts Aufregendes passierte. Zusammengeschobene Tische, ein Rednerpult, Leute, die geschäftig umherwuselten und an irgendwelcher Technik herumhantierten alles wie immer auf solchen Konferenzen. Und stickig obendrein.

Carola wurde immer unwohl, wenn sie in überfüllten Räumen saß, Schulter an Schulter eingezwängt, ohne Möglichkeit, einfach zu gehen.

Joa zog Mischa das Wort lang und kratzte sich am Kinn. Das wird hier wieder eine ganz zähe Nummer. Weißt du, Kleine, hier kommt heute nichts Neues mehr. Ehrlich! Ich hab sämtliche Vorträge schon gelesen, Berufsrisiko. Da steckt echt nichts Sinnvolles drin.

Carola drehte sich zu ihm und musterte den Mann streng.

Er war ordentlich gekleidet, Anzug, Krawatte, frisch geputzte Schnürschuhe. Und doch stimmte da was nicht als hätte man die Figur aus einem anderen Buch ausgeschnitten und in diesen Look gesetzt. Frech, draufgängerisch, ein Dauerquassler und irgendwie herzlich. Die Haare standen stachelig ab und auf seinem Kopf konnte sie sogar zwei kleine Wirbel entdecken, an denen sich das feine Haar kringelte.

Michael, reichte er ihr breit grinsend die große Hand, bevor Carola auch nur etwas sagen konnte. Lust, etwas zu essen? Du bist so klein und zierlich, dich muss ich mal richtig satt kriegen. Genau, das machen wir jetzt. Komm, nichts wie raus hier!

Das Licht wurde bereits gedimmt, auf die Bühne schritten Chefin, Vize und wichtige Mitarbeitende hinaus. Der Applaus brandete auf doch Mischa zog seine Kleine einfach mit, trat Kollegen auf die Füße, entschuldigte sich höflich und nestelte an seiner Krawatte herum, die ständig aus dem Sakko hängen wollte, als würde sie all diesen steifen Herren und Damen eine lange Nase zeigen.

Herrje, was machen Sie da?! Lassen Sie mich sofort los! Carola zerrte an ihrer Hand, die sie kaum aus Michaels Griff befreien konnte, und huschte halb hinter ihm her den Saal hinaus.

Sie kamen ins Foyer, als gerade der Applaus den Höhepunkt erreichte und jemand gegen das Mikrofon klopfte, um Stille bat.

Lassen Sie bitte los! Ich muss zurück, protokollieren, ich habe einen Auftrag! empörte sich Carola, drückte ihr Notizbuch an sich, ließ den Stift fallen, bückte sich danach doch Mischa war schneller und hob ihn ihr auf.

Schmeiß doch den Kram, Kleine! Ich schick dir die Vorträge alle zu, kannst du später lesen. Jetzt musst du was essen. Aber erst mal Wasser. Du bist ja ganz blass. Und Puls: viel zu schnell. Schau stimmt!, er fühlte ihren Puls am Handgelenk und schnalzte mit der Zunge. Frische Luft, was Ordentliches zu essen und keine Konferenzen mehr!

Carola war tatsächlich übel zumute. Ihr Herz klopfte bis in die Schläfen und es pochte in den Ohren.

Jemand hatte sich noch nie so um sie gekümmert, sie umsorgt. Viel eher war sie es gewohnt, andere zu versorgen die Mutter, den Ehemann, die Tochter. Für sie war das die Norm. Klar, manchmal wollte sie sich einfach anlehnen, sich gehen lassen, Wein trinken und laut lachen, so wie die Frauen in Liebesfilmen aber so eine Gelegenheit bot sich nie.

Doch Mischa gab Carola jetzt diese Möglichkeit.

Kaum hatte sie den Sprung in ein kleines, gemütliches Restaurant gegenüber geschafft, da brachte der Kellner schon zwei Gläser frisch gepressten Saft mit leuchtend gelber und oranger Farbe, als hätte man die Sonne direkt ins Glas gefüllt afrikanisch, voller Orangen und Zitronen, prickelnd und verheißungsvoll.

Hier. Trink. Und Wasser dazu. Was essen wir denn? Mischa überflog die Karte.

Sie gefiel ihm wohl sehr. Carola war ansehnlich zarte Figur, nichts zu viel. Sie hätte gut bei Männern punkten können, wäre da nicht diese beständige Maske aus Erschöpfung und Resignation. Um die fünfzig, Familie, keine Liebe mehr, ausgebrannt da blüht man eben nicht wie eine Mairose.

Aber genau das mochte Mischa. Die müde Kleine.

Ich brauch nix. Ich bleib kurz sitzen und gehe dann wieder, erwiderte Carola gehetzt.

Klar, mach nur. Aber erst gibts Wolfsbarsch mit Gemüse, Salat und Kleines, was willst du trinken?

Er schaute sie über die Karte hinweg an frisch, frech, verwegen, der leichte Duft nach Zigaretten und Aftershave in der Luft.

Carola wurde rot und runzelte die Stirn.

Sie war ja vollkommen verrückt! Ein völlig fremder Mann hat sie entführt, lädt sie ein, nennt sie die Kleine, streichelt ihr sogar eine Haarsträhne von der Stirn und sie bricht einfach zusammen, wehrlos.

Dort, wo Michael sie berührt hatte, glühte die Haut. Gänsehaut rannte ihren Rücken hinunter.

Sie tranken Weißwein. Michael erzählte, wie er früher auf Baustellen im Ruhrgebiet jobben war, dann ein paar Jahre im Norden Deutschlands in diversen Großprojekten unterwegs war, und dann

Dann, Kleine, habe ich mit meinem Freund Ingo eine Firma gegründet. Nichts Großes wir haben kleine Fertighäuser gebaut. Jeder will komfortabel leben, warm, ordentlich und nicht im Winter durch den Garten rennen müssen. Und wir wussten, wie man das macht. Iss! Lass es dir schmecken, Kleine! Als ich dich das erste Mal sah, wusste ich sofort: Dieses Mädchen muss ich versorgen! Willst du noch was bestellen?

Sie schüttelte den Kopf. Das Mädchen war wie weggetreten. Vom Wein, vom Essen, davon, dass das zum allerersten Mal in ihrem Leben ein Mann für sie sorgen wollte, weil sie klein und müde war.

Zuhause war das anders. Ihre Kindheit verbrachte sie alleine mit der Mutter, die immer arbeitete; morgens war sie weg, abends kam sie spät zurück. Carola aß allein, wartete abends auf die Mutter, wärmte ihr das Essen wieder auf, räumte ab, während diese duschte und beide schliefen irgendwann erschöpft ein.

Weihnachten kam die Mutter, Meike, erst kurz vor elf. Sie arbeitete im Supermarkt, die letzten Stunden vorm Fest waren besonders einträglich.

Meike war dann müde, blass. Carola bereitete ihr das Kleid vor, half beim Festtagsfrisieren dann betraten sie gemeinsam den Raum zu den Gästen.

Die Gäste wechselten Nachbarn, Freundinnen, Onkel von irgendwo, immer schon angeschwipst und laut. Sie saßen an reichgedeckten Tischen, lachten, während Carola aufpasste, dass ihre Mutter nach dem ersten Schnaps nicht schon einschlief.

Meike trank nur Korn, Sekt war in ihren Augen Firlefanz Korn war der echte Stoff!

Alles wäre gut, nur der Körper machte nach der ersten Runde einfach zu. Meike schnarchte dann am Tisch. Carola stieß sie an, Mutter zuckte, erinnerte sich kurz, wo sie war, bestellte den nächsten Kurzen, hielt eine Rede, prostete an, lachte immer ein wenig bitter. Wann hätte Carola da je das schwache Mädchen sein sollen?

Carola heiratete früh. Andreas war zehn Jahre älter, besonnen, gebildet, aber wenig zärtlich. Er baute sie in sein Leben als das nächste gut funktionierende Rädchen ein. Mehr aber nicht.

Hat Carola auch nicht gebraucht, dachte sie. Romantik, Aufregung das war mal, auch ihr Körper verlangte das, aber dann kam die Routine. Hauptsache, sie hatte eine Familie, kein endlos müdes Mutterbild mehr, keine Aussicht auf graue Hinterhöfe, keine alten Tapeten. Andreas Wohnung, die große Küche, ein Bad, ein Balkon, zwei Zimmer, eine Bibliothek und der Ehemann. Alle beneideten sie! Eigenes Revier ohne Schwiegermutter Riesenglück!

Und immer, von Kindheit bis zum Treffen mit Mischa, war sie für alle einfach nur Carola oder Formeller: Frau Carola.

Andreas, die Mutter, Freunde alle nannten sie Carola.

Plötzlich war sie die Kleine, es gab Wein, Häppchen. Plötzlich interessierte sich jemand für ihre Gedanken und Wünsche.

Andreas hatte keine Zeit für so was. Er besprach mit ihr Haushalt, Großeinkäufe, Reisepläne aber oft teilte er eher mit, wie entschieden wurde. Ihre Einwände versickerten im Straßenlärm, das durch die dauergeöffneten Fenster hereinwehte. Andreas liebte Frischluft, Fenster mussten immer offen sein, alle mussten das aushalten.

Kaum im Restaurant, ordnete Mischa einen zugfreien Platz an.

So fürsorglich.

Er stellte Fragen, Carola antwortete verlegen. Ja, sie hat einen Mann. Eine Tochter auch Theresa. Tessi studiert an der Fakultät für Angewandte Sprachen, sie hatte für sie eine tolle Nachhilfe organisieren können und nun geht sie bald ins Auslandssemester.

Theresa wurde nicht gewünscht, erträumt oder Gott erbeten. Sie machten sie es war Zeit laut Schwiegermutter. Carola war jung, sollte klappen. Klappte aber nicht, sie arbeiteten daran.

Dann kam es doch. Andreas hielt Abstand, streichelte nie den Bauch, sprach nicht mit dem Ungeborenen wie im Märchenfamilien-Klischee. Fand das komisch, gar unangenehm.

Wenns da ist, kümmere ich mich drum. Wann gehts zum Arzt? Kann dich auch fahren!

Er holte sie zusammen mit Familie und Luftballons ab, kümmerte sich um Gewichtszunahme, Carola’s Milchmenge, kaufte beste Nahrungsmittel, stand nachts auf, trug Theresa zur Impfung in die Klinik. Beim ersten Besuch der Nachsorgeschwester prüfte er penibel ihre Hände, beäugte weißes Kittel, wärmte den Stethoskop-Kopf an.

Fertig?, fragte ihre Freundin Gabi mitfühlend, wenn Carola mal wieder durchhing. Ein Kind ist eine Plackerei. Hilft Andreas?

Carola zuckte die Schultern. Er hilft wohl. Aber es ist irgendwie nie genug

Opfer zu sein, hatte auch was. Man wurde bemitleidet, und der Mann taugte dann als Sündenbock, denn er schone seine Carola ja nicht richtig.

Doch Mischa kümmerte sich wirklich, umrundete sie mit Köstlichkeiten. Carola wurde wieder rot und blockte verlegen ab.

Ach was, Kleine!, schimpfte der gastfreundliche Michael. Iss endlich. Sonst lass ich dich hier nicht weg!

Carola knabberte betreten an ihrem Brot, schaute mit einem traurigen Blick auf ihren selbst ernannten Retter und aß.

Am Abend begleitete er sie noch bis zur U-Bahn, weiter wollte Carola lieber alleine. Schließlich wartete Arbeit.

Noch am selben Abend kamen alle Protokollauszüge per E-Mail (Für die Kleine, von Michael!) und Carola schloss eilig den Laptop. Aber Tessi schien alles gesehen zu haben und grinste.

Was für ein blöder Kosename! ärgerte sich Carola. Das sind offizielle Dokumente, und die machen Faxen!

Tessi hörte das schon nicht mehr, drehte sich weg, Kopfhörer auf und Musik an.

Carola, Tessi, ich bin da! Essen!, rief es aus dem Flur.

Andreas, erschöpft von stickigem Nahverkehr und überfülltem Bus, streifte Hemd und Hose ab, zog Shorts mit Neonpalmenmuster an, riss das Fenster auf, sog tief durch.

Er roch nach Schweiß, säuerlich, irgendwie nach gestern.

Ich geh, Carola, nicht wieder duschen! Ist doch irre, das ständige Wasser juckt mir alles. Morgen wieder!, wimmelte er die vorsichtigen Bitten seiner Frau ab. Ich bin fertig. Lass uns essen.

Sie aßen schweigend, jeder versunken in Gedanken. Carola dachte an Mischa, seine Frische, seine Sorgfalt, seine Leichtigkeit…

Er rief sie gleich am nächsten Arbeitstag mobil zurück.

Hallo, Kleine! Wie gehts? Hast du schon gegessen? ertönte Misas Stimme durch Carolas Smartphone, sie erschrak, schaute hektisch, ob Kollegen zuhören konnten. Für sie schrie der Lautsprecher fast zu laut.

Nein, noch keine Zeit. So viel Arbeit, stotterte sie. Kleine. Sie war die Kleine schwach, zart… Gänsehaut lief rückwärts.

Komm runter, ich sitz schon in eurem Bistro. Nicht toll, aber man kann essen. Los! Ich warte.

Carola murmelte irgendwas, meldete sich kurz ab, nahm den Aufzug. Sie glühte bis in die Ohren. Jetzt denken alle, Frau Carola geht zum Rendezvous.

Ja, das war er jetzt für sie der Liebhaber. Es war aufregend, keck.

Heute hatte Mischa ein T-Shirt und Jeans an, die Haare wieder wild und frisch.

Sie tranken Kaffee, Carola erzählte was aus ihrer Kindheit, Mischa hörte zu.

Kleine, du bist wunderschön, weißt du das?, unterbrach er plötzlich. Komm, wir kaufen dir was! Ein Kleid. Ich kenn wen in diesen Boutiquen, die beraten dich. Ich will dich in einem Kleid sehen.

Er hatte es nicht sofort gesehen. Aber am Abend, als er Carola in die Europassage brachte, auf die Bank setzte, während die Verkäuferinnen um sie wirbelten, und dann…

Mein Gott, wie er sie ansah! Sein hungriger Blick, voller Verlangen! Andreas kam da nie ran.

So hat mich noch keiner angesehen!, raunte Carola später aufgeregt ihrer treuesten Freundin Gabi ins Ohr. Wie im Kino! Ich hätte nie gedacht, dass ich sowas erlebe. Ich hab mich wie eine richtige Frau gefühlt. Und, ja es hat mir gefallen.

Und Andreas?, fragte Gabi konsequent nach viel Atmen und Erklärungen.

Er weiß nichts. Und soll er nicht. Ich weiß doch selbst nicht weiter! schüttelte Carola verlegen den Kopf. Sag ihm bloß nichts! Und das Kleid, bitte, bewahr es für mich auf. Sonst wie erklär ich so was? Das war teuer! Mein Gott, was wird jetzt bloß?!

Gabi zuckte die Schultern. Was kommt, das kommt eben.

Carola Spinnst du? Andreas ist kein Herzensbrecher, aber erinnere dich mal, wie er noch im Winter nach Schönbrunn fuhr, nur um frische Milch zu holen! Und wie er rackert. Ein anderer würde auf der Couch liegen und Bier saufen, aber deiner ist ein Denker, ein respektierter Mann. Brauchtest du ein Auto hat er dir eins gekauft. Brauchtest du neue Fenster hat er sie eingebaut. Jedes Jahr fährt er mit euch ans Meer. Andreas ist ehrlich und durchschaubar. Was ist Mischa? Wo kommen seine Euros her?

Ich weiß es nicht. Ist mir auch egal. Andreas ist die Hölle du kannst das nicht verstehen. Mir wird inzwischen schlecht von ihm, kapiert? Du bist nur neidisch!

Gabi schüttelt wieder die Schultern. Vielleicht stimmt das ja. Aber nicht wegen Mischa

Carola kommt fortan später nach Hause, kocht irgendetwas auf die Schnelle, isst selbst kaum, rührt ihren Tee, versunken im Träumen.

Mama, was ist los? Ich hab jetzt das fünfte Mal nach Brot gefragt! meckert Tessi, steht auf, wühlt im Brotkasten. Brot ist alle!, stellt sie genervt fest.

Carola nickt, läuft in ihr Zimmer. Träumt.

Andreas und Tessi schauen ihr irritiert nach.

Carola kann lange träumen, spürt wie ihr die Hände schwitzen vor Aufregung.

Mischa ist zärtlich, kann küssen, lacht über Carolas Unerfahrenheit, nennt sie Kleine, umsorgt sie, schenkt ihr Dinge, die Gabi aufbewahren muss; dann bekommt sie plötzlich Überweisungen manchmal auch mitten in der Nacht Nachrichten. Carola rennt dafür aufs Bad, liest, löscht, liest wieder. Dann macht sie das Handy aus, wäscht sich kalt und legt sich hin.

Andreas dreht sich im Schlaf zu ihr, umarmt sie schwer, rülpst, murmelt was. Carola sagt hm und friert ein.

Ja… Schade um Andreas. So viele Jahre, und sie wusste nie, wie es ist, Kleine zu sein hübsch und begehrt. So viele Jahre für die Katz.

Jetzt gibts Mischa und er ist Carolas Glück.

Sie treffen sich in Misas Wohnung groß, hell, bodentiefe Fenster, keine Gardinen. Draußen: Skyline von Frankfurt im Lichtermeer. Der Champagner, der Duft nach Mischa. Die Laken echter Seidenstoff

Die Welt zerspringt in Funken, ein Feuerwerk explodiert über ihrem Kopf und regnet Diamanten aufs Bett. Magisch…

Zu Hause dagegen ist alles nur grau und bedrückend. Carola meint, alle wüssten von ihr und Mischa. Tessi guckt schief, Andreas nimmt sie streng ins Visier.

Carola denkt sich Ausreden aus, kommt erst heim, wenn alle schlafen. Dann sitzt sie lange allein in der Küche, trinkt bitteren Instantkaffee und träumt…

…Carola! Wo bist du? Ich hab Kohl gekauft, kannst schon schneiden! So wars ausgemacht, tönte Andreas aus dem Lautsprecher. Carola starrte auf Mischa, der gerade am Beckenrand schwamm das Bad war offen, ein Wunder der Technik.

Im Schwimmzentrum am Stadtwald war Carola noch nie. Heute hatte Mischa sie hergeschleppt, sie in den Badeanzug bugsieren lassen, und danach schwammen sie, beobachteten, wie der Dampf in die kalte Abendluft aufstieg. Kaum Leute, einfach himmlisch. Wer auf den Sprungturm kletterte, sah bei gutem Wetter die Lichter der Eisarena im Grüneburgpark. Carola aber blickte nur auf ihren Kavalier. Gefunden! Endlich Liebe. Mein Gott…

Kohl? stammelte sie, wickelte sich in ihr Handtuch. Lass es. Ich komm heute spät. Gabi und ich wollten schwimmen. Ich muss doch was für meinen Rücken tun. Abo abgeschlossen. Kohl machen wir morgen. Sorry, Gabi ruft. Bis dann!

Carola beendete schnell das Gespräch, schluckte. Muss noch Gabi warnen, falls Andreas sie anruft!

Als sie erreichte, erklärte sie kurz flüsternd das mit dem Schwimmbad, dann unterbrach Gabi sie:

Carola, ich hab euch Kümmel mitgebracht. Ihr macht Kohl doch immer mit Kümmel. War auf dem Markt, hab dran gedacht, euch was einzupacken. Andreas hat schon Teewasser aufgesetzt, sagte sie ruhig. Kümmel für euren Kohl

Carola biss sich auf die Lippe, suchte nach Mischa. Der stand auf dem Sprungbrett, spielte mit den Muskeln, bereit zum Sprung. Unten juchzten ein paar junge Frauen, rank und schlank.

Na, ihr Kleinen? Eins, zwei, drei! rief Mischa, sprang gekonnt und tauchte wieder auf. Carola, zu uns! Der Abend fängt doch erst an!

Die Mädchen drehten sich nach Carola um. Und plötzlich war sie wieder die ganz Normale, mit leichtem Bäuchlein und unvorteilhaften Hüften. Sie schwamm wie ein Frosch, irrte unbeholfen durchs Wasser. Und das altbekannte, resignierte Gesicht war wieder da.

Die neuen Kleinen umschwärmten Mischa längst, tauchten unter ihm durch, versuchten ihn zu berühren.

Er lachte, schien nicht einmal enttäuscht, dass Carola nicht mehr zu ihm kam. Er verstand Arbeit, Familie, Kohl… Soll sie gehen!

…Im Flur war es dunkel, auch im Wohnzimmer. Licht gabs nur in der Küche.

Andreas stellte wortlos eine Pfanne mit Rührei vor seine Frau.

Du bist sicher hungrig nach dem Schwimmen. Willst du ein bisschen Wurst dazu? Er schenkte ihr eine große Tasse Tee ein.

Carola schüttelte den Kopf, wagte keinen Blick, fummelte am Ei herum.

Weiß er es? Und was jetzt? Wieso ist er so ruhig?!

Carola, nach einer langen Pause, Gabi hat dir Sachen vorbeigebracht. Sie wollte hier rumräumen, hab sie rausgeschickt. Dein Kram… Hier sind die Tüten…, deutete er auf Pakete unter dem Tisch. Die sollen von dir sein? Hat Gabi verwechselt, oder?

Carola hob die Tischdecke, schaute auf die Tüten, zuckte mit den Schultern.

Hab ich doch gesagt, Quatsch!, freute sich Andreas fast. Mach mir auch Tee. Durstig. Oder hol gleich den Cognac. Heute will ich mal Cognac.

Carola sprang auf, kramte im Schrank, erstarrte plötzlich.

Kleine, hörte sie die Stimme von Andreas. Sie drehte sich ruckartig zu ihm um, sah ihm in die Augen.

Ich rede vom Krümel aufm Tisch, wisch ihn ab. Tessi krümelt wieder alles voll. Tuch holen und weg damit, beendete er ruhig und schaute sie ernst an, wandte sich ab…

Den Cognac tranken sie gemeinsam. Schweigend, jeder vermied den Blick des anderen.

Schließlich stand Andreas auf und ging.

Gabi, du verstehst, er ist ganz weg! Ist gegangen, Schlüssel auf die Kommode. Gabi!, weinte Carola ins Telefon, sah sich selbst verzerrt im Spiegel, wie unschön sie im Moment war die Kleine, die eben noch im Schwimmbad mit Michael rumalberte. Chlorgeruch in den Haaren, Rücken müde. Gabi! Wie kann er das tun? So einfach?

Carola ballte die Faust, schlug auf den Tisch.

Gerade wie ein richtiger Mann, Carola. Ein anderer hätte dich verdroschen. Andreas ist einfach gegangen. Aus seiner Wohnung. Und du? Undankbar! Ich versteh dich nicht, ihr hattet doch alles: genug Geld, kluge Tochter, Andreas ist keiner von den Trinkern, baut immer alles auf, nie Sprücheklopfer. Jetzt willst du süßes Leben und betüdelt werden? Und du lobst ihn nie, tust nie nett! Männer brauchen Lob, dann reißen sie Bäume aus. Ich kann dich dieses Mal nicht unterstützen. Gute Nacht.

Carola legte das Handy vor sich hin, hockte sich auf den Stuhl, weinte leise…

Tessi hatte die Prüfungen bestanden, fuhr mit Freunden aufs Land. Mit der Mutter redete sie nicht, hinterließ nur einen Zettel: Mach dir keine Sorgen.

Nach einer Woche erschien Mischa, wartete vor Carolas Haustür, im Dunkel.

Hallo, Kleine!, zischte er, das rote Gesicht im Lederkragen vergraben. Hast du mich vermisst?

Carola hatte ihn mehrmals angerufen, wollte sich ausweinen. Keine Antwort, aber jetzt tauchte er selbst auf.

Mischa, hauchte sie kraftlos. Wieso bist du hier?

Sie suchte seinen Wagen.

Ich will was zurück, Kleine. Zeit für Gegenleistung!, zog Michael sie an sich.

Was für eine Gegenleistung? Was?

Carola erschrak, wollte sich losmachen, er packte sie fester.

Hast du bei mir gegessen? Ja. In den Himmel gehoben? Na klar!, raunte Mischa ins Ohr. Jetzt brauch ich Hilfe, Kleines! Gib mir Kohle, du dumme Katze! Hab Stress, deine Mutter hat die Wohnung dafür kriegen wir locker 600.000 Euro. Verkaufen wir. Und deine, die du jetzt hast, auch gleich. Gehen wir hoch und reden!

Die Kleine kreischte, zappelte, konnte sich nicht befreien schleppte sich in Gedanken zum Tor, in der Hoffnung, irgendeiner möge sie treffen. Doch kein Mensch weit und breit.

Mach auf, Kleine, ich frier, schob Mischa sie zur Tür.

Carola weinte, sank in den Schnee. Da ließ er sie plötzlich los, schlug wie blind mit dem Kopf in die Luft und fiel zur Seite.

Über ihm stand Andreas ohne Mütze, zerzaust und geladen. Er ballte die Fäuste.

Verschwinde!, schrie er, stürzte sich fast auf Mischa. Carola hielt ihn zurück.

Mischa begriff, grinste, hielt Andreas für den Gehörnten dann verstummte er, bekam einen Hieb ins Gesicht.

Hau ab! Zeig dich nie wieder bei Carola!, bellte Andreas, wischte mit der Mütze das Gesicht ab, trat zu seiner Frau. Komm heim. Es ist kalt!

Was diese zwei in jener Nacht redeten, wie sie litten, wussten nur der Mond am Fenster und der Wind, der leise durch den Spalt zog. Zwei Tassen unberührter Tee auf dem Tisch, die alte Standuhr tickte. Dann wurde es still. Dunkelheit. Nur sie Mann und Frau, beschlossen irgendwie weiterzumachen

Nie wieder nannte sie jemand die Kleine. Falls doch, hätte sie gezuckt und sich abgewandt.

Mischa tauchte nicht mehr in ihrem Leben auf. Mit ihr war es nichts geworden, ihr Mann war zu standhaft.

Eines Tages, als Mischa in der Bahn hörte, wie Carola übers geerbte Apartment sprach, klagte, sie wisse nicht weiter, alles sei ihr zu viel da wusste er, er könnte helfen, das Wohn-Problem lösen und gleich Carolas Einsamkeit mit. Wenn er es schlau anstellt, könnte er alles haben er hatte sie gezähmt, gefüttert, gewärmt. Aber er hatte es überstürzt. Die Umstände drückten, Ingo forderte seinen Anteil zurück die Rippen schmerzten. Er musste Druck machen, Forderungen stellen. Es scheiterte. Egal! Es gibt noch viele andere Kleinen, vernachlässigte, traurige, ewig traurige. Die findet Mischa, macht sie glücklich und holt sich zurück, was ihm zusteht.

Vorläufig hieß es: Koffer packen und raus aus der schicken Wohnung mit Frankfurter Skyline. Nicht schlimm. Mischa weiß: Er kommt durch. Außer, Ingo sieht es andersSie blickte in den Spiegel und zum ersten Mal seit langer Zeit erkannte sie sich selbst. Nicht die Kleine, nicht Frau Carola, nicht Mutter, Ehefrau, Hausverwalterin fremder Stimmungen. Nur sie: Carola, mit Falten um die Augen, wirren Haaren, geröteter Nase. Ihre Lippen zitterten und ein kleines, tapferes Lächeln schlich sich auf ihr Gesicht. Sie erinnerte sich an ihr altes Tagebuch aus Kindheitstagen und suchte in der Schublade danach, das staubige, hart gebundene Notizbuch, das so viele Jahre alles aushalten musste. Sie strich behutsam über die Seiten, las Sätze voller Träume und Sehnsüchte, schrieb einen neuen dazu, mit fester Hand: Heute Nacht habe ich aufgehört, eine Kleine zu sein.

Es war still im Haus; Andreas schlief, in seinem Gesicht ein seltsamer Frieden, Tessi irgendwo in einem anderen Leben unterwegs. Carola, plötzlich so wach, wie sie es nie am Morgen war, stellte eine leere Tasse in die Spüle, öffnete das Fenster und ließ die kühle Luft herein. Sie dachte nicht mehr an Michael, nicht an das glitzernde Leben, das doch nur ein Schatten war. Sie dachte an sich an all die Möglichkeiten, die ein Morgen bringen könnte.

Der Mond glitt weiter über die Häuserzeilen, schimmerte auf dem stillen Esszimmerboden. Carola stand im Licht und spürte, wie langsam etwas von ihr abfiel: Die Schuld, die Scham, das alte Rollenhemd. Sie musste niemandes Kleine mehr sein.

Vielleicht würde sie morgen in die Arbeit gehen, vielleicht auch nicht. Vielleicht kaufte sie Blumen, vielleicht ging sie im See schwimmen, ganz allein. Vielleicht schrieb sie Tessi eine Nachricht, dass sie sie liebte, ohne Forderungen, ohne Erklärungen. Vielleicht würde sie auch einfach allen sagen, dass heute kein Kohl gekocht wird und sie lieber Lieder hören möchte, laut, schräg und frei.

Sie blickte in das dunkle Fenster, mit eigenem Gegenüber, und nickte sich zu. Egal, wer noch kam, wer ging sie blieb. Sie, Carola. Endlich ganz sie selbst.

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Homy
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